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Das Winterparadies

25 Mrz 11
Brigitte Jäger-Dabek
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Kalt war es ja schon seit einiger Zeit, Väterchen Frost war aus Russland gekommen und hatte Eiseskälte mitgebracht. Bald fror es so stark, dass den Männern die Bärte vereisten und einem der Atem gefror. Binnen weniger Tage trug das Eis auf Seen und Teichen, da war ein Knacken und Knistern im Eis und wir Kinder pranselten ungeduldig die Väter an. Endlich war es so weit, Rosemaries Vater Karl Zander hatte mit seinen Nachbarn das Eis einer genauen Prüfung unterzogen – es hielt, er gab den Ziegeleiteich wurde frei. In Windeseile waren die Kinder der Umgebung vollständig versammelt. Da wurden die Schlittschuhe angenuddelt und ab ging es aufs Eis. Zum Schliddern hatten sie mit Hilfe der Väter eine lange Bahn angelegt.

Nur Schnee, Schnee lag noch immer nicht, aber nach zwei bitterkalten Wochen stieg die Temperatur endlich ein wenig und der Himmel bezog sich zusehends.

Den ganzen Donnerstag hatte es schon nach Schnee gerochen, ein erster kalter Tag, der Himmel im fahlen Licht leicht verhangen. Am frühen Nachmittag fing es an zu beziehen und bald ließen finster sich zusammenballende Wolken die Dunkelheit früher hereinbrechen als sonst. Auch war noch vor der Schummerstunde Ostwind aufgekommen, der immer mehr auffrischte.

Das Thermometer sackte und sackte, zeigte bald strammen Frost an. Als es richtig dunkel war, tanzten die ersten dicken Schneeflocken im Wind. Immer heftiger schneite es und der heulende Wind peitschte den Schnee fast waagerecht vor sich her nach Westen- Stiemwetter.

Es stiemte und stiemte, kaum, dass man gegen den Schneesturm ankam, eine grauweiße prickelnd peitschende Wand stemmte sich einem entgegen.

Wie wohlig war es da in der warmen Stube am Fenster zu stehen und dem grauweißen Treiben zuzusehen. Weit reichte der Blick ja nicht, kaum bis zur andern Straßenseite, schon türmten sich kleine Wechten am Zaun auf.

Erst am Sonnabend wurde es gegen Abend ein bisschen leiser und beim Schlafengehen, als Ruhe im Haus einkehrte, gab auch das wilde Toben nach, das Heulen ebbte ab.

Am Sonntag beim Aufwachen hörte man dann: nichts. Der Stiem hatte aufgehört und die Schneedecke dämpfte alle Geräusche.

Was für ein Tag! Wie versöhnte solch ein Tag doch mit den vorangegangenen Unbilden des Wetters!

Vater Zander hatte schon vor dem Frühstück alles organisiert und bald wurde ein Ziegeleipferd vor den großen Schlitten gespannt. Alle wurden warm vermummt, heiße Steine in den Fußsäcken wärmten die Füße, Bergen von Decken, Fellen und Pelzen umhüllten die Passagiere und los ging es.

Die Straße war schon geräumt, und wir fuhren auf festgefahrener Schneedecke zwischen meterhohen Schneewänden wie durch einen Tunnel hinaus aufs Land in Richtung Drebolienen.

Das Land zierte und spreizte sich förmlich in seinem frischen, strahlend weißen Winterkleid, der eigenen Schönheit wohl bewusst. Gleißend funkelten die Schneekristalle im Sonnenlicht, eine meist noch unberührte Puderzuckerdecke lag über dem Land. Vorbei an den Espenteichen, deren Anfang und Ende man unter der dick überschneiten Eisdecke nur mehr erahnen konnte.

Wir fuhren und fuhren, konnten die großen Gehöfte dieser Gegend kaum erkennen, ob stattlicher Bauernhof ob unscheinbares Insthaus, kaum mehr als die Dächer war von ihnen zu sehen. Wie Schuppen, wie kleine Katen duckten sie sich unter der Last des Schnees, waren fast verschwunden unter meterhohen Schneewehen, verrieten sich nur durch die bräunlich weißen Rauchschwaden ihrer Kamine.

Die Bäume ächzten  und knarrten unter der Last des Schnees, jedes Lüftchen pustete das pulvrige Puder von den Ästen. Stille, nur das Traben des Pferdes und ab und zu ein Knacken im Unterholz, noch kaum Spuren im Schnee des Waldes. Grell weiß leuchtende Lichtungen im Wechsel mit dem schneehellen Schatten des Waldes. Am Ende des Waldes dann öffnete sich der Blick. Eine solche stille Weite, unzählige Schneekristalle brachten das Weiß zu diamantenem Funkeln- festlich glitzernde Winterrobe.

Um die nächste Biegung wieder ein ganz anderes Bild bei anderem Lichteinfall. Sanft gewellt und mattweiß schimmernd lag die Schneedecke majestätischem, weichem Hermelin ähnelnd unberührt da, noch ohne die geringsten Spuren, die solche Schönheit hätten stören können.

Über jeder Kuppe standen flirrende weiße Staubfahnen, jedes Bisschen Wind stiebte den trockenen Schnee wie die Gischt der Meere über die Höhen.

Zum Aufwärmen gab es dann in Drebolienen ein gemütliches Grogchen für die Männer, heiße Schokolade für Frauen und Kinder, Schinkenbrote natürlich für alle. Und dann nur weiter, weiter, heimwärts, die Tage waren kurz so mitten im Winter.

Bevor der Wintertag ganz in der Dämmerung versank, zauberte er einen Hauch von Rosa über die Landschaft, das rasch immer fahler wurde. Noch bevor die Sonne ganz untergegangen war, sah man den Mond an der anderen Himmelsseite blass aufgehen. Schnell wurde es dunkel, immer heller leuchteten Mond und Sterne vor immer dunklerem Himmel.

Es war eine dieser sternklaren Winternächte, voll hinreißender Klarheit, deren Erleben ein fast sinnliches Vergnügen ist. Wie lupenreine Brillanten funkelnde Sterne vor samtschwarzem Himmel. Matt beleuchtete das Firmament die fahlweiße fast silbrig schimmernde, frostig knisternde Winterlandschaft.

Und dann sah man schon die ersten Häuser der Stadt, bald tauchte Amalienhof auf, das heimelige gelbliche Licht des  kleinen Hauses, an der gewaltigen Rauchfahne sah man schon, dass Bertha gewaltig eingeheizt hatte.

Nur Bammelschlittchen war Rosemarie noch  nicht gefahren. Aber das machte ja nichts, denn nun fing der Winter ja erst richtig an. An sonnigen Tagen waren die Kinder aus Amalienhof nicht wegzukriegen, die Ziegelei, deren Leiter Rosemaries Vater Karl Zander war, blieb ihr kleine Winterwelt.

Selbst Väter wurden hier wieder zu Kindern, bauten an großen Schneeburgen und langen Rodelbahnen, besonders die lange Rodelbahn vom Ziegeleischuppen hinunter hatte es in sich. Was interessierten da die Wintervergnügungen der Großen?

Allenfalls wenn Tante Else mit ihrem samtenen blauen Eislaufkostüm auftauchte und Rosemarie einlud, konnte man sich ja mal breitschlagen lassen und mit in die Stadt gehen – aber eigentlich wirklich nur um die großzügige Tante bei Laune zu halten und ihr einen Gefallen zu tun.

Der Gawehnsche Teich im Stadtpark verwandelte sich nämlich winters in ein stimmungsvolles Eislaufzentrum. Da musste man nicht erst selbst den Schnee vom Eis schieben wie auf dem Ziegeeilteich, die gepflegten Eisflächen hatten schon etwas, gestand Rosemarie zu. Anfänger auf dem Eis sah man hier nicht, wer hierher kam und seine Künste der ganzen Stadt präsentierte, konnte Eis laufen und wollte gesehen werden, denn das Drumherum war hier nicht unwichtig.

Da gab es den Pavillon des Eisclubs, auf dessen Plattform zweimal die Woche eine Kapelle spielte, damit das geneigte Publikum auch zu Musik seine Kreise drehen konnte, dort fanden sogar regelmäßig Promenadenkonzerte statt. Und natürlich wurde auch für das leibliche Wohl gesorgt, vor allem für die Aufwärmerchen. Und genau das war es, was Rosemarie daran interessierte. Eine Tasse heiße Schokolade mit einem ordentlichen Klacks Schlagsahne darauf fiel dabei mindestens ab.

Und zugegeben, Tante Else machte keine schlechte Figur in ihrem Eislaufkostüm, sie hatte schon etwas von Sonja Henie, wenn sie ihre Kreise drehte. Na ja vielleicht nicht ganz, die Männer aber schienen das irgendwie auch zu finden.

Selbst an die Berufstätigen hatte man gedacht, abends war die Eisfläche beleuchtet und etliche Unentwegte blieben bis zum „Abklingern“ des Eislaufbetriebes. Für die ausgesprochenen Kunstläufer war eine Fläche direkt gegenüber dem Pavillon reserviert, so war für die Erheiterung der Pavillongäste gleich mitgesorgt.

Nebenbei bemerkt kostete dieses gepflegte Eislaufvergnügen natürlich Geld, eine Clubkarte des Eisclubs war ein beliebtes Weihnachtsgeschenk, vor allem für Heranwachsende, die gerade begannen, die Vorzüge des jeweils anderen Geschlechts zu entdecken. Aber so weit war Rosemarie noch nicht.

Das nächste Wochenende versprach nach dem Wetterbericht vom Königsberger Rundfunk wieder schön zu werden und so herrschte schon am zeitigen Sonntagmorgen geschäftiges Treiben in Amalienhof. Der große Schlitten für die Erwachsenen war hergerichtet, das Ziegeleipferd wurde herangeführt und angespannt. Der Braune verharrte stoisch im Gespann und ließ sich in seiner Ruhe nicht stören von den aufgeregten, durcheinander wirbelnden Kindern mit ihren Schlitten.

Da konnte Rosemarie betteln, den Vater umgarnen, heulen. Karl Zander blieb knallhart: nein! Sie durfte zwar mit, aber wir immer nur auf dem großen Schlitten der Erwachsenen. Muttiii, bitte, bitte, schniefte Rosemarie noch eine Weile herum, die Mutter auf Schritt und Tritt verfolgend. Es nützte nichts, nächstes Jahr vielleicht, dann bist Du schon größer, kam als Trost, ebenfalls wie immer.

Bammelschlittchenfahren war in der Insterburger Kinderwelt nämlich das Größte, wenn die Schlitten der Kinder an einer langen Leine am Schlitten der Erwachsenen festgemacht und vom gutmütigen Ziegeleipferd durch die Lande gezogen wurde.

Amalienhof lag damals noch am äußersten Rand der Stadt, über die verschneiten Lehmabbauten hinweg und am Strauchmühlenteich vorbei war man schnell in der winterlich weißen Unendlichkeit. Oder Richtung Heynehof, dort leitete Großvater Friedrich Zander die Ziegelei Heynehof. In dem kleinen Häuschen direkt an der Kleinbahnstation gab es noch kein fließendes Wasser aus dem Wasserhahn, dafür stand als Zugeständnis an erste Wünsche nach mehr Komfort, eine mächtige Wasserpumpe in der Küche.

Was Rosemarie zu sehr durchgefroren, wurde sie im großelterlichen Bett unter einem wahren Gebirge von Federbett, unübersehbar und Angst einflößend wieder auf Betriebstemperatur gebracht. Diese Beklemmung linderte nur die interessante Pappschachtel unter dem Bett, die einen Zuckerhut barg.

Gleich hinter dem Garten hielt die Insterburger Kleinbahn, kurz IKB, im Volksmund aber „ich kippe bald“ genannt. Fauchend und schnaufend stand der kleine Zug kaum zu sehen zwischen mächtigen Wänden geräumten Schnees. Ein bisschen verpusten musste die kleine Lokomotive, bevor sie das letzte Stück bis Insterburg in Angriff nahm.

Anna Zander, Rosemaries Mutter, hatte schon so einen Animus gehabt, was ihr Karl vorhatte, als dieser die Gesellschaft in Heynehof plötzlich zur Eile trieb, es würde schon bald dunkel werden und für die Kinder würde es nun doch zu kalt. Als sie die dampfende Kleinbahnlok hinter dem Zaun halten sah, roch sie den Braten endgültig. Also wirklich Karl, diese Unvernunft, wie oft hab’ ich Dich schon gebeten….

Ein kleines Wettrennen mit der Kleinbahn war tatsächlich immer eine schöne Abrundung eines rundherum angenehmen Tages für Karl Zander und seinen Freund Gottlieb Hinz, dessen Familie immer dabei war bei solchen Winterausflügen. Die ganze Rückfahrt von Heynehof bis nach Amalienhof, das ja schon fast in Sichtweite des Insterburger Kleinbahnhofes lag, hatte man die Kleinbahn oder zumindest ihre Rauchfahne im Blick.

Zischend schnaubte das Bahnchen grauweiße Wasserdampfwolken aus und hastete zwischen den Schneewänden entlang. Ein Schnalzen, ein Ruck mit den Zügeln, Hü Brauner, nun lauf doch. Das  Ziegeleipferd, ein behäbiger Brauner, wurde von Karl Zander und Gottlieb Hinz nachgerade zu Bestleistungen ermuntert. Doch der mit der Sturheit eines an ein bestimmtes Arbeitstempo gewöhnten Arbeitspferdes gesegnete Braune – vernünftiger als seine Kutscher – dachte gar nicht daran, über ein ihm genehmes Tempo hinauszugehen. Da half auch kein Locken mit Extrarationen, kein Flehen, kein Drohen. Vorsichtiges Peitschenknallen führte zu stechenden, eine drohendes Gewitter verheißende Blicken von Rosemaries Mutter.

Die Bammelschlittchen flogen über die verschneite Chaussee, die Kinder juchten, was hätte Rosemarie darum gegeben, dort hinten, am liebsten natürlich auf dem hintersten Schlitten zu sitzen, der immer so schön weit ausscherte.

Mehr als ein geschmeicheltes Unentschieden jedoch hatten Karl Zander und Gottlieb Hinz nicht aus ihrem Ross herausholen können, bevor sie in die Ziegelei  Amalienhof einbogen – wie immer. Anna Zanders Anflug von leichter Erbitterung hatte sich in süffisante Zufriedenheit aufgelöst, Pferde waren vernünftiger als Männer, sie hatten eben größere Köpfe.

Nächstes Jahr aber ganz bestimmt, da würde sie nicht lockerlassen und die Eltern beizeiten weich klopfen, so lange, bis sie endlich auch ihren Schlitten hinten anhängen durfte, nahm sich Rosemarie vor, ha, das wäre doch gelacht!

Doch es gab kein nächstes Mal mehr für Amalienhof, das Paradies wurde abgerissen. Bammelschlittchen fahren wurde zu Rosemaries unerfülltem Lebenstraum, dem sie bis heute nachhängt, mit einem speziellen, sich in der imaginären östlichen Weite verlierenden Blick, der alles westlich von Ostpreußen ausblendet.

Im Jahr darauf ging Großvater Zander in Rente, verließ das kleine Haus in Heynehof und zog in die Stadt. Die Ziegelei Amalienhof wurde geschlossen. Unrentabel hieß es, aber es wurden auch die Gelände der Lehmabbauten gebraucht für den Flugplatz und Wohnungen mussten gebaut werden.

Die Ziegelei wurde genauso abgerissen wie das kleine Haus, in dem Zanders lebten. Nichts ist mehr davon zu erkennen, neue, sogar recht ansehnliche Mietshäuser wurden gebaut, Volkswohnungen, wie man damals sagte. Nur wo der zugeschobene Teich einst war, lässt sich heute noch an einer Bodensenke erkennen.

Das Ende des Kinder-Winterparadieses war auch der Anfang vom Ende Insterburgs, wie sich später herausstellen sollte. Der Flugplatzbau markierte auch hier unübersehbar den beginn einer neuen Zeit, den beginn des großen Rüstens für den Krieg. Von hier wurde zuerst gegen Polen geflogen, dann gegen die Sowjetunion, was zur Folge hatte, das diese Stadt heute Tschernjachowsk heißt.

Die Kunst des Nötigens

25 Mrz 11
Brigitte Jäger-Dabek

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Wenn Ostpreußen einen Esstisch käuflich erwarben, wurden bei der Wahl des richtigen Möbels besondere Qualitätsmaßstäbe angesetzt. Natürlich, ausziehbar musste das gute Stück sein, damit genügend Gäste daran Platz fanden. Vor allem aber musste es stabil sein. Kurz: auszuzeichnen hatte den Esstisch einer ostpreußischen Familie eine ganz außerordentliche Tragfähigkeit, denn er hatte weit größere Lasten zu tragen, als das Esstische in anderen Landstrichen mussten.

Einen solchen Tisch besaßen auch die Großeltern, gewaltig ausziehbar, enorm tragfähig und so solide, dass der vollgestopfte Gast sich schließlich noch gefahrlos beim Aufstehen am äußersten ausgezogenen Ende abstützen konnte. Dieser Tisch war – wie in jeder ostpreußischen Familie – der Mittelpunkt des Lebens.

Großmutter war die fleischgewordene ostpreußische Gastlichkeit. Keine Feier, ohne dass sich die Tische gefährlich bogen unter der Last der Speisen und Getränke. Bei jedem Gastmahl wurde gebacken, gekocht, gebraten und aufgefahren, als ob ganze Völkerstämme das Haus heimsuchen würden und nicht etwa nur die üblichen Geburtstagsgäste kämen.

Wie über all in Ostpreußen gehörte für Großmutter und Großvater zu einem ordentlichen Gastmahl die Kunst des richtigen Nötigens, und: sie waren Meister in diesem Fach, dabei war diese Kunst weit diffiziler als man es sich landläufig so vorstellen möchte.

Das Nötigen war nämlich ein Brauch, der ablief, als ob die Beteiligten Akteure eines gut inszenierten Dramas waren,  das sich nach einem Drehbuch abspulte, welches nach allen Regeln guter Dramaturgie aufgebaut war. Nur in der Ausgestaltung der eigenen Rolle gab es einige kleinere darstellerische Freiheiten.

Da reichte es keinesfalls, wie es in anderen Landstrichen der Brauch war, einfach mit einladender Geste aufzufordern „na bitteschön, legen Sie sich doch nach“ oder vielleicht noch schlichter wie in Norddeutschland üblich „nehmen Sie doch hin“.

Nein, das Nötigen war ein komplizierter, feingesponnener Ritus, dem jeweiligen Anlass der Bewirtung angemessen, sonst hätte vor allem Großvater keinen Spaß daran gehabt.

Saß nur die engste Familie am Tisch, ging es zwar auch nicht ganz ohne Nötigen, aber ein verschmitztes „eß man eß und lass dir nich netigen“ genügte, wobei Großvater es so betonte, dass auch der Übelwollendste noch erkennen musste, dass ihm die korrekte Verwendung von Dir und Dich durchaus geläufig war.

Mit zunehmender Bedeutung der Gäste oder auch des Anlasses wurde das Nötigen subtiler, Großmutter und Großvater beherrschten die feinen Nuancen und schienen sich jedes Mal so recht darauf zu freuen – vorausgesetzt, die Gäste verhielten sich den SpielRegeln gemäß.

Wer die Regeln nämlich nicht befolgte, wer das Spiel nicht mitspielte, der verdarb Großvater den Spaß, das betrachtete er als ungehörig. Ein Gast, der sich entweder nicht gebührend zierte, oder sich nicht bis kurz vor der Übelkeit vollprimsen ließ wie eine Stopfgans, hatte einfach keine Kultur.

Wie in jedem Haus guter ostpreußischer Gastlichkeit wäre auch bei Großmutter und Großvater kein Gast je auf die Idee gekommen, sich einfach selbst nachzulegen. Hatte er eine nach Großvaters Ansicht auch nur halbwegs brauchbare Erziehung genossen, wartete er, dazu aufgefordert, eben genötigt zu werden. Bei Großmutter allerdings musste er darauf nicht warten, denn sie war eine aufmerksame Gastgeberin, und da kam es ja überhaupt nicht vor, dass ein Teller leer wurde.

Die Einstiegsregel lautete bei diesem Ritual nämlich, dass das Nötigen gefälligst zu beginnen hatte, wenn irgend etwas auf irgendeinem Teller auch nur zur Hälfte verzehrt war.

„Na bittescheen, nimm noch Rotkohl und Sie, nehmen Se doch noch Kartoffeln. Genieren Se sich man nich, draußen in der Küche ist ja noch viiiiel mehr, es soll doch man bloß nich kalt werden,“ rief Großmutter eindringlich in das geschäftige Besteckgeklapper hinein, das war ihre Standard-Einstiegsvariante.

Von den Gästen fast unbemerkt, hatte sie ihr unsichtbares Geflecht über die Tafel gezogen und beherrschte die Gesellschaft von nun an souverän an den Fäden ziehend. Sie gab nun keine Ruhe mehr und sorgte dafür, dass Schüsseln und Fleischplatten ständig kreisten.

Großmutters Augen wanderten flink über die Tafel, sie wirkte dann immer ein wenig wie ein mit Überblick in größerer Höhe kreisender Habicht, der im entscheidenden Moment zustieß. „Ach Gott, ach Gott, Ihnen schmeckt ja wohl auch gar nich. Sie essen ja wie e Spatz“ attackierte sie den ersten ausgemachten säumigen Esser.

In jedem Fall erwartete sie jetzt vom Gast einen energischen Protest etwa dieser Art: „aber i wo nei doch, es schmeckt ganz ausgezeichnet!“

Wehe aber, der Gast unterbrach den Fortgang des Nötigens, indem er einfach nichts entgegnete, weil es ihm vielleicht wirklich nicht so besonders schmeckte! Das war natürlich ein grober Verstoß gegen den Verhaltenskodex und ein nachgerade unentschuldbarer Fauxpas. Er mochte ja denken, was er wollte, der werte Gast, aber einfach nuscht sagen?

Ich erwähne diese Möglichkeit auch nur der Vollständigkeit halber, denn so etwas kam ja allenfalls bei zugereisten Gästen vor, die ostpreußische Gepflogenheiten nicht kannten und daher entschuldigt waren, sonst höchstens unter Verwandten, die sich nicht grün waren, bei Großmutter aber natürlich gar nicht.

Nun könnte man wiederum erschöpfende, langwierige Überlegungen anstellen, warum solches bei Großmutter nicht vorkam, ob sie so gut kochte, den Geschmack der Gäste meist traf, etwa keine böswilligen Verwandten hatte, oder ob sie solche einfach nur nicht einlud, aber das würde jetzt zu weit vom Thema abführen und wäre schon wieder eine andere Geschichte.

Bleiben wir also beim Nötigen, wir sind uns also einig, ein wohl erzogener Gast tat so etwas nicht, er spielte seinen Part gemäß ungeschriebenem Drehbuch, sonst riskierte er nämlich, dass Großmutter einschnappte, mucksch wurde und Großvater sein Haus als entehrt betrachtete. Bei all der Mühe konnten sie ja wohl erwarten, dass der Gast wenigstens anstandshalber log!

Verhielt sich aber jeder der Gäste den Spielregeln entsprechend, konnte Großmutter um eine Stufe steigern. „Nun bittescheen, nehmen Se doch um Gottes Willen, das muss alles aufgegessen werden, was soll ich denn machen, das wird mir ja alles schlecht,“ appellierte sie verzweifelt an das Verantwortungsbewusstsein der Gäste. Ihr Gesichtsausdruck wurde weinerlich, sie flehte, blickte klagend zum Himmel und rang die Hände. Mit schicksalsergebenen Blick – daran wollte man ja nun wirklich nicht Schuld sein, Lebensmittel ließ man einfach nicht verderben – bekam die Besucherschar die Teller noch einmal vollgeschöpft. Großmutter ließ nach kleinen Anstandspausen, in denen die Tafelnden die Gelegenheit hatten, den Teller etwas zu leeren, nun nicht mehr locker.

„Am End wird mir noch alles verderben, nu tun Se mir doch die Liebe und kosten Se wenigstens von der Ente noch e kleines Happche,“ und schon landete die nächste garantiert randvolle Fleischplatte unter der Nase des normalerweise längst nach Luft schnappenden Gastes, der sein Bestes gab.

 

Übrigens: wegen einer gewissen bestehenden Vorliebe behaupteten boshafte Gemüter schon vor hundert Jahren, die Familie bekäme eine Ente als Wappenvogel, sollte sie jemals in den Adelsstand erhoben werden. Doch zurück zu unserem Festmahl.

Rotwangig, leicht derangiert, manchmal sogar etwas zerpliesert und fast aufgelöst wirkte Großmutter in ihrem Bemühen, für ständig randvolle Teller zu sorgen. Ihre Verzweiflung wuchs proportional zum abnehmenden Esstempo der Gäste, und steigerte sich so weit, dass man erwatete, sie würde sich jeden Moment vor Gram die Kleider einreißen.

Nichtsdestoweniger war irgendwann der Moment gekommen, an dem der hochgeschätzte Gast nur noch matt abwinkte, während seine Hautfarbe ständig von leichenblass nach knallrot und wieder zurück wechselte und er das Würgen eben noch vermeidendend, konzentriert kaute und sorgfältig schluckte. Trotz aller Mühe, die sich die Gäste an Großmutters Tisch gaben, nie ist es auch nur einem gelungen, von allem wenigstens einmal zu probieren. Nun halfen auch alle Kampf-dem-Verderb-Appelle nicht mehr.

Der Bewirtete hatte längst nur noch den einen Wunsch: durchzuhalten, bis Großvater seinen Part übernahm und endlich, endlich das erste Schnäpschen zur Verdauung anbot, nachdem sich sein Part bisher darauf beschränkte hatte, den Gästen gelegentlich von dem schweren Rotwein oder je nachdem auch etwas Bier nachzuschenken.

Diesen Moment, wenn der Gast nach Luft schnappte, wie ein Karpfen auf dem Trockenen, galt es für den listig lächelnden Großvater abzupassen, der schon eine ganze Zeit mit vor Vorfreude roten Wangen an seiner Serviette genestelt hatte und nun endlich aufsprang.

„Vielleicht e Schlubberche zum Nachspülen,“ fragte er freundlich und erwartungsvoll in die Runde blickend. Gott sei Dank lehnte selten jemand ab, selbst die Damen nahmen ihm dankbar ein Danziger Goldwasser oder einen Meschkinnes ab.

Großvater lief nun schon im eigenen Interesse zur Hochform auf: „na, auf einem Beinche kann man doch nicht stehen,“ und schwups, waren die Gläser wieder voll. Die Höflichkeit gebot es natürlich, dass der Herr des Hauses mittrank, er opferte sich meist aber ganz willig und schon ging es weiter: „ aller guten Dinge sind drei!“

Dann folgte noch ein freundliches auch an die Damenwelt gerichtetes „vielleicht noch ein kleines Helferchen für den Magen und die gute Verdauung gefällig?“ Langsam, fast unmerklich ging das Festmahl in ein Gelage über. Die Erfahrung sagte Großvater, dass er die bei Tisch versammelten weiblichen Gäste nun besser nicht mehr ansprach, geschweige denn weiter nötigte, weil eine nach der anderen begann, etwas besorgt drein zu schauen, was sich bei manchen, der anwesenden Frauen im Laufe des Abends bis zu einer gewissen Verbitterung steigerte, je nach Zustand des Ehemanns.

Anschließend folgte eine Runde „auf das sehr geehrte des Gastes“, dann eine auf Großmutter die Hausfrau, die werten Gattinnen der Gäste, die lieben Kinderchen, Eltern, Großeltern und weitere bedeutende lebende oder verstorbene Verwandte, später folgte noch der Kaiser oder die sonstige Obrigkeit, Vereinsvorsitzende und alles, was ihm sonst noch so an Ausreden einfiel. Ach ja,  zwischendurch und ganz ohne weiteren Trink- oder Segensspruch brauchte man manchmal auch noch ein von allen Gästen ohne Widerspruch gern genommenes Klammerchen zwischen zwei Bierchen.

So ging es weiter, bis kurz vor dem Vollrausch niemandem mehr auch nur noch irgendetwas einfiel – ein rundum gelungener Abend.

Großvater erwartete dann bei der Verabschiedung seiner Gäste von diesen die gleiche Formel zu hören, die er selbst bei solch einer Gelegenheit anwendete, sofern ihm die Bewirtung passabel erschienen war: „vielen Dank für Speis’ und Trank, es war gut und einigermaßen reichlich“.

In Fällen in denen die Gastlichkeit aber zu wünschen übrig gelassen hatte klagte nicht nur er daheim „ so weit ging ja, ist man aber bloß nicht genügend genötigt worden“. Einem Verriss jedoch kam es gleich, wenn er meinte „ich hätt’ ja gern noch mehr genommen, es hat aber keiner mehr genötigt“. Das konnte Gästen in seinem Hause natürlich nicht passieren.

Zumindest sorgte er ja immer dafür, dass seine Gäste nicht verdursteten, einem guten Essen hatte ein gemäßigtes Besäufnis zu folgen, – sozusagen in allen Ehren – am besten war es da natürlich, Menschen zu Gast zu haben, die man schon ein wenig kannte, mit denen konnte man sich gepflegt die Schlorren vollkippen,  beziehungsweise die Lampe begießen.

Jeder Ostpreuße, nicht nur Großvater, hatte ja auch immer eine gute Ausrede, wenn er beschwiemt oder gar voll im Stiem nach Hause kam: “was is ze machen, wenn das Nötigen kein Ende nahm!“

Überhaupt, für die Großeltern dauerte ein gelungenes größeres Familienfest – und das fing schon bei einem runden Geburtstag an – eigentlich drei Tage und genauso lange brauchte man auch, um sich wieder davon zu erholen, getreu dem Motto: nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen.

 

Da habe ich gewaltig übertrieben was das Nötigen und diese gewisse Tendenz zur barocken Völlerei betrifft? Meinen Sie! Aber ich bitte Sie, da hätten sie erst mal Tante Dita oder gar Tante Gertrud kennen sollen!

Schummerstund oder: Aus einer anderen Zeit

25 Mrz 11
Brigitte Jäger-Dabek
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Sie ist schmal geworden, füllt den kleinen Sessel nicht mehr aus. Auch ist ihr Haar grau geworden, stumpf und ohne Glanz, kein Zweifel, sie ist alt geworden.

Ach ich liebte diese ausgedehnten Kaffeestunden bei ihr. Zum Kaffee hatte sie schnell ihre köstlichen kleinen Flinschen gebacken, nach denen nun die ganze Wohnung duftet. Sie lehnt sich zurück, verschränkt die Arme vor der immer noch mächtigen Brust.

„Vielleicht schenkst noch mal nach,“ bittet sie mich, und ich stehe ohne Hektik auf, gehe in die Küche nebenan, ziehe die Kaffeekanne aus der Maschine, kehre zurück in ihr großes, hohes Wohnzimmer, und gieße den restlichen Kaffee in die Tassen, nur nicht durch Eile die Atmosphäre zerstören.

Zufrieden wirkt sie und ganz eins mit sich, strahlt die gelassene Ruhe eines langen Lebens aus, in dem alles seine Zeit hatte. Es ist Herbst, die Dämmerung kommt früh, schon sind kaum mehr die Konturen der Möbel auszumachen und bald löst sich alles in einem immer dunkler werdenden Grau auf.

Nun ist Schummerstund, die traditionelle ostpreußische Erzählzeit zwischen Tag und Nacht, die jetzt im November Stunden dauert. Nur jetzt kein Licht machen, nach keiner Kerze verlangen, kein noch so kleiner Lichtschein soll den Zauber stören, in dem sie die Erinnerung auf Wanderschaft schickt.

Es ist ganz still im Haus, nur das Ticken der vier Uhren ist zu hören und wir haben die Muße miteinander zu schweigen, wenn die zunehmende Dunkelheit das heute, hier und jetzt aussperrt. Ich warte geduldig, bis sie beginnt.

Langsam verliert sich ihr Blick im letzten Dämmerschein im Unendlichen. Dann träumt sie sich hinweg, zurück in längst vergangene Zeiten und die eindringliche Kraft ihrer Worte und diese ganz besondere Stimmung, die alles Reale ausblendet, trägt mich mit ihr hinfort. Nie erzählt sie in der Schummerstund von Krieg, Flucht und der polnischen Zeit, das tat sie wenn es hell war. Die Schummerstund, die gehörte ausschließlich ihrer Kindheit.

Immer lebendiger sprudelt die Erinnerung aus ihr heraus, selten, möglichst selten unterbreche ich sie dann mit einer Rückfrage, will den Zauber nicht zerstören.

Die Zeit steht still, ist ausgelöscht, wenn sie zurückkehrt in ihre Jugendjahre nach Bertung und mich mitnimmt in die anheimelnde Welt ihrer Kindheit, in der Böses keinen Platz hat, die gerecht ist mit einer festen Hierarchie. Nach Gott kam in Bertung der Pfarrer und dann der Vater, streng, aber Hort der Sicherheit, nichts konnte passieren, so lange er wachte.

Bertung, nur gut zehn Kilometer von Allenstein entfernt, da war sie geboren und aufgewachsen, kein anderer Ort erreichte für sie je den Zauber, die Vertrautheit ihres Heimatdorfes. Jedes Wort ihres Erzählens kündete von der Geborgenheit dieser kleinen überschaubaren Welt, noch getragen vom Urvertrauen der Kinderjahre, lange vor den Katastrophen des letzten Jahrhunderts.

Ich habe ihn ja selbst noch gekannt, den alten Blackschen Hof auf dem Abbau hoch über dem Dorf. Ein Geviert von Stall, Schuppen und dem schon damals alten, ziegelgedeckten hellen Holzhaus, hin­ter dem sich ein richtiger Bauerngarten anschloss. Wunderbare Obst­bäume reihten sich hinter den Kü­chenkräu­tern und Blumen, die in Hausnähe wuchsen, ordentlich auf.

Rundum war der Hof von den Bäumen eines kleinen Mischwal­des geschützt, die Zufahrt verlief wie durch eine kleine Allee, ein Stückchen weiter unten lag der eigene Teich.

Einen freien, weiten Blick hatte man dort oben, über den Teich hinweg sah man die Türme Allensteins im Dunst liegen. Zur an­deren Seite hin, ein paar hundert Meter weiter zerschnitt die Ei­senbahnlinie Hohenstein – Allenstein in neuerer Zeit das Black­sche Land, weit jenseits lag ihr Wirtschaftswald. Alles in allem ein stattliches Anwesen.

Eine einsame Landschaft, hingehaucht in die Moränenhügel zwischen der Chaussee und Allenstein, rundliche Gelassenheit ausstrahlend und dennoch mit Raum zur Entfaltung. Nichts Irdisches begrenzte den Blick dort droben, wo der Himmel so nah erschien, dass man die mit dem stetigen Sommerwind vorbeiziehenden weißen Wolkenberge meinte berühren zu können.

Gleichmütig wogten die Kornfelder, eingerahmt von strahlender Farbigkeit, ein Gezirpe, eine intensiv leuchtende Vielfalt mit den Höhepunkten, die das Ganze wie eine Klammer zu einem Gemälde vereinen: das tiefe Kirschrot des Klatschmohns und die königsblau leuchtenden Kornblumen, rot wie die Sonnenglut und tiefblau wie der Himmel. Der staubige Weg mündete in die kleine Allee der Hofzufahrt, deren Bäume leise raschelten.

Sie liebte diese Abgeschiedenheit auf dem Abbau. „Das war nuscht, so mitten im Dorf, wo einem jeder fast in die Töpfe gucken konnte – und wer kam, der stand ohne Vorwarnung in der Diele. Nei, auf dem Abbau konntst jeden von weitem sehen. Weißt, ich liebte nich so klötern, wenn im Dorf einer hinter dem anderen herschlabberte,“ hatte sie mir das mal erklärt.

Fast immer, wenn sie zur Schummerstund von Bertung erzählte, durchstreifte ihre Erinnerung nicht kleine Episoden, sondern einen ganzen Tag. So, wie diesen Erntetag, den letzten, nur noch dieser eine harte Tag, dann war alles eingebracht. Lange, lange war es trocken gewesen und sie hatten gebetet, dass es ihnen gelingen möge, dass das Wetter durchhielte, bis das Korn unter Dach war.

„Weißt,“ begann sie zu erzählen, „Erntezeit, das hieß ja immer besonders früh aufstehen, ach, und ich schlief doch so gerne, hatt´ reinweg nie ausgeschlafen. Dann sprang ich schnell aus dem Bett, lief in die hinterste Kammer, und verkroch mich im Bett der Schwester. Bloß kannte die Mutter das Spielchen ja nu auch schon und hat mich bald geschichert.

Und weil es schon jetzt, so früh morgens nach Gewitter schmeckte, die Luft so schwer war und jede Hand gebraucht wurde, bekam ich einen Mutzkopp. ‚Herr je, Dir wird´ich helfen! Ihr seid immer so vorsichtig mit der Arbeit,’ schimpfte die Mutter.

Ja, es sah nicht gut aus, die Männer waren schon aufs Feld gefahren, knapp, dass sie etwas gefrühstückt hatten. Wie im Galopp mussten wir Merjellens das Vieh beschicken, Schweinen und dem Federvieh das Futter richten und am Ende ausmisten.

Die Mutter war schon dabei, Kleinmittag und Mittag vorzubereiten, alles musste doch früher fertig sein als sonst, weil wir es ja zu den Leuten tragen mussten. Weißt, das ging alles schnell, schnell, und weg waren wir, Essen und Trinken aufs Feld zu bringen.

Keiner hatte heut´ Zeit zum Verpusten, obwohl so heiß und schwül war, dass kaum aushalten konntst, zum Trinken konnten wir kaum so viel anschleppen, wie sie brauchten. Es war ja knochentrocken, hatte lange bei großer Hitze nicht geregnet, der Boden war vor Staubwolken kaum zu sehen, das Korn, weißt, die Halme, die raschelten richtig vor Trockenheit.

Ja, und dann blieben auch wir Mädchen  auf dem Feld, weißt, ich liebte doch die Feldarbeit nicht, nei, ich war nicht für die Bauerei, geh mir mit Rüben hacken und so was, lieber war ich im Haus, am besten war mir aber im Garten. Dann träumt ich immer vom Sonntag, so nach dem Mittagessen, wenn dann alles gespült war, dann konnt´ ich mir eine Decke schnappen, und mich im Gar­ten in den Schatten der Obstbäume legen….

Aber an jenem Tag, das mussten wir anpacken, wie Männer. Nach den Butterbroten und dem heißen Kaffee aus der Kruck ging´s gleich weiter. Gleichmäßig sausten die Sensen durchs Korn, die Männer mähten in Kolonnen und der Schweiß floss in Strömen.

Wir Frauen und Mädchen banden mit Strohbüscheln die Garben und stellten sie zu Hocken. Ach weißt, das war uns ja schwere Arbeit, aber trotzdem haben wir viel gelacht und immer viel Spaß gehabt. Bloß an dem Tag verstand der Vater nicht viel Spaß und berief uns aus einer Tour, denn schon bald nach Mittag kickte er immer so zum Himmel und beeilte uns ‚nu schlabbert nich rum, womöglich kommt Gewitter, schnell, schnell, wir müssen fertig werden.’

Immer wieder schaute der Vater prüfend zum Himmel, der am Vormittag noch tiefblau war. Gegen Kleinmittag waren die ersten weißen Pustewolken gekommen, aber sonst war noch nuscht zu sehen.

Ein paar Erntehelfer hatte der Vater ja auch immer geholt, na da half ja einer dem anderen bei uns im Dorf. Und immer so vier von den Männern wuchteten die Garben auf den Leiterwagen. Ja Du, das war eine Kunst für sich, die Fuder richtig zu laden, damit das nachher auf dem Hof auch fix in die Scheune ging.

Und dann rollte das erste Fuder ab zum Hof, so hoch beladen, dass die Räder, die auf dem losen Sand einsanken, kaum zu sehen waren, ganze Büschel von goldgelben Halmen hingen herunter, quollen über. Ein Zungenschnalzen und gemächlich trotteten die Braunen ab, weißt, die fanden ja ihren Weg alleine zurück, die zog´s ja nach dem Stall.

Ach, es war sengend heiß an dem Tag und das noch nicht gemähte Getreide wiegte sich schwer im Wind, der war so heiß, zog alle Feuchtigkeit aus der Erde und ließ die Erdkruste aufbrechen. Und so um Mittag wurde es brütend schwer, aus den kleinen Pustewolken waren richtige Gebirge geworden, die mit dem Wind über den Himmel zogen.

Wenn der Wagen auf dem Hof an der Scheune ankam, wurden sie schon mit frischem Wasser aus dem Brunnen erwartet, denn der Sommerwind zehrte und machte so durstig, Mensch und Pferd wollten nur trinken, trinken. Dann stakten sie die Fuder leer und stemmten sie wohlgepackt unters Dach der Scheune und schon ging´s wieder hinaus.

Na ja und dann sahen wir es ja langsam alle selber, die Wolken fingen an so komisch sich aufzuballen. Ach Gott, ach Gott, ein Gewitter, ausgerechnet am letzten Erntetag, alle bangten nun, ob die Zeit reichen würde.

In fliegender Hast, schnell, schnell, die letzte Strecke gemäht, gebunden und in rasender Eile auf den Wagen gewuchtet. Schon türmten sich die Wolken grau und der blaue Himmel veränderte sich immer mehr in Richtung lila.

Schnell sammelten wir alle unsere Siebensachen zusammen und liefen und liefen. Nur rechtzeitig nach Hause kommen. Hektisch wurde das letzte Fuder abgeladen, die Männer überschlugen sich vor Eile und alle Hände halfen mit. Schwarzgraue böse Pustebacken türmten sich bald gewaltig vor lilagrauen Wolken und schon grummelte es los.

Wir Frauen und Mädchen schlossen alle Fenster, Luken und Türen, schicherten das Federvieh hinein. Dann krachte der Donner los, Blitze zuckten. Du, das hatte alles so eine ganz andere, so eine elementare Gewalt da oben, ganz, ganz anders als in der Stadt. War ja auch gefährlicher so weit oben, da schlug der Blitz eher ein, als  im Dorf.

Der Wind legte zu, bis ein richtiger Sturm alles, was nicht fest gemacht war, wirbelnd vor sich hertreibend über das Land fegte. Wir drängten alle ins Haus, denn schon fielen die ersten dicken Tropfen, noch zögernd, bald prasselnd, bis es ein Wolkenbruch war. Da kamst ut de Angst nich rut, im Sommer das Gewitter, im Win­ter de Schul‘. Bei Gewitter versammelte sich ja immer die ganze Fami­lie um den Tisch und betete, die Ta­sche mit den wichtigsten Papieren hatte der Vater zu Füßen. Immer war da die Angst, dass der Blitz einschlägt, da hätte doch alles wie Zunder gebrannt.

Der Vater blickte besorgt nach den Blitzen, wir zählten still mit, fünf, sechs, sieben, bis zum nächsten donnernden Schlag, Gott sei dank, nicht so dicht. So saßen wir in der Runde, die Mutter betete laut vor: Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt’ für uns arme Sünder, jetzt und in der Stunde…, da fuhr ein ohrenbetäubender Knall und gleich darauf ein ganz nahes Krachen ins Gebet, augenblicklich gefolgt von einem dröhnenden Donnerschlag.

Ganz fahl war die Mutter im Nu, ‚Jesus, es hat eingeschlagen.’ Mit schreckgeweiteten Augen liefen wir zum Fenster, kreischten aufgeregt durcheinander, der Vater war schon draußen, schauen, was passiert war. Wir wollten natürlich alle hinterher, aber die Mutter hielt uns zurück: ‚Hier geblieben, ihr bleibt drinnen.’

Na mehr als vielleicht höchstens zwei, drei Minuten waren nicht vergangen, auch wenn uns das wie eine Ewigkeit vorkam, bis der Vater wieder da war. Klatschnass und außer Atem kommandierte er in knappen Worten, alle bleiben drin, ist zu gefährlich draußen, ich pass von der Tür aus auf, ist nicht so schlimm, wie ich dachte.’

Dann kam er langsam zu Atem und erzählte, was passiert war. Der Blitz war in die hinterste Birke gefahren und hatte sie bis zur untersten Astgabelung der Länge nach gespalten. Die untere Hälfte war mehr an, als auf den Stall gekracht. ‚Na ist aber nicht so schlimm und der Baum brennt auch nicht, ist kein großer Schaden,’ sagte der Vater, und wir sahen seine Erleichterung.

Die Mutter war überzeugt, nur die Gebete hätten uns bewahrt und sprach eine Reihe von Dankgebeten. Na glaub man, wir stimmten aber immer noch ganz erschreckt und ganz erleichtert ein. Das ging ja ganz schnell, wenn der Blitz einschlug und ein Dach Feuer fing, gab doch keine Rettung. Zwar war da der Teich, aber wie sich Rat geben? Bis die Feuerwehr vom Dorf kam, war alles zu spät. Da hatten wir wirklich große Angst vor Gewitter.

Aber bald war alles vorbei an diesem Tag, das Gewitter verzog sich. Und dann ging immer ganz schnell bei uns. Die Sonne brach durch und strahlte bald wieder, als ob nichts gewesen wäre über dem dampfenden Land.

Klar war die Luft dann, frisch und rein, und das Wasser versickerte rasch. Dreimal schütteln wie ein junger Hund, fort war die Nässe, der Sommer konnte weiter gehen. Nach ein paar Stunden schon keine Spur mehr vom Gewitter, die Pfützen waren längst versickert, alle Nässe gierig aufgenommen von dem dürstenden Land.

Nur ein paar Rinnen sahst dann, wo eben noch Sturzbäche waren, das verdunstete wie auf einem heißen Stein. Am längsten hielt sich die Feuchtigkeit noch unter den Chausseebäumen und auf den Sommerwegen der Alleen.

Der Vater inspizierte Haus, Scheune und Stall, räumte mit den Erntehelfern, die noch da waren den Birkenstamm weg. In Nullkommanichts waren die Wege wieder staubtrocken und jeder Schritt wirbelte kleine Wolken auf, aber um so strahlender war das Bunt am Wegesrand, wo Gebüsch und Blumenstreifen die Felder einrahmten.

Ja, stellten wir dankbar fest, Glück hatten wir gehabt und einen ganz besonders fürsorglichen Schutzengel. Nur unser Garten, der hatte gelitten und sah nun etwas zerzaust aus, der Gewittersturm war da gewaltig durchgegangen. Äh, geh,  wenn das alles war?“

Dann versiegten die Worte, ein Weilchen war Stille im dunklen Wohnzimmer

„Ja so war das damals“ sagte sie dann meist recht abrupt, stand auf und schaltete das Licht an, weil es ja längst völlig dunkel geworden war. „So war das und jetzt huck ich immer noch inne Polska“. Das war dann das untrügliche Zeichen, dass nun genug des Erzählens war, es war Abend geworden, die Schummerstund war vergangen und der ganz besondere Zauber dieser Erzählzeit gebrochen.

Mit ihren Beschwörungen, dass ein Brand die größte Gefahr für den Hof darstellte, behielt sie recht. Er brannte ab, nicht durch einen Blitzschlag, es war die Neuzeit, denn ein Stromschlag war der Auslöser.

Nie kam man auf den Gedanken, dass auch ihre Uhr in absehbarer Zeit ablaufen könnte, obwohl sie weit über achtzig war. Aber sie ist gestorben, an einem ersten Februar, dem Tag am dem Ihre Mutter 1945 von den Russen erschossen worden war. Sie, die vor Leben immer nur so strotzte.

Sie war keine Kuscheloma,  mit der man schmuste und die mit Koseworten streichelte. In ihrer ruhigen Verlässlichkeit und ihrer spröden Herzlichkeit aber fand ich mich geborgen und vorbehaltlos angenommen.

Sie gab mir einen Ort, von dem ich sagen konnte „hier gehöre auch ich dazu“, und ihre Erzählungen bezogen mich mit ein in dieses gemeinsame Gefühl: Heimat.

Der längst abgebrannte Hof auf dem Abbau in Bertung, das war für mich Ostpreußen, und sie war meine ganz persönliche Mutter Ostpreußen.

Ja, und fragen, fragen kann ich sie nun auch nichts mehr. Die Bilder der Schummerstund aber leben weiter in mir.

Daheim frühstückten wir Pfirsiche-Als Rumäniendeutsche in Ostpreußen

28 Sep 10
Brigitte Jäger-Dabek
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Willy Zander war kein Sonntagskind, keiner von der Sorte Mensch, der alles zufällt im Leben und der immer die Sonne lacht. Eigentlich wirkte er immer etwas verbiestert und im Leben zu kurz gekommen, besonders seit seine erste Ehe gescheitert war.

Ihn so aufgeräumt zu sehen wie an diesem Tag war selten und wurde in seiner Familie schon fast rot im Kalender angestrichen. Rosemarie, seiner Nichte fiel sofort auf, dass die Stimmung anders war, als sie im Sommer 1937 wie alle paar Tage auf einen Sprung zur Großmutter herein schaute, bei der Willy Zander seit seiner Scheidung lebte.

Verlockend bei diesen doch relativ häufigen Besuchen war natürlich der Weg durch die Bäckereifiliale von Onkel Georg, die unten im Haus war, meistens fiel ja eine süße Kleinigkeit ab.

Teenager haben ja einen besonders feinen Sinn für Atmosphärisches und bekommen sowieso mehr mit, als die Erwachsenen meinen, das war in den 30er Jahren in Ostpreußen nicht anders als heute.

Rosemarie bemerkte sofort die flatternde Aufgeregtheit der Onkel und Tanten, das Bemühtsein einen guten Eindruck zu machen. Es knisterte und Rosemarie ahnte rasch den Zweck des Besuches, sah Onkel Willy leicht schwitzend um eine junge Frau herum tanzen, sah Onkel Georg seinen ganzen Charme versprühen. War das etwa der Vorstellungsbesuch einer Ehekandidatin? Ja, das war es, fand Rosemarie, genau das musste es sein, das musste Onkel Willys künftige Frau sein. Die Situation hatte etwas Komisches, als ob die geballte Familie Onkel Willy mit vereinten Kräften aufs Pferd helfen wollte. Nun wurden alle Register gezogen. Onkel Georg holte das Auto und man machte einen Ausflug nach Drebolienen zum Kaffeetrinken. Rosemarie ließ sich nicht lange bitten, rief zu Hause an und sagte Bescheid. Das war spannend, um nichts in der Welt wollte sie sich das entgehen lassen.

Rosemarie musterte die künftige Tante ausgiebig. Relativ groß und schlank war sie eine herbe, dunkelhaarige Schönheit, eine Frau die sicher nie auf Pfennigabsätzen daher kommen. Gut gekleidet aber völlig unprätentiös und nach außen hin zurückhaltend, sah man ihr das Elternhaus an, in dem andere Werte vermittelt wurden als nur der äußere Schein. Und da war die warme Stimme mit der eigentümlichen Sprechweise, die aus jedem Satz eine Melodie machte, einen fremdartigen und doch so anheimelnden Singsang, der Rosemarie in ihren Bann schlug.

Daheim kam Rosemarie groß heraus mit der Verkündung der Sensation: „Ich hab‘ Onkel Willys neue Frau gesehen! Dora Bergleiter heißt sie“. Dass sie wieder mal dort gewesen war, wo die Neuigkeiten stattfanden war die eine Überraschung, die Nachricht von diesem außergewöhnlichen Besuch an sich die zweite. Sie war etwas enttäuscht, als ein abtuendes „Geh, geh“ zur Antwort kam. Egal, sie würden schon sehen und auf jeden Fall hatte man da doch mal wirklich etwas zum angeben, wer hatte schon eine Tante die von so weit her kam und in deren Garten die Pfirsiche und andere exotische Obstsorten wuchsen, wie in Ostpreußen die Äpfel!

Sie kam aus einem fernen, geheimnisvollen Land, die neue Tante. Rosemarie suchte in ihrem Schulatlas Rumänien, drehte ihn dann bis sie es lesen konnte und buchstabierte: „Trans-syl-vanien. Aha, das Land hinter den Wäldern.“ Und dann fand sie, was sie eigentlich suchte: Siebenbürgen stand da fett gedruckt. Siebenbürgen, so hieß dieses ferne Land. Die Schulunterlagen „Volksdeutsche Siedlungsgebiete“ gaben nur trocken-sachliche Informationen her:

Im 12. Jahrhundert ging erstmals der Ruf der ungarischen Könige hinaus um Siedler anzuwerben, die das Land jenseits der Wälder – Transsylvanien – kolonisieren und gegen die Türken verteidigen sollten. Damit hatte die gut neunhundertjährige Geschichte der Siebenbürger Sachsen – Sachsen wurden sie wegen ihres Rechtes, des Sachsenspiegels genannt – ihren Anfang genommen, stand da im Schulbuch.

Von Anfang an genossen die Siebenbürger Sachsen einen besonderen Status und Privilegien wie freie Richterwahl und Gerichtsbarkeit, Zollfreiheit und mehr. Dafür leisteten Sie Zinsabgaben und Militärdienst. Bald bildete sich mit der Sächsischen Nationsuniversität ein eigenes Verwaltungsgremium, das seit 1486 eine siebenbürgische Selbstverwaltung  brachte. Erst 1867 wurde diese spezielle Autonomie nach Gründung der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie aufgelöst.

Es war ein fruchtbares Land am Karpatenbogen, dieses siebenbürgische Hochland, und mit dem relativen Wohlstand seiner Bevölkerung zog auch kulturelle Blüte ein. Bereits seit dem 15. Jahrhundert gab es Volksschulen, im 16. Jahrhundert hatte fast jede Gemeinde ihre eigene Schule, das erste Gymnasium entstand 1541 und die allgemeine Schulpflicht wurde 1722 eingeführt.

Nach dem Ende des Habsburger Reiches kam Siebenbürgen zum Königreich Rumänien, doch die zugesagten Minderheitenrechte wurden nicht umgesetzt, die Evangelisch-Augsburgische Kirche, der die Siebenbürger im 16. Jahrhundert geschlossen beigetreten waren, verlor ihren Grundbesitz, der Unterricht in der Muttersprache wurde stark eingeschränkt, eine Rumänisierung setzte ein, immerhin gab es aber eine politische Vertretung im Parlament.

Die neue Tante kam also nicht aus der Wildnis und kulturellen Brache, aber das hatte Rosemarie ja schon beim ersten Besuch gespürt.

Aber dass es in diesem Siebenbürgen noch Bären und Wölfe gab und es gar die Heimat von Graf Dracula war, kam Rosemarie so richtig schön gruselig vor. Und selbst die Rattenfängersage wurde auf einmal wieder spannend, erzählte sie doch angeblich, wie dieses Land besiedelt worden war.

Rosemarie war fasziniert, und träumte sich in künftige Möglichkeiten hinein. Vielleicht konnte man da später mal hinfahren? Nur so zu Besuch? Hoffentlich klappte das und Onkel Willy vermasselte nicht in letzter Minute alles, sagt womöglich gar nein!

Er sagte nicht nein. Im Gegenteil. Im darauf folgenden Jahr fuhr er nach Siebenbürgen und heiratete Dora Bergleiter. Und geheiratet wurde in Kronstadt (Brasov), das war ganz in der Nähe von Bran, wo die Törzburg, das Schloss des gruseligen Grafen Dracula stand. Na ja, zumindest hatte sich  hier Bram Stoker, der Autor des Romanes seine Inspiration geholt, obwohl das Dracula-Vorbild Vlad Tepes wohl niemals hier war. Na ja und eigentlich heirateten die beiden ja auch nicht bei Dracula um die Ecke, denn in Kronstadt im deutschen Konsulat wurde die Ehe nur eingetragen und damit in Deutschland gültig. Aber wer weiß?

Inzwischen fragte sich Rosemarie, wie um alles in der Welt die beiden sich kennen gelernt hatten. War Onkel Willy im Land Draculas gewesen? Das hätte sie doch mitbekommen! Nein, Zeitungsanzeigen waren es gewesen, etwas unromantisch wie Rosemarie es fand, aber vielleicht für den spröden Onkel Willy ganz richtig.

Und dann kamen die beiden mit dem D-Zug angereist Ende November 1938, über Kronstadt, Budapest, Wien, Breslau bis nach Insterburg in Ostpreußen. Und sie hatten viel zu erzählen. Willy Zander zeigte sich durchaus beeindruckt von dem, was er in Doras Heimat gesehen hatte. Hermannstadt war eine alte Stadt mit einem wunderschönen mittelalterlichen Stadtkern mit jeder Menge Sehenswürdigkeiten und farbenfroh angestrichenen Häusern. Besonders imponiert hatten ihm die Siebenbürger Kirchenburgen und Wehrkirchen und die zu kleinen Bollwerken ausgestalteten, rundum geschlossenen Höfe.

Und auch Kronstadt, die größte Stadt Siebenbürgens hatte ihn überrascht. Direkt an den Bergen gelegen, in denen man wunderbar Wintersport treiben konnte wuchsen in den Gärten der Stadt wie in Hermannstadt Pfirsiche. Und so etwas wie die Kathedrale – die größte in Osteuropa – hatte er überhaupt noch nicht gesehen. Doras Familie hatte ihn genauso herum geführt wie man das mit Dora in Insterburg getan hatte.

Willy musste zugeben, dass die Bergleiters gut lebten in Hermannstadt, alles war ganz anders, als er sich das vorgestellt hatte. Niemand musste von hier heim in die deutsche Kultur geholt werden oder aus Armut und Knechtschaft befreit werden. Man kam entgegen aller Propaganda in Deutschland ganz gut zurecht mit den Rumänen, auch wenn nicht alles so war, wie es sein sollte, die versprochenen Minderheitenrechte nicht verwirklicht wurden und Rumänisch alleinige Amtssprache blieb.

Doras Vater Dr. Georg Bergleiter hatte Jura studiert und war Beamter in der Rechtsabteilung der „Hermannstädter Allgemeinen Sparkasse“, Doras Großvater war Magistratsbeamter. Doras Mutter Julie stammte aus einer evangelischen Pfarrersfamilie und war eine feinsinnige und wie ihr Mann hoch gebildete Frau – Willy Zander war im höchsten Masse beeindruckt von seinen Schwiegereltern, das spürte man, wenn er erzählte, fand Rosemarie.

Die Bergleiters wohnten in einem großen Zweifamilienhaus, das Doras Großvater mütterlicherseits gehörte. Solide aus Ziegelstein gebaut war es, gelb beworfen und mit einem spitzen roten Ziegeldach versehen. Mit seinen acht Räumen bot es Platz genug für die Familie, dazu kam die große Küche mit Vorratskammer und ein modernes WC.

Karl Zander, Rosemaries Vater, tat seine frisch gebackene Schwägerin fast etwas Leid, als er das hörte. Die müsse sich ja fast fühlen, als ob sie in die Verbannung geschickt worden sei und nicht als ob sie in das von ihr etwas verklärte, hoch gehaltene Deutschland gekommen wäre. Vom nun braunen „Deutschen Reich“ ging eine seltsame Faszination aus, wie magisch und begeistert angezogen fühlten sich viele Auslandsdeutsche von der Strahlkraft des Muskelspielenden Mutterlandes. Na klar, die Begeisterung fürs Reich gefiel Bruder Willy, argwöhnte Karl Zander, denn sein Bruder stand der neuen braunen Zeit sehr aufgeschlossen gegenüber, wie Karl es salopp formulierte. Was Rosemaries Vater aber in erster Linie meinte, war die Diskrepanz in den Lebensverhältnissen – was hatte Willy seiner Frau denn schon zu bieten? Sein Krankenkassenbeamtengehalt mochte ja in rumänische Lei umgerechnet ein hübsches Sümmchen sein, aber hier? Da reichte es nur für ein bescheidenes Leben. „Die Dora kommt vielleicht aus dem gelobten Land, aber ganz bestimmt nicht ins gelobte Land“, kommentierte er. Rosemarie und ihre Eltern  kannten auch die Wohnung schon, die Willy Zander für sich und seine Frau gemietet hatte. Klein war sie und die Bezeichnung Zweizimmerwohnung war ziemlich geprahlt fand Karl Zander. Man beschloss, sich Doras etwas anzunehmen um ihr das Einleben zu erleichtern.

Aber Dora klagte nicht, sie hatte die seltene Gabe, sich mit allen Lebensverhältnissen abfinden zu können. Sie wirkte dabei nicht unglücklich, nicht einmal dann, wenn sie einen Heimwehschub hatte, fand Rosemarie. Der kam meist dann, wenn Dora ein Päckchen aus Rumänien bekommen hatte, ob mit Quittengelee, oder anderen heimischen Leckereien. Dann mochte Dora gar nicht wieder aufhören zu weinen. Dennoch – eine gewisse südliche Leichtigkeit war Dora eigen fanden Zanders. Es war eine an Grandezza erinnernde großzügige Lässigkeit, die ein richtiger Kontrapunkt zur pietistisch strengen Kleinkariertheit eines Teils der Zanderschen Familie war, meinte Karl Zander – wobei er mit  kleinkariert natürlich die anderen Zanders meinte, nicht etwa sich selbst. Dora sah manche Dinge wirklich anders, fügte sich leicht und fast fatalistisch in Unabänderliches, konnte andererseits aber eine temperamentvolle Lebensfreude zeigen. Vor allem hatten gewisse Sitten der ach so ordnungsliebenden Reichsdeutschen keine Bedeutung für sie. War es nun wichtiger, dass der Frühstückstisch wie mit der Messlatte ausgewinkelt akkurat gedeckt war, oder dass man sich einfach mit einem Becher Kaffee und einem Pfirsich in der Hand hinsetzte und sich ein wenig miteinander unterhielt bevor der Tag so richtig begann? Zwar äußerte sie sich immer wieder bewundernd Anna Zander gegenüber „Joi, Anna, wie schön Du das kannst“ – und diese Bewunderung war ehrlich gemeint –  aber so wichtig, dass sie einen inneren Drang zur Nachahmung verspürte, war es ihr nicht.

Es waren gerade die kleinen Dinge des Alltags, in denen sie so anders war, aber Dora war in ihrer ganzen Art ein so warmherziger, liebenswerter Mensch, dass die ganze neue Familie sie schnell ins Herz schloss.

Als Doras „Hochzeitsgut“ ankam, dämmerte es Rosemarie endgültig, dass es auch anderswo Gegenden gab, in den es den Menschen offensichtlich gut ging, denn was sie sah war herrlich. Die eingetroffenen Möbel waren von allerbester Qualität und vor allem fremdartig schön, mit wunderbar feinen Intarsienarbeiten versehen. Und dann dieser Tisch, der auf so unglaublich vielfältige Art vergrößert werden konnte! Die kleine Wohnung war als alles hineingebracht worden war so gnadenlos voll gestellt, dass Dora in ihrer nonchalanten Art den Möbelträgern kurzerhand bedeutete, das Klavier doch auf den Balkon zu stellen. Da stand es nun, Rosemarie gluckste, Vater Karl lachte lauthals und Mutter Anna fragte mit entsetzt hervorquellenden Augen „das Klavier steht wo? Draußen? Auf dem Balkon?“ Ganz sanft aber energisch sagte sie schlicht „Dora das geht nicht, das Klavier geht da kaputt, das muss rein, da müsst ihr die Kommode eben erstmal in den Keller stellen.“ Doras Augen leuchteten auf, wie immer, wenn sie einen lebenspraktischen Rat bekam, den sie dann auch gern annahm- „Ach Anna, Du weißt immer alles, ja, so machen wir das“.

Bald sollte Dora ganz allein im fremden Land sein, Willy Zander wurde 1939 als einer der ersten eingezogen und wurde Soldat. Da saß sie nun mit dem ersten Kind schwanger etwas verlassen in ihrer kleinen, komfortlosen Wohnung und hatte nur Willys Familie. Aber Dora klagte nicht. Rosemarie war zur Betreuung ausgeguckt worden. Sie war jetzt sechzehn Jahre alt, und „kümmerte“ sich gern um ihre Tante, sie war nämlich – ganz undeutsch – fasziniert von allem Fremden, erlebte nun Fremdheit als Bereicherung und hörte gern zu, wenn die Tante Dora ins Träumen kam. Dann erzählte sie vom Leben in Hermannstadt, von ihrem Elternhaus in dem über 1600 Quadratmeter großen Garten mit den vielen Obstbäumen, die immer so üppig blühten. Duftende Äpfel, aromatische Birnen, süße Kirschen gab es so frei Haus, von all dem Beerenobst und den üppigen Fliederbüschen ganz zu schweigen. Und erst die Pfirsiche, man stelle sich vor: man geht morgens hinaus und pflückt sich einfach einen Pfirsich zum Frühstück. Dann setzte man sich in die Küche und nahm sich einen Becher voll Kaffee aus der Kanne die Kati, das Hausmädchen immer auf dem Herd stehen hatte.

Und sie erzählte vom Leben wie sie und ihre beiden Schwestern Irma und Ilse es als junge Mädchen in Siebenbürgen erlebt hatten, vom Schulalltag im Deutschen Mädchenlyzeum und der Deutschen Handelsschule. Deutsch wurde neben Rumänisch und Ungarisch überall verstanden in Hermannstadt, es gab deutsche Geschäfte und Buchhandlungen – in einer lernte Doras jüngste Schwester Ilse Buchhändlerin – man traf sich im deutschen Theater hörte Bach-Konzerte in der evangelischen Kirche. Es ging nicht viel anders zu als in Deutschland oder Österreich, nur dass Rumänisch die alleinige Amtssprache war. Schmunzelnd erzählte Dora, dass es genau wie im ostpreußischen Insterburg auch in Hermannstadt eine „Rennstrecke“ gab, die dort allerdings „Corso“ genannt wurde. Abends trafen sich dort die jungen Leute, auf der einen Straßenseite die jungen Deutschen, auf der anderen Seite die jungen Rumänen.

Jeden Abend ging Rosemarie nun zu ihrer Tante und schlief dort, der Familienrat hatte es so beschlossen, wollte die Hochschwangere nicht mehr die ganze Nacht über allein lassen. Die letzten vier Wochen vor der Geburt kam Dora dann zum Schlafen zu Zanders in die Wohnung, denn von dort war es im Ernstfall nicht so weit bis zur Entbindungsstation. Dora las sehr gern und lange, auch bei Zanders saß sie bis weit in die Nacht hinein in ihre Lektüre vertieft, wenn alle anderen schon längst schliefen. Eines Abends hörte Rosemarie – sie war gerade zu Bett gegangen – ein klirrendes Geräusch und kurz danach noch einmal. Es dauerte einen Moment bis Rosemarie geortet hatte, dass das Sand war, den jemand vorsichtig ans Fenster warf, der nicht die ganze Familie wecken wollte. Sie lief ans Fenster und zog die Gardine zurück. Es war ihr Onkel Willy, der auf Urlaub gekommen war. Und dann zogen die beiden mitten in der Nacht ab in ihre kleine Wohnung, Willy in seiner Uniform mit dem Entbindungsköfferchen in der einen Hand und seiner hochschwangeren Dora am anderen Arm. Am nächsten Morgen – es war der 31. Oktober 1939 – sah Rosemarie morgens kurz aus dem Balkonfenster und wer ging vorbei? Onkel Willy und Tante Dora mit dem Entbindungsköfferchen – damals ging man noch zu Fuß zur Entbindung. Karl Zander schüttelte den Kopf. Das hatte man ja eben verhindern wollen, Karl Zander hatte ja Telefon und man hätte wenn es mit den Wehen losgegangen wäre, einen der beiden Schwager angerufen, die jeder ein Auto hatten.

Als Willy Zander das nächste Mal vorbei kam, war er Vater einer Tochter – Karin sollte seine Erstgeborene heißen, Mutter und Tochter waren wohl auf.

Lange Urlaub hatte Willy Zander nicht, es reichte gerade, die neue Erdenbürgerin ausgiebig zu befeiern. Und dann war Dora wieder allein, aber Dora klagte nicht. Sie brauchte ein wenig Unterstützung und mal einen Rat. Bei Rosemarie in der Schule war gerade die Säuglingspflege dran gewesen und sie kannte sich nun aus mit den modernsten Methoden ein Baby zu wickeln. Einerseits hatte sie ein wenig Angst vor der Verantwortung, andererseits war sie Stolz auf das Vertrauen, dass Mutter und Großmutter in sie setzten. So war sie wieder oft bei Dora und dem Baby. In einem Heimwehanfall kam dann die Idee und die beiden steigerten sich so richtig hinein, spannen schon die Details aus.

Dora Zander wollte so gerne nach der Geburt mit ihrer Tochter Karin einmal nach Hermannstadt zu ihren Eltern fahren und ihnen das Baby, das erste Enkelkind zeigen. Rosemarie sollte zur Verstärkung mitfahren, in den Sommerferien und sie freute sich schon sehr auf dieses Abenteuer. Doch die Kriegführung kam dazwischen, was Rosemarie der Obersten Heeresleitung und vor allem dem Führer persönlich übel nahm.

Rosemarie hatte nun ihre Mittlere Reife gemacht und begann eine Banklehre. Da hatte sie keine Zeit mehr, sich ständig um Dora und deren kleine Tochter zu kümmern. Aber Doras Schwester Irmgard war bald nach der Geburt von Karin gekommen, um ihrer Schwester mit dem Kind ein wenig zur Hand zu gehen. So stand es jedenfalls auf der Einreisebewilligung. Eigentlich aber wollte sie unbedingt nach Deutschland, dessen Anziehungskraft für junge Rumäniendeutsche selbst nach Kriegsbeginn noch ungebrochen war. Das Reich war jung, dort war die Zukunft, dort fühlte man sich gebraucht. Karl Zander war es gelungen, Irmgard bei den Insterburger Stadtwerken als Telefonistin in Arbeit zu bringen – nun konnte die ersehnte Zukunft im Reich beginnen und Dora hatte ein Stückchen Heimat bei sich.

Zwar fand der Krieg bald weit von Ostpreußen entfernt statt, aber die vielen Einschränkungen machten das Leben und das sich Zurechtfinden für eine Zuwanderin wie Dora Zander nicht eben leicht.  Einmal im Jahr kam Willy Zander auf Urlaub, es war eine Kriegsehe wie viele andere, in der die Partner kaum eine Chance hatten, wirklich zusammen zu finden und ein gemeinsames Leben aufzubauen. Ein paar Tage Urlaub waren alles, das heißt bei Dora und Willy Zander war das schon eine ganze Menge. Wenn sein Bruder abgefahren war, ging Karl Zander immer erst einmal zum Kalender, zählte die Monate ab und verkündete zum Ergötzen seiner Familie den zu erwartenden Geburtstermin des nächsten Kindes von Dora und Willy. Er wurde nicht enttäuscht, akkurat neun Monate nach dem Urlaub seines Bruders gebar Dora die nächste Tochter. Nach Karin und Jutta hatten Dora und Willy am 12.Mai 1944 ihre dritte Tochter Renate be­kommen.

Bald darauf wurden Mutter und Kinder wegen der Luftlage aufs Land evakuiert. Dort wurde Renate im Sommer sehr krank.  Willys Schwester Grete Zander hatte beschlossen: „so geht das nicht weiter“ und dafür gesorgt, dass Dora mit der kleinen Renate nach Insterburg zum Arzt kam, der die Kleine aber sofort in die Kinderklinik einwies – es stand schlecht um Doras Jüngste.

Die Kinderklinik des Kreis­krankenhauses Insterburg war aber nach den Luftangriffen nach Trempen ausgelagert worden, wohin man mit der Kleinbahn fahren musste.

Das alles war zu einer Zeit, in der die Ressourcen des Landes sich erschöpften, Mangel allenthalben herrschte und die Lage sich nicht nur an den Fronten täglich verschlechterte mit ziemlichem Aufwand verbunden. Autos waren nicht mehr verfügbar, Züge gingen unregelmäßig, Busse gar nicht mehr und Dora kannte sich nicht aus in Insterburgs Umgebung. Der Krieg hatte ihr keine Gelegenheit gelassen, ihre neue Heimat wirklich kennen zu lernen.

Rosemarie und Doras Schwester Irmgard fielen als Hilfe aus, sie arbeiteten beide, so wurde Rosemaries vierzehnjährige Schwester Helga, deren Schule schon geschlossen war und die trotz ihrer diversen Landeinsätze gerade zu Hause war, Dora als Begleit­ung zugeteilt. Man konnte auch nicht lange verhandeln ob jemand von der Arbeit frei kommen würde, der Zug fuhr selten genug und es wurde ein Wettlauf mit der Zeit. An alles wurde gedacht in der Eile und als Wegzehrung gab es einen Berg Pflaumenkuchen aus der Bäckerei von Doras Schwager Georg mit.

Die unglückliche Mutter Dora wusste natürlich um den ernsten Zustand ihrer Tochter und stopfte während der ganzen Fahrt gedankenverloren weinend ein Stück Kuchen nach dem anderen in sich hinein, ohne dass sie überhaupt merkte dass sie aß. Helga hingegen, jung, mitten im Wachstum und immer hungrig wurde unruhig ob des rasch schwindenden Kuchenberges und fürchtete in die Röhre zu gucken. Nach Stunden erreichten sie Trempen und Helga fragte sich zur richtigen Stelle durch.

Aber es gab keine Rettung mehr, die kleine Renate starb am 24.September in Trempen. Willy Zander, sollte ohnehin gerade auf Urlaub erhalten, und kam gerade rechtzeitig zur Beerdigung seiner kleinen Tochter, die er lebend nie gesehen hatte. Er war mit ei­nem Baptistenpfarrer zusammen gereist, der gleichfalls in seiner Einheit Dienst tat, und nun Renate beerdigen würde. Willy Zander war nämlich wie es damals Mode war, aus der Kirche ausgetreten. Doch der Gedanke, dass sein Kind nun ohne irgendein Wort, ohne einen Trost einfach so verscharrt werden sollte, machte ihm schwer zu schaffen. Sein Bruder Karl, der in der Kirche geblieben war, mochte nicht predigen. Ein Gebet ja, aber den Ersatzpfarrer geben?  Das war nicht sein Ding und das empfand er als nicht richtig. Aber so hatte man wenigstens einen Geistlichen zur Beisetzung. Nach dem Krieg kehrte Willy übrigens schnell und ohne viel Aufheben in den Schoß der evangelischen Kirche zurück.

Im Frühsommer 1944 war auch Doras dritte Schwester Ilse in Insterburg angekommen. Natürlich  war da die Idee, Dora mit den Kindern zu helfen, aber Ilse Philippi gehörte bereits selbst zu den durch das Kriegsgeschehen kreuz und quer durch Europa geschobenen Menschen. Sie war jung verheiratet, ihr Mann war Soldat und in Salzburg stationiert. Ernst Philippi war auch Siebenbürger und wie die meisten jungen Männer von dort zur Waffen-SS gekommen Als er den erhofften Heimaturlaub nach Hermannstadt nicht bekam, ergab sich für Ilse aber immerhin die Möglichkeit zu ihm nach Salzburg zu reisen. Es war der Frühsommer 1944 und die Zeit, in der das Kartenhaus zusammenfiel, die Ostfront geriet ins Wanken, brach zusammen und binnen sechs Wochen verlief sie tausend Kilometer weiter westlich. Ilses Mann wurde nach Polen versetzt und sie konnte nicht mehr zurück nach Siebenbürgen, da lag es auf der Hand: sie fuhr zu ihrer Schwester nach Insterburg.

Dora Zander rückte nun eng zusammen mit ihren Schwestern, von den Eltern in Hermannstadt hörten sie nach dem Fall Rumäniens und der Besetzung durch die Rote Armee im August 1944  nichts mehr, sie sorgten sich um so mehr, als sie von dem Blutbad der Sowjets in Nemmersdorf hörten. Sie hatten aber immerhin das Glück, dass Insterburg als einzige ostpreußische Stadt planmäßig geräumt wurde. Der Familienrat empfahl ihnen gleich im November 1944 von ihrem Evakuierungsort auf dem Land aus erst einmal nach Mohrungen zu gehen, wo entfernte Verwandte von Zanders lebten. Von dort gelang es ihnen  rechtzeitig nach Gut Klaukenhagen in Pommern zu fliehen und dann, als es auch dort brenzlig wurde, nach Schleswig-Holstein, zuerst nach Lübeck, wo die Flüchtlinge verteilt wurden. Zanders kamen nach Steinhorst, ein Dorf weit ab von allen Arbeitsmöglichkeiten.

Zwar war Dora letztlich von Deutschland nach Deutschland geflüchtet, dennoch traf sie die Entwurzelung besonders. Die neue Fremde war noch fremder als die selbst erwählte neue Heimat Ostpreußen. Die Familienbande, die sie dort ein wenig aufgefangen hatten, waren zerrissen, niemand erklärte ihr diese neue Fremde, nahm sie an der Hand und zeigte ihr alles Nötige. Hier war auch ihre neue Familie fremd. Alle waren nun heimatlos, jeder hatte an sich selbst zu tragen, suchte das Trauma und die Verlorenheit zu überwinden, auch ihr mann Willy. Doch Dora klagte nicht.

Immerhin, auch Willy Zander hatte ja den Krieg soweit heil überstanden und war seit Ende 1945 wieder bei seiner Familie.

Wann er gekommen sein musste, war einfach zu errechnen, denn im Juni 1946 wurde Tochter Elke geboren. Aber Säuglinge hatten es schwer in dieser Zeit, schon die Mütter waren entkräftet von der Flucht und mangelernährt, die medizinische Versorgung fand in Gegenden wie Steinhorst kaum statt, Medikamente gab es nicht. Niemand konnte sagen, was der  kleinen Elke denn nun eigentlich gefehlt hatte, sie starb einfach an der Zeit, wurde nur drei Wochen alt. Dora trauerte, aber sie klagte nicht.

Sobald die Adresse von Dora und Willy Zander über den Suchdienst in Erfahrung gebracht worden war, machte Rosemarie sich von ihrer Tante Erna in Ahrensburg aus auf den Weg. In Bad Oldesloe wollte sie fragen, wie sie nach  Steinhorst käme. Sie fragte und fragte bis endlich jemand we­nigstens die grobe Richtung weisen konnte. Was mochte das bloß für ein gottver­lassenes Nest sein? Es goss in Strömen und sie lief los. Nach einer halben Ewigkeit kam sie endlich nach Steinhorst. Wie sich herausstellte, hatte sie einen Riesenum­weg gemacht. Sie traf Zanders in deren Notwohnung beim Auspacken eines Paketes an, und die Wiedersehensfreude war groß. Dora Zander hatte nämlich entfernte Verwandte in den USA, von denen sie gerade dieses Paket bekommen hatte. Darin waren solche für die unmittelbare Nachkriegszeit unentbehrlichen und nützlichen Dinge wie Pumps und etliche Morgenröcke. Das Beste, ein grün-weiß gestreiftes Som­merkleid, das sonst niemandem passte, bekam Rosemarie.

Als Dora und Willy im Dezember 1947 ihre jüngste Tochter Ute bekamen und sie dieses Kind über die ersten Monaten hinweg gesund durchgebracht hatten, kehrte ein wenig Ruhe ein, gleichzeitig fing mit der Währungsreform die Lage ganz allgemein an sich zu verbessern.

Dora klagte nicht, wie sie nie geklagt hatte, auch wenn Willy noch keine Arbeit fand.

Willy, der ohnehin keine Frohnatur war, verbiesterte immer mehr, fühlte sich ungerecht vom Schicksal behandelt und nutzlos, zumal er kaum in der Lage war, seine Familie zu ernähren. Ihm ging die Geduld aus und er nahm ein Angebot aus Dahn in der Pfalz an, obwohl er nur wenige Monate später hätte nach Hamburg gehen können. Karl und Anna waren entsetzt. „Was willst Du da“, fragte Karl ihn eindringlich, „da ist nur das Arbeitsamt in Dahn und sonst nichts. Da hast Du keine Aufstiegsmöglichkeiten und Deine Mädels auch nicht. Und wir sind alle mindestens eine Tagesreise entfernt.“ Doch Willy hatte keine Geduld mehr und ging nach Dahn.

Sie bekamen dort eine Wohnung wie versprochen, drei kleine Zimmer, eine Küche, Toilette aber kein Bad. Der Front des Hauses gegenüber türmte sich gleich hinter der Straße ein bewachsener dunkler Berg auf, der wie eine grüne Wand wirkte. Als sein Bruder Willy beerdigt wurde, stand Karl Zander am Wohnzimmerfenster und sinniertekopfschüttelnd: „Dreissig Jahre hat der Willy nun auf diesen Berg geglotzt…“ Aber Dora hatte nie geklagt.

Und dann durften Doras Eltern endlich aus Rumänien ausreisen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Siebenbürger kollektive Verfolgung getroffen, Zwangsaussiedlungen, gewaltsame Familientrennungen und Diskriminierungen vielfältiger Art, die Lage dort besserte sich erst nach dem Tode Stalins, fast eine halbe Million Siebenbürger verließ nach dem Krieg die Heimat. Die Geschichte einer reichen Kultur und eines ganz besonderen Siedlungsraumes, der nach den ersten sieben, zunächst ohne Herrschererlaubnis gebauten Burgen Siebenbürgen genannt worden war, ist faktisch beendet.

Auch Doras Eltern klagten nicht, nahmen an, wohin ihr Herrgott sie gestellt hatte, haderten nicht mit dem Schicksal. Vater Bergleiter  war eine beeindruckende Persönlichkeit. Noch bei Willy Zanders Beerdigung saß er hoch betagt auf dem Balkon in der Abendsonne. Wache, flinke Augen lächelten aus einem freundlichen Gesicht, so lebhaft, dass man ihnen ihre Blindheit nicht ansah. Man spürte sofort, dass dieser Mann vollkommen in sich ruhte und völlige Zufriedenheit ausstrahlte, er war im Einklang mit Gott und der Welt. Und es war eine Freude sich mit diesem feinsinnigen, gebildeten Mann zu unterhalten. Als der Tate, wie sie den Vater nannten, zum Abendessen hinein geholt wurde, spürte man noch immer den liebevollen Umgang untereinander, der in der Familie Begleiter üblich gewesen war. Es wurde ein schöner Leichenschmaus mit angeregter Unterhaltung in transsylvanisch-balkanisch-ostpreußischer Art. Man erzählte Anekdoten, die man mit dem Verstorbenen erlebt hatte, von Ostpreußen und schwups waren sie alle erzählender Weise wieder in Hermannstadt gelandet.

Dora konnte sich immer gut nach Siebenbürgen zurück träumen, in das Land, in dem die Pfirsiche blühten. Wenn sie dann erzählte, sah man, wie sehr sie in einer ganz anderen Welt war. Und irgendwie war sie einst vor vielen Jahren in Siebenbürgen abgefahren, aber nie so ganz in Deutschland angekommen.

Der weiße Bär

30 Jul 10
Brigitte Jäger-Dabek
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Der kleine Bär war weiß, weiß wie der Schnee, den es so selten gab in dem Land, in dem er lebte. Er war nicht weiß, weil etwa alle Bären in diesem Land weiß gewesen wären, nein, er war der einzige weiße Bär, alle anderen Bären waren braun, sie lebten ja schließlich  in Braunbärland.

Anfangs hatte er ja ausgesehen, wie alle anderen kleinen Bärchen, niedlich und vor allem braun, aber eines Tages begann sein Bärenpelzchen immer heller zu werden, bis es ganz weiß war. Die Eltern erschraken – oh Bärengott, sie hatten einen weißen Sohn, was sollte werden?

Aber der kleine, nun ganz weiße Bär fand einen Ausweg. Er hatte eine Wurzel gefunden im Braunbärenwald, in dem sie lebten. Er zerstampfte sie, zerkochte sie ganz heimlich in der allerhintersten Ecke ihrer Höhle, und  strich sich die brauen Brühe auf den Pelz. Gut war es, denn die braune Farbe überstand sogar mal einen nicht zu heftigen Regenguss.  Nur baden konnte der kleine gefärbte Bär nicht, das Wasser hätte ihm dann doch seinen schönen braunen Scheinpelz aufgelöst. Aber sonst lebte der kleine gefärbte Bär wie jeder andere junge Braunbär auch.

Bald  hatte der kleine Bär mit dem Färben so viel Übung und machte es so geschickt, dass selbst seine Eltern manchmal vergaßen, dass ihr Bärensohn weiß war. Er hatte ein freundliches Wesen, war immer vergnügt und zu einem frechen Spruch aufgelegt und die anderen Bären mochten ihn.

Dennoch, immer wieder einmal hatte seine Muter traurig geseufzt, wenn sie ihn anschaute und hatte immer wieder mit dem Schicksal gehadert, weil er weiß war. Ach wäre er doch braun, klagte sie im Stillen, er ist so ein kluger kleiner Bär, so fröhlich und recht witzig!

Der Vater des kleinen weißen Bären war eine bekannte Persönlichkeit in der Bärengesellschaft, er war Klugbär von Beruf und galt als gescheit und gebildet, wusste immer Rat und Ausweg. Insgeheim fragte er sich aber immer wieder, was er falsch gemacht habe, dass er einen weißen Bären zum Sohn habe.

Als der kleine weiße Bär groß wurde, konnte er sich bei all seiner Pelzfärberei nicht länger vormachen, dass er ein ganz normaler kleiner brauner Bär wäre. Und er wäre es doch so gern gewesen! Aber er wusste, dass er mit einem anderen Braunbären zusammen nicht glücklich werden konnte.

Und doch sehnte er sich nun wo er erwachsen geworden war, wie jeder andere Bär auch nach einem anderen Bären, einem Wesen, dass er liebte, das ihn liebte, am besten einem weißen Bären. Er zog durch alle Bärenwelten, immer auf der Suche nach einem Bären, der war wie er, einer verwandten, weißen Bärenseele.

Ach wie sehr wünschte er sich etwas Nähe und Wärme, und ein Geschöpf an seiner Seite, dem er anvertrauen könnte, dass er gar kein brauner Bär ist. Dann rollte er sich traurig und erschöpft hinten in seiner kleinen eigenen Höhle zusammen und weinte ein bisschen, gab es denn für weiße Bären keine Seele zum lieb haben?

Seinen Eltern mochte er seinen Kummer nicht anvertrauen, er wusste ja, dass er ihnen keinen braunen Bären heimführen konnte, wie es Sitte war, wie sollte er es ihnen beibringen? So suchte er weiter und wollte die Suche nach der großen weißen Bärenliebe schon aufgeben.

So viele Länder hatte er kennen gelernt. Länder mit hohen Bergen und Schnee, und gehofft, dass es in so einem Land doch auch weiße Bären geben musste, wenigstens ein paar weiße Bären, aber er fand keine. Und er streifte ruhelos umher, lernte die schönsten Landschaften kennen, warme Länder am Meer, dichte Urwälder, Wüsten und grüne Steppen, sogar die Lande des russischen Bären durchwanderte er. Doch er fand nur braune Bären, zwar hatte er so manchen Braunbär in Verdacht auch ein weißer Bär zu sein, aber keiner wollte sich verraten und sich den Pelz weißwaschen lassen, sie hatten alle Angst, sich ihm ganz zu öffnen.

Eines Tages kam er in ein Land unter Palmen,  in dem immer die Sonne schien, und das von vielen Braunbären gering geschätzt wurde. Ach hier war alles so leicht, so freundlich, so voller Musik und Tanz. Ach war das schön, denn schon immer hatte der kleine weiße Bär, der nun längst ein großer weißer Bär war, den Tanz geliebt. Und er lernte Bären kennen, denen es ganz egal war, welche Farbe sein Pelz hatte, ja als er ein Weilchen da war, erkannte er sogar ein  paar andersfarbige Bären, er sah weiße, graue und etwas scheckige Bären. Da sprang er ins herrlich warme Meer, und badete ausgiebig. Er blieb so lange im Wasser, bis die ganze braune Farbe abgespült war.

Und dann sah er ihn plötzlich, den tanzenden jungen Bären, tatsächlich, einen richtigen Tanzbären, strahlend weiß von der Sonne gebleicht, viel weißer noch war dessen Pelz als seiner und ein Stich ging in sein Herz. Er konnte seine Augen nicht von ihm lassen und bebte fast vor Freude, als er merkte, wie der junge weiße Bär seinen Blick erwiderte. Magisch voneinander angezogen, gingen sie aufeinander zu.  Ach war der Tanzbär glücklich, dass der fremde weiße Bär seine Sprache verstand, weil er so weit herumgekommen war.

Und sie redeten und redeten und erzählten sich ihr Leben, gingen spazieren, setzten sich ans Meer. Tief berührt stellten sie beide fest, welch große Nähe zwischen ihnen war, welche Wärme und welch vertraute Verbundenheit, nach der sich beide ihr ganzes Leben lang gesehnt hatten. Zitternd, noch voller Zweifel fassten sie sich vorsichtig bei der Hand. Konnte das sein, sollte das wirklich der eine sein, nach dem er sich das ganze Leben lang gesehnt hatte fragte sich der weiße Bär? Ganz zart und tastend legte der weiße Bär seinen Arm um den Tanzbären, er war doch so viel älter und wollte ihn nicht erschrecken. Aber der junge Tanzbär nahm ihm alle Ängste, seine leuchtenden braunen Augen schauten den weißen Bären voller Wärme und Zuneigung an und löschten alle Fragzeichen in dessen Augen. Ganz sanft legte er seine Arme um den Hals des weißen Bären und küsste ihn, erst vorsichtig und zögernd, dann immer leidenschaftlicher.

Die beiden Bären versanken in einem Taumel von Glückseligkeit, streichelten sich, kosten einander, noch immer voller Erstaunen in den leuchtenden Augen. In wonniglicher Umarmung sanken sie auf den warmen Sand und liebten sich, als geschähe es das erste Mal auf Erden, als zuckten Blitze, bebte die Erde und verschlänge sie das Meer.

Sie hatten beide gefunden, was sie immer gesucht hatten, den einen weißen Bären, der die Seele des anderen berührte, der das Herz singen ließ, über alle Fernen hinweg nah blieb. Und die Familie des Tanzbären hieß den fremden weißen Bären, der von so weit hergekommen war in ihrer Mitte willkommen, denn sie sahen über alle Zweifel hinweg nur die Liebe, die  in den Augen der beiden weißen Bären leuchtete.

Der weiße Bär kam jetzt so oft der konnte in das Land der ewigen Sonne und jedes Mal wurde seine Sehnsucht größer, denn er hatte die Liebe erlebt, war in ihr  versunken, in dieser Welt voller Wärme und Zärtlichkeit.

Zu Hause in Braunbärland war es kalt, immer kalt und er fühlte sich einsam. Er wollte nun nicht mehr lügen und tat aller Welt kund, dass er in Wahrheit ein weißer Bär sei. Viele Braunbären seiner Umgebung hatten es ja längst geahnt und trösteten ihn. Das macht doch nichts, sagten sie, du bleibst uns doch derselbe.

Dass er ein weißer Bär war, konnte ja noch angehen in Braunbärland, die Braunbären hatten viel gelernt, und die meisten wussten, dass weiße Bären nicht schlechter sind, als braune Bären. Aber dass er in der Ferne einen anderen weißen Bären kennen und lieben gelernt hatte, das verstanden viele Braunbären nicht. Und dann sprach dieser fremde Bär die Braunbärensprache nicht und war noch viel weißer. Obendrein war er auch noch ein viel jüngerer Bär und Tanzbär und kein Klugbär, wie der Vater des weißen Bären.

Alles prasselte auf den weißen Bären ein und er fragte sich, ob denn so ein kleines Bisschen Liebe für ihn in seiner Heimat Braunbärland nicht erlaubt sein sollte, ach sie taten doch niemandem etwas und nahmen doch keinem Braunbären etwas weg.

Er verzagte fast, denn er wollte doch den Tanzbären zu sich holen, was sich als sehr schwierig herausstellte, denn so ohne weiteres gestattete man es doch keinem weißen Tanzbären nach Braunbärland einzureisen. Aber er ließ sich nicht beirren und am Ende erlaubten die Mächtigen in Braunbärland es doch.

Er holte seinen geliebten Tanzbären im Sonnenland ab und reiset mit ihm nach Braunbärland. Der weiße Bär zeigte dem Tanzbären seine kalte Heimat, die diesem so fremd, aber auch so aufregend war. Das Weißbärenpaar stieß auf einige Ablehnung, aber die meisten Braunbären hatten sich bald daran gewöhnt, dass nun ein Weißbärenpaar in ihrer Mitte lebte. Und so richteten sie sich ein, lebten ihr kleines, behagliches Weißbärenglück, und waren bald umgeben von ein paar ihnen herzlich zugetanen Braunbären und einigen anderen Weißbären, die sich nun auch trauten, sich als weiße Bären zu bekennen.

Es dauerte ein Weilchen, aber dann sahen auch die letzten Braunbären, dass die beiden Weißbären sich wirklich liebten. Die beiden Weißbären feierten bald Bärenhochzeit und lebten fortan mal im Sonnenland und mal im Braunbärland – und sie taten niemandem ein Leid an.