Monthly Archives:Juli 2010

Der weiße Bär

30 Jul 10
Brigitte Jäger-Dabek
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Der kleine Bär war weiß, weiß wie der Schnee, den es so selten gab in dem Land, in dem er lebte. Er war nicht weiß, weil etwa alle Bären in diesem Land weiß gewesen wären, nein, er war der einzige weiße Bär, alle anderen Bären waren braun, sie lebten ja schließlich  in Braunbärland.

Anfangs hatte er ja ausgesehen, wie alle anderen kleinen Bärchen, niedlich und vor allem braun, aber eines Tages begann sein Bärenpelzchen immer heller zu werden, bis es ganz weiß war. Die Eltern erschraken – oh Bärengott, sie hatten einen weißen Sohn, was sollte werden?

Aber der kleine, nun ganz weiße Bär fand einen Ausweg. Er hatte eine Wurzel gefunden im Braunbärenwald, in dem sie lebten. Er zerstampfte sie, zerkochte sie ganz heimlich in der allerhintersten Ecke ihrer Höhle, und  strich sich die brauen Brühe auf den Pelz. Gut war es, denn die braune Farbe überstand sogar mal einen nicht zu heftigen Regenguss.  Nur baden konnte der kleine gefärbte Bär nicht, das Wasser hätte ihm dann doch seinen schönen braunen Scheinpelz aufgelöst. Aber sonst lebte der kleine gefärbte Bär wie jeder andere junge Braunbär auch.

Bald  hatte der kleine Bär mit dem Färben so viel Übung und machte es so geschickt, dass selbst seine Eltern manchmal vergaßen, dass ihr Bärensohn weiß war. Er hatte ein freundliches Wesen, war immer vergnügt und zu einem frechen Spruch aufgelegt und die anderen Bären mochten ihn.

Dennoch, immer wieder einmal hatte seine Muter traurig geseufzt, wenn sie ihn anschaute und hatte immer wieder mit dem Schicksal gehadert, weil er weiß war. Ach wäre er doch braun, klagte sie im Stillen, er ist so ein kluger kleiner Bär, so fröhlich und recht witzig!

Der Vater des kleinen weißen Bären war eine bekannte Persönlichkeit in der Bärengesellschaft, er war Klugbär von Beruf und galt als gescheit und gebildet, wusste immer Rat und Ausweg. Insgeheim fragte er sich aber immer wieder, was er falsch gemacht habe, dass er einen weißen Bären zum Sohn habe.

Als der kleine weiße Bär groß wurde, konnte er sich bei all seiner Pelzfärberei nicht länger vormachen, dass er ein ganz normaler kleiner brauner Bär wäre. Und er wäre es doch so gern gewesen! Aber er wusste, dass er mit einem anderen Braunbären zusammen nicht glücklich werden konnte.

Und doch sehnte er sich nun wo er erwachsen geworden war, wie jeder andere Bär auch nach einem anderen Bären, einem Wesen, dass er liebte, das ihn liebte, am besten einem weißen Bären. Er zog durch alle Bärenwelten, immer auf der Suche nach einem Bären, der war wie er, einer verwandten, weißen Bärenseele.

Ach wie sehr wünschte er sich etwas Nähe und Wärme, und ein Geschöpf an seiner Seite, dem er anvertrauen könnte, dass er gar kein brauner Bär ist. Dann rollte er sich traurig und erschöpft hinten in seiner kleinen eigenen Höhle zusammen und weinte ein bisschen, gab es denn für weiße Bären keine Seele zum lieb haben?

Seinen Eltern mochte er seinen Kummer nicht anvertrauen, er wusste ja, dass er ihnen keinen braunen Bären heimführen konnte, wie es Sitte war, wie sollte er es ihnen beibringen? So suchte er weiter und wollte die Suche nach der großen weißen Bärenliebe schon aufgeben.

So viele Länder hatte er kennen gelernt. Länder mit hohen Bergen und Schnee, und gehofft, dass es in so einem Land doch auch weiße Bären geben musste, wenigstens ein paar weiße Bären, aber er fand keine. Und er streifte ruhelos umher, lernte die schönsten Landschaften kennen, warme Länder am Meer, dichte Urwälder, Wüsten und grüne Steppen, sogar die Lande des russischen Bären durchwanderte er. Doch er fand nur braune Bären, zwar hatte er so manchen Braunbär in Verdacht auch ein weißer Bär zu sein, aber keiner wollte sich verraten und sich den Pelz weißwaschen lassen, sie hatten alle Angst, sich ihm ganz zu öffnen.

Eines Tages kam er in ein Land unter Palmen,  in dem immer die Sonne schien, und das von vielen Braunbären gering geschätzt wurde. Ach hier war alles so leicht, so freundlich, so voller Musik und Tanz. Ach war das schön, denn schon immer hatte der kleine weiße Bär, der nun längst ein großer weißer Bär war, den Tanz geliebt. Und er lernte Bären kennen, denen es ganz egal war, welche Farbe sein Pelz hatte, ja als er ein Weilchen da war, erkannte er sogar ein  paar andersfarbige Bären, er sah weiße, graue und etwas scheckige Bären. Da sprang er ins herrlich warme Meer, und badete ausgiebig. Er blieb so lange im Wasser, bis die ganze braune Farbe abgespült war.

Und dann sah er ihn plötzlich, den tanzenden jungen Bären, tatsächlich, einen richtigen Tanzbären, strahlend weiß von der Sonne gebleicht, viel weißer noch war dessen Pelz als seiner und ein Stich ging in sein Herz. Er konnte seine Augen nicht von ihm lassen und bebte fast vor Freude, als er merkte, wie der junge weiße Bär seinen Blick erwiderte. Magisch voneinander angezogen, gingen sie aufeinander zu.  Ach war der Tanzbär glücklich, dass der fremde weiße Bär seine Sprache verstand, weil er so weit herumgekommen war.

Und sie redeten und redeten und erzählten sich ihr Leben, gingen spazieren, setzten sich ans Meer. Tief berührt stellten sie beide fest, welch große Nähe zwischen ihnen war, welche Wärme und welch vertraute Verbundenheit, nach der sich beide ihr ganzes Leben lang gesehnt hatten. Zitternd, noch voller Zweifel fassten sie sich vorsichtig bei der Hand. Konnte das sein, sollte das wirklich der eine sein, nach dem er sich das ganze Leben lang gesehnt hatte fragte sich der weiße Bär? Ganz zart und tastend legte der weiße Bär seinen Arm um den Tanzbären, er war doch so viel älter und wollte ihn nicht erschrecken. Aber der junge Tanzbär nahm ihm alle Ängste, seine leuchtenden braunen Augen schauten den weißen Bären voller Wärme und Zuneigung an und löschten alle Fragzeichen in dessen Augen. Ganz sanft legte er seine Arme um den Hals des weißen Bären und küsste ihn, erst vorsichtig und zögernd, dann immer leidenschaftlicher.

Die beiden Bären versanken in einem Taumel von Glückseligkeit, streichelten sich, kosten einander, noch immer voller Erstaunen in den leuchtenden Augen. In wonniglicher Umarmung sanken sie auf den warmen Sand und liebten sich, als geschähe es das erste Mal auf Erden, als zuckten Blitze, bebte die Erde und verschlänge sie das Meer.

Sie hatten beide gefunden, was sie immer gesucht hatten, den einen weißen Bären, der die Seele des anderen berührte, der das Herz singen ließ, über alle Fernen hinweg nah blieb. Und die Familie des Tanzbären hieß den fremden weißen Bären, der von so weit hergekommen war in ihrer Mitte willkommen, denn sie sahen über alle Zweifel hinweg nur die Liebe, die  in den Augen der beiden weißen Bären leuchtete.

Der weiße Bär kam jetzt so oft der konnte in das Land der ewigen Sonne und jedes Mal wurde seine Sehnsucht größer, denn er hatte die Liebe erlebt, war in ihr  versunken, in dieser Welt voller Wärme und Zärtlichkeit.

Zu Hause in Braunbärland war es kalt, immer kalt und er fühlte sich einsam. Er wollte nun nicht mehr lügen und tat aller Welt kund, dass er in Wahrheit ein weißer Bär sei. Viele Braunbären seiner Umgebung hatten es ja längst geahnt und trösteten ihn. Das macht doch nichts, sagten sie, du bleibst uns doch derselbe.

Dass er ein weißer Bär war, konnte ja noch angehen in Braunbärland, die Braunbären hatten viel gelernt, und die meisten wussten, dass weiße Bären nicht schlechter sind, als braune Bären. Aber dass er in der Ferne einen anderen weißen Bären kennen und lieben gelernt hatte, das verstanden viele Braunbären nicht. Und dann sprach dieser fremde Bär die Braunbärensprache nicht und war noch viel weißer. Obendrein war er auch noch ein viel jüngerer Bär und Tanzbär und kein Klugbär, wie der Vater des weißen Bären.

Alles prasselte auf den weißen Bären ein und er fragte sich, ob denn so ein kleines Bisschen Liebe für ihn in seiner Heimat Braunbärland nicht erlaubt sein sollte, ach sie taten doch niemandem etwas und nahmen doch keinem Braunbären etwas weg.

Er verzagte fast, denn er wollte doch den Tanzbären zu sich holen, was sich als sehr schwierig herausstellte, denn so ohne weiteres gestattete man es doch keinem weißen Tanzbären nach Braunbärland einzureisen. Aber er ließ sich nicht beirren und am Ende erlaubten die Mächtigen in Braunbärland es doch.

Er holte seinen geliebten Tanzbären im Sonnenland ab und reiset mit ihm nach Braunbärland. Der weiße Bär zeigte dem Tanzbären seine kalte Heimat, die diesem so fremd, aber auch so aufregend war. Das Weißbärenpaar stieß auf einige Ablehnung, aber die meisten Braunbären hatten sich bald daran gewöhnt, dass nun ein Weißbärenpaar in ihrer Mitte lebte. Und so richteten sie sich ein, lebten ihr kleines, behagliches Weißbärenglück, und waren bald umgeben von ein paar ihnen herzlich zugetanen Braunbären und einigen anderen Weißbären, die sich nun auch trauten, sich als weiße Bären zu bekennen.

Es dauerte ein Weilchen, aber dann sahen auch die letzten Braunbären, dass die beiden Weißbären sich wirklich liebten. Die beiden Weißbären feierten bald Bärenhochzeit und lebten fortan mal im Sonnenland und mal im Braunbärland – und sie taten niemandem ein Leid an.

Das deutsche Multikulti-Fußballwunder

15 Jul 10
Brigitte Jäger-Dabek
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Deutschland – Mas integracion más integración

Nun ist Fußball ja generell Emotion pur, aber was da gestern im WM-Achtellfinale in Südafrika zwischen Deutschland und England passierte, wird sicherlich einmal als Sternstunde des deutschen Fußballs bezeichnet werden.

Die Nation war aus dem Häuschen, als ob der Titel gerade gewonnen worden war. Und das lag weder an der historischen Höhe des deutschen Siegen – noch nie hatte England ein WM-Spiel mit 4:1 verloren – und es lag auch nicht am tollen Sommerwetter daheim in Deutschland.

Es war die Art, in der dieser Sieg nicht errungen oder erkämpft sondern erspielt wurde. Mit spielerischer Leichtigkeit kombinationssicher vorgetragene Angriffe, Tempofußball mit deutschen Stürmern, die sprühten vor Kreativität. Dieser Fußball der feinsten Art begeisterte die Deutschen. Hacke, Spitze, tralala – mehr als nur ein Hauch von Südamerika ließ grüßen.

Das war es doch, was wir uns immer wünschten, weg vom Image der deutschen Kraftwalze, dem ewigen britischen Panzervergleich, fort von Blutgrätsche und deutschen Kampftugenden, hin zu spielerischer Leichtigkeit mit einem Schuss Genialität und einem Spritzer Schlitzohrigkeit. Kurz: Die Begeisterung darüber, dass diese Mannschaft Fußball nicht nur arbeiten, sondern auch spielen kann.

Und das wird bleiben, selbst wenn uns Argentinien aus den Träumen reißen sollte. Denn diese so junge Mannschaft steht erst am Anfang und hat noch jede Menge Entwicklungspotenzial. Und noch etwas wird hoffentlich bleiben, nämlich der integrative Faktor dieser Mannschaft. Es ist einfach nicht mehr zu übersehen: Einwandererkinder bilden das Herz dieser DFB-Elf.

Da sah man im Autokorso Menschen offenbar türkischer Herkunft, das Auto mit schwarz-rot-goldenen Farben geschmückt, darin Frauen mit Kopftuch, DFB-Fanschal und Vuvuzela, stolz wie Oskar nicht nur auf „ihren“ Mesut Özil, polnisch-deutsch beflaggte Fahrzeuge, die nicht nur „ihre“ Helden Trochowski, Klose und Podolski feierten.

Vieles erinnerte an das Sommermärchen von 2006, doch dieses ist anders. Damals waren es die Deutschen als Gastgeber, die zusammen mit ihren Gästen aus aller Welt zusammen feierten. Heute feiern beim Public Viewing und beim Autokorso die in Deutschland lebenden Menschen eine gemeinsame Mannschaft und ein Ereignis, an dem alle gleichermaßen teilhaben, egal on sie hier , in der Türkei, in Afrika, auf dem Balkan, in Polen, oder sonst wo geboren sind. Es ist so: Diese Mannschaft ist immer auch ein Stück weit Spiegel der Gesellschaft – eines Einwandererlandes.

Bei diesem Sommermärchen begegnen sich diese Menschen in Deutschland zum ersten Mal in etwa auf Augenhöhe, egal ob man seit Generationen hier lebt, alteingesessen ist oder Migrant. Man beginnt ein klein wenig zu begreifen in diesem Land, dass es die Migrantenkinder waren, die ein Großteil der begeisternden neuen Leichtigkeit in den Fußball der deutschen Nationalmannschaft brachte. Und man ist dabei zu lernen, dass man nicht Mesut Özil als Idol feiern kann, und gleichzeitig auf seine Eltern, die türkischen Einwanderer herabschauen kann.

Über die Begeisterung für diese deutsche Fußballnationalmannschaft wird hoffentlich auch ein Stück mehr Integration und Wertschätzung für unsere Zuwanderer in die Gesellschaft überspringen. Schauen wir doch diese junge Mannschaft an, die zeigt, wie es geht: füreinander offen sein, einander helfen, bereit sein, voneinander zu lernen und vom anderen das Beste zu ü+bernehmen und zu integrieren. Es gibt einen schönen Werbespot beim Deutschen Fußballbund: DFB – mas integracion.

Wie wäre es, das auf die Gesellschaft, denn Alltag zu übertragen, denn diese WM ist auch eine Chance für mehr Integration. Dann hieße es: Deutschland – mas integracion.