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Heimat, Zuhause, oder was?

25 Mrz 11
Brigitte Jäger-Dabek
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Ich war wütend, fühlte mich unverdient in die Ecke gestellt. Wieder einmal waren Eltern und alle vier Großeltern in ihr fremdes, fernes Zuhause entschwoben, hatten wieder diesen alles westlich der Weichsel ausblendenden, entrückten Blick. Damit schotteten sie sich ab, bildeten eine verschworene Wir-Gemeinschaft, die mich ausschloss.

So stand ich wieder einmal vor der Tür, denn ich gehörte nicht zu dieser Wir-Welt. Das passierte mit schöner Regelmäßigkeit, denn wenn sie zusammen kamen, redeten sie sich so sehr nach Ostpreußen, dass sie mich, das Hier und das Heute einfach nicht mehr wahrnahmen.

Auf die Idee, dass ich als Kind mit ihrem Zuhause ein Problem haben könnte, kamen sie nicht. Es war ja auch ausschließlich mein Problem, denn ihr Zuhause war nicht mein Zuhause.

Hätten sie es Heimat genannt, wäre für mich als Kind vieles leichter gewesen. Aber dieses Wort benutzten sie nie, sie sagten immer zuhause, wenn sie Ostpreußen meinten.

Zumindest der Vorhof zum Paradies muss dieses Zuhause gewe­sen sein. Als ich noch im Vorschulalter war, zogen meine El­tern, die Großeltern väterlicherseits und ich in unser neues Haus. Wir wohnten nun in einem ganz neuen Stadtviertel, in dem ein Ei­genheim nach dem anderen entstand. Bald wurde unsere Ge­gend auch mit einer evangelischen Kirche bedacht, eine ganz neue, damals auch durchweg aktive Gemeinde entstand.

Im Kindergottesdienst  hatte ich also meine erste nachhaltige Begegnung mit Glauben und Religion, hörte vom Paradies und davon, dass die Errichtung des Reiches Gottes so etwas wie das Paradies auf Erden wäre.

Dieses Paradies auf Erden aber musste in Ostpreußen liegen, jeden­falls legte ich mir das nach den verklärten Erzählungen und Schwär­mereien meiner Familie so zurecht. In meiner kindlichen Gedan­kenwelt hatte das Hiersein, das Leben im Stader „Exil“ir­gendwie mit der Vertreibung aus dem Paradies zu tun.

Ich nahm das ganz wörtlich, bloß die Sache mit dem Apfel konnte ich in der Geschichte nicht unterbringen, und die Russen wurden auch eher Iwan genannt als Eva oder Adam. Entweder hatte Gott da etwas verwechselt, oder der Pstor, aber ich traute mich nicht so recht, das zu hinterfragen.

Später begriff ich dann,  dass ich da beim Kombinieren zu vorei­lig gewesen war. Noch später lernte ich, Abstraktes zu erfassen, wusste, dass die Vertreibung aus dem Paradies bestenfalls als Alle­gorie für den Verlust der Heimat taugte und das Paradies geogra­phisch nicht zu lokalisieren ist, nicht einmal auf Ostpreu­ßen. Viele Jahre später und erst am Ende dieses Prozesses konnte ich mir dann auch die Geschichte mit dem Apfel besser erklären – die Deutschen hat­ten ihre Un­schuld verloren.

Die Ungereimtheiten in der Begriffswelt meiner Angehörigen be­schäftigte mich meine ganze Kindheit über. Wieso sagten die bloß immer zuhause, wenn sie Ostpreußen meinten? Waren wir denn nicht in Stade zuhause? Wir hatten doch hier unser Haus, wieso hatten sie das dann über­haupt gebaut? Oder konnte ein Mensch mehrere Zu­hause haben.?

Das verunsicherte mich, das machte mich wütend, weil mich alles brüten nicht weiter brachte. Manchmal knurrte ich trotzig: wir wohnen doch hier, also sind wir hier auch zu Hause. Dann be­trachteten sie mich als Trotzköpfchen und lächelten wissend mit diesem ziehenden, melancholischen Unterton, diesem Hauch von Trauer tätschelten sie mich und sagten: das verstehst du nicht. Zack! Das war’s dann wieder und machte mich eher noch wütender. Klar, ich kannte dieses Zuhause ja nicht, konnte vor allem damals als kleines Kind nicht ermessen, was sie verloren hatten. Wahrscheinlich würde ich dieses alte Zu­hause auch nie kennen lernen. Ich fühlte mich ungerecht behandelt, vor al­lem aber ausgeschlossen von einem zentralen Bereich des Lebens meiner Familie. Als Einzige war ich hier geboren und betrachtete das fast als einen Makel –  eine Au­ßenseiterin in der eigenen Familie.

Konnte bei uns nicht einmal etwas so sein, wie bei meinen Spiel­kameraden? Bei anderen hieß es vielleicht, meine Großel­tern kommen aus Harsefeld oder Bremervörde. Meine reisten zwar auch aus Bremervörde an, aber sie kamen aus Insterburg – Deutsch Sibirien. Nebenbei bemerkt hatte ich viel später das Ge­fühl, manche meiner Angehörigen wären nie ganz hier ange­kom­men. Sie blieben etwas fremd, blieben im Exil und haben sich nie ganz auf die neuen Lebensumstände und das neue Land eingelas­sen, von dem sie selbst anfangs allerdings auch abgelehnt wur­den.

Meine Eltern hatten sich nach dem Krieg kennen gelernt und gin­gen nach ihrer Heirat zügig daran, eine eigene Existenz aufzu­bauen, machten sich selbständig und bauten dann Mitteder 50er Jahre ihr Haus. Eine merkwürdige Diskrepanz tat sich auf. Sie standen also in ihrem Alltag mit beiden Bei­nen im Leben und schienen sich durchaus auf Dauer einzurich­ten, aber dieses für mich imaginäre, nur noch in ihren Köpfen existierenden Ostpreußen, diese geistige Gegenwelt ließ mir in meinen Kinderjahren unser Dasein in Stade irgend­wie provisorisch erscheinen. Besonders in der Großelterngene­ration erlebte ich so die Vergangenheit als etwas nebulös ver­klärtes mit schrecklichem Ende, die Gegenwart als etwas unge­liebtes nie ganz akzeptiertes und die Zukunft als etwas, woran sowieso nie­mand danken mochte. Nichts würde je an die Vergan­genheit heran­reichen und manchmal war ich mir nicht einmal ganz sicher ob es wenigstens ein heute für sie gab.

Besonders in meinen frühen Kinderjahren mit dem noch gerin­gen zeitlichen Abstand war der Krieg mit dieser für sie finalen Kata­strophe das bestimmende Ereignis im Leben meiner Fami­lie.

Dieses traumatische Kernerlebnis war  in den mich prägenden Jahren immer präsent. Mit zunehmendem zeitlichen Abstand än­derten sich die Gewichtungen dann etwas, viele neue Eindrücke kamen dazu. Das Aufbauen, der Neuanfang brauchte eigentlich die ganze Kraft, an der diese rückwärtsgewandte Trauer aber immer noch zehrte. Gab es überhaupt irgend etwas anderes als diese zwei Dinge Flucht und Aufbau in jener Zeit?

Ja, natürlich wurde auch gefeiert, gab es überaus frohe Stunden, vor allem bei Familienfesten. Da wurde gelacht bis die Tränen kamen, aber im­mer war da auch dieses ‚weißt du noch?‘, jede Menge Anekdoten, Ge­schichten aus einem fernen Land. Und über allem lag immer ein Hauch von Melancholie, die Wehmut über die Endgültigkeit dieses ‚es war einmal‘.

Endgültig war dieser Verlust und total, da war nicht nur die geo­graphische Heimat verloren, eine ganze Lebenswelt war unterge­gangen. Diese Katastrophe der Flucht ohne Wiederkehr war et­was fundamental anderes als die Flucht meiner Großmütter im 1. Weltkrieg. Die Flucht von 1914 fand ein gutes Ende in der Rück­kehr, die von 1945 wurde zum alles beherrschenden Er­lebnis, zum Lebenstrauma vor allem der Frauen.

Wie tief dieses Trauma saß, zeigt sich daran, dass ich mich noch deutlich an zwei politische Krisen erinnere – die Kubakrise und den Berliner Mauerbau – obwohl ich damals gerade mal zehn Jahre alt war. Ich verstand nicht ganz genau worum es dabei ging, aber ich spürte deutlich die angespannte Stimmung. Ernst wurden alle Nachrichtensendungen verfolgt, es ging sehr ge­drückt zu und mögliche Folgen wurden besprochen, auch mit den Großeltern. Und dann wurden Vorbereitungen für den Kriegsfall getroffen, die Zivilschutzbroschüre studiert, Vorräte wurden gesichtet und zugekauft. Ich wurde mit meiner Groß­mutter abgestellt, im Eisen­warengeschäft fast am anderen Ende der Stadt eine Spitzhacke käuflich zu erwerben. Die Angst legte sich wie ein Reif um die Brust bis die erlösende Entwarnung kam.

Der Bau der Mauer brachte ein Teil Fassungslosigkeit dazu, es war Sonntag, alle waren daheim, das Radio lief durchgehend, was es sonst bei uns nie tat und meine geliebte sonntägliche Kinder­stunde, die ich gemeinsam mit den Nachbarkindern sonst atemlos gebannt verfolgte, fiel aus.

Später verstand ich, warum sie alle den Kopf schüttelten und es nicht fassen konnten. Ihre Heimat, noch weiter östlich, war ge­rade endgültig hinter einem Eisernen Vorhang aus Minenfel­dern, Stacheldraht und meterhohen Mauern verschwunden. Zwi­schen Heimat und Bundesrepublik lag nun mit der eingemauer­ten DDR ein schier unüberwindliches Hindernis. Erst als diese Mauer fiel, sollte auch das alte Ostpreußen wieder aus der Ver­gessenheit auftauchen und zugänglich werden.

Ich wuchs  auf in dem Bewusstsein, dass einem jederzeit alles genommen werden konnte und es war mir auch durchaus klar, dass meine Familie anders war, als die der hiesigen Schul­ka­meraden, da musste keiner erst Flüchtlingspack oder Ruck­sack­deutscher schreien, was  während meiner Kindheit sehr wohl noch vorkam.

Auch später hatte ich das Gefühl in dieser etwas steifen, hansea­tisch geprägten norddeutschen Kleinstadt nie wirklich ganz dazu zu gehören, auch obwohl ich hier geboren war. Meine Eltern waren leidlich wohl­gelitten, in gewissen Grenzen jeden­falls, der innere Kreis der Alteingesessenen blieb eine geschlos­sene Gesell­schaft. „Bevor du nicht mindestens drei Generationen auf dem Friedhof zu liegen hast, gehörst du nicht dazu, da kannst du zehnmal hier geboren sein, Hiesiger bist du noch lange nicht“ lautet heute noch der gängige Spruch.

Geschichte hatte mich schon als Kind fasziniert, auch die er­ste Form des Geschichtsunterrichts, die Heimatkunde. Ich war brennend  an der jeweiligen Fortsetzung der spannenden Geschichte von Störtebecker, der Hanse und damit meiner Stadt interessiert.  Wenn aber an­dere dann zu erzählen wussten, was ihre Vorfahren für die Stadt getan hatten, dass sie dabei waren, wenn dies oder das passierte, konnte ich nur schweigen. Fast ein wenig beschämt war ich, denn meine Ahnen hatten nichts beigetragen, wir genossen nur die Früchte. Einige triumphierende Ätsch-Ätsch-Blicke spürte man schon aus den Augenwinkeln heraus.

Erst als Erwachsene wollte ich dieses Gefühl der Andersartig­keit auch selbst ergründen. Lag es nur am Familientrauma der Flucht oder womöglich an andersartigen Menschen aus einer an­de­ren Welt die mich geprägt hatten?

Als ich 1976 zum ersten Mal nach Ostpreußen reiste, war ich vierundzwanzig Jahre alt und ziemlich weit entfernt von den Ge­danken und Empfindungen der Kindheit. Andere Dinge waren wichtiger geworden und hatten Ostpreußen verdrängt. Die Ein­flüsse von außerhalb der Familie waren größer geworden, ei­gene Erfahrungen kamen dazu. Der Horizont wurde größer, andere Interessen dominierten, der Zeitgeist der Studentenrevolte nahm Einfluss, als Spätachtundsechzigerin bezog ich Stellung zu allem und jedem. Langsam wurde aber auch ich erwachsen, die Meinungen waren nicht mehr so radi­kal, Anpassung, die man ja eigentlich nie wollte, begann ganz schleichend, man suchte seinen Platz im Leben zu finden.

Die Entfernung zwischen den vielen Geschichten meiner Kinderzeit und meinem jetzigen Leben konnte nicht größer sein, ich hielt sie mittlerweile für bedeutungslos, sie hatten keinerlei Bezug zu meinem eigenen Leben, die Welt hatte sich in immer schnellerem Tempo von ihnen weg bewegt. Trotz­dem, bei jedem Familienfest kamen immer noch die unvermeid­li­chen Zuhause – Geschichten aufs Tapet.

Mittlerweile ging ich diesen Komplex mit ironischer bis sarkastischer Distanziertheit an, ich kommentierte dann etwa wie ‚ich weiß, vor dreißig Jahren in Ostpreußen hat das Brot ’nen Groschen gekostet und alles war besser‘, Ostpreußen nannte ich jetzt oft Kalte Heimat.

Als mein Vater mir von seinen Reiseplänen erzählte, war ich trotzdem gleich Feuer und Flamme, natürlich wollte ich mitfah­ren.

Wenn ich mich heute frage, warum ich ihn damals un­bedingt  begleiten wollte, war das sicher ein ganzes Gemenge von Beweggründen. Von einiger Bedeutung war sicher eine gewisse Abenteuerlust, go east, bis heute eines der letzten Abenteuer Europas, nur dass es heute viel weiter geht als nur bis Polen. In den 70er Jahren war Polen jeden­falls Richtung Osten für den PKW-Individualtouri­sten das maxi­mal mögliche Ziel. Es herrschte Kalter Krieg und ich war noch nie in einem Ostblockland gewesen.

Östlich der Elbe war die Landkarte für mich was Reisemöglich­keiten betraf ein einziger weißer Fleck, weiter entfernt als der Südpol, weil noch unerreichbarer. Nun sollte ich diese terra in­co­gnita für mich entdecken! Gewiss war da auch Neugier auf das ‚Land der Väter‘, das meine Kindheit so beherrscht hatte, so fern war und doch so vertraut.

Bilder hatten sie in mir mit all ihren Erzählungen entstehen las­sen, jetzt wollte ich natürlich überprüfen, ob sie der Wirklichkeit standhielten. Skeptisch war ich diesbezüglich schon und durch­aus gewärtig, dass vieles schöngeredet, ja glorifiziert worden war.

Schöne Landschaften gab es schließlich auch anderswo auf Er­den. Und vor allem wollte ich mich in meinem Urteil keines­wegs von etwaiger Rührung meines Vaters oder irgendwelchen sonsti­gen Emotionen beeinflussen lassen. Nüchtern wollte ich mir die­ses gelobte Land ansehen, möglichst objektiv beobach­ten und Abstand wahren, wenn nicht anders, dann meine bewährte ironi­sche Distanziertheit vorschieben, bevor ich mich in senti­mentalen Gefühlen verlor. Anschließend würde ich das Ganze dann auf ei­ner Art touristischer Skala einordnen um es mit anderen bereits gesehenen Ge­genden vergleichen zu können. Ich war durchaus bereit, diese Skala nach unten hin offen zu halten, war bereit auch zu beißen­der Kritik. Ehrlich gesagt hielt ich die meisten Schilderungen so­wieso längst für übertrieben, und überhaupt war ich mit meinen vierundzwanzig Jahren schließlich abge­klärt, welterfahren, ja fast kosmopolitisch zu nennen.

Dann ging es endlich los, wir fuhren mit der Fähre bis Danzig, die DDR wollten wir uns nicht antun. Die Stimmung auf dem Schiff änderte sich, je näher wir Danzig kamen. Eine Spannung lag über dem Deck, eine bebende Erwartung, seit mit der Halbinsel Hela Land in Sicht kam. immer mehr Passagiere drängten an die der Küste zugewandten Reling.

Fast alle fuhren ja aus dem selben Grund nach Danzig, so war man dann auch am vorigen Abend leicht ins Gespräch gekom­men. Etliche Mitreisende sahen angestrengt aus, viele hatten nicht geschlafen, so aufgewühlt waren sie. Die meisten kamen zum er­sten Mal nach Kriegsende in die Heimat zurück. Als das Schiff in die Danziger Bucht einlief, der Hafen von Hela an Steuerbord lag und an der Küste voraus Einzelheiten erkennbar wurden, kam die erste Erschütterung bei denjenigen hoch, die dort zu Hause waren und auch bei jenen, die ihre Heimat per Schiff verlassen hatten.

Noch einmal kam Bewegung ins Schiff, als die Fähre querab von der Westerplatte drehen mußte, damit später die Autos vor­wärts von Bord rollen konnten. Die Lautsprecher dröhnten, es wurde angesagt, wie die Zollformalitäten und das Ausborden vonstatten gehen würden. Besonders eindringlich und laut wurde verkündet, was man alles nicht fotografieren durfte, vor allem nicht den Mari­nehafen Westerplatte, was aber niemanden ab­hielt. Schnell noch ein Foto, dann ab auf die andere Schiffsseite, wo jetzt alle dicht­gedrängt beim Einlaufen nach Neufahrwasser standen. Wer dies wollte, wurde in stummem Einverständnis in die vorderste Reihe an die Reling gelassen, keine Drängelei, kein Geschubse, man wusste ja aus den Gesprächen vom Vor­abend, dass einige von An­gehörigen abgeholt werden würden, die sie seit der Flucht nicht mehr gesehen hatten. An Land vor dem eingezäunten Zollhafen, direkt am Uferzaun winkende Menschen in Zweierreihe, an Bord Aufschreie des Erkennens, Grüße, tränenüberströmte Gesichter, rudernde Arme, die Tücher schwenkten.

Als das Schiff festmachte und alles zu den Autos oder den Gang­ways für die Fußgänger eilte, sah ich im Vorübergehen noch ein­mal die ältere Dame, mit der wir uns am Vorabend unterhalten hatten. Nicht anheben konnte sie ihren Koffer, nur auf dem Boden schieben, er war voller Konserven für die Ihren, die sie seit Kriegs­ende nicht gesehen hat. Den ganzen Abend kreisten ihre Gedan­ken darum, ob sie die Schwester und die Tochter überhaupt wiedererkennen würde, die mit dem Mann kommen würde, ihrem Schwie­gersohn und den beiden Enkeln, die sie alle drei gar nicht kannte. Sie winkte uns fast triumphierend zum Abschied, gestikulierend, dass sie die Ihren schon entdeckt hatte, ein Lä­cheln aus einer anderen Welt traf mich, vollkommen entrückt, noch von Tränen verschleiert, aber unendlich glücklich, am Ziel allen Sehnens.

Erst jetzt begann ich  die gefühlsmäßige Ebene und Bedeutung dieses Heimatverlustes zu begreifen, das emotionale Leid, das er verursacht hatte und auch noch über dreißig Jahren noch immer verursachte, verstand dass er auch zusammengesetzt war aus einer Vielzahl an menschli­chen und zwischenmenschlichen Tragödien.

Nach gut dreistündiger Wartezeit hatten wir bei dieser ersten Reise die Prozedur der Zollabfertigung komplikationslos hinter uns gebracht. Als wir uns Richtung Danzig-Langfuhr in Bewe­gung setzten, kam es mir vor, als ob das Abenteuer jetzt erst so richtig begann. Die ersten Kilometer fuhren wir noch sehr vor­sichtig, wir waren schließlich im Ostblock und wollten uns nicht gleich Ärger durch eine Geschwindigkeitsübertretung einhan­deln. Wir rollten durch Neufahrwasser, Arbeiterviertel grau in grau, Straßenzüge und Teerbeläge trugen die gleichen trüben Spuren relativ ungebremsten Verfalls. Man gewöhnte sich  schnell an Fahrweise und Straßenzustand, Straßenbahn- und an­dere Schie­nen waren ‚auf Putz‘ verlegt.

Weiter fuhren wir am Bahnhof vorbei im weiten Linksbogen um die Altstadt herum. Durch pulsierenden Feierabendverkehr ver­ließen wir Danzig auf jetzt guter, breiter Straße. Industrieviertel wurden langsam vom satten grün der Weichselniederung abge­löst. Wir passierten langgestreckte Dörfer und sahen hier und da noch die für diese Gegend typischen hölzernen Vorlaubenhäu­ser. Jedes bewohnte Storchennest wurde noch begeistert begrüßt.

Bis nach Elbing hin blieb das Land bretteben, ähnlich wie die mir vertraute norddeutsche Marschlandschaft. Aber viel weitläu­figer erschien sie mir doch, dünner besiedelt und urwüchsiger. Hinter Elbing ging die Ebene bald in sanfte Moränenhügel über.

Die Frage, ob ganz Ostpreußen so hügelig wäre, bejahte mein Va­ter zumindest für den uns jetzt zugänglichen polnischen Teil, also das Oberland, Ermland und Masuren. Er sah mich etwas er­staunt an und fragte halb belustigt, halb pikiert, ob ich denn wohl glaubte, es wäre überall nördlich der Alpen ähnlich ‚plattdeutsch‘ wie bei Stade. Da musste ich also schon mein erstes Bild revidieren, denn irgendwie hatte ich die Vorstellung, ost­preußische Weite mit durchgehend flachem Gelände verbinden zu müssen, mit die­sem ‚mittwochs schon sehen können, dass Tante Frieda am Sonn­tag zum Kaffee kommt‘ der norddeutschen Tiefebene.

Das Erstaunen legte sich, die liebliche, rundliche Landschaft fing an, mir zu gefallen, abwechslungsreich war sie, mit saftig dun­kelgrünen Wiesen, hellen Roggen- und gelbblonden Weizen­fel­dern, ausgedehnten Wäldern und den ersten Seen. Es war Hoch­sommer, kurz vor der Getreideernte, die zweite Heumahd war im Gange. Landwirtschaft der Gegensätze, hier agrarindu­strielle Be­arbeitung von Staatsgütern, daneben Kleinbauern mit Pferd und Wagen, fast archaisch anmutend..

Wir wollten eine Rast machen und hielten auf einem zum Park­platz umfunktionierten alten Kurvenstück der Straße, einer wun­derschönen, von mächtigen alten Bäumen gesäumten Allee. Wir stiegen aus und vertraten uns die Füße. Man könnte dabei ja auch gleich ein paar Landschaftsaufnahmen machen dachte ich bei mir und holte die Kamera. Es kam weit und breit kein Auto und ich spürte zum ersten Mal die Ruhe, die über dem Land lag. Ein Stück weiter hinter der Straßenbiegung wiegte sich weizen­blondes Getreide im stetigen lauen Sommerwind. da sah ich sie zum ersten Mal am Feldrand. knallblaue Kornblumen und Klat­schmohninseln von einem schier unglaublich leuchtenden rot.

Auf der anderen Straßenseite, direkt gegenüber lag eine frisch­ge­mähte Wiese, auf der hoheitsvoll, fast feierlich schreitend zwei Störche Mahl­zeit hielten und sich von nichts und niemandem stören lie­ßen. Ein Stück weiter wurde Heu eingefahren, ein hochbelade­ner , von zwei Pferden gezogener Wagen bog gerade auf einen von der Hauptstraße in weitem Bogen leicht bergab nach rechts führenden Feldweg ein. Ich ging den Weg entlang, der von der Trockenheit der flirrenden Sommerhitze ganz staubig war. An seinen Rändern jedoch gedieh eine nie gesehene Farbenpracht aus der vielstimmi­ges Gezirpe und Gesumme sprudelte.

Expedition Kalte Heimat hatte ich das Unternehmen ironisch-di­stanziert genannt, aber das war’s dann auch schon. Dieser eine, erste kleine Spaziergang genügte und ich war hin und weg. Ich konnte mich kaum satt sehen an den klaren Farben, an der weit bis zum Horizont offen daliegenden Landschaft, hüge­lig, rundlich, beschaulich. Eine Sommerlandschaft aus einer anderen Zeit, fast unwirk­lich friedlich und still, einladend zum Innehalten und Träumen, ohne Ecken und Kanten, wie von einem alten Meister gemalt, an­heimelnd.

Aber etwas war anders, als ich es aus ihren Erzählungen kannte, die mir viele Jahre lang manchmal so gewaltig auf den Nerv gegangen waren. Ich grübelte immer wider darüber und brauchte lange, bis ich dahinter kam was es war. Die Bilder, die all die Geschichten aus der Kalten Heimat in mir hervorgerufen hatten, waren nicht farbig. Sie waren schwarz – weiß, wie die alten Fotos in  ihren Erinnerungsbüchern.

Als ich zum Auto zurückkam, hatte ich einen ganzen Film ver­schossen und wusste, diese Bilder würde ich nie wieder verges­sen, auch wenn die Fotos nur Bruchteile davon zeigen würden. Ich spürte, etwas in mir hatte sich verändert, die Distanz war mir völ­lig abhanden gekommen. Wie unendlich weh musste der Verlust dieses Landes meinen El­tern und Großeltern getan haben, langsam begann ich die Di­mension zu begreifen, den Schmerz und hatte das Gefühl Ab­bitte leisten zu müssen für meine Lästereien. Und noch etwas: ich hatte mich verguckt in dieses Land, fing an es zu lieben.

Als wir  weiterfuhren fragte ich mich, wie das möglich war, ich hatte schon so viel von der Welt gesehen, so schöne Land­stri­che und dann das hier. Es war nicht nur die Schönheit, vom er­sten Augenblick an spürte ich diese ganz besondere Verbun­den­heit, die sich nie wieder löste.

Das hier war auch ein Stück von mir, gehörte zu mir, wie mein Name.

Das Land und ich , wir hatten uns gefunden.