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Daheim frühstückten wir Pfirsiche-Als Rumäniendeutsche in Ostpreußen

28 Sep 10
Brigitte Jäger-Dabek
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Willy Zander war kein Sonntagskind, keiner von der Sorte Mensch, der alles zufällt im Leben und der immer die Sonne lacht. Eigentlich wirkte er immer etwas verbiestert und im Leben zu kurz gekommen, besonders seit seine erste Ehe gescheitert war.

Ihn so aufgeräumt zu sehen wie an diesem Tag war selten und wurde in seiner Familie schon fast rot im Kalender angestrichen. Rosemarie, seiner Nichte fiel sofort auf, dass die Stimmung anders war, als sie im Sommer 1937 wie alle paar Tage auf einen Sprung zur Großmutter herein schaute, bei der Willy Zander seit seiner Scheidung lebte.

Verlockend bei diesen doch relativ häufigen Besuchen war natürlich der Weg durch die Bäckereifiliale von Onkel Georg, die unten im Haus war, meistens fiel ja eine süße Kleinigkeit ab.

Teenager haben ja einen besonders feinen Sinn für Atmosphärisches und bekommen sowieso mehr mit, als die Erwachsenen meinen, das war in den 30er Jahren in Ostpreußen nicht anders als heute.

Rosemarie bemerkte sofort die flatternde Aufgeregtheit der Onkel und Tanten, das Bemühtsein einen guten Eindruck zu machen. Es knisterte und Rosemarie ahnte rasch den Zweck des Besuches, sah Onkel Willy leicht schwitzend um eine junge Frau herum tanzen, sah Onkel Georg seinen ganzen Charme versprühen. War das etwa der Vorstellungsbesuch einer Ehekandidatin? Ja, das war es, fand Rosemarie, genau das musste es sein, das musste Onkel Willys künftige Frau sein. Die Situation hatte etwas Komisches, als ob die geballte Familie Onkel Willy mit vereinten Kräften aufs Pferd helfen wollte. Nun wurden alle Register gezogen. Onkel Georg holte das Auto und man machte einen Ausflug nach Drebolienen zum Kaffeetrinken. Rosemarie ließ sich nicht lange bitten, rief zu Hause an und sagte Bescheid. Das war spannend, um nichts in der Welt wollte sie sich das entgehen lassen.

Rosemarie musterte die künftige Tante ausgiebig. Relativ groß und schlank war sie eine herbe, dunkelhaarige Schönheit, eine Frau die sicher nie auf Pfennigabsätzen daher kommen. Gut gekleidet aber völlig unprätentiös und nach außen hin zurückhaltend, sah man ihr das Elternhaus an, in dem andere Werte vermittelt wurden als nur der äußere Schein. Und da war die warme Stimme mit der eigentümlichen Sprechweise, die aus jedem Satz eine Melodie machte, einen fremdartigen und doch so anheimelnden Singsang, der Rosemarie in ihren Bann schlug.

Daheim kam Rosemarie groß heraus mit der Verkündung der Sensation: „Ich hab‘ Onkel Willys neue Frau gesehen! Dora Bergleiter heißt sie“. Dass sie wieder mal dort gewesen war, wo die Neuigkeiten stattfanden war die eine Überraschung, die Nachricht von diesem außergewöhnlichen Besuch an sich die zweite. Sie war etwas enttäuscht, als ein abtuendes „Geh, geh“ zur Antwort kam. Egal, sie würden schon sehen und auf jeden Fall hatte man da doch mal wirklich etwas zum angeben, wer hatte schon eine Tante die von so weit her kam und in deren Garten die Pfirsiche und andere exotische Obstsorten wuchsen, wie in Ostpreußen die Äpfel!

Sie kam aus einem fernen, geheimnisvollen Land, die neue Tante. Rosemarie suchte in ihrem Schulatlas Rumänien, drehte ihn dann bis sie es lesen konnte und buchstabierte: „Trans-syl-vanien. Aha, das Land hinter den Wäldern.“ Und dann fand sie, was sie eigentlich suchte: Siebenbürgen stand da fett gedruckt. Siebenbürgen, so hieß dieses ferne Land. Die Schulunterlagen „Volksdeutsche Siedlungsgebiete“ gaben nur trocken-sachliche Informationen her:

Im 12. Jahrhundert ging erstmals der Ruf der ungarischen Könige hinaus um Siedler anzuwerben, die das Land jenseits der Wälder – Transsylvanien – kolonisieren und gegen die Türken verteidigen sollten. Damit hatte die gut neunhundertjährige Geschichte der Siebenbürger Sachsen – Sachsen wurden sie wegen ihres Rechtes, des Sachsenspiegels genannt – ihren Anfang genommen, stand da im Schulbuch.

Von Anfang an genossen die Siebenbürger Sachsen einen besonderen Status und Privilegien wie freie Richterwahl und Gerichtsbarkeit, Zollfreiheit und mehr. Dafür leisteten Sie Zinsabgaben und Militärdienst. Bald bildete sich mit der Sächsischen Nationsuniversität ein eigenes Verwaltungsgremium, das seit 1486 eine siebenbürgische Selbstverwaltung  brachte. Erst 1867 wurde diese spezielle Autonomie nach Gründung der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie aufgelöst.

Es war ein fruchtbares Land am Karpatenbogen, dieses siebenbürgische Hochland, und mit dem relativen Wohlstand seiner Bevölkerung zog auch kulturelle Blüte ein. Bereits seit dem 15. Jahrhundert gab es Volksschulen, im 16. Jahrhundert hatte fast jede Gemeinde ihre eigene Schule, das erste Gymnasium entstand 1541 und die allgemeine Schulpflicht wurde 1722 eingeführt.

Nach dem Ende des Habsburger Reiches kam Siebenbürgen zum Königreich Rumänien, doch die zugesagten Minderheitenrechte wurden nicht umgesetzt, die Evangelisch-Augsburgische Kirche, der die Siebenbürger im 16. Jahrhundert geschlossen beigetreten waren, verlor ihren Grundbesitz, der Unterricht in der Muttersprache wurde stark eingeschränkt, eine Rumänisierung setzte ein, immerhin gab es aber eine politische Vertretung im Parlament.

Die neue Tante kam also nicht aus der Wildnis und kulturellen Brache, aber das hatte Rosemarie ja schon beim ersten Besuch gespürt.

Aber dass es in diesem Siebenbürgen noch Bären und Wölfe gab und es gar die Heimat von Graf Dracula war, kam Rosemarie so richtig schön gruselig vor. Und selbst die Rattenfängersage wurde auf einmal wieder spannend, erzählte sie doch angeblich, wie dieses Land besiedelt worden war.

Rosemarie war fasziniert, und träumte sich in künftige Möglichkeiten hinein. Vielleicht konnte man da später mal hinfahren? Nur so zu Besuch? Hoffentlich klappte das und Onkel Willy vermasselte nicht in letzter Minute alles, sagt womöglich gar nein!

Er sagte nicht nein. Im Gegenteil. Im darauf folgenden Jahr fuhr er nach Siebenbürgen und heiratete Dora Bergleiter. Und geheiratet wurde in Kronstadt (Brasov), das war ganz in der Nähe von Bran, wo die Törzburg, das Schloss des gruseligen Grafen Dracula stand. Na ja, zumindest hatte sich  hier Bram Stoker, der Autor des Romanes seine Inspiration geholt, obwohl das Dracula-Vorbild Vlad Tepes wohl niemals hier war. Na ja und eigentlich heirateten die beiden ja auch nicht bei Dracula um die Ecke, denn in Kronstadt im deutschen Konsulat wurde die Ehe nur eingetragen und damit in Deutschland gültig. Aber wer weiß?

Inzwischen fragte sich Rosemarie, wie um alles in der Welt die beiden sich kennen gelernt hatten. War Onkel Willy im Land Draculas gewesen? Das hätte sie doch mitbekommen! Nein, Zeitungsanzeigen waren es gewesen, etwas unromantisch wie Rosemarie es fand, aber vielleicht für den spröden Onkel Willy ganz richtig.

Und dann kamen die beiden mit dem D-Zug angereist Ende November 1938, über Kronstadt, Budapest, Wien, Breslau bis nach Insterburg in Ostpreußen. Und sie hatten viel zu erzählen. Willy Zander zeigte sich durchaus beeindruckt von dem, was er in Doras Heimat gesehen hatte. Hermannstadt war eine alte Stadt mit einem wunderschönen mittelalterlichen Stadtkern mit jeder Menge Sehenswürdigkeiten und farbenfroh angestrichenen Häusern. Besonders imponiert hatten ihm die Siebenbürger Kirchenburgen und Wehrkirchen und die zu kleinen Bollwerken ausgestalteten, rundum geschlossenen Höfe.

Und auch Kronstadt, die größte Stadt Siebenbürgens hatte ihn überrascht. Direkt an den Bergen gelegen, in denen man wunderbar Wintersport treiben konnte wuchsen in den Gärten der Stadt wie in Hermannstadt Pfirsiche. Und so etwas wie die Kathedrale – die größte in Osteuropa – hatte er überhaupt noch nicht gesehen. Doras Familie hatte ihn genauso herum geführt wie man das mit Dora in Insterburg getan hatte.

Willy musste zugeben, dass die Bergleiters gut lebten in Hermannstadt, alles war ganz anders, als er sich das vorgestellt hatte. Niemand musste von hier heim in die deutsche Kultur geholt werden oder aus Armut und Knechtschaft befreit werden. Man kam entgegen aller Propaganda in Deutschland ganz gut zurecht mit den Rumänen, auch wenn nicht alles so war, wie es sein sollte, die versprochenen Minderheitenrechte nicht verwirklicht wurden und Rumänisch alleinige Amtssprache blieb.

Doras Vater Dr. Georg Bergleiter hatte Jura studiert und war Beamter in der Rechtsabteilung der „Hermannstädter Allgemeinen Sparkasse“, Doras Großvater war Magistratsbeamter. Doras Mutter Julie stammte aus einer evangelischen Pfarrersfamilie und war eine feinsinnige und wie ihr Mann hoch gebildete Frau – Willy Zander war im höchsten Masse beeindruckt von seinen Schwiegereltern, das spürte man, wenn er erzählte, fand Rosemarie.

Die Bergleiters wohnten in einem großen Zweifamilienhaus, das Doras Großvater mütterlicherseits gehörte. Solide aus Ziegelstein gebaut war es, gelb beworfen und mit einem spitzen roten Ziegeldach versehen. Mit seinen acht Räumen bot es Platz genug für die Familie, dazu kam die große Küche mit Vorratskammer und ein modernes WC.

Karl Zander, Rosemaries Vater, tat seine frisch gebackene Schwägerin fast etwas Leid, als er das hörte. Die müsse sich ja fast fühlen, als ob sie in die Verbannung geschickt worden sei und nicht als ob sie in das von ihr etwas verklärte, hoch gehaltene Deutschland gekommen wäre. Vom nun braunen „Deutschen Reich“ ging eine seltsame Faszination aus, wie magisch und begeistert angezogen fühlten sich viele Auslandsdeutsche von der Strahlkraft des Muskelspielenden Mutterlandes. Na klar, die Begeisterung fürs Reich gefiel Bruder Willy, argwöhnte Karl Zander, denn sein Bruder stand der neuen braunen Zeit sehr aufgeschlossen gegenüber, wie Karl es salopp formulierte. Was Rosemaries Vater aber in erster Linie meinte, war die Diskrepanz in den Lebensverhältnissen – was hatte Willy seiner Frau denn schon zu bieten? Sein Krankenkassenbeamtengehalt mochte ja in rumänische Lei umgerechnet ein hübsches Sümmchen sein, aber hier? Da reichte es nur für ein bescheidenes Leben. „Die Dora kommt vielleicht aus dem gelobten Land, aber ganz bestimmt nicht ins gelobte Land“, kommentierte er. Rosemarie und ihre Eltern  kannten auch die Wohnung schon, die Willy Zander für sich und seine Frau gemietet hatte. Klein war sie und die Bezeichnung Zweizimmerwohnung war ziemlich geprahlt fand Karl Zander. Man beschloss, sich Doras etwas anzunehmen um ihr das Einleben zu erleichtern.

Aber Dora klagte nicht, sie hatte die seltene Gabe, sich mit allen Lebensverhältnissen abfinden zu können. Sie wirkte dabei nicht unglücklich, nicht einmal dann, wenn sie einen Heimwehschub hatte, fand Rosemarie. Der kam meist dann, wenn Dora ein Päckchen aus Rumänien bekommen hatte, ob mit Quittengelee, oder anderen heimischen Leckereien. Dann mochte Dora gar nicht wieder aufhören zu weinen. Dennoch – eine gewisse südliche Leichtigkeit war Dora eigen fanden Zanders. Es war eine an Grandezza erinnernde großzügige Lässigkeit, die ein richtiger Kontrapunkt zur pietistisch strengen Kleinkariertheit eines Teils der Zanderschen Familie war, meinte Karl Zander – wobei er mit  kleinkariert natürlich die anderen Zanders meinte, nicht etwa sich selbst. Dora sah manche Dinge wirklich anders, fügte sich leicht und fast fatalistisch in Unabänderliches, konnte andererseits aber eine temperamentvolle Lebensfreude zeigen. Vor allem hatten gewisse Sitten der ach so ordnungsliebenden Reichsdeutschen keine Bedeutung für sie. War es nun wichtiger, dass der Frühstückstisch wie mit der Messlatte ausgewinkelt akkurat gedeckt war, oder dass man sich einfach mit einem Becher Kaffee und einem Pfirsich in der Hand hinsetzte und sich ein wenig miteinander unterhielt bevor der Tag so richtig begann? Zwar äußerte sie sich immer wieder bewundernd Anna Zander gegenüber „Joi, Anna, wie schön Du das kannst“ – und diese Bewunderung war ehrlich gemeint –  aber so wichtig, dass sie einen inneren Drang zur Nachahmung verspürte, war es ihr nicht.

Es waren gerade die kleinen Dinge des Alltags, in denen sie so anders war, aber Dora war in ihrer ganzen Art ein so warmherziger, liebenswerter Mensch, dass die ganze neue Familie sie schnell ins Herz schloss.

Als Doras „Hochzeitsgut“ ankam, dämmerte es Rosemarie endgültig, dass es auch anderswo Gegenden gab, in den es den Menschen offensichtlich gut ging, denn was sie sah war herrlich. Die eingetroffenen Möbel waren von allerbester Qualität und vor allem fremdartig schön, mit wunderbar feinen Intarsienarbeiten versehen. Und dann dieser Tisch, der auf so unglaublich vielfältige Art vergrößert werden konnte! Die kleine Wohnung war als alles hineingebracht worden war so gnadenlos voll gestellt, dass Dora in ihrer nonchalanten Art den Möbelträgern kurzerhand bedeutete, das Klavier doch auf den Balkon zu stellen. Da stand es nun, Rosemarie gluckste, Vater Karl lachte lauthals und Mutter Anna fragte mit entsetzt hervorquellenden Augen „das Klavier steht wo? Draußen? Auf dem Balkon?“ Ganz sanft aber energisch sagte sie schlicht „Dora das geht nicht, das Klavier geht da kaputt, das muss rein, da müsst ihr die Kommode eben erstmal in den Keller stellen.“ Doras Augen leuchteten auf, wie immer, wenn sie einen lebenspraktischen Rat bekam, den sie dann auch gern annahm- „Ach Anna, Du weißt immer alles, ja, so machen wir das“.

Bald sollte Dora ganz allein im fremden Land sein, Willy Zander wurde 1939 als einer der ersten eingezogen und wurde Soldat. Da saß sie nun mit dem ersten Kind schwanger etwas verlassen in ihrer kleinen, komfortlosen Wohnung und hatte nur Willys Familie. Aber Dora klagte nicht. Rosemarie war zur Betreuung ausgeguckt worden. Sie war jetzt sechzehn Jahre alt, und „kümmerte“ sich gern um ihre Tante, sie war nämlich – ganz undeutsch – fasziniert von allem Fremden, erlebte nun Fremdheit als Bereicherung und hörte gern zu, wenn die Tante Dora ins Träumen kam. Dann erzählte sie vom Leben in Hermannstadt, von ihrem Elternhaus in dem über 1600 Quadratmeter großen Garten mit den vielen Obstbäumen, die immer so üppig blühten. Duftende Äpfel, aromatische Birnen, süße Kirschen gab es so frei Haus, von all dem Beerenobst und den üppigen Fliederbüschen ganz zu schweigen. Und erst die Pfirsiche, man stelle sich vor: man geht morgens hinaus und pflückt sich einfach einen Pfirsich zum Frühstück. Dann setzte man sich in die Küche und nahm sich einen Becher voll Kaffee aus der Kanne die Kati, das Hausmädchen immer auf dem Herd stehen hatte.

Und sie erzählte vom Leben wie sie und ihre beiden Schwestern Irma und Ilse es als junge Mädchen in Siebenbürgen erlebt hatten, vom Schulalltag im Deutschen Mädchenlyzeum und der Deutschen Handelsschule. Deutsch wurde neben Rumänisch und Ungarisch überall verstanden in Hermannstadt, es gab deutsche Geschäfte und Buchhandlungen – in einer lernte Doras jüngste Schwester Ilse Buchhändlerin – man traf sich im deutschen Theater hörte Bach-Konzerte in der evangelischen Kirche. Es ging nicht viel anders zu als in Deutschland oder Österreich, nur dass Rumänisch die alleinige Amtssprache war. Schmunzelnd erzählte Dora, dass es genau wie im ostpreußischen Insterburg auch in Hermannstadt eine „Rennstrecke“ gab, die dort allerdings „Corso“ genannt wurde. Abends trafen sich dort die jungen Leute, auf der einen Straßenseite die jungen Deutschen, auf der anderen Seite die jungen Rumänen.

Jeden Abend ging Rosemarie nun zu ihrer Tante und schlief dort, der Familienrat hatte es so beschlossen, wollte die Hochschwangere nicht mehr die ganze Nacht über allein lassen. Die letzten vier Wochen vor der Geburt kam Dora dann zum Schlafen zu Zanders in die Wohnung, denn von dort war es im Ernstfall nicht so weit bis zur Entbindungsstation. Dora las sehr gern und lange, auch bei Zanders saß sie bis weit in die Nacht hinein in ihre Lektüre vertieft, wenn alle anderen schon längst schliefen. Eines Abends hörte Rosemarie – sie war gerade zu Bett gegangen – ein klirrendes Geräusch und kurz danach noch einmal. Es dauerte einen Moment bis Rosemarie geortet hatte, dass das Sand war, den jemand vorsichtig ans Fenster warf, der nicht die ganze Familie wecken wollte. Sie lief ans Fenster und zog die Gardine zurück. Es war ihr Onkel Willy, der auf Urlaub gekommen war. Und dann zogen die beiden mitten in der Nacht ab in ihre kleine Wohnung, Willy in seiner Uniform mit dem Entbindungsköfferchen in der einen Hand und seiner hochschwangeren Dora am anderen Arm. Am nächsten Morgen – es war der 31. Oktober 1939 – sah Rosemarie morgens kurz aus dem Balkonfenster und wer ging vorbei? Onkel Willy und Tante Dora mit dem Entbindungsköfferchen – damals ging man noch zu Fuß zur Entbindung. Karl Zander schüttelte den Kopf. Das hatte man ja eben verhindern wollen, Karl Zander hatte ja Telefon und man hätte wenn es mit den Wehen losgegangen wäre, einen der beiden Schwager angerufen, die jeder ein Auto hatten.

Als Willy Zander das nächste Mal vorbei kam, war er Vater einer Tochter – Karin sollte seine Erstgeborene heißen, Mutter und Tochter waren wohl auf.

Lange Urlaub hatte Willy Zander nicht, es reichte gerade, die neue Erdenbürgerin ausgiebig zu befeiern. Und dann war Dora wieder allein, aber Dora klagte nicht. Sie brauchte ein wenig Unterstützung und mal einen Rat. Bei Rosemarie in der Schule war gerade die Säuglingspflege dran gewesen und sie kannte sich nun aus mit den modernsten Methoden ein Baby zu wickeln. Einerseits hatte sie ein wenig Angst vor der Verantwortung, andererseits war sie Stolz auf das Vertrauen, dass Mutter und Großmutter in sie setzten. So war sie wieder oft bei Dora und dem Baby. In einem Heimwehanfall kam dann die Idee und die beiden steigerten sich so richtig hinein, spannen schon die Details aus.

Dora Zander wollte so gerne nach der Geburt mit ihrer Tochter Karin einmal nach Hermannstadt zu ihren Eltern fahren und ihnen das Baby, das erste Enkelkind zeigen. Rosemarie sollte zur Verstärkung mitfahren, in den Sommerferien und sie freute sich schon sehr auf dieses Abenteuer. Doch die Kriegführung kam dazwischen, was Rosemarie der Obersten Heeresleitung und vor allem dem Führer persönlich übel nahm.

Rosemarie hatte nun ihre Mittlere Reife gemacht und begann eine Banklehre. Da hatte sie keine Zeit mehr, sich ständig um Dora und deren kleine Tochter zu kümmern. Aber Doras Schwester Irmgard war bald nach der Geburt von Karin gekommen, um ihrer Schwester mit dem Kind ein wenig zur Hand zu gehen. So stand es jedenfalls auf der Einreisebewilligung. Eigentlich aber wollte sie unbedingt nach Deutschland, dessen Anziehungskraft für junge Rumäniendeutsche selbst nach Kriegsbeginn noch ungebrochen war. Das Reich war jung, dort war die Zukunft, dort fühlte man sich gebraucht. Karl Zander war es gelungen, Irmgard bei den Insterburger Stadtwerken als Telefonistin in Arbeit zu bringen – nun konnte die ersehnte Zukunft im Reich beginnen und Dora hatte ein Stückchen Heimat bei sich.

Zwar fand der Krieg bald weit von Ostpreußen entfernt statt, aber die vielen Einschränkungen machten das Leben und das sich Zurechtfinden für eine Zuwanderin wie Dora Zander nicht eben leicht.  Einmal im Jahr kam Willy Zander auf Urlaub, es war eine Kriegsehe wie viele andere, in der die Partner kaum eine Chance hatten, wirklich zusammen zu finden und ein gemeinsames Leben aufzubauen. Ein paar Tage Urlaub waren alles, das heißt bei Dora und Willy Zander war das schon eine ganze Menge. Wenn sein Bruder abgefahren war, ging Karl Zander immer erst einmal zum Kalender, zählte die Monate ab und verkündete zum Ergötzen seiner Familie den zu erwartenden Geburtstermin des nächsten Kindes von Dora und Willy. Er wurde nicht enttäuscht, akkurat neun Monate nach dem Urlaub seines Bruders gebar Dora die nächste Tochter. Nach Karin und Jutta hatten Dora und Willy am 12.Mai 1944 ihre dritte Tochter Renate be­kommen.

Bald darauf wurden Mutter und Kinder wegen der Luftlage aufs Land evakuiert. Dort wurde Renate im Sommer sehr krank.  Willys Schwester Grete Zander hatte beschlossen: „so geht das nicht weiter“ und dafür gesorgt, dass Dora mit der kleinen Renate nach Insterburg zum Arzt kam, der die Kleine aber sofort in die Kinderklinik einwies – es stand schlecht um Doras Jüngste.

Die Kinderklinik des Kreis­krankenhauses Insterburg war aber nach den Luftangriffen nach Trempen ausgelagert worden, wohin man mit der Kleinbahn fahren musste.

Das alles war zu einer Zeit, in der die Ressourcen des Landes sich erschöpften, Mangel allenthalben herrschte und die Lage sich nicht nur an den Fronten täglich verschlechterte mit ziemlichem Aufwand verbunden. Autos waren nicht mehr verfügbar, Züge gingen unregelmäßig, Busse gar nicht mehr und Dora kannte sich nicht aus in Insterburgs Umgebung. Der Krieg hatte ihr keine Gelegenheit gelassen, ihre neue Heimat wirklich kennen zu lernen.

Rosemarie und Doras Schwester Irmgard fielen als Hilfe aus, sie arbeiteten beide, so wurde Rosemaries vierzehnjährige Schwester Helga, deren Schule schon geschlossen war und die trotz ihrer diversen Landeinsätze gerade zu Hause war, Dora als Begleit­ung zugeteilt. Man konnte auch nicht lange verhandeln ob jemand von der Arbeit frei kommen würde, der Zug fuhr selten genug und es wurde ein Wettlauf mit der Zeit. An alles wurde gedacht in der Eile und als Wegzehrung gab es einen Berg Pflaumenkuchen aus der Bäckerei von Doras Schwager Georg mit.

Die unglückliche Mutter Dora wusste natürlich um den ernsten Zustand ihrer Tochter und stopfte während der ganzen Fahrt gedankenverloren weinend ein Stück Kuchen nach dem anderen in sich hinein, ohne dass sie überhaupt merkte dass sie aß. Helga hingegen, jung, mitten im Wachstum und immer hungrig wurde unruhig ob des rasch schwindenden Kuchenberges und fürchtete in die Röhre zu gucken. Nach Stunden erreichten sie Trempen und Helga fragte sich zur richtigen Stelle durch.

Aber es gab keine Rettung mehr, die kleine Renate starb am 24.September in Trempen. Willy Zander, sollte ohnehin gerade auf Urlaub erhalten, und kam gerade rechtzeitig zur Beerdigung seiner kleinen Tochter, die er lebend nie gesehen hatte. Er war mit ei­nem Baptistenpfarrer zusammen gereist, der gleichfalls in seiner Einheit Dienst tat, und nun Renate beerdigen würde. Willy Zander war nämlich wie es damals Mode war, aus der Kirche ausgetreten. Doch der Gedanke, dass sein Kind nun ohne irgendein Wort, ohne einen Trost einfach so verscharrt werden sollte, machte ihm schwer zu schaffen. Sein Bruder Karl, der in der Kirche geblieben war, mochte nicht predigen. Ein Gebet ja, aber den Ersatzpfarrer geben?  Das war nicht sein Ding und das empfand er als nicht richtig. Aber so hatte man wenigstens einen Geistlichen zur Beisetzung. Nach dem Krieg kehrte Willy übrigens schnell und ohne viel Aufheben in den Schoß der evangelischen Kirche zurück.

Im Frühsommer 1944 war auch Doras dritte Schwester Ilse in Insterburg angekommen. Natürlich  war da die Idee, Dora mit den Kindern zu helfen, aber Ilse Philippi gehörte bereits selbst zu den durch das Kriegsgeschehen kreuz und quer durch Europa geschobenen Menschen. Sie war jung verheiratet, ihr Mann war Soldat und in Salzburg stationiert. Ernst Philippi war auch Siebenbürger und wie die meisten jungen Männer von dort zur Waffen-SS gekommen Als er den erhofften Heimaturlaub nach Hermannstadt nicht bekam, ergab sich für Ilse aber immerhin die Möglichkeit zu ihm nach Salzburg zu reisen. Es war der Frühsommer 1944 und die Zeit, in der das Kartenhaus zusammenfiel, die Ostfront geriet ins Wanken, brach zusammen und binnen sechs Wochen verlief sie tausend Kilometer weiter westlich. Ilses Mann wurde nach Polen versetzt und sie konnte nicht mehr zurück nach Siebenbürgen, da lag es auf der Hand: sie fuhr zu ihrer Schwester nach Insterburg.

Dora Zander rückte nun eng zusammen mit ihren Schwestern, von den Eltern in Hermannstadt hörten sie nach dem Fall Rumäniens und der Besetzung durch die Rote Armee im August 1944  nichts mehr, sie sorgten sich um so mehr, als sie von dem Blutbad der Sowjets in Nemmersdorf hörten. Sie hatten aber immerhin das Glück, dass Insterburg als einzige ostpreußische Stadt planmäßig geräumt wurde. Der Familienrat empfahl ihnen gleich im November 1944 von ihrem Evakuierungsort auf dem Land aus erst einmal nach Mohrungen zu gehen, wo entfernte Verwandte von Zanders lebten. Von dort gelang es ihnen  rechtzeitig nach Gut Klaukenhagen in Pommern zu fliehen und dann, als es auch dort brenzlig wurde, nach Schleswig-Holstein, zuerst nach Lübeck, wo die Flüchtlinge verteilt wurden. Zanders kamen nach Steinhorst, ein Dorf weit ab von allen Arbeitsmöglichkeiten.

Zwar war Dora letztlich von Deutschland nach Deutschland geflüchtet, dennoch traf sie die Entwurzelung besonders. Die neue Fremde war noch fremder als die selbst erwählte neue Heimat Ostpreußen. Die Familienbande, die sie dort ein wenig aufgefangen hatten, waren zerrissen, niemand erklärte ihr diese neue Fremde, nahm sie an der Hand und zeigte ihr alles Nötige. Hier war auch ihre neue Familie fremd. Alle waren nun heimatlos, jeder hatte an sich selbst zu tragen, suchte das Trauma und die Verlorenheit zu überwinden, auch ihr mann Willy. Doch Dora klagte nicht.

Immerhin, auch Willy Zander hatte ja den Krieg soweit heil überstanden und war seit Ende 1945 wieder bei seiner Familie.

Wann er gekommen sein musste, war einfach zu errechnen, denn im Juni 1946 wurde Tochter Elke geboren. Aber Säuglinge hatten es schwer in dieser Zeit, schon die Mütter waren entkräftet von der Flucht und mangelernährt, die medizinische Versorgung fand in Gegenden wie Steinhorst kaum statt, Medikamente gab es nicht. Niemand konnte sagen, was der  kleinen Elke denn nun eigentlich gefehlt hatte, sie starb einfach an der Zeit, wurde nur drei Wochen alt. Dora trauerte, aber sie klagte nicht.

Sobald die Adresse von Dora und Willy Zander über den Suchdienst in Erfahrung gebracht worden war, machte Rosemarie sich von ihrer Tante Erna in Ahrensburg aus auf den Weg. In Bad Oldesloe wollte sie fragen, wie sie nach  Steinhorst käme. Sie fragte und fragte bis endlich jemand we­nigstens die grobe Richtung weisen konnte. Was mochte das bloß für ein gottver­lassenes Nest sein? Es goss in Strömen und sie lief los. Nach einer halben Ewigkeit kam sie endlich nach Steinhorst. Wie sich herausstellte, hatte sie einen Riesenum­weg gemacht. Sie traf Zanders in deren Notwohnung beim Auspacken eines Paketes an, und die Wiedersehensfreude war groß. Dora Zander hatte nämlich entfernte Verwandte in den USA, von denen sie gerade dieses Paket bekommen hatte. Darin waren solche für die unmittelbare Nachkriegszeit unentbehrlichen und nützlichen Dinge wie Pumps und etliche Morgenröcke. Das Beste, ein grün-weiß gestreiftes Som­merkleid, das sonst niemandem passte, bekam Rosemarie.

Als Dora und Willy im Dezember 1947 ihre jüngste Tochter Ute bekamen und sie dieses Kind über die ersten Monaten hinweg gesund durchgebracht hatten, kehrte ein wenig Ruhe ein, gleichzeitig fing mit der Währungsreform die Lage ganz allgemein an sich zu verbessern.

Dora klagte nicht, wie sie nie geklagt hatte, auch wenn Willy noch keine Arbeit fand.

Willy, der ohnehin keine Frohnatur war, verbiesterte immer mehr, fühlte sich ungerecht vom Schicksal behandelt und nutzlos, zumal er kaum in der Lage war, seine Familie zu ernähren. Ihm ging die Geduld aus und er nahm ein Angebot aus Dahn in der Pfalz an, obwohl er nur wenige Monate später hätte nach Hamburg gehen können. Karl und Anna waren entsetzt. „Was willst Du da“, fragte Karl ihn eindringlich, „da ist nur das Arbeitsamt in Dahn und sonst nichts. Da hast Du keine Aufstiegsmöglichkeiten und Deine Mädels auch nicht. Und wir sind alle mindestens eine Tagesreise entfernt.“ Doch Willy hatte keine Geduld mehr und ging nach Dahn.

Sie bekamen dort eine Wohnung wie versprochen, drei kleine Zimmer, eine Küche, Toilette aber kein Bad. Der Front des Hauses gegenüber türmte sich gleich hinter der Straße ein bewachsener dunkler Berg auf, der wie eine grüne Wand wirkte. Als sein Bruder Willy beerdigt wurde, stand Karl Zander am Wohnzimmerfenster und sinniertekopfschüttelnd: „Dreissig Jahre hat der Willy nun auf diesen Berg geglotzt…“ Aber Dora hatte nie geklagt.

Und dann durften Doras Eltern endlich aus Rumänien ausreisen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Siebenbürger kollektive Verfolgung getroffen, Zwangsaussiedlungen, gewaltsame Familientrennungen und Diskriminierungen vielfältiger Art, die Lage dort besserte sich erst nach dem Tode Stalins, fast eine halbe Million Siebenbürger verließ nach dem Krieg die Heimat. Die Geschichte einer reichen Kultur und eines ganz besonderen Siedlungsraumes, der nach den ersten sieben, zunächst ohne Herrschererlaubnis gebauten Burgen Siebenbürgen genannt worden war, ist faktisch beendet.

Auch Doras Eltern klagten nicht, nahmen an, wohin ihr Herrgott sie gestellt hatte, haderten nicht mit dem Schicksal. Vater Bergleiter  war eine beeindruckende Persönlichkeit. Noch bei Willy Zanders Beerdigung saß er hoch betagt auf dem Balkon in der Abendsonne. Wache, flinke Augen lächelten aus einem freundlichen Gesicht, so lebhaft, dass man ihnen ihre Blindheit nicht ansah. Man spürte sofort, dass dieser Mann vollkommen in sich ruhte und völlige Zufriedenheit ausstrahlte, er war im Einklang mit Gott und der Welt. Und es war eine Freude sich mit diesem feinsinnigen, gebildeten Mann zu unterhalten. Als der Tate, wie sie den Vater nannten, zum Abendessen hinein geholt wurde, spürte man noch immer den liebevollen Umgang untereinander, der in der Familie Begleiter üblich gewesen war. Es wurde ein schöner Leichenschmaus mit angeregter Unterhaltung in transsylvanisch-balkanisch-ostpreußischer Art. Man erzählte Anekdoten, die man mit dem Verstorbenen erlebt hatte, von Ostpreußen und schwups waren sie alle erzählender Weise wieder in Hermannstadt gelandet.

Dora konnte sich immer gut nach Siebenbürgen zurück träumen, in das Land, in dem die Pfirsiche blühten. Wenn sie dann erzählte, sah man, wie sehr sie in einer ganz anderen Welt war. Und irgendwie war sie einst vor vielen Jahren in Siebenbürgen abgefahren, aber nie so ganz in Deutschland angekommen.