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Von der guten zur billigen Zeitung

11 Apr 10
Brigitte Jäger-Dabek
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Es gibt ein Land, das wird Absurdistan genannt. Vor langer Zeit gab es dort goldene Jahre und manche Menschen erinnerten sich dort noch an die Ära, in der Absurdistan Schlaraffenland hieß.

 

Im Süden von Absurdistan am Weißwurstäquator lag die idyllische alte Stadt Knürzburg am Wain. Die Menschen lebten auch hier einst in blühenden Landschaften. Und sie informierten sich in ihrer angesehenen Zeitung Wainpost, über das, was in ihrer Welt so tag für Tag geschah. Bei der Wainpost arbeiteten auch viele Menschen für gutes Geld, sie waren durchweg stolz auf ihren Job in der Redaktion und in der Druckerei.

 

Doch dann wurden auch in Knürzburg die Zeiten – zuerst kaum merklich – immer schlechter, auch für das Regionalblatt. Viele Menschen bestellten die Zeitung ab, Werbekunden sprangen ab. Wie war man da froh bei der Wainpost, als man unter das Dach des großen, starken Steinbrinck Verlages schlüpfen konnte, da war man – Gott sei Dank – sicher.

 

Dachte man. Doch es kam anders, ganz anders. Zuerst wurden die Redaktionen durchgekämmt. Die Freisetzungen wurden in Zuckerwatte warm und weich verpackt. Was für eine Chance! Man kann doch als freier Mitarbeiter ganz anders atmen, muss nie mehr schreiben, was andere wollen, das ist doch schließlich der Traum eines jeden Journalisten.

 

Ja, natürlich, für ein klitzekleines Sümmchen weniger Geld, aber dafür so frei! Doch die immerhin in Aussicht gestellten Aufträge blieben aus, denn der überregionale Teil wurde nun zentral bezogen. Das war nun alles schön einheitlich, schließlich ist das was in Berlin oder New York passiert von Knürzburg aus betrachtet nicht anders als von Flensburg aus. Die Lösung war genial und wurde Mantel genannt, hinter dem sich die verbliebene Mini-Lokalredaktion nun verstecken konnte. Nein dieser Mantel ist nicht etwas mit dem Manteltarif zu vergleichen, das war längst ein Schlagwort von gestern. Mantel bedeutete schlicht, dass die überregionalen Anteile der renommierten Wainpost und etlicher anderer Zeitungen anderswo kostengünstig aus Agenturmeldungen zusammengeschrieben wurden. Die alten Redakteure waren nun völlig frei, niemand braucht sie mehr.

 

Nun ging man daran, auch die anderen Abteilungen der Wainpost nach Einsparpotential zu durchforsten und man kam auf noch eine ganz geniale Idee. Möglich gemacht hatte diese schöne neue Idee eine sehr menschenfreundliche Regierung in Absurdistan. Schröder hieß der damalige Kaiser. Seine neue Kaiserin kam – ach wie praktisch – selbst aus der Zeitungsbranche und konnte ihrem Gemahl viele gute Tipps geben. Es war nun die Zeit angebrochen, als Schlaraffenland, das über seine Verhältnisse gelebt hatte, zu Absurdistan wurde. Plötzlich war alles anders und man konnte sich auf nichts mehr verlassen, nun waren die Linken diejenigen, die Schluss machten mit dem gesicherten Wohlleben der anderen.

 

Und bei der Wainpost ging es weiter, bis man sich zum Vertrieb und zuallerletzt zu den Druckern vorgearbeitet hatte. Man hatte Argumente, denn ein großes Versandhaus war über die Wupper gegangen und nun gab es keine Kataloge mehr zu drucken. Viele Jahre hatten die Arbeiter mit stolzgeschwellter Brust nicht nur Zeitungen und Katalog auch anspruchsvolle große Bildbände gedruckt. Sie wähnten sich in Sicherheit, denn die Zeitung gab es ja noch, die musste ja von irgendwem gedruckt werden, also von wem sonst, als von Druckern.

 

Also eigentlich war das ja so, aber trotzdem, da konnte man doch etwas machen, nach den schönen neuen Gesetzen von Kaiser Schröder. Leiharbeit, das war doch die Lösung! Also könnte man doch die Drucker und Redakteure entlassen und dann als Leiharbeiter … Genau, so trug man es den Druckern an. Alle würden entlassen werden, gingen zu einer Leiharbeitsfirma und bekamen da neue Verträge. Dann würden sie von der Wainpost oder anderen Zeitungen in ganz Absurdistan angefordert und dürften arbeiten, immer nach Bedarf. Und schließlich bekämen die frisch gebackenen Leiharbeiter doch eine Jobgarantie, denn ganze fünf Jahre würde der Vertrag laufen. Für diese Sicherheit müsste man dann schon mal knapp ein Drittel weniger Lohn akzeptieren … Und weil das so eine großartige ldee ist, waren die Drucker doch nicht die allerletzten Betroffenen. Man könnte das Modell doch eigentlich auch in den verbliebenen Redaktionen der Verlagsgruppe versuchen … Gesagt, getan!

 

Das ist doch genial, oder? Die Arbeit wird gemacht – für viel weniger Geld und es wird noch nicht einmal jemand gleich arbeitslos. Ja, gut, die Häuslebauer unter den Druckern und Redakteuren werden Probleme mit der Kreditabteilung ihrer Bank bekommen wegen der befristeten Verträge, die Autokäufer auch – aber es müssen ja schließlich alle Opfer bringen auf dem Weg von der guten zur billigen Zeitung. Doch da gibt es uneinsichtige Drucker und Redakteure und ganze Verbände, die dabei einfach nicht mitspielen wollen.