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Schummerstund oder: Aus einer anderen Zeit

25 Mrz 11
Brigitte Jäger-Dabek
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Sie ist schmal geworden, füllt den kleinen Sessel nicht mehr aus. Auch ist ihr Haar grau geworden, stumpf und ohne Glanz, kein Zweifel, sie ist alt geworden.

Ach ich liebte diese ausgedehnten Kaffeestunden bei ihr. Zum Kaffee hatte sie schnell ihre köstlichen kleinen Flinschen gebacken, nach denen nun die ganze Wohnung duftet. Sie lehnt sich zurück, verschränkt die Arme vor der immer noch mächtigen Brust.

„Vielleicht schenkst noch mal nach,“ bittet sie mich, und ich stehe ohne Hektik auf, gehe in die Küche nebenan, ziehe die Kaffeekanne aus der Maschine, kehre zurück in ihr großes, hohes Wohnzimmer, und gieße den restlichen Kaffee in die Tassen, nur nicht durch Eile die Atmosphäre zerstören.

Zufrieden wirkt sie und ganz eins mit sich, strahlt die gelassene Ruhe eines langen Lebens aus, in dem alles seine Zeit hatte. Es ist Herbst, die Dämmerung kommt früh, schon sind kaum mehr die Konturen der Möbel auszumachen und bald löst sich alles in einem immer dunkler werdenden Grau auf.

Nun ist Schummerstund, die traditionelle ostpreußische Erzählzeit zwischen Tag und Nacht, die jetzt im November Stunden dauert. Nur jetzt kein Licht machen, nach keiner Kerze verlangen, kein noch so kleiner Lichtschein soll den Zauber stören, in dem sie die Erinnerung auf Wanderschaft schickt.

Es ist ganz still im Haus, nur das Ticken der vier Uhren ist zu hören und wir haben die Muße miteinander zu schweigen, wenn die zunehmende Dunkelheit das heute, hier und jetzt aussperrt. Ich warte geduldig, bis sie beginnt.

Langsam verliert sich ihr Blick im letzten Dämmerschein im Unendlichen. Dann träumt sie sich hinweg, zurück in längst vergangene Zeiten und die eindringliche Kraft ihrer Worte und diese ganz besondere Stimmung, die alles Reale ausblendet, trägt mich mit ihr hinfort. Nie erzählt sie in der Schummerstund von Krieg, Flucht und der polnischen Zeit, das tat sie wenn es hell war. Die Schummerstund, die gehörte ausschließlich ihrer Kindheit.

Immer lebendiger sprudelt die Erinnerung aus ihr heraus, selten, möglichst selten unterbreche ich sie dann mit einer Rückfrage, will den Zauber nicht zerstören.

Die Zeit steht still, ist ausgelöscht, wenn sie zurückkehrt in ihre Jugendjahre nach Bertung und mich mitnimmt in die anheimelnde Welt ihrer Kindheit, in der Böses keinen Platz hat, die gerecht ist mit einer festen Hierarchie. Nach Gott kam in Bertung der Pfarrer und dann der Vater, streng, aber Hort der Sicherheit, nichts konnte passieren, so lange er wachte.

Bertung, nur gut zehn Kilometer von Allenstein entfernt, da war sie geboren und aufgewachsen, kein anderer Ort erreichte für sie je den Zauber, die Vertrautheit ihres Heimatdorfes. Jedes Wort ihres Erzählens kündete von der Geborgenheit dieser kleinen überschaubaren Welt, noch getragen vom Urvertrauen der Kinderjahre, lange vor den Katastrophen des letzten Jahrhunderts.

Ich habe ihn ja selbst noch gekannt, den alten Blackschen Hof auf dem Abbau hoch über dem Dorf. Ein Geviert von Stall, Schuppen und dem schon damals alten, ziegelgedeckten hellen Holzhaus, hin­ter dem sich ein richtiger Bauerngarten anschloss. Wunderbare Obst­bäume reihten sich hinter den Kü­chenkräu­tern und Blumen, die in Hausnähe wuchsen, ordentlich auf.

Rundum war der Hof von den Bäumen eines kleinen Mischwal­des geschützt, die Zufahrt verlief wie durch eine kleine Allee, ein Stückchen weiter unten lag der eigene Teich.

Einen freien, weiten Blick hatte man dort oben, über den Teich hinweg sah man die Türme Allensteins im Dunst liegen. Zur an­deren Seite hin, ein paar hundert Meter weiter zerschnitt die Ei­senbahnlinie Hohenstein – Allenstein in neuerer Zeit das Black­sche Land, weit jenseits lag ihr Wirtschaftswald. Alles in allem ein stattliches Anwesen.

Eine einsame Landschaft, hingehaucht in die Moränenhügel zwischen der Chaussee und Allenstein, rundliche Gelassenheit ausstrahlend und dennoch mit Raum zur Entfaltung. Nichts Irdisches begrenzte den Blick dort droben, wo der Himmel so nah erschien, dass man die mit dem stetigen Sommerwind vorbeiziehenden weißen Wolkenberge meinte berühren zu können.

Gleichmütig wogten die Kornfelder, eingerahmt von strahlender Farbigkeit, ein Gezirpe, eine intensiv leuchtende Vielfalt mit den Höhepunkten, die das Ganze wie eine Klammer zu einem Gemälde vereinen: das tiefe Kirschrot des Klatschmohns und die königsblau leuchtenden Kornblumen, rot wie die Sonnenglut und tiefblau wie der Himmel. Der staubige Weg mündete in die kleine Allee der Hofzufahrt, deren Bäume leise raschelten.

Sie liebte diese Abgeschiedenheit auf dem Abbau. „Das war nuscht, so mitten im Dorf, wo einem jeder fast in die Töpfe gucken konnte – und wer kam, der stand ohne Vorwarnung in der Diele. Nei, auf dem Abbau konntst jeden von weitem sehen. Weißt, ich liebte nich so klötern, wenn im Dorf einer hinter dem anderen herschlabberte,“ hatte sie mir das mal erklärt.

Fast immer, wenn sie zur Schummerstund von Bertung erzählte, durchstreifte ihre Erinnerung nicht kleine Episoden, sondern einen ganzen Tag. So, wie diesen Erntetag, den letzten, nur noch dieser eine harte Tag, dann war alles eingebracht. Lange, lange war es trocken gewesen und sie hatten gebetet, dass es ihnen gelingen möge, dass das Wetter durchhielte, bis das Korn unter Dach war.

„Weißt,“ begann sie zu erzählen, „Erntezeit, das hieß ja immer besonders früh aufstehen, ach, und ich schlief doch so gerne, hatt´ reinweg nie ausgeschlafen. Dann sprang ich schnell aus dem Bett, lief in die hinterste Kammer, und verkroch mich im Bett der Schwester. Bloß kannte die Mutter das Spielchen ja nu auch schon und hat mich bald geschichert.

Und weil es schon jetzt, so früh morgens nach Gewitter schmeckte, die Luft so schwer war und jede Hand gebraucht wurde, bekam ich einen Mutzkopp. ‚Herr je, Dir wird´ich helfen! Ihr seid immer so vorsichtig mit der Arbeit,’ schimpfte die Mutter.

Ja, es sah nicht gut aus, die Männer waren schon aufs Feld gefahren, knapp, dass sie etwas gefrühstückt hatten. Wie im Galopp mussten wir Merjellens das Vieh beschicken, Schweinen und dem Federvieh das Futter richten und am Ende ausmisten.

Die Mutter war schon dabei, Kleinmittag und Mittag vorzubereiten, alles musste doch früher fertig sein als sonst, weil wir es ja zu den Leuten tragen mussten. Weißt, das ging alles schnell, schnell, und weg waren wir, Essen und Trinken aufs Feld zu bringen.

Keiner hatte heut´ Zeit zum Verpusten, obwohl so heiß und schwül war, dass kaum aushalten konntst, zum Trinken konnten wir kaum so viel anschleppen, wie sie brauchten. Es war ja knochentrocken, hatte lange bei großer Hitze nicht geregnet, der Boden war vor Staubwolken kaum zu sehen, das Korn, weißt, die Halme, die raschelten richtig vor Trockenheit.

Ja, und dann blieben auch wir Mädchen  auf dem Feld, weißt, ich liebte doch die Feldarbeit nicht, nei, ich war nicht für die Bauerei, geh mir mit Rüben hacken und so was, lieber war ich im Haus, am besten war mir aber im Garten. Dann träumt ich immer vom Sonntag, so nach dem Mittagessen, wenn dann alles gespült war, dann konnt´ ich mir eine Decke schnappen, und mich im Gar­ten in den Schatten der Obstbäume legen….

Aber an jenem Tag, das mussten wir anpacken, wie Männer. Nach den Butterbroten und dem heißen Kaffee aus der Kruck ging´s gleich weiter. Gleichmäßig sausten die Sensen durchs Korn, die Männer mähten in Kolonnen und der Schweiß floss in Strömen.

Wir Frauen und Mädchen banden mit Strohbüscheln die Garben und stellten sie zu Hocken. Ach weißt, das war uns ja schwere Arbeit, aber trotzdem haben wir viel gelacht und immer viel Spaß gehabt. Bloß an dem Tag verstand der Vater nicht viel Spaß und berief uns aus einer Tour, denn schon bald nach Mittag kickte er immer so zum Himmel und beeilte uns ‚nu schlabbert nich rum, womöglich kommt Gewitter, schnell, schnell, wir müssen fertig werden.’

Immer wieder schaute der Vater prüfend zum Himmel, der am Vormittag noch tiefblau war. Gegen Kleinmittag waren die ersten weißen Pustewolken gekommen, aber sonst war noch nuscht zu sehen.

Ein paar Erntehelfer hatte der Vater ja auch immer geholt, na da half ja einer dem anderen bei uns im Dorf. Und immer so vier von den Männern wuchteten die Garben auf den Leiterwagen. Ja Du, das war eine Kunst für sich, die Fuder richtig zu laden, damit das nachher auf dem Hof auch fix in die Scheune ging.

Und dann rollte das erste Fuder ab zum Hof, so hoch beladen, dass die Räder, die auf dem losen Sand einsanken, kaum zu sehen waren, ganze Büschel von goldgelben Halmen hingen herunter, quollen über. Ein Zungenschnalzen und gemächlich trotteten die Braunen ab, weißt, die fanden ja ihren Weg alleine zurück, die zog´s ja nach dem Stall.

Ach, es war sengend heiß an dem Tag und das noch nicht gemähte Getreide wiegte sich schwer im Wind, der war so heiß, zog alle Feuchtigkeit aus der Erde und ließ die Erdkruste aufbrechen. Und so um Mittag wurde es brütend schwer, aus den kleinen Pustewolken waren richtige Gebirge geworden, die mit dem Wind über den Himmel zogen.

Wenn der Wagen auf dem Hof an der Scheune ankam, wurden sie schon mit frischem Wasser aus dem Brunnen erwartet, denn der Sommerwind zehrte und machte so durstig, Mensch und Pferd wollten nur trinken, trinken. Dann stakten sie die Fuder leer und stemmten sie wohlgepackt unters Dach der Scheune und schon ging´s wieder hinaus.

Na ja und dann sahen wir es ja langsam alle selber, die Wolken fingen an so komisch sich aufzuballen. Ach Gott, ach Gott, ein Gewitter, ausgerechnet am letzten Erntetag, alle bangten nun, ob die Zeit reichen würde.

In fliegender Hast, schnell, schnell, die letzte Strecke gemäht, gebunden und in rasender Eile auf den Wagen gewuchtet. Schon türmten sich die Wolken grau und der blaue Himmel veränderte sich immer mehr in Richtung lila.

Schnell sammelten wir alle unsere Siebensachen zusammen und liefen und liefen. Nur rechtzeitig nach Hause kommen. Hektisch wurde das letzte Fuder abgeladen, die Männer überschlugen sich vor Eile und alle Hände halfen mit. Schwarzgraue böse Pustebacken türmten sich bald gewaltig vor lilagrauen Wolken und schon grummelte es los.

Wir Frauen und Mädchen schlossen alle Fenster, Luken und Türen, schicherten das Federvieh hinein. Dann krachte der Donner los, Blitze zuckten. Du, das hatte alles so eine ganz andere, so eine elementare Gewalt da oben, ganz, ganz anders als in der Stadt. War ja auch gefährlicher so weit oben, da schlug der Blitz eher ein, als  im Dorf.

Der Wind legte zu, bis ein richtiger Sturm alles, was nicht fest gemacht war, wirbelnd vor sich hertreibend über das Land fegte. Wir drängten alle ins Haus, denn schon fielen die ersten dicken Tropfen, noch zögernd, bald prasselnd, bis es ein Wolkenbruch war. Da kamst ut de Angst nich rut, im Sommer das Gewitter, im Win­ter de Schul‘. Bei Gewitter versammelte sich ja immer die ganze Fami­lie um den Tisch und betete, die Ta­sche mit den wichtigsten Papieren hatte der Vater zu Füßen. Immer war da die Angst, dass der Blitz einschlägt, da hätte doch alles wie Zunder gebrannt.

Der Vater blickte besorgt nach den Blitzen, wir zählten still mit, fünf, sechs, sieben, bis zum nächsten donnernden Schlag, Gott sei dank, nicht so dicht. So saßen wir in der Runde, die Mutter betete laut vor: Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt’ für uns arme Sünder, jetzt und in der Stunde…, da fuhr ein ohrenbetäubender Knall und gleich darauf ein ganz nahes Krachen ins Gebet, augenblicklich gefolgt von einem dröhnenden Donnerschlag.

Ganz fahl war die Mutter im Nu, ‚Jesus, es hat eingeschlagen.’ Mit schreckgeweiteten Augen liefen wir zum Fenster, kreischten aufgeregt durcheinander, der Vater war schon draußen, schauen, was passiert war. Wir wollten natürlich alle hinterher, aber die Mutter hielt uns zurück: ‚Hier geblieben, ihr bleibt drinnen.’

Na mehr als vielleicht höchstens zwei, drei Minuten waren nicht vergangen, auch wenn uns das wie eine Ewigkeit vorkam, bis der Vater wieder da war. Klatschnass und außer Atem kommandierte er in knappen Worten, alle bleiben drin, ist zu gefährlich draußen, ich pass von der Tür aus auf, ist nicht so schlimm, wie ich dachte.’

Dann kam er langsam zu Atem und erzählte, was passiert war. Der Blitz war in die hinterste Birke gefahren und hatte sie bis zur untersten Astgabelung der Länge nach gespalten. Die untere Hälfte war mehr an, als auf den Stall gekracht. ‚Na ist aber nicht so schlimm und der Baum brennt auch nicht, ist kein großer Schaden,’ sagte der Vater, und wir sahen seine Erleichterung.

Die Mutter war überzeugt, nur die Gebete hätten uns bewahrt und sprach eine Reihe von Dankgebeten. Na glaub man, wir stimmten aber immer noch ganz erschreckt und ganz erleichtert ein. Das ging ja ganz schnell, wenn der Blitz einschlug und ein Dach Feuer fing, gab doch keine Rettung. Zwar war da der Teich, aber wie sich Rat geben? Bis die Feuerwehr vom Dorf kam, war alles zu spät. Da hatten wir wirklich große Angst vor Gewitter.

Aber bald war alles vorbei an diesem Tag, das Gewitter verzog sich. Und dann ging immer ganz schnell bei uns. Die Sonne brach durch und strahlte bald wieder, als ob nichts gewesen wäre über dem dampfenden Land.

Klar war die Luft dann, frisch und rein, und das Wasser versickerte rasch. Dreimal schütteln wie ein junger Hund, fort war die Nässe, der Sommer konnte weiter gehen. Nach ein paar Stunden schon keine Spur mehr vom Gewitter, die Pfützen waren längst versickert, alle Nässe gierig aufgenommen von dem dürstenden Land.

Nur ein paar Rinnen sahst dann, wo eben noch Sturzbäche waren, das verdunstete wie auf einem heißen Stein. Am längsten hielt sich die Feuchtigkeit noch unter den Chausseebäumen und auf den Sommerwegen der Alleen.

Der Vater inspizierte Haus, Scheune und Stall, räumte mit den Erntehelfern, die noch da waren den Birkenstamm weg. In Nullkommanichts waren die Wege wieder staubtrocken und jeder Schritt wirbelte kleine Wolken auf, aber um so strahlender war das Bunt am Wegesrand, wo Gebüsch und Blumenstreifen die Felder einrahmten.

Ja, stellten wir dankbar fest, Glück hatten wir gehabt und einen ganz besonders fürsorglichen Schutzengel. Nur unser Garten, der hatte gelitten und sah nun etwas zerzaust aus, der Gewittersturm war da gewaltig durchgegangen. Äh, geh,  wenn das alles war?“

Dann versiegten die Worte, ein Weilchen war Stille im dunklen Wohnzimmer

„Ja so war das damals“ sagte sie dann meist recht abrupt, stand auf und schaltete das Licht an, weil es ja längst völlig dunkel geworden war. „So war das und jetzt huck ich immer noch inne Polska“. Das war dann das untrügliche Zeichen, dass nun genug des Erzählens war, es war Abend geworden, die Schummerstund war vergangen und der ganz besondere Zauber dieser Erzählzeit gebrochen.

Mit ihren Beschwörungen, dass ein Brand die größte Gefahr für den Hof darstellte, behielt sie recht. Er brannte ab, nicht durch einen Blitzschlag, es war die Neuzeit, denn ein Stromschlag war der Auslöser.

Nie kam man auf den Gedanken, dass auch ihre Uhr in absehbarer Zeit ablaufen könnte, obwohl sie weit über achtzig war. Aber sie ist gestorben, an einem ersten Februar, dem Tag am dem Ihre Mutter 1945 von den Russen erschossen worden war. Sie, die vor Leben immer nur so strotzte.

Sie war keine Kuscheloma,  mit der man schmuste und die mit Koseworten streichelte. In ihrer ruhigen Verlässlichkeit und ihrer spröden Herzlichkeit aber fand ich mich geborgen und vorbehaltlos angenommen.

Sie gab mir einen Ort, von dem ich sagen konnte „hier gehöre auch ich dazu“, und ihre Erzählungen bezogen mich mit ein in dieses gemeinsame Gefühl: Heimat.

Der längst abgebrannte Hof auf dem Abbau in Bertung, das war für mich Ostpreußen, und sie war meine ganz persönliche Mutter Ostpreußen.

Ja, und fragen, fragen kann ich sie nun auch nichts mehr. Die Bilder der Schummerstund aber leben weiter in mir.

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