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Das Winterparadies

25 Mrz 11
Brigitte Jäger-Dabek
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Kalt war es ja schon seit einiger Zeit, Väterchen Frost war aus Russland gekommen und hatte Eiseskälte mitgebracht. Bald fror es so stark, dass den Männern die Bärte vereisten und einem der Atem gefror. Binnen weniger Tage trug das Eis auf Seen und Teichen, da war ein Knacken und Knistern im Eis und wir Kinder pranselten ungeduldig die Väter an. Endlich war es so weit, Rosemaries Vater Karl Zander hatte mit seinen Nachbarn das Eis einer genauen Prüfung unterzogen – es hielt, er gab den Ziegeleiteich wurde frei. In Windeseile waren die Kinder der Umgebung vollständig versammelt. Da wurden die Schlittschuhe angenuddelt und ab ging es aufs Eis. Zum Schliddern hatten sie mit Hilfe der Väter eine lange Bahn angelegt.

Nur Schnee, Schnee lag noch immer nicht, aber nach zwei bitterkalten Wochen stieg die Temperatur endlich ein wenig und der Himmel bezog sich zusehends.

Den ganzen Donnerstag hatte es schon nach Schnee gerochen, ein erster kalter Tag, der Himmel im fahlen Licht leicht verhangen. Am frühen Nachmittag fing es an zu beziehen und bald ließen finster sich zusammenballende Wolken die Dunkelheit früher hereinbrechen als sonst. Auch war noch vor der Schummerstunde Ostwind aufgekommen, der immer mehr auffrischte.

Das Thermometer sackte und sackte, zeigte bald strammen Frost an. Als es richtig dunkel war, tanzten die ersten dicken Schneeflocken im Wind. Immer heftiger schneite es und der heulende Wind peitschte den Schnee fast waagerecht vor sich her nach Westen- Stiemwetter.

Es stiemte und stiemte, kaum, dass man gegen den Schneesturm ankam, eine grauweiße prickelnd peitschende Wand stemmte sich einem entgegen.

Wie wohlig war es da in der warmen Stube am Fenster zu stehen und dem grauweißen Treiben zuzusehen. Weit reichte der Blick ja nicht, kaum bis zur andern Straßenseite, schon türmten sich kleine Wechten am Zaun auf.

Erst am Sonnabend wurde es gegen Abend ein bisschen leiser und beim Schlafengehen, als Ruhe im Haus einkehrte, gab auch das wilde Toben nach, das Heulen ebbte ab.

Am Sonntag beim Aufwachen hörte man dann: nichts. Der Stiem hatte aufgehört und die Schneedecke dämpfte alle Geräusche.

Was für ein Tag! Wie versöhnte solch ein Tag doch mit den vorangegangenen Unbilden des Wetters!

Vater Zander hatte schon vor dem Frühstück alles organisiert und bald wurde ein Ziegeleipferd vor den großen Schlitten gespannt. Alle wurden warm vermummt, heiße Steine in den Fußsäcken wärmten die Füße, Bergen von Decken, Fellen und Pelzen umhüllten die Passagiere und los ging es.

Die Straße war schon geräumt, und wir fuhren auf festgefahrener Schneedecke zwischen meterhohen Schneewänden wie durch einen Tunnel hinaus aufs Land in Richtung Drebolienen.

Das Land zierte und spreizte sich förmlich in seinem frischen, strahlend weißen Winterkleid, der eigenen Schönheit wohl bewusst. Gleißend funkelten die Schneekristalle im Sonnenlicht, eine meist noch unberührte Puderzuckerdecke lag über dem Land. Vorbei an den Espenteichen, deren Anfang und Ende man unter der dick überschneiten Eisdecke nur mehr erahnen konnte.

Wir fuhren und fuhren, konnten die großen Gehöfte dieser Gegend kaum erkennen, ob stattlicher Bauernhof ob unscheinbares Insthaus, kaum mehr als die Dächer war von ihnen zu sehen. Wie Schuppen, wie kleine Katen duckten sie sich unter der Last des Schnees, waren fast verschwunden unter meterhohen Schneewehen, verrieten sich nur durch die bräunlich weißen Rauchschwaden ihrer Kamine.

Die Bäume ächzten  und knarrten unter der Last des Schnees, jedes Lüftchen pustete das pulvrige Puder von den Ästen. Stille, nur das Traben des Pferdes und ab und zu ein Knacken im Unterholz, noch kaum Spuren im Schnee des Waldes. Grell weiß leuchtende Lichtungen im Wechsel mit dem schneehellen Schatten des Waldes. Am Ende des Waldes dann öffnete sich der Blick. Eine solche stille Weite, unzählige Schneekristalle brachten das Weiß zu diamantenem Funkeln- festlich glitzernde Winterrobe.

Um die nächste Biegung wieder ein ganz anderes Bild bei anderem Lichteinfall. Sanft gewellt und mattweiß schimmernd lag die Schneedecke majestätischem, weichem Hermelin ähnelnd unberührt da, noch ohne die geringsten Spuren, die solche Schönheit hätten stören können.

Über jeder Kuppe standen flirrende weiße Staubfahnen, jedes Bisschen Wind stiebte den trockenen Schnee wie die Gischt der Meere über die Höhen.

Zum Aufwärmen gab es dann in Drebolienen ein gemütliches Grogchen für die Männer, heiße Schokolade für Frauen und Kinder, Schinkenbrote natürlich für alle. Und dann nur weiter, weiter, heimwärts, die Tage waren kurz so mitten im Winter.

Bevor der Wintertag ganz in der Dämmerung versank, zauberte er einen Hauch von Rosa über die Landschaft, das rasch immer fahler wurde. Noch bevor die Sonne ganz untergegangen war, sah man den Mond an der anderen Himmelsseite blass aufgehen. Schnell wurde es dunkel, immer heller leuchteten Mond und Sterne vor immer dunklerem Himmel.

Es war eine dieser sternklaren Winternächte, voll hinreißender Klarheit, deren Erleben ein fast sinnliches Vergnügen ist. Wie lupenreine Brillanten funkelnde Sterne vor samtschwarzem Himmel. Matt beleuchtete das Firmament die fahlweiße fast silbrig schimmernde, frostig knisternde Winterlandschaft.

Und dann sah man schon die ersten Häuser der Stadt, bald tauchte Amalienhof auf, das heimelige gelbliche Licht des  kleinen Hauses, an der gewaltigen Rauchfahne sah man schon, dass Bertha gewaltig eingeheizt hatte.

Nur Bammelschlittchen war Rosemarie noch  nicht gefahren. Aber das machte ja nichts, denn nun fing der Winter ja erst richtig an. An sonnigen Tagen waren die Kinder aus Amalienhof nicht wegzukriegen, die Ziegelei, deren Leiter Rosemaries Vater Karl Zander war, blieb ihr kleine Winterwelt.

Selbst Väter wurden hier wieder zu Kindern, bauten an großen Schneeburgen und langen Rodelbahnen, besonders die lange Rodelbahn vom Ziegeleischuppen hinunter hatte es in sich. Was interessierten da die Wintervergnügungen der Großen?

Allenfalls wenn Tante Else mit ihrem samtenen blauen Eislaufkostüm auftauchte und Rosemarie einlud, konnte man sich ja mal breitschlagen lassen und mit in die Stadt gehen – aber eigentlich wirklich nur um die großzügige Tante bei Laune zu halten und ihr einen Gefallen zu tun.

Der Gawehnsche Teich im Stadtpark verwandelte sich nämlich winters in ein stimmungsvolles Eislaufzentrum. Da musste man nicht erst selbst den Schnee vom Eis schieben wie auf dem Ziegeeilteich, die gepflegten Eisflächen hatten schon etwas, gestand Rosemarie zu. Anfänger auf dem Eis sah man hier nicht, wer hierher kam und seine Künste der ganzen Stadt präsentierte, konnte Eis laufen und wollte gesehen werden, denn das Drumherum war hier nicht unwichtig.

Da gab es den Pavillon des Eisclubs, auf dessen Plattform zweimal die Woche eine Kapelle spielte, damit das geneigte Publikum auch zu Musik seine Kreise drehen konnte, dort fanden sogar regelmäßig Promenadenkonzerte statt. Und natürlich wurde auch für das leibliche Wohl gesorgt, vor allem für die Aufwärmerchen. Und genau das war es, was Rosemarie daran interessierte. Eine Tasse heiße Schokolade mit einem ordentlichen Klacks Schlagsahne darauf fiel dabei mindestens ab.

Und zugegeben, Tante Else machte keine schlechte Figur in ihrem Eislaufkostüm, sie hatte schon etwas von Sonja Henie, wenn sie ihre Kreise drehte. Na ja vielleicht nicht ganz, die Männer aber schienen das irgendwie auch zu finden.

Selbst an die Berufstätigen hatte man gedacht, abends war die Eisfläche beleuchtet und etliche Unentwegte blieben bis zum „Abklingern“ des Eislaufbetriebes. Für die ausgesprochenen Kunstläufer war eine Fläche direkt gegenüber dem Pavillon reserviert, so war für die Erheiterung der Pavillongäste gleich mitgesorgt.

Nebenbei bemerkt kostete dieses gepflegte Eislaufvergnügen natürlich Geld, eine Clubkarte des Eisclubs war ein beliebtes Weihnachtsgeschenk, vor allem für Heranwachsende, die gerade begannen, die Vorzüge des jeweils anderen Geschlechts zu entdecken. Aber so weit war Rosemarie noch nicht.

Das nächste Wochenende versprach nach dem Wetterbericht vom Königsberger Rundfunk wieder schön zu werden und so herrschte schon am zeitigen Sonntagmorgen geschäftiges Treiben in Amalienhof. Der große Schlitten für die Erwachsenen war hergerichtet, das Ziegeleipferd wurde herangeführt und angespannt. Der Braune verharrte stoisch im Gespann und ließ sich in seiner Ruhe nicht stören von den aufgeregten, durcheinander wirbelnden Kindern mit ihren Schlitten.

Da konnte Rosemarie betteln, den Vater umgarnen, heulen. Karl Zander blieb knallhart: nein! Sie durfte zwar mit, aber wir immer nur auf dem großen Schlitten der Erwachsenen. Muttiii, bitte, bitte, schniefte Rosemarie noch eine Weile herum, die Mutter auf Schritt und Tritt verfolgend. Es nützte nichts, nächstes Jahr vielleicht, dann bist Du schon größer, kam als Trost, ebenfalls wie immer.

Bammelschlittchenfahren war in der Insterburger Kinderwelt nämlich das Größte, wenn die Schlitten der Kinder an einer langen Leine am Schlitten der Erwachsenen festgemacht und vom gutmütigen Ziegeleipferd durch die Lande gezogen wurde.

Amalienhof lag damals noch am äußersten Rand der Stadt, über die verschneiten Lehmabbauten hinweg und am Strauchmühlenteich vorbei war man schnell in der winterlich weißen Unendlichkeit. Oder Richtung Heynehof, dort leitete Großvater Friedrich Zander die Ziegelei Heynehof. In dem kleinen Häuschen direkt an der Kleinbahnstation gab es noch kein fließendes Wasser aus dem Wasserhahn, dafür stand als Zugeständnis an erste Wünsche nach mehr Komfort, eine mächtige Wasserpumpe in der Küche.

Was Rosemarie zu sehr durchgefroren, wurde sie im großelterlichen Bett unter einem wahren Gebirge von Federbett, unübersehbar und Angst einflößend wieder auf Betriebstemperatur gebracht. Diese Beklemmung linderte nur die interessante Pappschachtel unter dem Bett, die einen Zuckerhut barg.

Gleich hinter dem Garten hielt die Insterburger Kleinbahn, kurz IKB, im Volksmund aber „ich kippe bald“ genannt. Fauchend und schnaufend stand der kleine Zug kaum zu sehen zwischen mächtigen Wänden geräumten Schnees. Ein bisschen verpusten musste die kleine Lokomotive, bevor sie das letzte Stück bis Insterburg in Angriff nahm.

Anna Zander, Rosemaries Mutter, hatte schon so einen Animus gehabt, was ihr Karl vorhatte, als dieser die Gesellschaft in Heynehof plötzlich zur Eile trieb, es würde schon bald dunkel werden und für die Kinder würde es nun doch zu kalt. Als sie die dampfende Kleinbahnlok hinter dem Zaun halten sah, roch sie den Braten endgültig. Also wirklich Karl, diese Unvernunft, wie oft hab’ ich Dich schon gebeten….

Ein kleines Wettrennen mit der Kleinbahn war tatsächlich immer eine schöne Abrundung eines rundherum angenehmen Tages für Karl Zander und seinen Freund Gottlieb Hinz, dessen Familie immer dabei war bei solchen Winterausflügen. Die ganze Rückfahrt von Heynehof bis nach Amalienhof, das ja schon fast in Sichtweite des Insterburger Kleinbahnhofes lag, hatte man die Kleinbahn oder zumindest ihre Rauchfahne im Blick.

Zischend schnaubte das Bahnchen grauweiße Wasserdampfwolken aus und hastete zwischen den Schneewänden entlang. Ein Schnalzen, ein Ruck mit den Zügeln, Hü Brauner, nun lauf doch. Das  Ziegeleipferd, ein behäbiger Brauner, wurde von Karl Zander und Gottlieb Hinz nachgerade zu Bestleistungen ermuntert. Doch der mit der Sturheit eines an ein bestimmtes Arbeitstempo gewöhnten Arbeitspferdes gesegnete Braune – vernünftiger als seine Kutscher – dachte gar nicht daran, über ein ihm genehmes Tempo hinauszugehen. Da half auch kein Locken mit Extrarationen, kein Flehen, kein Drohen. Vorsichtiges Peitschenknallen führte zu stechenden, eine drohendes Gewitter verheißende Blicken von Rosemaries Mutter.

Die Bammelschlittchen flogen über die verschneite Chaussee, die Kinder juchten, was hätte Rosemarie darum gegeben, dort hinten, am liebsten natürlich auf dem hintersten Schlitten zu sitzen, der immer so schön weit ausscherte.

Mehr als ein geschmeicheltes Unentschieden jedoch hatten Karl Zander und Gottlieb Hinz nicht aus ihrem Ross herausholen können, bevor sie in die Ziegelei  Amalienhof einbogen – wie immer. Anna Zanders Anflug von leichter Erbitterung hatte sich in süffisante Zufriedenheit aufgelöst, Pferde waren vernünftiger als Männer, sie hatten eben größere Köpfe.

Nächstes Jahr aber ganz bestimmt, da würde sie nicht lockerlassen und die Eltern beizeiten weich klopfen, so lange, bis sie endlich auch ihren Schlitten hinten anhängen durfte, nahm sich Rosemarie vor, ha, das wäre doch gelacht!

Doch es gab kein nächstes Mal mehr für Amalienhof, das Paradies wurde abgerissen. Bammelschlittchen fahren wurde zu Rosemaries unerfülltem Lebenstraum, dem sie bis heute nachhängt, mit einem speziellen, sich in der imaginären östlichen Weite verlierenden Blick, der alles westlich von Ostpreußen ausblendet.

Im Jahr darauf ging Großvater Zander in Rente, verließ das kleine Haus in Heynehof und zog in die Stadt. Die Ziegelei Amalienhof wurde geschlossen. Unrentabel hieß es, aber es wurden auch die Gelände der Lehmabbauten gebraucht für den Flugplatz und Wohnungen mussten gebaut werden.

Die Ziegelei wurde genauso abgerissen wie das kleine Haus, in dem Zanders lebten. Nichts ist mehr davon zu erkennen, neue, sogar recht ansehnliche Mietshäuser wurden gebaut, Volkswohnungen, wie man damals sagte. Nur wo der zugeschobene Teich einst war, lässt sich heute noch an einer Bodensenke erkennen.

Das Ende des Kinder-Winterparadieses war auch der Anfang vom Ende Insterburgs, wie sich später herausstellen sollte. Der Flugplatzbau markierte auch hier unübersehbar den beginn einer neuen Zeit, den beginn des großen Rüstens für den Krieg. Von hier wurde zuerst gegen Polen geflogen, dann gegen die Sowjetunion, was zur Folge hatte, das diese Stadt heute Tschernjachowsk heißt.

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