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Heimat, Zuhause, oder was?

25 Mrz 11
Brigitte Jäger-Dabek
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Ich war wütend, fühlte mich unverdient in die Ecke gestellt. Wieder einmal waren Eltern und alle vier Großeltern in ihr fremdes, fernes Zuhause entschwoben, hatten wieder diesen alles westlich der Weichsel ausblendenden, entrückten Blick. Damit schotteten sie sich ab, bildeten eine verschworene Wir-Gemeinschaft, die mich ausschloss.

So stand ich wieder einmal vor der Tür, denn ich gehörte nicht zu dieser Wir-Welt. Das passierte mit schöner Regelmäßigkeit, denn wenn sie zusammen kamen, redeten sie sich so sehr nach Ostpreußen, dass sie mich, das Hier und das Heute einfach nicht mehr wahrnahmen.

Auf die Idee, dass ich als Kind mit ihrem Zuhause ein Problem haben könnte, kamen sie nicht. Es war ja auch ausschließlich mein Problem, denn ihr Zuhause war nicht mein Zuhause.

Hätten sie es Heimat genannt, wäre für mich als Kind vieles leichter gewesen. Aber dieses Wort benutzten sie nie, sie sagten immer zuhause, wenn sie Ostpreußen meinten.

Zumindest der Vorhof zum Paradies muss dieses Zuhause gewe­sen sein. Als ich noch im Vorschulalter war, zogen meine El­tern, die Großeltern väterlicherseits und ich in unser neues Haus. Wir wohnten nun in einem ganz neuen Stadtviertel, in dem ein Ei­genheim nach dem anderen entstand. Bald wurde unsere Ge­gend auch mit einer evangelischen Kirche bedacht, eine ganz neue, damals auch durchweg aktive Gemeinde entstand.

Im Kindergottesdienst  hatte ich also meine erste nachhaltige Begegnung mit Glauben und Religion, hörte vom Paradies und davon, dass die Errichtung des Reiches Gottes so etwas wie das Paradies auf Erden wäre.

Dieses Paradies auf Erden aber musste in Ostpreußen liegen, jeden­falls legte ich mir das nach den verklärten Erzählungen und Schwär­mereien meiner Familie so zurecht. In meiner kindlichen Gedan­kenwelt hatte das Hiersein, das Leben im Stader „Exil“ir­gendwie mit der Vertreibung aus dem Paradies zu tun.

Ich nahm das ganz wörtlich, bloß die Sache mit dem Apfel konnte ich in der Geschichte nicht unterbringen, und die Russen wurden auch eher Iwan genannt als Eva oder Adam. Entweder hatte Gott da etwas verwechselt, oder der Pstor, aber ich traute mich nicht so recht, das zu hinterfragen.

Später begriff ich dann,  dass ich da beim Kombinieren zu vorei­lig gewesen war. Noch später lernte ich, Abstraktes zu erfassen, wusste, dass die Vertreibung aus dem Paradies bestenfalls als Alle­gorie für den Verlust der Heimat taugte und das Paradies geogra­phisch nicht zu lokalisieren ist, nicht einmal auf Ostpreu­ßen. Viele Jahre später und erst am Ende dieses Prozesses konnte ich mir dann auch die Geschichte mit dem Apfel besser erklären – die Deutschen hat­ten ihre Un­schuld verloren.

Die Ungereimtheiten in der Begriffswelt meiner Angehörigen be­schäftigte mich meine ganze Kindheit über. Wieso sagten die bloß immer zuhause, wenn sie Ostpreußen meinten? Waren wir denn nicht in Stade zuhause? Wir hatten doch hier unser Haus, wieso hatten sie das dann über­haupt gebaut? Oder konnte ein Mensch mehrere Zu­hause haben.?

Das verunsicherte mich, das machte mich wütend, weil mich alles brüten nicht weiter brachte. Manchmal knurrte ich trotzig: wir wohnen doch hier, also sind wir hier auch zu Hause. Dann be­trachteten sie mich als Trotzköpfchen und lächelten wissend mit diesem ziehenden, melancholischen Unterton, diesem Hauch von Trauer tätschelten sie mich und sagten: das verstehst du nicht. Zack! Das war’s dann wieder und machte mich eher noch wütender. Klar, ich kannte dieses Zuhause ja nicht, konnte vor allem damals als kleines Kind nicht ermessen, was sie verloren hatten. Wahrscheinlich würde ich dieses alte Zu­hause auch nie kennen lernen. Ich fühlte mich ungerecht behandelt, vor al­lem aber ausgeschlossen von einem zentralen Bereich des Lebens meiner Familie. Als Einzige war ich hier geboren und betrachtete das fast als einen Makel –  eine Au­ßenseiterin in der eigenen Familie.

Konnte bei uns nicht einmal etwas so sein, wie bei meinen Spiel­kameraden? Bei anderen hieß es vielleicht, meine Großel­tern kommen aus Harsefeld oder Bremervörde. Meine reisten zwar auch aus Bremervörde an, aber sie kamen aus Insterburg – Deutsch Sibirien. Nebenbei bemerkt hatte ich viel später das Ge­fühl, manche meiner Angehörigen wären nie ganz hier ange­kom­men. Sie blieben etwas fremd, blieben im Exil und haben sich nie ganz auf die neuen Lebensumstände und das neue Land eingelas­sen, von dem sie selbst anfangs allerdings auch abgelehnt wur­den.

Meine Eltern hatten sich nach dem Krieg kennen gelernt und gin­gen nach ihrer Heirat zügig daran, eine eigene Existenz aufzu­bauen, machten sich selbständig und bauten dann Mitteder 50er Jahre ihr Haus. Eine merkwürdige Diskrepanz tat sich auf. Sie standen also in ihrem Alltag mit beiden Bei­nen im Leben und schienen sich durchaus auf Dauer einzurich­ten, aber dieses für mich imaginäre, nur noch in ihren Köpfen existierenden Ostpreußen, diese geistige Gegenwelt ließ mir in meinen Kinderjahren unser Dasein in Stade irgend­wie provisorisch erscheinen. Besonders in der Großelterngene­ration erlebte ich so die Vergangenheit als etwas nebulös ver­klärtes mit schrecklichem Ende, die Gegenwart als etwas unge­liebtes nie ganz akzeptiertes und die Zukunft als etwas, woran sowieso nie­mand danken mochte. Nichts würde je an die Vergan­genheit heran­reichen und manchmal war ich mir nicht einmal ganz sicher ob es wenigstens ein heute für sie gab.

Besonders in meinen frühen Kinderjahren mit dem noch gerin­gen zeitlichen Abstand war der Krieg mit dieser für sie finalen Kata­strophe das bestimmende Ereignis im Leben meiner Fami­lie.

Dieses traumatische Kernerlebnis war  in den mich prägenden Jahren immer präsent. Mit zunehmendem zeitlichen Abstand än­derten sich die Gewichtungen dann etwas, viele neue Eindrücke kamen dazu. Das Aufbauen, der Neuanfang brauchte eigentlich die ganze Kraft, an der diese rückwärtsgewandte Trauer aber immer noch zehrte. Gab es überhaupt irgend etwas anderes als diese zwei Dinge Flucht und Aufbau in jener Zeit?

Ja, natürlich wurde auch gefeiert, gab es überaus frohe Stunden, vor allem bei Familienfesten. Da wurde gelacht bis die Tränen kamen, aber im­mer war da auch dieses ‚weißt du noch?‘, jede Menge Anekdoten, Ge­schichten aus einem fernen Land. Und über allem lag immer ein Hauch von Melancholie, die Wehmut über die Endgültigkeit dieses ‚es war einmal‘.

Endgültig war dieser Verlust und total, da war nicht nur die geo­graphische Heimat verloren, eine ganze Lebenswelt war unterge­gangen. Diese Katastrophe der Flucht ohne Wiederkehr war et­was fundamental anderes als die Flucht meiner Großmütter im 1. Weltkrieg. Die Flucht von 1914 fand ein gutes Ende in der Rück­kehr, die von 1945 wurde zum alles beherrschenden Er­lebnis, zum Lebenstrauma vor allem der Frauen.

Wie tief dieses Trauma saß, zeigt sich daran, dass ich mich noch deutlich an zwei politische Krisen erinnere – die Kubakrise und den Berliner Mauerbau – obwohl ich damals gerade mal zehn Jahre alt war. Ich verstand nicht ganz genau worum es dabei ging, aber ich spürte deutlich die angespannte Stimmung. Ernst wurden alle Nachrichtensendungen verfolgt, es ging sehr ge­drückt zu und mögliche Folgen wurden besprochen, auch mit den Großeltern. Und dann wurden Vorbereitungen für den Kriegsfall getroffen, die Zivilschutzbroschüre studiert, Vorräte wurden gesichtet und zugekauft. Ich wurde mit meiner Groß­mutter abgestellt, im Eisen­warengeschäft fast am anderen Ende der Stadt eine Spitzhacke käuflich zu erwerben. Die Angst legte sich wie ein Reif um die Brust bis die erlösende Entwarnung kam.

Der Bau der Mauer brachte ein Teil Fassungslosigkeit dazu, es war Sonntag, alle waren daheim, das Radio lief durchgehend, was es sonst bei uns nie tat und meine geliebte sonntägliche Kinder­stunde, die ich gemeinsam mit den Nachbarkindern sonst atemlos gebannt verfolgte, fiel aus.

Später verstand ich, warum sie alle den Kopf schüttelten und es nicht fassen konnten. Ihre Heimat, noch weiter östlich, war ge­rade endgültig hinter einem Eisernen Vorhang aus Minenfel­dern, Stacheldraht und meterhohen Mauern verschwunden. Zwi­schen Heimat und Bundesrepublik lag nun mit der eingemauer­ten DDR ein schier unüberwindliches Hindernis. Erst als diese Mauer fiel, sollte auch das alte Ostpreußen wieder aus der Ver­gessenheit auftauchen und zugänglich werden.

Ich wuchs  auf in dem Bewusstsein, dass einem jederzeit alles genommen werden konnte und es war mir auch durchaus klar, dass meine Familie anders war, als die der hiesigen Schul­ka­meraden, da musste keiner erst Flüchtlingspack oder Ruck­sack­deutscher schreien, was  während meiner Kindheit sehr wohl noch vorkam.

Auch später hatte ich das Gefühl in dieser etwas steifen, hansea­tisch geprägten norddeutschen Kleinstadt nie wirklich ganz dazu zu gehören, auch obwohl ich hier geboren war. Meine Eltern waren leidlich wohl­gelitten, in gewissen Grenzen jeden­falls, der innere Kreis der Alteingesessenen blieb eine geschlos­sene Gesell­schaft. „Bevor du nicht mindestens drei Generationen auf dem Friedhof zu liegen hast, gehörst du nicht dazu, da kannst du zehnmal hier geboren sein, Hiesiger bist du noch lange nicht“ lautet heute noch der gängige Spruch.

Geschichte hatte mich schon als Kind fasziniert, auch die er­ste Form des Geschichtsunterrichts, die Heimatkunde. Ich war brennend  an der jeweiligen Fortsetzung der spannenden Geschichte von Störtebecker, der Hanse und damit meiner Stadt interessiert.  Wenn aber an­dere dann zu erzählen wussten, was ihre Vorfahren für die Stadt getan hatten, dass sie dabei waren, wenn dies oder das passierte, konnte ich nur schweigen. Fast ein wenig beschämt war ich, denn meine Ahnen hatten nichts beigetragen, wir genossen nur die Früchte. Einige triumphierende Ätsch-Ätsch-Blicke spürte man schon aus den Augenwinkeln heraus.

Erst als Erwachsene wollte ich dieses Gefühl der Andersartig­keit auch selbst ergründen. Lag es nur am Familientrauma der Flucht oder womöglich an andersartigen Menschen aus einer an­de­ren Welt die mich geprägt hatten?

Als ich 1976 zum ersten Mal nach Ostpreußen reiste, war ich vierundzwanzig Jahre alt und ziemlich weit entfernt von den Ge­danken und Empfindungen der Kindheit. Andere Dinge waren wichtiger geworden und hatten Ostpreußen verdrängt. Die Ein­flüsse von außerhalb der Familie waren größer geworden, ei­gene Erfahrungen kamen dazu. Der Horizont wurde größer, andere Interessen dominierten, der Zeitgeist der Studentenrevolte nahm Einfluss, als Spätachtundsechzigerin bezog ich Stellung zu allem und jedem. Langsam wurde aber auch ich erwachsen, die Meinungen waren nicht mehr so radi­kal, Anpassung, die man ja eigentlich nie wollte, begann ganz schleichend, man suchte seinen Platz im Leben zu finden.

Die Entfernung zwischen den vielen Geschichten meiner Kinderzeit und meinem jetzigen Leben konnte nicht größer sein, ich hielt sie mittlerweile für bedeutungslos, sie hatten keinerlei Bezug zu meinem eigenen Leben, die Welt hatte sich in immer schnellerem Tempo von ihnen weg bewegt. Trotz­dem, bei jedem Familienfest kamen immer noch die unvermeid­li­chen Zuhause – Geschichten aufs Tapet.

Mittlerweile ging ich diesen Komplex mit ironischer bis sarkastischer Distanziertheit an, ich kommentierte dann etwa wie ‚ich weiß, vor dreißig Jahren in Ostpreußen hat das Brot ’nen Groschen gekostet und alles war besser‘, Ostpreußen nannte ich jetzt oft Kalte Heimat.

Als mein Vater mir von seinen Reiseplänen erzählte, war ich trotzdem gleich Feuer und Flamme, natürlich wollte ich mitfah­ren.

Wenn ich mich heute frage, warum ich ihn damals un­bedingt  begleiten wollte, war das sicher ein ganzes Gemenge von Beweggründen. Von einiger Bedeutung war sicher eine gewisse Abenteuerlust, go east, bis heute eines der letzten Abenteuer Europas, nur dass es heute viel weiter geht als nur bis Polen. In den 70er Jahren war Polen jeden­falls Richtung Osten für den PKW-Individualtouri­sten das maxi­mal mögliche Ziel. Es herrschte Kalter Krieg und ich war noch nie in einem Ostblockland gewesen.

Östlich der Elbe war die Landkarte für mich was Reisemöglich­keiten betraf ein einziger weißer Fleck, weiter entfernt als der Südpol, weil noch unerreichbarer. Nun sollte ich diese terra in­co­gnita für mich entdecken! Gewiss war da auch Neugier auf das ‚Land der Väter‘, das meine Kindheit so beherrscht hatte, so fern war und doch so vertraut.

Bilder hatten sie in mir mit all ihren Erzählungen entstehen las­sen, jetzt wollte ich natürlich überprüfen, ob sie der Wirklichkeit standhielten. Skeptisch war ich diesbezüglich schon und durch­aus gewärtig, dass vieles schöngeredet, ja glorifiziert worden war.

Schöne Landschaften gab es schließlich auch anderswo auf Er­den. Und vor allem wollte ich mich in meinem Urteil keines­wegs von etwaiger Rührung meines Vaters oder irgendwelchen sonsti­gen Emotionen beeinflussen lassen. Nüchtern wollte ich mir die­ses gelobte Land ansehen, möglichst objektiv beobach­ten und Abstand wahren, wenn nicht anders, dann meine bewährte ironi­sche Distanziertheit vorschieben, bevor ich mich in senti­mentalen Gefühlen verlor. Anschließend würde ich das Ganze dann auf ei­ner Art touristischer Skala einordnen um es mit anderen bereits gesehenen Ge­genden vergleichen zu können. Ich war durchaus bereit, diese Skala nach unten hin offen zu halten, war bereit auch zu beißen­der Kritik. Ehrlich gesagt hielt ich die meisten Schilderungen so­wieso längst für übertrieben, und überhaupt war ich mit meinen vierundzwanzig Jahren schließlich abge­klärt, welterfahren, ja fast kosmopolitisch zu nennen.

Dann ging es endlich los, wir fuhren mit der Fähre bis Danzig, die DDR wollten wir uns nicht antun. Die Stimmung auf dem Schiff änderte sich, je näher wir Danzig kamen. Eine Spannung lag über dem Deck, eine bebende Erwartung, seit mit der Halbinsel Hela Land in Sicht kam. immer mehr Passagiere drängten an die der Küste zugewandten Reling.

Fast alle fuhren ja aus dem selben Grund nach Danzig, so war man dann auch am vorigen Abend leicht ins Gespräch gekom­men. Etliche Mitreisende sahen angestrengt aus, viele hatten nicht geschlafen, so aufgewühlt waren sie. Die meisten kamen zum er­sten Mal nach Kriegsende in die Heimat zurück. Als das Schiff in die Danziger Bucht einlief, der Hafen von Hela an Steuerbord lag und an der Küste voraus Einzelheiten erkennbar wurden, kam die erste Erschütterung bei denjenigen hoch, die dort zu Hause waren und auch bei jenen, die ihre Heimat per Schiff verlassen hatten.

Noch einmal kam Bewegung ins Schiff, als die Fähre querab von der Westerplatte drehen mußte, damit später die Autos vor­wärts von Bord rollen konnten. Die Lautsprecher dröhnten, es wurde angesagt, wie die Zollformalitäten und das Ausborden vonstatten gehen würden. Besonders eindringlich und laut wurde verkündet, was man alles nicht fotografieren durfte, vor allem nicht den Mari­nehafen Westerplatte, was aber niemanden ab­hielt. Schnell noch ein Foto, dann ab auf die andere Schiffsseite, wo jetzt alle dicht­gedrängt beim Einlaufen nach Neufahrwasser standen. Wer dies wollte, wurde in stummem Einverständnis in die vorderste Reihe an die Reling gelassen, keine Drängelei, kein Geschubse, man wusste ja aus den Gesprächen vom Vor­abend, dass einige von An­gehörigen abgeholt werden würden, die sie seit der Flucht nicht mehr gesehen hatten. An Land vor dem eingezäunten Zollhafen, direkt am Uferzaun winkende Menschen in Zweierreihe, an Bord Aufschreie des Erkennens, Grüße, tränenüberströmte Gesichter, rudernde Arme, die Tücher schwenkten.

Als das Schiff festmachte und alles zu den Autos oder den Gang­ways für die Fußgänger eilte, sah ich im Vorübergehen noch ein­mal die ältere Dame, mit der wir uns am Vorabend unterhalten hatten. Nicht anheben konnte sie ihren Koffer, nur auf dem Boden schieben, er war voller Konserven für die Ihren, die sie seit Kriegs­ende nicht gesehen hat. Den ganzen Abend kreisten ihre Gedan­ken darum, ob sie die Schwester und die Tochter überhaupt wiedererkennen würde, die mit dem Mann kommen würde, ihrem Schwie­gersohn und den beiden Enkeln, die sie alle drei gar nicht kannte. Sie winkte uns fast triumphierend zum Abschied, gestikulierend, dass sie die Ihren schon entdeckt hatte, ein Lä­cheln aus einer anderen Welt traf mich, vollkommen entrückt, noch von Tränen verschleiert, aber unendlich glücklich, am Ziel allen Sehnens.

Erst jetzt begann ich  die gefühlsmäßige Ebene und Bedeutung dieses Heimatverlustes zu begreifen, das emotionale Leid, das er verursacht hatte und auch noch über dreißig Jahren noch immer verursachte, verstand dass er auch zusammengesetzt war aus einer Vielzahl an menschli­chen und zwischenmenschlichen Tragödien.

Nach gut dreistündiger Wartezeit hatten wir bei dieser ersten Reise die Prozedur der Zollabfertigung komplikationslos hinter uns gebracht. Als wir uns Richtung Danzig-Langfuhr in Bewe­gung setzten, kam es mir vor, als ob das Abenteuer jetzt erst so richtig begann. Die ersten Kilometer fuhren wir noch sehr vor­sichtig, wir waren schließlich im Ostblock und wollten uns nicht gleich Ärger durch eine Geschwindigkeitsübertretung einhan­deln. Wir rollten durch Neufahrwasser, Arbeiterviertel grau in grau, Straßenzüge und Teerbeläge trugen die gleichen trüben Spuren relativ ungebremsten Verfalls. Man gewöhnte sich  schnell an Fahrweise und Straßenzustand, Straßenbahn- und an­dere Schie­nen waren ‚auf Putz‘ verlegt.

Weiter fuhren wir am Bahnhof vorbei im weiten Linksbogen um die Altstadt herum. Durch pulsierenden Feierabendverkehr ver­ließen wir Danzig auf jetzt guter, breiter Straße. Industrieviertel wurden langsam vom satten grün der Weichselniederung abge­löst. Wir passierten langgestreckte Dörfer und sahen hier und da noch die für diese Gegend typischen hölzernen Vorlaubenhäu­ser. Jedes bewohnte Storchennest wurde noch begeistert begrüßt.

Bis nach Elbing hin blieb das Land bretteben, ähnlich wie die mir vertraute norddeutsche Marschlandschaft. Aber viel weitläu­figer erschien sie mir doch, dünner besiedelt und urwüchsiger. Hinter Elbing ging die Ebene bald in sanfte Moränenhügel über.

Die Frage, ob ganz Ostpreußen so hügelig wäre, bejahte mein Va­ter zumindest für den uns jetzt zugänglichen polnischen Teil, also das Oberland, Ermland und Masuren. Er sah mich etwas er­staunt an und fragte halb belustigt, halb pikiert, ob ich denn wohl glaubte, es wäre überall nördlich der Alpen ähnlich ‚plattdeutsch‘ wie bei Stade. Da musste ich also schon mein erstes Bild revidieren, denn irgendwie hatte ich die Vorstellung, ost­preußische Weite mit durchgehend flachem Gelände verbinden zu müssen, mit die­sem ‚mittwochs schon sehen können, dass Tante Frieda am Sonn­tag zum Kaffee kommt‘ der norddeutschen Tiefebene.

Das Erstaunen legte sich, die liebliche, rundliche Landschaft fing an, mir zu gefallen, abwechslungsreich war sie, mit saftig dun­kelgrünen Wiesen, hellen Roggen- und gelbblonden Weizen­fel­dern, ausgedehnten Wäldern und den ersten Seen. Es war Hoch­sommer, kurz vor der Getreideernte, die zweite Heumahd war im Gange. Landwirtschaft der Gegensätze, hier agrarindu­strielle Be­arbeitung von Staatsgütern, daneben Kleinbauern mit Pferd und Wagen, fast archaisch anmutend..

Wir wollten eine Rast machen und hielten auf einem zum Park­platz umfunktionierten alten Kurvenstück der Straße, einer wun­derschönen, von mächtigen alten Bäumen gesäumten Allee. Wir stiegen aus und vertraten uns die Füße. Man könnte dabei ja auch gleich ein paar Landschaftsaufnahmen machen dachte ich bei mir und holte die Kamera. Es kam weit und breit kein Auto und ich spürte zum ersten Mal die Ruhe, die über dem Land lag. Ein Stück weiter hinter der Straßenbiegung wiegte sich weizen­blondes Getreide im stetigen lauen Sommerwind. da sah ich sie zum ersten Mal am Feldrand. knallblaue Kornblumen und Klat­schmohninseln von einem schier unglaublich leuchtenden rot.

Auf der anderen Straßenseite, direkt gegenüber lag eine frisch­ge­mähte Wiese, auf der hoheitsvoll, fast feierlich schreitend zwei Störche Mahl­zeit hielten und sich von nichts und niemandem stören lie­ßen. Ein Stück weiter wurde Heu eingefahren, ein hochbelade­ner , von zwei Pferden gezogener Wagen bog gerade auf einen von der Hauptstraße in weitem Bogen leicht bergab nach rechts führenden Feldweg ein. Ich ging den Weg entlang, der von der Trockenheit der flirrenden Sommerhitze ganz staubig war. An seinen Rändern jedoch gedieh eine nie gesehene Farbenpracht aus der vielstimmi­ges Gezirpe und Gesumme sprudelte.

Expedition Kalte Heimat hatte ich das Unternehmen ironisch-di­stanziert genannt, aber das war’s dann auch schon. Dieser eine, erste kleine Spaziergang genügte und ich war hin und weg. Ich konnte mich kaum satt sehen an den klaren Farben, an der weit bis zum Horizont offen daliegenden Landschaft, hüge­lig, rundlich, beschaulich. Eine Sommerlandschaft aus einer anderen Zeit, fast unwirk­lich friedlich und still, einladend zum Innehalten und Träumen, ohne Ecken und Kanten, wie von einem alten Meister gemalt, an­heimelnd.

Aber etwas war anders, als ich es aus ihren Erzählungen kannte, die mir viele Jahre lang manchmal so gewaltig auf den Nerv gegangen waren. Ich grübelte immer wider darüber und brauchte lange, bis ich dahinter kam was es war. Die Bilder, die all die Geschichten aus der Kalten Heimat in mir hervorgerufen hatten, waren nicht farbig. Sie waren schwarz – weiß, wie die alten Fotos in  ihren Erinnerungsbüchern.

Als ich zum Auto zurückkam, hatte ich einen ganzen Film ver­schossen und wusste, diese Bilder würde ich nie wieder verges­sen, auch wenn die Fotos nur Bruchteile davon zeigen würden. Ich spürte, etwas in mir hatte sich verändert, die Distanz war mir völ­lig abhanden gekommen. Wie unendlich weh musste der Verlust dieses Landes meinen El­tern und Großeltern getan haben, langsam begann ich die Di­mension zu begreifen, den Schmerz und hatte das Gefühl Ab­bitte leisten zu müssen für meine Lästereien. Und noch etwas: ich hatte mich verguckt in dieses Land, fing an es zu lieben.

Als wir  weiterfuhren fragte ich mich, wie das möglich war, ich hatte schon so viel von der Welt gesehen, so schöne Land­stri­che und dann das hier. Es war nicht nur die Schönheit, vom er­sten Augenblick an spürte ich diese ganz besondere Verbun­den­heit, die sich nie wieder löste.

Das hier war auch ein Stück von mir, gehörte zu mir, wie mein Name.

Das Land und ich , wir hatten uns gefunden.

Nordlichter, Fischköpfe, oder doch eine Liebeserklärung?

15 Mrz 11
Brigitte Jäger-Dabek
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Nordlichter, oder Fischköpfe, wie manche uns Küstenbewohner nennen, sind ganz gewiss ein besonderer Menschenschlag. Nein nicht so wie man denkt. Bei mir ist kein Arm zu kurz, weil ich immer am Deich entlang laufe, die Dithmarscher spielen nicht mit Kohlköpfen Fußball,wir gehen auch nicht vorgebeugt, weil wir uns immer wieder gegen den Wind lehnen müssen und wir essen auch keinen Fisch zum Frühstück. Trinkfest nennt man uns, stur und arbeitsscheu. Also Letzteres bestreite ich energisch, Ersteres lasse ich gelten – deshalb tat ich mich persönlich auch in Polen so leicht.

Ja und stur? Wer sein Land seit Generationen gegen Sturmfluten verteidigt und partout nicht weichen will mag als stur bezeichnet werden, ich nenne das eher standhaft. Zweimal habe ich in meinem Leben große Fluten erlebt und wohne heute in meiner kleinen Stadt nur einen Steinwurf entfernt von der Stelle, an der 1962 der Schwingedeich brach und ein junger Soldat starb. Bei der nächsten großen Flut war ich dann selbst mit der DLRG im Einsatz. Das hat mir schon in jungen Jahren höchsten Respekt abgenötigt vor den Menschen, die den Mund abputzten, den Schlamm aus dem Haus schippten, die Trümmer wegräumten, die Deichlücken schlossen und alles wieder aufbauten.

Ich kann die Menschen verstehen, die nicht gewichen sind. Spötter sagen ja, dass man bei uns schon am Mittwoch sehen kann, dass Tante Frieda am Sonntag zum Kaffee kommt. Kann man. So bretteben ist das Land. Es ist das ganz besondere Licht, dass man hier hat, der weite, hohe Himmel mit den über das Blau jagenden strahlend weißen Wolkengebirgen. Hier hat man freie Sicht bis zum Horizont – doch, hier sieht man den Horizont, nichts engt den Blick ein. Und das Schöne ist: Ich muss den Kopf nicht in den Nacken legen, um den Himmel zu sehen, ich habe ihn immer im Blick. Dann ist da noch der Wind. Er pustet einem zu jeder Jahreszeit den Kopf so richtig schön frei – Hamburgs Kreativszene lebt an den freien Tagen zwischen Elbe und Weser und nicht in der Toskana.

Und dann das Wasser, mal wild ans Ufer rauschend mit tobenden Brechern, die die Elbe nur wenig weiter nördlich eher wie eine Meeresbucht wirken lassen, als einen Fluss und mal schlapp an den Strand plätschernd. Ja, wir haben hier richtige Strände, und ausgesprochenen Bedebetrieb.

Und wir haben Salz- und Süßwasserwatten – einmalige Lebensräume, um die man sich lange Zeit weniger Gedanken gemacht hat, als um den fernen Regenwald. Dabei sind auf einem Quadratmeter Watt Millionen von Lebewesen angesiedelt. Dazu ist es Rückzugsgebiet und Kinderstube für viele Tiere vom Vogel bis zur Robbe und wird nun endlich als UNESCO-Weltkulturerbe geschützt.

Was Watt eigentlich ist? Watt ist da, wo man manche in der Nordsee liegenden Inseln wie Neuwerk alle paar Stunden, bei Ebbe, zu Fuß erreichen kann. Es ist der Meeresgrund, der bei Niedrigwasser trocken fällt.

Das Menschen, die hier leben anders sind als Berliner, Bayern, Schweizer oder Ägypter ist doch eigentlich klar. Zugegeben, die Menschen sind hier Zugereisten gegenüber zuerst freundlich, aber reserviert, Motto: Wie pett us Heuner sölben – wir treten unsere Hühner selbst. Zugereiste sind hier übrigens schon Hamburger. Aber wer zeigt, dass er sich interessiert und mitmachen will, ist willkommen. Nur mit der Sprache hapert es oft etwas. Im ländlicheren Gebiet schnackt man Platt – man redet Plattdeutsch. Und in diesem Fall ist schon meine kleine Stadt ländlich.

Bitte nie den tödlichen Fehler machen und Platt als einen Dialekt zu bezeichnen. Plattdeutsch ist eine Sprache! Darauf ist man stolz im Norden. So’n büschen Platt  kann ja nicht schaden, dann wird es gleich gemütlich bei den Nordlichtern …

Segler, die Hobbyseeleute

29 Nov 10
Brigitte Jäger-Dabek
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Seefahrt tut nicht nur Not, sagt man bei uns an der Küste, oft war sie auch Not, romantisch kam sie immer nur den Binnenländern vor. Und doch gibt es auch unter uns Küstenbewohnern eine solche merkwürdige Spezies, die mit romantisch verhangenem Blick jeder mickrigen kleinen Jolle hinterherträumt.

Ja, auch an der Elbe gibt es sie, die Hobby-Seeleute, auch Segler genannt. Oh, Segler sind eine ganz besondere Spezies Mensch. Schon vor Ostern werden sie mit jedem Grad Temperatursteigerung zunehmend unruhiger, prüfen ans Barometer klopfend die Wetterlage, kontrollieren, ob auch wirklich alle Winterarbeiten gemacht sind und die Ausrüstung an Bord komplett ist.

Und dann kommt endlich der herbeigesehnte Tag, an dem die Segler ihre Boote zu Wasser lassen. Ostern den ersten Kaffee auf dem sanft im Hafen dümpelnden Schiff – man sage ja nie Boot zum Schiff eines Seglers und sei die Nussschale noch so klein – dann erst verdient Ostern den Namen Fest.

Für die Hartgesottenen unter den Seglern, kann das bis zum ersten Schnee so bleiben, endlich hat der Zustand einer reinen Landexistenz ein Ende. Die nun folgende Segelsaison an der Elbe ist des Seglers eigentliches Leben. Ein Segler kennt nämlich nur zwei Jahreszeiten, die Segelsaison und die Zeit des Wartens auf die Saison, diese Zeit, die ausgefüllt ist mit Instandhaltung, Verbesserungen und Tüfteleien am Schiff, dass generell der ganze Stolz des Skippers oder der Skipperin ist. Spätestens dann bemerkt man, dass Segeln nur ein ganz klein bisschen anders ist, als Arbeit und ein Segelboot nichts anderes als eines schwimmende Spardose ist. Motto: Ein Schiff ist ein Loch im Wasser, dass von Holz umgeben ist, und in das man Geld stopft.

Aber dann ist die Segelsaison da und das Segeln lässt die weite Marschlandschaft an der Unterelbe, die verschwiegenen kleinen Häfen und stillen Buchten an den Nebenflüssen, den Strom und das Wattenmeer auf eine Weise erleben und genießen, die jede Mühe wert ist. Und sie lehrt Respekt vor der Natur sowie den Gewalten der nahen See, die man bei jedem Segeltörn immer wieder neu erfährt.

Nein, das Segeln auf der Elbe, an der Küste und auf See ist kein Hobby. Es ist eine besondere Art zu leben.

Das Kopftuch und der Islam

21 Okt 10
Brigitte Jäger-Dabek
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Für eine muslimische Frau gibt es viele Gründe ein Kopftuch zu tragen. Es ist keinesfalls nur sozialer Druck, es ist immer öfter eine frei entschiedene Glaubensausübung und manchmal auch eine Protesthaltung gegen eine den islamischen Glauben ablehnende Mehrheitsgesellschaft. Die theologischen Grundlagen für das Kopftuchgebot stehen in Koran und Sunna.

Kopftuchtragende Frauen gehören auch in Deutschland längst zum Straßenbild. Damit machen sie gesellschaftliche Realitäten sichtbar, zeigen sie doch, dass es neben dem Christentum noch andere Religionen mit einer großen Zahl von Gläubigen gibt. Vielen Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft erscheint das bedrohlich, es macht ihnen Angst, denn dieses Kopftuch gehört zu einer fremden Welt, die nun aber mitten in unserer vertrauten Welt existiert und von der die meisten von uns nichts wissen. Ein unbefangenes Zugehen auf diese fremde islamische Welt fällt schwer, leichter ist es, das Fremde auszugrenzen und mit negativen Stereotypen zu belegen. Die Frage, warum muslimische Frauen eigentlich Kopftücher tragen, wird dabei kaum noch gestellt.

Das Kopftuch, eine lange Tradition

Als Frau den Kopf zu bedecken, wenn man den öffentlichen Raum oder ein Gotteshaus betritt, ist beileibe keine Erfindung des Islams. Noch heute bedecken orthodox-jüdische Frauen ihr Haupthaar durch ein ganz ähnlich gebundenes Tuch oder durch eine Perücke, ihre Männer tragen eine Kipa oder einen Hut. Auch in Deutschland tragen nicht nur russlanddeutsche Frauen, sondern viele ältere Frauen auf dem Land bis heute eine Kopftuch und zu einer Papstaudienz wird keine Frau mit bloßem Haupt erscheinen, auch Nonnen sind bedeckt.

Schiebt man einmal alles Symbolhafte wie Zeichen der kulturellen Rückständigkeit, der Unterdrückung der Frau durch den Mann und des Ausdrucks einer Zustimmung zu islamistischen Positionen beiseite, kann man zu den theologischen Grundlagen vordringen.

Glaubespflicht oder Gebot?

Das Tragen eines Kopftuches ist für muslimische Frauen keine unabdingbare Glaubenpflicht, sondern ein Glaubensgebot. So sehen es auch die meisten muslimischen Geistlichen: als Gebot und nicht als Vorschrift, aber das gilt keineswegs für alle Glaubensrichtungen. Eine übergeordnete Instanz wie den Papst, der eine allgemeinverbindliche Entscheidung fällen könnte, existiert nicht. Es gibt als auch das Kopftuch betreffend unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten.

Für die meisten Trägerinnen bedeutet das Kopftuch heute eine Glaubensausübung, etwas wie das als individuelle Pflicht empfundene tägliche Gebet. Wäre das Kopftuch hingegen als Symbol zu werten, wie westliche Betrachter es gern tun, gälte eine entsprechende Vorschrift im Islam auch für Männer. Auch wenn die Alltagspraxis leider nicht selten anders aussieht: grundsätzlich haben Frauen und Männer im Islam die gleiche Würde, denn vor Allah sind sie gleich und genießen dieselben Rechte. auch wenn es keine Gleichberechtigung in der Gesellschaft gibt, sondern eine Segregation der Geschlechter.

Vor allem ein großes Missverständnis prägt die westliche Sicht auf das Kopftuch und seine Trägerinnen: es bedeutet nicht die Unterordnung unter den Mann, sondern unter den Glauben, obwohl es natürlich dazu missbraucht werden kann.

Das Kopftuchgebot im Islam soll die Würde der Frau schützen und den respektvollen Umgang von Mann und Frau fördern, soll sexistische Annäherungen und Anmache sowie sexuelle Belästigung verhindern. Das Gebot ein Kopftuch zu tragen kommt bereits mit Eintreten der Geschlechtsreife zum Tragen und hat nichts mit der Ehe zu tun.

Die theologische Begündung ds islamischen Kopftuch-Gebots

Die theologische  Begründung für das Gebot zum Kopftuchtragen ergibt sich in erster Linie aus dem Koran. Die Sure 24,31  ruft die Frauen dazu auf, ihre Reize vor den Männern zu verbergen:

„Sprich zu den Gläubigen, dass sie ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Scham bewahren. Das ist reiner für sie. Siehe, Allah kennt ihr Tun. Und sprich zu den gläubigen Frauen, dass sie ihre Blicke niederschlagen und ihre Scham hüten und dass sie nicht ihre Reize zur Schau tragen, es sei denn, was sichtbar ist, und dass sie ihren Schleier über ihren Busen schlagen und ihre Reize nur ihren Ehegatten zeigen oder ihren Vätern oder den Vätern ihrer Ehegatten oder ihren Söhnen oder den Söhnen ihrer Ehegatten oder ihren Brüdern oder den Söhnen ihrer Brüder oder den Söhnen ihrer Schwestern oder ihrer Frauen oder denen, die ihre Rechte besitzen (die Sklavinnen), oder ihren Dienern, die keinen Trieb haben, oder Kindern, welche die Blöße der Frauen nicht beachten. Und sie sollen nicht ihre Füße zusammenschlagen, damit nicht ihre verborgenen Reize sichtbar werden.“

Auch die Sure 33,59 empfiehlt, den Kopf mit einem Tuch zu bedecken:

„Prophet! Sag deinen Gattinnen und Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie sollen (wenn sie aus dem Hause treten) sich etwas von ihrem Gewand (über den Kopf) herunterziehen. So ist es am ehesten gewährleistet, dass sie (als ehrbare Frauen) erkannt und deshalb nicht belästigt werden. Allah aber ist barmherzig und bereit zu vergeben.“

Einzelheiten über die Verhaltensvorschriften stehen in Sure 24,30.:

Sprich zu den gläubigen Männern, daß sie ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Keuschheit wahren sollen. Das ist reiner für sie. Wahrlich, Allah ist recht wohl kundig dessen, was sie tun.

Nun  ist in allen diesen Koranabschnitten nicht direkt vom Kopftuch die Rede Wie die Muslima Frauen sich also korrekt zu kleiden hat, ist zunächst eine Frage der Auslegung und in nicht arabisch sprechenden Ländern auch der Übersetzung des Korans. Wenn man allein die deutschen Koranübersetzungen betrachtet, wird man eine Vielzahl von Übersetzungsmöglichkeiten finden,  von „ihren Schleier über ihren Busen schlagen“, über  „sich etwas von ihrem Gewand (über den Kopf) herunterziehen“ oder „dass sie von ihrem Dschilbab (oder persisch: Tschador) über sich ziehen“, „dass sie ihre Schleier über ihren ganzen Körper ziehen“ bis hin zum einfachen „sie sollen ihre Tücher über sich ziehen“.

So kann man allein über die Bedeutung des Wortes Dschilbab schier ewig diskutiren, es kann in diesem Zusammenhang von Umhang bis zu einem xbeliebigen bedeckenden Tuch alles sein. Der Koran ist eben nicht ein Gesetzeswerk wie das Bundesgesetzbuch in entsprecheder Sprache sondern ein poetisches Buch in vollendetem Arabisch. Man sieht hieran die Schwierigkeiten der Koran-Übersetzung, weshalb eine Übersetzung des Korans in der klassischen islamischen Theologie als unmöglich gilt und es eben keine autorisierten Übersetzungen gibt.

Begründungen aus der Sunna

Die Sunna besteht aus einer Reihe von Überlieferungen, die  Aussagen und Taten des Propheten Mohammed festhalten und stellt eine zweite Quelle des islamischen Glaubens dar. In der Hadith-Sammlung von Abu Dawud heißt es über die Prophetengattin Aischa: „Als Allah herab sandte: ’Und sie sollen ihre Kopftücher über ihre Kleiderausschnitte schlagen’ zertrennten sie ihre Gewänder und verwendeten sie als Kopftücher für sich.“

An einer weiteren Stelle wird von Aischa berichtet, dass der Prophet seinen Blick von ihrer Schwester Asmaa abwandte, als diese einmal mit durchsichtiger Kleidung zu ihm kam. Er sagte zu ihr: „Asmaa, wenn eine Frau ihre erste Regelblutung hatte, soll man nichts von ihr sehen, außer diesem und diesem.“ Und er zeigte dabei auf sein Gesicht und seine Hände.

Wie erwähnt gelten die Kleidervorschriften ab dem Eintreten der Geschlechtsreife. Doch auch vor dem Erreichen dieses Alters sollen bestimmte Körperpartien wie die Geschlechtsteile bedeckt, denn Schamhaftigkeit gehört im Islam zur Glaubensausübung.

Alle Glaubensgebote und Vorschriften des Islam sollen bewusst aus Überzeugung und freiem Willen befolgt werden und nicht einem Druck nachgebend.

Das Nichttragen des Kopftuches bedeutet für die Muslima nicht die Abkehr vom Islam und darf im Islam allein nicht als Maßstab für die Frömmigkeit einer Frau gelten.

Von Leuchttürmen und der Romantik

19 Okt 10
Brigitte Jäger-Dabek
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Von Leuchttürmen und der Romantik

Entwaffnend und treffend beschrieben bringt Kindermund das Charakteristische auf den Punkt: „Mutti, Mutti, schau mal der Turm da hat Ringelsöckchen an,“ verkündete eine kleine Landratte, als sie offenbar zum ersten Mal einen Leuchtturm sah.

Interessant an den Türmen ist, dass alle diese Ringelsöckchen verschieden sind, was kein Zeichen von chaotischer Unordnung ist, sondern sehr gewollt. So kann der Navigator an Bord nämlich auch am Tage ganz einfach und zuverlässig bestimmen, um welchen Leuchtturm es sich handelt.

Deshalb gibt es an der ganzen Elbe und Nordseeküste keine zwei gleich aussehenden Leuchttürme. Zwar gibt es baugleiche Modelle, die sind dann aber verschieden angestrichen. Erst an der Ostsee werden sie wieder Leuchttürme finden, die denen an der Nordseeküste zum Verwechseln ähneln.

Wenn sie denn einmal leuchten und es dunkel genug ist, um ihr Licht auch zu sehen, kann man sie an ihrer Kennung unterscheiden, wie der Navigator es nennt. Diese Kennung beschreibt die Taktung des Leuchtfeuers, also in welchem Rhythmus es an und ausgeht, wie lange dieser Takt dauert und wie oft er sich wiederholt pro Minute.

Die Kennung ist genau wie das Aussehen in den Seehandbüchern und Leuchtfeuerverzeichnissen aufgelistet, sodass auch hier kein Zweifel aufkommen kann, um welchen Turm es sich handelt.

Gebaut wurden Leuchttürme dort, wo es keine unverwechselbaren Küstenformationen und Landmarken gibt, oder sie wurden auf ein Schiff gesetzt, das dann auf See verankert wurde, dort, wo die Ansteuerung in die großen Flüsse hinein begann, dann heißen Sie Feuerschiff und sind knallrot angestrichen.

Bereits mit dem Aufblühen der Hanse und der damit verbundenen Zunahme des Schiffsverkehrs zeigte sich die Notwendigkeit Küstenabschnitte zu markieren um auch fremden Kapitänen das Erkennen und die sichere Hafenzufahrt zu ermöglichen. Bereits 1286 wurde der Leuchtturm von Neuwerk, der anfangs auch als Wehrturm diente erbaut. Damit dürfte er eines der ältesten Leuchtfeuer an der Deutschen Bucht sein.

Die Seeschifffahrt der Hansestädte nahm rasant zu, sichere Hafenzufahrten wurden immer wichtiger und die Zahl der Leuchttürme wuchs. Immer neue Schifffahrtslinien wurden befahren und der Wunsch nach einer Markierung der Routen wurde laut.

So wurde im beginnenden 19. Jahrhundert wurde in einer großen Bauwelle die gesamte deutsche Küste und die Flussmündungen mit Leuchttürmen versehen. Den Anfang machte 1804 der Bau des Cuxhavener Leuchtturms.

Heute stehen allein zwischen Cuxhaven und Hamburg 52 Leuchttürme – und sie sind alle verschieden. Aber nicht nur Leuchttürme weisen den Schiffen den Weg Schiffsverkehr auf der Elbe leiten, es gibt noch andere Seezeichen, fest in den Boden gerammte feste Zeichen wie Baken, die einem Lattengerüst mit einem auffälligen Topzeichen ähneln, Dalben, die dicke Pfähle sind, Stangen mit einem Reisigbesen darauf und Pricken, die wie kleine Bäumchen aussehen. Sie stellten die simpelste Methode der Markierung an Land und in flachen Gewässerteilen sowie Nebenflüssen dar.

Wichtig für den Schiffsverkehr auf der Elbe ist vor allem die exakte Markierung der ausgebaggerten Fahrrinne, damit tiefgehende Schiffe nicht auf den zahllosen flachen Sänden stranden. Dazu werden schwimmende Seezeichen verwendet, die Tonnen, die jeweils genau am Rand des Fahrwassers verankert sind. Von See kommend findet man auf der rechten, der Steuerbordseite grüne Tonnen und auf der Backbordseite links rote Tonnen. Damit man sich nicht vertut bei der Orientierung sind diese Tonnen nummeriert, grüne Tonnen tragen ungerade fortlaufende Zahlen, rote hingegen gerade Zahlen.

Obwohl es längst moderne Elektronik wie Radar, elektronische Seekarten und Satellitennavigation in der Seefahrt Einzug gehalten haben, und zumindest der Satellitennavigator auch in der Sportschifffahrt längst Standard ist gibt es immer noch Leuchttürme. Elektronik muss nämlich nicht jeder an Bord haben und vor allem: sie kann ausfallen. Leuchttürme hingegen versehen ihren Dienst in unerschütterlicher Gleichmut, sie sind immer da und mit bloßem Auge sichtbar.

Generell werden Leuchttürme in  Leitfeuer, Richtfeuer, Quermarkenfeuer und Seefeuer unterschieden. Leitfeuer haben je einen roten, weißen und grünen Lichtsektor. Die Steuerleute der Schiffe legen ihren Kurs auf den mittleren weißen Sektor, den sie wie einen Leitstrahl nutzen. Geraten sie in den roten Sektor, steuern sie zu weit nach backbord (links), sehen sie grünes Licht, sind sie nach steuerbord (rechts) abgewichen.

Eine ähnliche Funktion haben Leuchttürme, die ein wenig wie Pat und Patachon im Doppel dastehen. Einer ist hoch und dünn, der andere kurz und gedrungen. Der große Leuchtturm wird Oberfeuer genannt, der kleine Unterfeuer. Sie bilden zusammen ein Richtfeuer und der Steuermann folgt so lange dem richtigen Kurs, wie er die beiden Feuer genau übereinander sieht. Das System von Richtfeuern und Leitfeuern ist so ausgeklügelt, dass ein Steuermann wie ein Flugzeug auf einem Leitstrahl seinen Weg auf der Elbe mühelos findet.

Ein Quermarkenfeuer hingegen, das rotes, weißes und grünes Licht aussendet, bezeichnet eine notwendige Kursänderung, zum Beispiel bei einer Flussbiegung. Sieht der Steuermann weißes Licht, muss er eine Kursänderung vornehmen. Seefeuer hingegen sind nur eine Markierung, meist beginnt bei ihnen eine Flussansteuerung.

Obwohl Leuchttürme also eigentlich technische Bauwerke sind, haftet ihnen doch ein gehöriges Maß an Romantik an. Und: Kein Zweifel Leuchttürme sind in. Unerschütterlich zuverlässig stehen sie da als Geborgenheit und die Sicherheit verheißendes Licht in der Dunkelheit, geben Orientierung, zeigen den Weg auch in schwierigen Fahrwassern.

Sie erzählen Geschichten von einsamen, naturverbundenen Leuchtturmwärtern, von Seefahrt und Fernweh, von fernen Ländern, aber auch vom sicheren Heimkommen und der immer gleiche Takt ihres Lichtes beruhigt. Und eigentlich wünscht sich jeder insgeheim, einmal auf solch einem Turm zu übernachten. Bitteschön, auf Neuwerk ist das möglich.

Journalistenmacht: Die Bilder in unseren Köpfen

07 Aug 10
Brigitte Jäger-Dabek
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Ein grau gewandeter, graugesichtiger, steinalter und abgearbeiteter Bauert sitzt auf dem Bock seines klapprigen Wagens, der von einem noch klapprigeren, zottigen Pferd direkt in den Sonnenuntergang hinein gezogen wird. Schnitt.

 

Ein Storch gleitet an der tiefen, schon untergehenden Sonne vorbei, landet klappernd auf dem Nest und füttert liebevoll den hungrigen Storchennachwuchs. Schnitt.

 

Dann geht die Abendsonne glutrot unter, taucht in einen masurischen See ein und verglüht. Schnitt.

 

Ja, lieber Zuschauer, so ist Polen, heißt die Botschaft, die uns da vermittelt wird – in fast jedem Film. Ist polen so? Was stellen wir und als Zuschauer vor bei solchen Bildern? Polen? Na klar. Das ist Idylle pur, ein Land, in dem die Zeit stehen geblieben ist, ein Land, in dem die Menschen in abgeschiedenen Dörfern leben, von jeder Entwicklung abgeschnitten und bitterarm. Na was? Die Bilder lügen doch nicht! Nein, tun sie auch nicht, aber sie sind nur ein sehr kleiner Ausschnitt der Wirklichkeit. Ein Bild von der Dynamik, die in der Entwicklung dieses Landes steckt, zeigt sie nichts, auch nicht von den Brüchen, dem noch immer vorhandenen Stadt-Land-Gefälle. Auch nichts von der ungebremsten Kreativität der Polen oder von dem atemberaubenden Boom Warschaus und den rasend schnellen Veränderungen selbst in den kleinen Städten, genau wie den Entwicklungen in der Landwirtschaft, die man Polen so nicht zugetraut hätte.

 

Es ist wohl nicht spektakulär genug, über den wirklichen Alltag von Otto Normalverbraucher zu berichten, von den Brüchen in den Familien, in denen die Eltern im ländlichen oder kleinstädtischen Milieu leben, sehr katholisch geprägt und die Kinder in Warschau oder Posen studiert haben und in einer völlig anderen Welt leben. Sie finden sich kaum zurecht in dem hektischen Tempo, in dem sich die Wirtschaft entwickelt, so rasch und so stabil, dass sie Deutschland in weniger als zwei Jahrzehnten überholt haben wird. Diese Zusammenhänge werden selten dargestellt, sie sind unspektakulär und setzen beim Berichterstatter tieferes Verständnis und genaue Kenntnisse voraus.

 

Worum es mir geht, ist ein zutreffendes Bild des Landes zu zeichnen, aus dem man berichtet und das kommt nicht nur im Fall Polen allzu selten vor. Ob es im Ostseereport ist, wo es scheinbar so wichtig ist, über Typen zu berichten, die einer schräger sind, als der andere, ob es Reiseimpressionen sind, die das Landleben als Idylle darstellen. Ist Alltag nicht berichtenswert? Sind die Probleme im Alltag nur interessant, wenn Spektakuläres darin vorkommt?

 

Da hat eine ganze Zunft scheinbar vergessen, dass jeder Mensch der publiziert, also auch jeder Journalist eine ganz besondere Verantwortung trägt. Als Journalisten muss es uns einfach bewusst sein, dass die Bilder, die wir mit Kameras transportieren, oder durch unsere Texte entstehen lassen, einen großen Einfluss auf das Denken der Öffentlichkeit haben, auf Urteile und Vorurteile.

 

Zum Beispiel das Thema Islam. Da wird fröhlich und unbedarft Islam mit Islamismus vermischt, DER Islam – als ob die islamische Welt etwas völlig Monolithisches wäre – zu einer gewaltverherrlichenden Religion gemacht, jede Kopftuchträgerin zu einer unterdrückten Frau, jeder religiöse Muslim fast zwangsläufig zum Islamisten und potenziellen Terroristen.

 

Wir Journalisten tragen einen großen Teil der Mitschuld an solchen Bildern, immer auf der Suche nach dem Quote bringenden starken Bild, dem auflagenstarken Satz. Misstrauen Sie uns!

Das deutsche Multikulti-Fußballwunder

15 Jul 10
Brigitte Jäger-Dabek
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Deutschland – Mas integracion más integración

Nun ist Fußball ja generell Emotion pur, aber was da gestern im WM-Achtellfinale in Südafrika zwischen Deutschland und England passierte, wird sicherlich einmal als Sternstunde des deutschen Fußballs bezeichnet werden.

Die Nation war aus dem Häuschen, als ob der Titel gerade gewonnen worden war. Und das lag weder an der historischen Höhe des deutschen Siegen – noch nie hatte England ein WM-Spiel mit 4:1 verloren – und es lag auch nicht am tollen Sommerwetter daheim in Deutschland.

Es war die Art, in der dieser Sieg nicht errungen oder erkämpft sondern erspielt wurde. Mit spielerischer Leichtigkeit kombinationssicher vorgetragene Angriffe, Tempofußball mit deutschen Stürmern, die sprühten vor Kreativität. Dieser Fußball der feinsten Art begeisterte die Deutschen. Hacke, Spitze, tralala – mehr als nur ein Hauch von Südamerika ließ grüßen.

Das war es doch, was wir uns immer wünschten, weg vom Image der deutschen Kraftwalze, dem ewigen britischen Panzervergleich, fort von Blutgrätsche und deutschen Kampftugenden, hin zu spielerischer Leichtigkeit mit einem Schuss Genialität und einem Spritzer Schlitzohrigkeit. Kurz: Die Begeisterung darüber, dass diese Mannschaft Fußball nicht nur arbeiten, sondern auch spielen kann.

Und das wird bleiben, selbst wenn uns Argentinien aus den Träumen reißen sollte. Denn diese so junge Mannschaft steht erst am Anfang und hat noch jede Menge Entwicklungspotenzial. Und noch etwas wird hoffentlich bleiben, nämlich der integrative Faktor dieser Mannschaft. Es ist einfach nicht mehr zu übersehen: Einwandererkinder bilden das Herz dieser DFB-Elf.

Da sah man im Autokorso Menschen offenbar türkischer Herkunft, das Auto mit schwarz-rot-goldenen Farben geschmückt, darin Frauen mit Kopftuch, DFB-Fanschal und Vuvuzela, stolz wie Oskar nicht nur auf „ihren“ Mesut Özil, polnisch-deutsch beflaggte Fahrzeuge, die nicht nur „ihre“ Helden Trochowski, Klose und Podolski feierten.

Vieles erinnerte an das Sommermärchen von 2006, doch dieses ist anders. Damals waren es die Deutschen als Gastgeber, die zusammen mit ihren Gästen aus aller Welt zusammen feierten. Heute feiern beim Public Viewing und beim Autokorso die in Deutschland lebenden Menschen eine gemeinsame Mannschaft und ein Ereignis, an dem alle gleichermaßen teilhaben, egal on sie hier , in der Türkei, in Afrika, auf dem Balkan, in Polen, oder sonst wo geboren sind. Es ist so: Diese Mannschaft ist immer auch ein Stück weit Spiegel der Gesellschaft – eines Einwandererlandes.

Bei diesem Sommermärchen begegnen sich diese Menschen in Deutschland zum ersten Mal in etwa auf Augenhöhe, egal ob man seit Generationen hier lebt, alteingesessen ist oder Migrant. Man beginnt ein klein wenig zu begreifen in diesem Land, dass es die Migrantenkinder waren, die ein Großteil der begeisternden neuen Leichtigkeit in den Fußball der deutschen Nationalmannschaft brachte. Und man ist dabei zu lernen, dass man nicht Mesut Özil als Idol feiern kann, und gleichzeitig auf seine Eltern, die türkischen Einwanderer herabschauen kann.

Über die Begeisterung für diese deutsche Fußballnationalmannschaft wird hoffentlich auch ein Stück mehr Integration und Wertschätzung für unsere Zuwanderer in die Gesellschaft überspringen. Schauen wir doch diese junge Mannschaft an, die zeigt, wie es geht: füreinander offen sein, einander helfen, bereit sein, voneinander zu lernen und vom anderen das Beste zu ü+bernehmen und zu integrieren. Es gibt einen schönen Werbespot beim Deutschen Fußballbund: DFB – mas integracion.

Wie wäre es, das auf die Gesellschaft, denn Alltag zu übertragen, denn diese WM ist auch eine Chance für mehr Integration. Dann hieße es: Deutschland – mas integracion.

Wi snackt Plattdütsch

10 Mai 10
Brigitte Jäger-Dabek
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Schon der Gruß ist anders bei den Nordlichtern. Mit einem mal gedehnten „Moiiiin“ , einem fröhlichen „Moin, Moin“ oder einem knackig knappen „Moin!“ wird man gegrüßt im Norden, und gegrüßt wird hier zumindest im ländlichen Raum immer noch jeder, der des Weges kommt. Egal ob es nun ein nie zuvor gesehener Urlauber oder der vertraute Nachbar ist.

Eben dieser Feriengast tippt sich gern an die Stirn und sagt sich „die spinnen, die Nordlichter“, wenn er dieses „Moin“ kurz vor der Abendbrotzeit hört.

Dabei hat das Wort „Moin“ gar nichts mit dem Morgen zu tun, denn im Plattdeutschen kommt es von „moi“, und das bedeutet so viel wie gut oder schön. Also ist „Moi“ nichts weiter als eine Abkürzung von „Moien Dach“, oder „Moien Abend“.

Und auch sonst klingt es zwar irgendwie gemütlich an der Küste, für Zugereiste aber doch ziemlich ausländisch, ein wenig wie die skandinavischen Sprachen oder wie das Niederländische. Manches schient dem Englischen näher zu sein als dem Deutschen.

Wer genauer hinhört und schon andere deutsche Küstenregionen kennt, wird feststellen, dass selbst die von der Elbe doch ziemlich weit weg lebenden Mecklenburger erstaunlich ähnlich klingen beim Reden. Alle sprechen sie Plattdeutsch.

Also ist Plattdeutsch so eine Art Küstenkauderwelsch? Ein Dialekt? Bloß nicht, wer das sagt im Norden, wird fortan mit Verachtung gestraft. Der Streit allerdings ist uralt, lange konnte sich die Wissenschaft nicht einigen, ob Plattdeutsch ein Dialekt oder eine Sprache ist.  Das lag hauptsächlich daran, dass den Sprachwissenschaftlern die einheitliche Rechtschreibung fehlte. Auch ordnete man die plattdeutsche Sprache gern als Dialekt ein, weil sie eine ähnliche Funktion hatte, wie andernorts eben Dialekte, sie war die Sprache des Volkes.

Zwar gibt es plattdeutsche Literatur, die schreibt aber jeder Autor, wie er gerade möchte.

Vor einigen Jahren hat man sich nun doch verständigt: Plattdeutsch ist eine Sprache – so eindeutig, dass es in die Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen aufgenommen wurde.

Damit wollte man das Plattdeutsche schützen und vor dem Aussterben bewahren. Spätestens als nach dem Zweiten Weltkrieg Radio und Fernsehen die hochdeutsche Sprache tagtäglich in den Alltag der Menschen transportierte, geriet das Plattdeutsche auch auf dem Land immer weiter ins Hintertreffen. Dabei war Plattdeutsch einmal die lingua franca der Hanse. Später jedoch versuchten sich selbst die feinen Hanseaten, die Plattdeutsch Jahrhunderte als Verkehrssprache der Hanse genutzt hatten, nun im Hochdeutschen. Bald war es so weit, dass Eltern sich im Hochdeutschen abmühten, damit die Kinder es in der Schule leichter hatten. Im zwanzigsten Jahrhundert wurde Hochdeutsch mehr und mehr zur Umgangssprache selbst in den kleinen Städten und Dörfern an der Elbe. Dazu kam nach 1945 mit den Millionen Flüchtlingen aus dem Osten ein größerer Anteil an Zuwanderern. Später wurde unsere Gesellschaft immer mobiler. Das brachte es mit sich, dass immer mehr Menschen in der Region lebten, die Platt nicht verstanden. Die Ansicht schien sich durch zu setzten, dass Platt hinterwäldlerisch ist, Hochdeutsch hingegen weltläufig.

Erst im letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts setzte ein Umdenken ein und man begann zu erkennen, dass das Plattdeutsche Teil der norddeutschen Identität ist, ein Stück Heimat bedeutet und etwas Beständiges in einer sich immer schneller verändernden Welt ist. Man bekennt sich wieder zu seiner Region und pflegt die alte Sprache um sie wenn schon nicht als Muttersprache, so doch als Zweitsprache zu erhalten.

Es scheint zu gelingen, nicht nur dass es wieder unzählige Kultur- Sprach-, Theater- und Volksliedgruppen sowie Plattdeutsch-Volkshochschulkurse in der Region gibt, auch Radio und Fernsehen senden mittlerweile in Platt. Und weil das Niederdeutsche seit dem 1, Januar 1999 durch die Europäische Charta anerkannte Regionalsprache ist, trifft man die Sprache auch in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens wieder an, es gibt wieder Straßennamen wie „Boben in Dörp“ und man kann das niederdeutsche Platt sogar studieren.

Auch Bücher gibt es wieder reihenweise in Platt, von Asterix und Obelix bis hin zu Harry Potter. Dazu findet man häufig die Aufkleber „Wi snakt Platt“, vielleicht kommt es doch noch einmal so weit, dass es wieder heißt: Drei Sprachen sprechen wir an der Elbe, Hochdeutsch, Plattdeutsch und über andere Leute. Und was ist schöner als ein gemütlicher Klönschnack, in dem man mal so richtig schön över de annern Lüd schludert!

Plattdeutsch ist sehr vielseitig, kann kurz und knapp ausdrücken, was gesagt werden muss und dabei ja kein Wort zu viel benutzen. Sonst könnte  es ja heißen: wat is he bloot sabbelig – wie ist er doch geschwätzig. Und unnötige Worte liebt der wortkarge Norddeutsche nicht.

Dabei kann Plattdeutsch auch so humorig liebevoll klingen, wenn Hinnerk zu seiner Liebsten zärtlich sagt „Mien seuten Schietbüdel“. Ja, das sagt er so, aber nun übersetzen Sie dan mal ins Hochdeutsche: mein süßer Sch…beutel. Was sagt uns das? Es gibt tatsächlich Worte, die im Plattdeutschen eine etwas andere Bedeutung haben als im Hochdeutschen.

Als grobe Regel kann man sagen, dass im Plattdeutschen sich nicht nur alles niedlicher anhört, sondern fast auch immer weniger hart gemeint ist. So wird ein kleines Kind zärtlich Schieter oder Schietbüdel genannt, denn so ein Windelpaket ist ja nun mal ein Schietbüdel. Säugling, das wäre so ein sachlich bürodeutsches Wort, nichts für den Norddeutschen, der mit seiner plattdeutschen Sprache lieber Bilder malt, und jetzt Tittkind sagen würde. Und um den Bogen zur großen weiten Welt zu schlagen: Es ist ja üblich auf Neudeutsch Baby zu seiner Angebeteten zu sagen und nichts anderes drückt der Norddeutsche mit Schietbüdel aus.

Übrigens: will der Elbanwohner sich besonders gewählt ausdrücken, sagt er gar nicht „Moin“, sondern „Goden Dach ok“.

Special: Plattdeutsche Überlebenshilfe

abbeldwatsch  unsinnig, merkwürdig

achtern  hinten

Achtersteven  Heck beim Schiff, Hinterteil beim Menschen

Arftensupp  Erbsensuppe

brägenklöterig  durcheinander, verrückt

brägenklöterige Kauh  die Kuh hat BSE

Buddel  Flasche

Büx  Hose

Deern  Mädchen

Dalben  Pfahl im Wasser zum Festmachen von Schiffen

Döntje  Anekdote

dor teuv man op  da kannst du lange drauf warten

duhn  betrunken

dwars quer

Dwarslöper  „Querläufer“, scherzhaft für Taschenkrebs

Dweiel  Feudel

Farken  Ferkel

Fisk  Fisch

Fleitenpiepen  Pustekuchen

Flunk  Flügel

Fofftein, mok mol fofftein mach mal Pause

Fronslüd  Frauen

fuchtig  frisch

Hol di fuchtig  Bleib gesund, halt dich aufrecht

gediegen, is ja gediegen  ist ja merkwürdig

giv mi `n Seuten  Gib mir einen Kuss

Gör  Kind

Granat  Krabben

Grönhöker Gemüsehändler

Hansmann  Strampelanzug

Höker Kaufman, Händler

Heunerglowen  Aberglaube

inkuhlen  beerdigen

Iesschapp  Kühlschrank

iesern Brägen  Computer

Kark  Kirche

Kiekin  kurzer Besuch

Kiek mol wedder in  komm / kommen Sie bald mal wieder

Kledasch  Kleidung

kleien  im Dreck herum wühlen

klei mi an Mors du kannst mich mal am A …

Klock Uhr

Klock söben  sieben Uhr

Klockachtheuhner  Perlhühner

klönen   sich gemütlich unterhalten

Klönkast  Telefon

Klönschnack gemütliche Unterhaltung

Kloogschnacker, Kloogschieter  Besserwisser

Klüten  Klöße

Knieptang  Kneifzange

Knütten  stricken

Knüttgaarn  (Strick)Wolle

Köksch  Köchin

Köhlschapp  Kühlschrank

Köm  Korn, klarer Schnaps

Krusenkohl  Wirsingkohl

Leileckerland  Schlaraffenland

Loop mi na  Parfüm

Lütt klein  bi lütten  langsam, allmählich

Macker  Freund, Kumpel

mall  verrückt  büss woll mall! Du bist wohl verrückt

Mannslüd  Männer

Melk  Milch

Mien  Oll  mein Mann, mien Ollsch  meine Frau

Moin, Moin Moin  Guten Tag!

Mors  Hinterteil

Muck Kaffee ein Becher Kaffee

Muster  Senf

Naber  Nachbar

Nokieksel  Lexikon

Quiddje  Fremder, Tourist

Peerd  Pferd

Plietsch  schlau

Proppentrecker  Korkenzieher

Putzbüdel  Frisör

Pütz  Eimer

Rundstück  Brötchen

Schapp  Schrank, Schrankfach

Schieter, Schietbüdel  Kosewort für Kinder und die Liebste

schludern, sludern  über andere Leute Reden

schnacken reden

slusohrig  hinterlistig

Steert  Schwanz

Steertrock  Frack

suer oder seuer, he licht in suer  er liegt in Sauer, er hat einen Kater

Swienegel  Schmutzfink

togang (sin)  dabei sein, gerade machen

Treckpott  Teekanne

tüdelig  umständlich, verwirrt

Tüünsupp  Fliederbeersuppe

Udel Polizist

utbüxen  weglaufen

wahrschauen  warnen  Wahrschau!  Achtung

verkloogfiedeln  erklären

viegelinsch  schwierig, heikel

Wuling  Durcheinander

Zippel  Zwiebel

Zippeltine  Heulsuse

 

 

Wer für alle Fälle gerüstet sein will, besorgt sich ein kleines Wörterbuch, das in jede Jackentasche passt, dann kann garantiert nichts mehr schief gehen:

 

Langenscheidt Lilliput Plattdeutsch, München 2000, ISBN 3-468-20037-4

Von der guten zur billigen Zeitung

11 Apr 10
Brigitte Jäger-Dabek
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Es gibt ein Land, das wird Absurdistan genannt. Vor langer Zeit gab es dort goldene Jahre und manche Menschen erinnerten sich dort noch an die Ära, in der Absurdistan Schlaraffenland hieß.

 

Im Süden von Absurdistan am Weißwurstäquator lag die idyllische alte Stadt Knürzburg am Wain. Die Menschen lebten auch hier einst in blühenden Landschaften. Und sie informierten sich in ihrer angesehenen Zeitung Wainpost, über das, was in ihrer Welt so tag für Tag geschah. Bei der Wainpost arbeiteten auch viele Menschen für gutes Geld, sie waren durchweg stolz auf ihren Job in der Redaktion und in der Druckerei.

 

Doch dann wurden auch in Knürzburg die Zeiten – zuerst kaum merklich – immer schlechter, auch für das Regionalblatt. Viele Menschen bestellten die Zeitung ab, Werbekunden sprangen ab. Wie war man da froh bei der Wainpost, als man unter das Dach des großen, starken Steinbrinck Verlages schlüpfen konnte, da war man – Gott sei Dank – sicher.

 

Dachte man. Doch es kam anders, ganz anders. Zuerst wurden die Redaktionen durchgekämmt. Die Freisetzungen wurden in Zuckerwatte warm und weich verpackt. Was für eine Chance! Man kann doch als freier Mitarbeiter ganz anders atmen, muss nie mehr schreiben, was andere wollen, das ist doch schließlich der Traum eines jeden Journalisten.

 

Ja, natürlich, für ein klitzekleines Sümmchen weniger Geld, aber dafür so frei! Doch die immerhin in Aussicht gestellten Aufträge blieben aus, denn der überregionale Teil wurde nun zentral bezogen. Das war nun alles schön einheitlich, schließlich ist das was in Berlin oder New York passiert von Knürzburg aus betrachtet nicht anders als von Flensburg aus. Die Lösung war genial und wurde Mantel genannt, hinter dem sich die verbliebene Mini-Lokalredaktion nun verstecken konnte. Nein dieser Mantel ist nicht etwas mit dem Manteltarif zu vergleichen, das war längst ein Schlagwort von gestern. Mantel bedeutete schlicht, dass die überregionalen Anteile der renommierten Wainpost und etlicher anderer Zeitungen anderswo kostengünstig aus Agenturmeldungen zusammengeschrieben wurden. Die alten Redakteure waren nun völlig frei, niemand braucht sie mehr.

 

Nun ging man daran, auch die anderen Abteilungen der Wainpost nach Einsparpotential zu durchforsten und man kam auf noch eine ganz geniale Idee. Möglich gemacht hatte diese schöne neue Idee eine sehr menschenfreundliche Regierung in Absurdistan. Schröder hieß der damalige Kaiser. Seine neue Kaiserin kam – ach wie praktisch – selbst aus der Zeitungsbranche und konnte ihrem Gemahl viele gute Tipps geben. Es war nun die Zeit angebrochen, als Schlaraffenland, das über seine Verhältnisse gelebt hatte, zu Absurdistan wurde. Plötzlich war alles anders und man konnte sich auf nichts mehr verlassen, nun waren die Linken diejenigen, die Schluss machten mit dem gesicherten Wohlleben der anderen.

 

Und bei der Wainpost ging es weiter, bis man sich zum Vertrieb und zuallerletzt zu den Druckern vorgearbeitet hatte. Man hatte Argumente, denn ein großes Versandhaus war über die Wupper gegangen und nun gab es keine Kataloge mehr zu drucken. Viele Jahre hatten die Arbeiter mit stolzgeschwellter Brust nicht nur Zeitungen und Katalog auch anspruchsvolle große Bildbände gedruckt. Sie wähnten sich in Sicherheit, denn die Zeitung gab es ja noch, die musste ja von irgendwem gedruckt werden, also von wem sonst, als von Druckern.

 

Also eigentlich war das ja so, aber trotzdem, da konnte man doch etwas machen, nach den schönen neuen Gesetzen von Kaiser Schröder. Leiharbeit, das war doch die Lösung! Also könnte man doch die Drucker und Redakteure entlassen und dann als Leiharbeiter … Genau, so trug man es den Druckern an. Alle würden entlassen werden, gingen zu einer Leiharbeitsfirma und bekamen da neue Verträge. Dann würden sie von der Wainpost oder anderen Zeitungen in ganz Absurdistan angefordert und dürften arbeiten, immer nach Bedarf. Und schließlich bekämen die frisch gebackenen Leiharbeiter doch eine Jobgarantie, denn ganze fünf Jahre würde der Vertrag laufen. Für diese Sicherheit müsste man dann schon mal knapp ein Drittel weniger Lohn akzeptieren … Und weil das so eine großartige ldee ist, waren die Drucker doch nicht die allerletzten Betroffenen. Man könnte das Modell doch eigentlich auch in den verbliebenen Redaktionen der Verlagsgruppe versuchen … Gesagt, getan!

 

Das ist doch genial, oder? Die Arbeit wird gemacht – für viel weniger Geld und es wird noch nicht einmal jemand gleich arbeitslos. Ja, gut, die Häuslebauer unter den Druckern und Redakteuren werden Probleme mit der Kreditabteilung ihrer Bank bekommen wegen der befristeten Verträge, die Autokäufer auch – aber es müssen ja schließlich alle Opfer bringen auf dem Weg von der guten zur billigen Zeitung. Doch da gibt es uneinsichtige Drucker und Redakteure und ganze Verbände, die dabei einfach nicht mitspielen wollen.

Was ist nur los mit der katholischen Kirche?

15 Mrz 10
Brigitte Jäger-Dabek
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Unbedeutendes Geschwätz ist die Kritik am Umgang Roms mit Missbrauchsskandal, sagt Kardinal Sodano.

Wie ist es möglich, dass dieser Satz ungestört, nicht zurückgenommen vom Papst persönlich, einfach so von Angelo Sodano, dem Vorsitzenden des Kardinalskollegiums, gesagt werden durfte: „Heiliger Vater, das Volk Gottes ist mit Dir und wird sich nicht von dem unbedeutenden Geschwätz dieser Tage beeinflussen lassen“?

Ist das der Umgang mit dem Missbrauchsskandal, den der Papst, den die katholische Kirche will? Doch wieder vertuschen und verharmlosen um jeden Preis. Am Ende lag auch wieder eine Mitschuld bei den Opfern? Das ist eine Verhöhnung der Opfer und ungefähr so unsäglich, wie die Holocaust-Leugnung des Erzbischofs und fanatischen Holocaust-Leugners Richard Williamson.

Nur ein hoher Kirchenmann fand klare, den Vorfällen angemessene Worte. Der Kardinal und Mainzer Bischof Karl Lehmann geißelte den Sumpf aus Missbrauch, Gewalt und Vertuschung in der Kirche. In seiner Karfreitagspredigt verdammet er die Vergehen gegen Kinder und Jugendliche als Verrat am Evangelium.

Das Bittere daran ist, dass der deutsche Papst als Intellektueller genau das tut, was in der deutschen Politik seit Kohl und Angela Merkel in Mode gekommen ist: aussitzen, abtauchen, schweigen. Was die Politik betrifft, liegt es an uns, ob Politiker damit durchkommen, wir können sie schließlich abstrafen und abwählen.

Das kann dem Papst nicht passieren. Anders als in der Politik, wo Angelo Sodano jetzt seinen Hut nehmen müsste, kann der Papst nicht abgewählt werden, noch kann ein Kardinal so einfach entlassen werden. Im schlimmsten Fall wird er als Bauernopfer in ein neues Amt geschoben.

Das macht einen großen Teil des Verlusts an Glaubwürdigkeit aus, an dem unsere Kirchen leiden und dieses Problem ist hausgemacht. Ist Kirche mal wieder so weit weg von ihrem Fußvolk, dass sie nicht merkt was es bedeutet Kinder, die im Glauben an die besondere moralische Autorität der Kirche dieser anvertraut wurden, zu misshandeln und zu missbrauchen? Ausgerechnet von Priestern und Nonnen, denen man nichts als Christi Liebe zutraut?

Und die evangelische Kirche, meine Kirche? Ja, meine Landesbischöfin ist betrunken Auto gefahren. Aber sie hatte ihren katholischen Amtsbrüdern eines voraus: Das Wissen darum, dass ein Amtsträger in der Kirche, dem von ihm ständig von der Kanzel verkündeten moralischen Anspruch zuvorderst einmal selbst genügen zu müssen.

Unzulässig ist es aber, zwischen Zölibat und Pädophilie einen Automatismus herzustellen, der quasi alle katholischen Priester unter Generalverdacht stellt. Missbrauch und Misshandlungen gab es leider auch in Einrichtungen der evangelischen Kirche.

Es wird Zeit, einen radikalen Schnitt zu machen und zwei Punkte in den Mittelpunkt zu stellen: die uneingeschränkte Sorge für die Opfer, die Anerkennung ihres Leides, die Bitte um Verzeihung und die Verfolgung der Täter, wo dies noch möglich ist dazu natürlich die Überlegung, wie so etwas in Zukunft zu verhindern ist.

Es gibt Zeiten, in denen es nicht unbedingt leicht ist, Christ zu sein. Nicht einmal zu Ostern, dem Fest der Hoffnung und des Lichts.