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Journalistenmacht: Die Bilder in unseren Köpfen

07 Aug 10
Brigitte Jäger-Dabek
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Ein grau gewandeter, graugesichtiger, steinalter und abgearbeiteter Bauert sitzt auf dem Bock seines klapprigen Wagens, der von einem noch klapprigeren, zottigen Pferd direkt in den Sonnenuntergang hinein gezogen wird. Schnitt.

 

Ein Storch gleitet an der tiefen, schon untergehenden Sonne vorbei, landet klappernd auf dem Nest und füttert liebevoll den hungrigen Storchennachwuchs. Schnitt.

 

Dann geht die Abendsonne glutrot unter, taucht in einen masurischen See ein und verglüht. Schnitt.

 

Ja, lieber Zuschauer, so ist Polen, heißt die Botschaft, die uns da vermittelt wird – in fast jedem Film. Ist polen so? Was stellen wir und als Zuschauer vor bei solchen Bildern? Polen? Na klar. Das ist Idylle pur, ein Land, in dem die Zeit stehen geblieben ist, ein Land, in dem die Menschen in abgeschiedenen Dörfern leben, von jeder Entwicklung abgeschnitten und bitterarm. Na was? Die Bilder lügen doch nicht! Nein, tun sie auch nicht, aber sie sind nur ein sehr kleiner Ausschnitt der Wirklichkeit. Ein Bild von der Dynamik, die in der Entwicklung dieses Landes steckt, zeigt sie nichts, auch nicht von den Brüchen, dem noch immer vorhandenen Stadt-Land-Gefälle. Auch nichts von der ungebremsten Kreativität der Polen oder von dem atemberaubenden Boom Warschaus und den rasend schnellen Veränderungen selbst in den kleinen Städten, genau wie den Entwicklungen in der Landwirtschaft, die man Polen so nicht zugetraut hätte.

 

Es ist wohl nicht spektakulär genug, über den wirklichen Alltag von Otto Normalverbraucher zu berichten, von den Brüchen in den Familien, in denen die Eltern im ländlichen oder kleinstädtischen Milieu leben, sehr katholisch geprägt und die Kinder in Warschau oder Posen studiert haben und in einer völlig anderen Welt leben. Sie finden sich kaum zurecht in dem hektischen Tempo, in dem sich die Wirtschaft entwickelt, so rasch und so stabil, dass sie Deutschland in weniger als zwei Jahrzehnten überholt haben wird. Diese Zusammenhänge werden selten dargestellt, sie sind unspektakulär und setzen beim Berichterstatter tieferes Verständnis und genaue Kenntnisse voraus.

 

Worum es mir geht, ist ein zutreffendes Bild des Landes zu zeichnen, aus dem man berichtet und das kommt nicht nur im Fall Polen allzu selten vor. Ob es im Ostseereport ist, wo es scheinbar so wichtig ist, über Typen zu berichten, die einer schräger sind, als der andere, ob es Reiseimpressionen sind, die das Landleben als Idylle darstellen. Ist Alltag nicht berichtenswert? Sind die Probleme im Alltag nur interessant, wenn Spektakuläres darin vorkommt?

 

Da hat eine ganze Zunft scheinbar vergessen, dass jeder Mensch der publiziert, also auch jeder Journalist eine ganz besondere Verantwortung trägt. Als Journalisten muss es uns einfach bewusst sein, dass die Bilder, die wir mit Kameras transportieren, oder durch unsere Texte entstehen lassen, einen großen Einfluss auf das Denken der Öffentlichkeit haben, auf Urteile und Vorurteile.

 

Zum Beispiel das Thema Islam. Da wird fröhlich und unbedarft Islam mit Islamismus vermischt, DER Islam – als ob die islamische Welt etwas völlig Monolithisches wäre – zu einer gewaltverherrlichenden Religion gemacht, jede Kopftuchträgerin zu einer unterdrückten Frau, jeder religiöse Muslim fast zwangsläufig zum Islamisten und potenziellen Terroristen.

 

Wir Journalisten tragen einen großen Teil der Mitschuld an solchen Bildern, immer auf der Suche nach dem Quote bringenden starken Bild, dem auflagenstarken Satz. Misstrauen Sie uns!

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