Author Archives: Brigitte Jäger-Dabek

Das kleine und das große Glück

13 Feb 11
Brigitte Jäger-Dabek

No Comments

Erst läuft man sich nach einem Kerl die Hacken ab,
und dann läuft sich die Seele an ihm Blasen.

 

Wenn der Himmel voller Geigen hängt,
hat sie hoffentlich auch jemand gestimmt.

 

Das hat uns zusammengeschweißt
ist meist nur die Umschreibung
für den Sieg der banalen Gewohnheit.

 

Pst! Nicht weitersagen-
womöglich ist das kleine Glück
nur eine Erfindung des Mittelmaßes,
zur Belohnung,
um vom dauerhaften Ausreißen abzuhalten.

Segler, die Hobbyseeleute

29 Nov 10
Brigitte Jäger-Dabek
No Comments

Seefahrt tut nicht nur Not, sagt man bei uns an der Küste, oft war sie auch Not, romantisch kam sie immer nur den Binnenländern vor. Und doch gibt es auch unter uns Küstenbewohnern eine solche merkwürdige Spezies, die mit romantisch verhangenem Blick jeder mickrigen kleinen Jolle hinterherträumt.

Ja, auch an der Elbe gibt es sie, die Hobby-Seeleute, auch Segler genannt. Oh, Segler sind eine ganz besondere Spezies Mensch. Schon vor Ostern werden sie mit jedem Grad Temperatursteigerung zunehmend unruhiger, prüfen ans Barometer klopfend die Wetterlage, kontrollieren, ob auch wirklich alle Winterarbeiten gemacht sind und die Ausrüstung an Bord komplett ist.

Und dann kommt endlich der herbeigesehnte Tag, an dem die Segler ihre Boote zu Wasser lassen. Ostern den ersten Kaffee auf dem sanft im Hafen dümpelnden Schiff – man sage ja nie Boot zum Schiff eines Seglers und sei die Nussschale noch so klein – dann erst verdient Ostern den Namen Fest.

Für die Hartgesottenen unter den Seglern, kann das bis zum ersten Schnee so bleiben, endlich hat der Zustand einer reinen Landexistenz ein Ende. Die nun folgende Segelsaison an der Elbe ist des Seglers eigentliches Leben. Ein Segler kennt nämlich nur zwei Jahreszeiten, die Segelsaison und die Zeit des Wartens auf die Saison, diese Zeit, die ausgefüllt ist mit Instandhaltung, Verbesserungen und Tüfteleien am Schiff, dass generell der ganze Stolz des Skippers oder der Skipperin ist. Spätestens dann bemerkt man, dass Segeln nur ein ganz klein bisschen anders ist, als Arbeit und ein Segelboot nichts anderes als eines schwimmende Spardose ist. Motto: Ein Schiff ist ein Loch im Wasser, dass von Holz umgeben ist, und in das man Geld stopft.

Aber dann ist die Segelsaison da und das Segeln lässt die weite Marschlandschaft an der Unterelbe, die verschwiegenen kleinen Häfen und stillen Buchten an den Nebenflüssen, den Strom und das Wattenmeer auf eine Weise erleben und genießen, die jede Mühe wert ist. Und sie lehrt Respekt vor der Natur sowie den Gewalten der nahen See, die man bei jedem Segeltörn immer wieder neu erfährt.

Nein, das Segeln auf der Elbe, an der Küste und auf See ist kein Hobby. Es ist eine besondere Art zu leben.

Das Kopftuch und der Islam

21 Okt 10
Brigitte Jäger-Dabek
, , , ,
No Comments

Für eine muslimische Frau gibt es viele Gründe ein Kopftuch zu tragen. Es ist keinesfalls nur sozialer Druck, es ist immer öfter eine frei entschiedene Glaubensausübung und manchmal auch eine Protesthaltung gegen eine den islamischen Glauben ablehnende Mehrheitsgesellschaft. Die theologischen Grundlagen für das Kopftuchgebot stehen in Koran und Sunna.

Kopftuchtragende Frauen gehören auch in Deutschland längst zum Straßenbild. Damit machen sie gesellschaftliche Realitäten sichtbar, zeigen sie doch, dass es neben dem Christentum noch andere Religionen mit einer großen Zahl von Gläubigen gibt. Vielen Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft erscheint das bedrohlich, es macht ihnen Angst, denn dieses Kopftuch gehört zu einer fremden Welt, die nun aber mitten in unserer vertrauten Welt existiert und von der die meisten von uns nichts wissen. Ein unbefangenes Zugehen auf diese fremde islamische Welt fällt schwer, leichter ist es, das Fremde auszugrenzen und mit negativen Stereotypen zu belegen. Die Frage, warum muslimische Frauen eigentlich Kopftücher tragen, wird dabei kaum noch gestellt.

Das Kopftuch, eine lange Tradition

Als Frau den Kopf zu bedecken, wenn man den öffentlichen Raum oder ein Gotteshaus betritt, ist beileibe keine Erfindung des Islams. Noch heute bedecken orthodox-jüdische Frauen ihr Haupthaar durch ein ganz ähnlich gebundenes Tuch oder durch eine Perücke, ihre Männer tragen eine Kipa oder einen Hut. Auch in Deutschland tragen nicht nur russlanddeutsche Frauen, sondern viele ältere Frauen auf dem Land bis heute eine Kopftuch und zu einer Papstaudienz wird keine Frau mit bloßem Haupt erscheinen, auch Nonnen sind bedeckt.

Schiebt man einmal alles Symbolhafte wie Zeichen der kulturellen Rückständigkeit, der Unterdrückung der Frau durch den Mann und des Ausdrucks einer Zustimmung zu islamistischen Positionen beiseite, kann man zu den theologischen Grundlagen vordringen.

Glaubespflicht oder Gebot?

Das Tragen eines Kopftuches ist für muslimische Frauen keine unabdingbare Glaubenpflicht, sondern ein Glaubensgebot. So sehen es auch die meisten muslimischen Geistlichen: als Gebot und nicht als Vorschrift, aber das gilt keineswegs für alle Glaubensrichtungen. Eine übergeordnete Instanz wie den Papst, der eine allgemeinverbindliche Entscheidung fällen könnte, existiert nicht. Es gibt als auch das Kopftuch betreffend unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten.

Für die meisten Trägerinnen bedeutet das Kopftuch heute eine Glaubensausübung, etwas wie das als individuelle Pflicht empfundene tägliche Gebet. Wäre das Kopftuch hingegen als Symbol zu werten, wie westliche Betrachter es gern tun, gälte eine entsprechende Vorschrift im Islam auch für Männer. Auch wenn die Alltagspraxis leider nicht selten anders aussieht: grundsätzlich haben Frauen und Männer im Islam die gleiche Würde, denn vor Allah sind sie gleich und genießen dieselben Rechte. auch wenn es keine Gleichberechtigung in der Gesellschaft gibt, sondern eine Segregation der Geschlechter.

Vor allem ein großes Missverständnis prägt die westliche Sicht auf das Kopftuch und seine Trägerinnen: es bedeutet nicht die Unterordnung unter den Mann, sondern unter den Glauben, obwohl es natürlich dazu missbraucht werden kann.

Das Kopftuchgebot im Islam soll die Würde der Frau schützen und den respektvollen Umgang von Mann und Frau fördern, soll sexistische Annäherungen und Anmache sowie sexuelle Belästigung verhindern. Das Gebot ein Kopftuch zu tragen kommt bereits mit Eintreten der Geschlechtsreife zum Tragen und hat nichts mit der Ehe zu tun.

Die theologische Begündung ds islamischen Kopftuch-Gebots

Die theologische  Begründung für das Gebot zum Kopftuchtragen ergibt sich in erster Linie aus dem Koran. Die Sure 24,31  ruft die Frauen dazu auf, ihre Reize vor den Männern zu verbergen:

„Sprich zu den Gläubigen, dass sie ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Scham bewahren. Das ist reiner für sie. Siehe, Allah kennt ihr Tun. Und sprich zu den gläubigen Frauen, dass sie ihre Blicke niederschlagen und ihre Scham hüten und dass sie nicht ihre Reize zur Schau tragen, es sei denn, was sichtbar ist, und dass sie ihren Schleier über ihren Busen schlagen und ihre Reize nur ihren Ehegatten zeigen oder ihren Vätern oder den Vätern ihrer Ehegatten oder ihren Söhnen oder den Söhnen ihrer Ehegatten oder ihren Brüdern oder den Söhnen ihrer Brüder oder den Söhnen ihrer Schwestern oder ihrer Frauen oder denen, die ihre Rechte besitzen (die Sklavinnen), oder ihren Dienern, die keinen Trieb haben, oder Kindern, welche die Blöße der Frauen nicht beachten. Und sie sollen nicht ihre Füße zusammenschlagen, damit nicht ihre verborgenen Reize sichtbar werden.“

Auch die Sure 33,59 empfiehlt, den Kopf mit einem Tuch zu bedecken:

„Prophet! Sag deinen Gattinnen und Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie sollen (wenn sie aus dem Hause treten) sich etwas von ihrem Gewand (über den Kopf) herunterziehen. So ist es am ehesten gewährleistet, dass sie (als ehrbare Frauen) erkannt und deshalb nicht belästigt werden. Allah aber ist barmherzig und bereit zu vergeben.“

Einzelheiten über die Verhaltensvorschriften stehen in Sure 24,30.:

Sprich zu den gläubigen Männern, daß sie ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Keuschheit wahren sollen. Das ist reiner für sie. Wahrlich, Allah ist recht wohl kundig dessen, was sie tun.

Nun  ist in allen diesen Koranabschnitten nicht direkt vom Kopftuch die Rede Wie die Muslima Frauen sich also korrekt zu kleiden hat, ist zunächst eine Frage der Auslegung und in nicht arabisch sprechenden Ländern auch der Übersetzung des Korans. Wenn man allein die deutschen Koranübersetzungen betrachtet, wird man eine Vielzahl von Übersetzungsmöglichkeiten finden,  von „ihren Schleier über ihren Busen schlagen“, über  „sich etwas von ihrem Gewand (über den Kopf) herunterziehen“ oder „dass sie von ihrem Dschilbab (oder persisch: Tschador) über sich ziehen“, „dass sie ihre Schleier über ihren ganzen Körper ziehen“ bis hin zum einfachen „sie sollen ihre Tücher über sich ziehen“.

So kann man allein über die Bedeutung des Wortes Dschilbab schier ewig diskutiren, es kann in diesem Zusammenhang von Umhang bis zu einem xbeliebigen bedeckenden Tuch alles sein. Der Koran ist eben nicht ein Gesetzeswerk wie das Bundesgesetzbuch in entsprecheder Sprache sondern ein poetisches Buch in vollendetem Arabisch. Man sieht hieran die Schwierigkeiten der Koran-Übersetzung, weshalb eine Übersetzung des Korans in der klassischen islamischen Theologie als unmöglich gilt und es eben keine autorisierten Übersetzungen gibt.

Begründungen aus der Sunna

Die Sunna besteht aus einer Reihe von Überlieferungen, die  Aussagen und Taten des Propheten Mohammed festhalten und stellt eine zweite Quelle des islamischen Glaubens dar. In der Hadith-Sammlung von Abu Dawud heißt es über die Prophetengattin Aischa: „Als Allah herab sandte: ’Und sie sollen ihre Kopftücher über ihre Kleiderausschnitte schlagen’ zertrennten sie ihre Gewänder und verwendeten sie als Kopftücher für sich.“

An einer weiteren Stelle wird von Aischa berichtet, dass der Prophet seinen Blick von ihrer Schwester Asmaa abwandte, als diese einmal mit durchsichtiger Kleidung zu ihm kam. Er sagte zu ihr: „Asmaa, wenn eine Frau ihre erste Regelblutung hatte, soll man nichts von ihr sehen, außer diesem und diesem.“ Und er zeigte dabei auf sein Gesicht und seine Hände.

Wie erwähnt gelten die Kleidervorschriften ab dem Eintreten der Geschlechtsreife. Doch auch vor dem Erreichen dieses Alters sollen bestimmte Körperpartien wie die Geschlechtsteile bedeckt, denn Schamhaftigkeit gehört im Islam zur Glaubensausübung.

Alle Glaubensgebote und Vorschriften des Islam sollen bewusst aus Überzeugung und freiem Willen befolgt werden und nicht einem Druck nachgebend.

Das Nichttragen des Kopftuches bedeutet für die Muslima nicht die Abkehr vom Islam und darf im Islam allein nicht als Maßstab für die Frömmigkeit einer Frau gelten.

Von Leuchttürmen und der Romantik

19 Okt 10
Brigitte Jäger-Dabek
, , ,
No Comments

Von Leuchttürmen und der Romantik

Entwaffnend und treffend beschrieben bringt Kindermund das Charakteristische auf den Punkt: „Mutti, Mutti, schau mal der Turm da hat Ringelsöckchen an,“ verkündete eine kleine Landratte, als sie offenbar zum ersten Mal einen Leuchtturm sah.

Interessant an den Türmen ist, dass alle diese Ringelsöckchen verschieden sind, was kein Zeichen von chaotischer Unordnung ist, sondern sehr gewollt. So kann der Navigator an Bord nämlich auch am Tage ganz einfach und zuverlässig bestimmen, um welchen Leuchtturm es sich handelt.

Deshalb gibt es an der ganzen Elbe und Nordseeküste keine zwei gleich aussehenden Leuchttürme. Zwar gibt es baugleiche Modelle, die sind dann aber verschieden angestrichen. Erst an der Ostsee werden sie wieder Leuchttürme finden, die denen an der Nordseeküste zum Verwechseln ähneln.

Wenn sie denn einmal leuchten und es dunkel genug ist, um ihr Licht auch zu sehen, kann man sie an ihrer Kennung unterscheiden, wie der Navigator es nennt. Diese Kennung beschreibt die Taktung des Leuchtfeuers, also in welchem Rhythmus es an und ausgeht, wie lange dieser Takt dauert und wie oft er sich wiederholt pro Minute.

Die Kennung ist genau wie das Aussehen in den Seehandbüchern und Leuchtfeuerverzeichnissen aufgelistet, sodass auch hier kein Zweifel aufkommen kann, um welchen Turm es sich handelt.

Gebaut wurden Leuchttürme dort, wo es keine unverwechselbaren Küstenformationen und Landmarken gibt, oder sie wurden auf ein Schiff gesetzt, das dann auf See verankert wurde, dort, wo die Ansteuerung in die großen Flüsse hinein begann, dann heißen Sie Feuerschiff und sind knallrot angestrichen.

Bereits mit dem Aufblühen der Hanse und der damit verbundenen Zunahme des Schiffsverkehrs zeigte sich die Notwendigkeit Küstenabschnitte zu markieren um auch fremden Kapitänen das Erkennen und die sichere Hafenzufahrt zu ermöglichen. Bereits 1286 wurde der Leuchtturm von Neuwerk, der anfangs auch als Wehrturm diente erbaut. Damit dürfte er eines der ältesten Leuchtfeuer an der Deutschen Bucht sein.

Die Seeschifffahrt der Hansestädte nahm rasant zu, sichere Hafenzufahrten wurden immer wichtiger und die Zahl der Leuchttürme wuchs. Immer neue Schifffahrtslinien wurden befahren und der Wunsch nach einer Markierung der Routen wurde laut.

So wurde im beginnenden 19. Jahrhundert wurde in einer großen Bauwelle die gesamte deutsche Küste und die Flussmündungen mit Leuchttürmen versehen. Den Anfang machte 1804 der Bau des Cuxhavener Leuchtturms.

Heute stehen allein zwischen Cuxhaven und Hamburg 52 Leuchttürme – und sie sind alle verschieden. Aber nicht nur Leuchttürme weisen den Schiffen den Weg Schiffsverkehr auf der Elbe leiten, es gibt noch andere Seezeichen, fest in den Boden gerammte feste Zeichen wie Baken, die einem Lattengerüst mit einem auffälligen Topzeichen ähneln, Dalben, die dicke Pfähle sind, Stangen mit einem Reisigbesen darauf und Pricken, die wie kleine Bäumchen aussehen. Sie stellten die simpelste Methode der Markierung an Land und in flachen Gewässerteilen sowie Nebenflüssen dar.

Wichtig für den Schiffsverkehr auf der Elbe ist vor allem die exakte Markierung der ausgebaggerten Fahrrinne, damit tiefgehende Schiffe nicht auf den zahllosen flachen Sänden stranden. Dazu werden schwimmende Seezeichen verwendet, die Tonnen, die jeweils genau am Rand des Fahrwassers verankert sind. Von See kommend findet man auf der rechten, der Steuerbordseite grüne Tonnen und auf der Backbordseite links rote Tonnen. Damit man sich nicht vertut bei der Orientierung sind diese Tonnen nummeriert, grüne Tonnen tragen ungerade fortlaufende Zahlen, rote hingegen gerade Zahlen.

Obwohl es längst moderne Elektronik wie Radar, elektronische Seekarten und Satellitennavigation in der Seefahrt Einzug gehalten haben, und zumindest der Satellitennavigator auch in der Sportschifffahrt längst Standard ist gibt es immer noch Leuchttürme. Elektronik muss nämlich nicht jeder an Bord haben und vor allem: sie kann ausfallen. Leuchttürme hingegen versehen ihren Dienst in unerschütterlicher Gleichmut, sie sind immer da und mit bloßem Auge sichtbar.

Generell werden Leuchttürme in  Leitfeuer, Richtfeuer, Quermarkenfeuer und Seefeuer unterschieden. Leitfeuer haben je einen roten, weißen und grünen Lichtsektor. Die Steuerleute der Schiffe legen ihren Kurs auf den mittleren weißen Sektor, den sie wie einen Leitstrahl nutzen. Geraten sie in den roten Sektor, steuern sie zu weit nach backbord (links), sehen sie grünes Licht, sind sie nach steuerbord (rechts) abgewichen.

Eine ähnliche Funktion haben Leuchttürme, die ein wenig wie Pat und Patachon im Doppel dastehen. Einer ist hoch und dünn, der andere kurz und gedrungen. Der große Leuchtturm wird Oberfeuer genannt, der kleine Unterfeuer. Sie bilden zusammen ein Richtfeuer und der Steuermann folgt so lange dem richtigen Kurs, wie er die beiden Feuer genau übereinander sieht. Das System von Richtfeuern und Leitfeuern ist so ausgeklügelt, dass ein Steuermann wie ein Flugzeug auf einem Leitstrahl seinen Weg auf der Elbe mühelos findet.

Ein Quermarkenfeuer hingegen, das rotes, weißes und grünes Licht aussendet, bezeichnet eine notwendige Kursänderung, zum Beispiel bei einer Flussbiegung. Sieht der Steuermann weißes Licht, muss er eine Kursänderung vornehmen. Seefeuer hingegen sind nur eine Markierung, meist beginnt bei ihnen eine Flussansteuerung.

Obwohl Leuchttürme also eigentlich technische Bauwerke sind, haftet ihnen doch ein gehöriges Maß an Romantik an. Und: Kein Zweifel Leuchttürme sind in. Unerschütterlich zuverlässig stehen sie da als Geborgenheit und die Sicherheit verheißendes Licht in der Dunkelheit, geben Orientierung, zeigen den Weg auch in schwierigen Fahrwassern.

Sie erzählen Geschichten von einsamen, naturverbundenen Leuchtturmwärtern, von Seefahrt und Fernweh, von fernen Ländern, aber auch vom sicheren Heimkommen und der immer gleiche Takt ihres Lichtes beruhigt. Und eigentlich wünscht sich jeder insgeheim, einmal auf solch einem Turm zu übernachten. Bitteschön, auf Neuwerk ist das möglich.

Daheim frühstückten wir Pfirsiche-Als Rumäniendeutsche in Ostpreußen

28 Sep 10
Brigitte Jäger-Dabek
, , ,
No Comments

Willy Zander war kein Sonntagskind, keiner von der Sorte Mensch, der alles zufällt im Leben und der immer die Sonne lacht. Eigentlich wirkte er immer etwas verbiestert und im Leben zu kurz gekommen, besonders seit seine erste Ehe gescheitert war.

Ihn so aufgeräumt zu sehen wie an diesem Tag war selten und wurde in seiner Familie schon fast rot im Kalender angestrichen. Rosemarie, seiner Nichte fiel sofort auf, dass die Stimmung anders war, als sie im Sommer 1937 wie alle paar Tage auf einen Sprung zur Großmutter herein schaute, bei der Willy Zander seit seiner Scheidung lebte.

Verlockend bei diesen doch relativ häufigen Besuchen war natürlich der Weg durch die Bäckereifiliale von Onkel Georg, die unten im Haus war, meistens fiel ja eine süße Kleinigkeit ab.

Teenager haben ja einen besonders feinen Sinn für Atmosphärisches und bekommen sowieso mehr mit, als die Erwachsenen meinen, das war in den 30er Jahren in Ostpreußen nicht anders als heute.

Rosemarie bemerkte sofort die flatternde Aufgeregtheit der Onkel und Tanten, das Bemühtsein einen guten Eindruck zu machen. Es knisterte und Rosemarie ahnte rasch den Zweck des Besuches, sah Onkel Willy leicht schwitzend um eine junge Frau herum tanzen, sah Onkel Georg seinen ganzen Charme versprühen. War das etwa der Vorstellungsbesuch einer Ehekandidatin? Ja, das war es, fand Rosemarie, genau das musste es sein, das musste Onkel Willys künftige Frau sein. Die Situation hatte etwas Komisches, als ob die geballte Familie Onkel Willy mit vereinten Kräften aufs Pferd helfen wollte. Nun wurden alle Register gezogen. Onkel Georg holte das Auto und man machte einen Ausflug nach Drebolienen zum Kaffeetrinken. Rosemarie ließ sich nicht lange bitten, rief zu Hause an und sagte Bescheid. Das war spannend, um nichts in der Welt wollte sie sich das entgehen lassen.

Rosemarie musterte die künftige Tante ausgiebig. Relativ groß und schlank war sie eine herbe, dunkelhaarige Schönheit, eine Frau die sicher nie auf Pfennigabsätzen daher kommen. Gut gekleidet aber völlig unprätentiös und nach außen hin zurückhaltend, sah man ihr das Elternhaus an, in dem andere Werte vermittelt wurden als nur der äußere Schein. Und da war die warme Stimme mit der eigentümlichen Sprechweise, die aus jedem Satz eine Melodie machte, einen fremdartigen und doch so anheimelnden Singsang, der Rosemarie in ihren Bann schlug.

Daheim kam Rosemarie groß heraus mit der Verkündung der Sensation: „Ich hab‘ Onkel Willys neue Frau gesehen! Dora Bergleiter heißt sie“. Dass sie wieder mal dort gewesen war, wo die Neuigkeiten stattfanden war die eine Überraschung, die Nachricht von diesem außergewöhnlichen Besuch an sich die zweite. Sie war etwas enttäuscht, als ein abtuendes „Geh, geh“ zur Antwort kam. Egal, sie würden schon sehen und auf jeden Fall hatte man da doch mal wirklich etwas zum angeben, wer hatte schon eine Tante die von so weit her kam und in deren Garten die Pfirsiche und andere exotische Obstsorten wuchsen, wie in Ostpreußen die Äpfel!

Sie kam aus einem fernen, geheimnisvollen Land, die neue Tante. Rosemarie suchte in ihrem Schulatlas Rumänien, drehte ihn dann bis sie es lesen konnte und buchstabierte: „Trans-syl-vanien. Aha, das Land hinter den Wäldern.“ Und dann fand sie, was sie eigentlich suchte: Siebenbürgen stand da fett gedruckt. Siebenbürgen, so hieß dieses ferne Land. Die Schulunterlagen „Volksdeutsche Siedlungsgebiete“ gaben nur trocken-sachliche Informationen her:

Im 12. Jahrhundert ging erstmals der Ruf der ungarischen Könige hinaus um Siedler anzuwerben, die das Land jenseits der Wälder – Transsylvanien – kolonisieren und gegen die Türken verteidigen sollten. Damit hatte die gut neunhundertjährige Geschichte der Siebenbürger Sachsen – Sachsen wurden sie wegen ihres Rechtes, des Sachsenspiegels genannt – ihren Anfang genommen, stand da im Schulbuch.

Von Anfang an genossen die Siebenbürger Sachsen einen besonderen Status und Privilegien wie freie Richterwahl und Gerichtsbarkeit, Zollfreiheit und mehr. Dafür leisteten Sie Zinsabgaben und Militärdienst. Bald bildete sich mit der Sächsischen Nationsuniversität ein eigenes Verwaltungsgremium, das seit 1486 eine siebenbürgische Selbstverwaltung  brachte. Erst 1867 wurde diese spezielle Autonomie nach Gründung der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie aufgelöst.

Es war ein fruchtbares Land am Karpatenbogen, dieses siebenbürgische Hochland, und mit dem relativen Wohlstand seiner Bevölkerung zog auch kulturelle Blüte ein. Bereits seit dem 15. Jahrhundert gab es Volksschulen, im 16. Jahrhundert hatte fast jede Gemeinde ihre eigene Schule, das erste Gymnasium entstand 1541 und die allgemeine Schulpflicht wurde 1722 eingeführt.

Nach dem Ende des Habsburger Reiches kam Siebenbürgen zum Königreich Rumänien, doch die zugesagten Minderheitenrechte wurden nicht umgesetzt, die Evangelisch-Augsburgische Kirche, der die Siebenbürger im 16. Jahrhundert geschlossen beigetreten waren, verlor ihren Grundbesitz, der Unterricht in der Muttersprache wurde stark eingeschränkt, eine Rumänisierung setzte ein, immerhin gab es aber eine politische Vertretung im Parlament.

Die neue Tante kam also nicht aus der Wildnis und kulturellen Brache, aber das hatte Rosemarie ja schon beim ersten Besuch gespürt.

Aber dass es in diesem Siebenbürgen noch Bären und Wölfe gab und es gar die Heimat von Graf Dracula war, kam Rosemarie so richtig schön gruselig vor. Und selbst die Rattenfängersage wurde auf einmal wieder spannend, erzählte sie doch angeblich, wie dieses Land besiedelt worden war.

Rosemarie war fasziniert, und träumte sich in künftige Möglichkeiten hinein. Vielleicht konnte man da später mal hinfahren? Nur so zu Besuch? Hoffentlich klappte das und Onkel Willy vermasselte nicht in letzter Minute alles, sagt womöglich gar nein!

Er sagte nicht nein. Im Gegenteil. Im darauf folgenden Jahr fuhr er nach Siebenbürgen und heiratete Dora Bergleiter. Und geheiratet wurde in Kronstadt (Brasov), das war ganz in der Nähe von Bran, wo die Törzburg, das Schloss des gruseligen Grafen Dracula stand. Na ja, zumindest hatte sich  hier Bram Stoker, der Autor des Romanes seine Inspiration geholt, obwohl das Dracula-Vorbild Vlad Tepes wohl niemals hier war. Na ja und eigentlich heirateten die beiden ja auch nicht bei Dracula um die Ecke, denn in Kronstadt im deutschen Konsulat wurde die Ehe nur eingetragen und damit in Deutschland gültig. Aber wer weiß?

Inzwischen fragte sich Rosemarie, wie um alles in der Welt die beiden sich kennen gelernt hatten. War Onkel Willy im Land Draculas gewesen? Das hätte sie doch mitbekommen! Nein, Zeitungsanzeigen waren es gewesen, etwas unromantisch wie Rosemarie es fand, aber vielleicht für den spröden Onkel Willy ganz richtig.

Und dann kamen die beiden mit dem D-Zug angereist Ende November 1938, über Kronstadt, Budapest, Wien, Breslau bis nach Insterburg in Ostpreußen. Und sie hatten viel zu erzählen. Willy Zander zeigte sich durchaus beeindruckt von dem, was er in Doras Heimat gesehen hatte. Hermannstadt war eine alte Stadt mit einem wunderschönen mittelalterlichen Stadtkern mit jeder Menge Sehenswürdigkeiten und farbenfroh angestrichenen Häusern. Besonders imponiert hatten ihm die Siebenbürger Kirchenburgen und Wehrkirchen und die zu kleinen Bollwerken ausgestalteten, rundum geschlossenen Höfe.

Und auch Kronstadt, die größte Stadt Siebenbürgens hatte ihn überrascht. Direkt an den Bergen gelegen, in denen man wunderbar Wintersport treiben konnte wuchsen in den Gärten der Stadt wie in Hermannstadt Pfirsiche. Und so etwas wie die Kathedrale – die größte in Osteuropa – hatte er überhaupt noch nicht gesehen. Doras Familie hatte ihn genauso herum geführt wie man das mit Dora in Insterburg getan hatte.

Willy musste zugeben, dass die Bergleiters gut lebten in Hermannstadt, alles war ganz anders, als er sich das vorgestellt hatte. Niemand musste von hier heim in die deutsche Kultur geholt werden oder aus Armut und Knechtschaft befreit werden. Man kam entgegen aller Propaganda in Deutschland ganz gut zurecht mit den Rumänen, auch wenn nicht alles so war, wie es sein sollte, die versprochenen Minderheitenrechte nicht verwirklicht wurden und Rumänisch alleinige Amtssprache blieb.

Doras Vater Dr. Georg Bergleiter hatte Jura studiert und war Beamter in der Rechtsabteilung der „Hermannstädter Allgemeinen Sparkasse“, Doras Großvater war Magistratsbeamter. Doras Mutter Julie stammte aus einer evangelischen Pfarrersfamilie und war eine feinsinnige und wie ihr Mann hoch gebildete Frau – Willy Zander war im höchsten Masse beeindruckt von seinen Schwiegereltern, das spürte man, wenn er erzählte, fand Rosemarie.

Die Bergleiters wohnten in einem großen Zweifamilienhaus, das Doras Großvater mütterlicherseits gehörte. Solide aus Ziegelstein gebaut war es, gelb beworfen und mit einem spitzen roten Ziegeldach versehen. Mit seinen acht Räumen bot es Platz genug für die Familie, dazu kam die große Küche mit Vorratskammer und ein modernes WC.

Karl Zander, Rosemaries Vater, tat seine frisch gebackene Schwägerin fast etwas Leid, als er das hörte. Die müsse sich ja fast fühlen, als ob sie in die Verbannung geschickt worden sei und nicht als ob sie in das von ihr etwas verklärte, hoch gehaltene Deutschland gekommen wäre. Vom nun braunen „Deutschen Reich“ ging eine seltsame Faszination aus, wie magisch und begeistert angezogen fühlten sich viele Auslandsdeutsche von der Strahlkraft des Muskelspielenden Mutterlandes. Na klar, die Begeisterung fürs Reich gefiel Bruder Willy, argwöhnte Karl Zander, denn sein Bruder stand der neuen braunen Zeit sehr aufgeschlossen gegenüber, wie Karl es salopp formulierte. Was Rosemaries Vater aber in erster Linie meinte, war die Diskrepanz in den Lebensverhältnissen – was hatte Willy seiner Frau denn schon zu bieten? Sein Krankenkassenbeamtengehalt mochte ja in rumänische Lei umgerechnet ein hübsches Sümmchen sein, aber hier? Da reichte es nur für ein bescheidenes Leben. „Die Dora kommt vielleicht aus dem gelobten Land, aber ganz bestimmt nicht ins gelobte Land“, kommentierte er. Rosemarie und ihre Eltern  kannten auch die Wohnung schon, die Willy Zander für sich und seine Frau gemietet hatte. Klein war sie und die Bezeichnung Zweizimmerwohnung war ziemlich geprahlt fand Karl Zander. Man beschloss, sich Doras etwas anzunehmen um ihr das Einleben zu erleichtern.

Aber Dora klagte nicht, sie hatte die seltene Gabe, sich mit allen Lebensverhältnissen abfinden zu können. Sie wirkte dabei nicht unglücklich, nicht einmal dann, wenn sie einen Heimwehschub hatte, fand Rosemarie. Der kam meist dann, wenn Dora ein Päckchen aus Rumänien bekommen hatte, ob mit Quittengelee, oder anderen heimischen Leckereien. Dann mochte Dora gar nicht wieder aufhören zu weinen. Dennoch – eine gewisse südliche Leichtigkeit war Dora eigen fanden Zanders. Es war eine an Grandezza erinnernde großzügige Lässigkeit, die ein richtiger Kontrapunkt zur pietistisch strengen Kleinkariertheit eines Teils der Zanderschen Familie war, meinte Karl Zander – wobei er mit  kleinkariert natürlich die anderen Zanders meinte, nicht etwa sich selbst. Dora sah manche Dinge wirklich anders, fügte sich leicht und fast fatalistisch in Unabänderliches, konnte andererseits aber eine temperamentvolle Lebensfreude zeigen. Vor allem hatten gewisse Sitten der ach so ordnungsliebenden Reichsdeutschen keine Bedeutung für sie. War es nun wichtiger, dass der Frühstückstisch wie mit der Messlatte ausgewinkelt akkurat gedeckt war, oder dass man sich einfach mit einem Becher Kaffee und einem Pfirsich in der Hand hinsetzte und sich ein wenig miteinander unterhielt bevor der Tag so richtig begann? Zwar äußerte sie sich immer wieder bewundernd Anna Zander gegenüber „Joi, Anna, wie schön Du das kannst“ – und diese Bewunderung war ehrlich gemeint –  aber so wichtig, dass sie einen inneren Drang zur Nachahmung verspürte, war es ihr nicht.

Es waren gerade die kleinen Dinge des Alltags, in denen sie so anders war, aber Dora war in ihrer ganzen Art ein so warmherziger, liebenswerter Mensch, dass die ganze neue Familie sie schnell ins Herz schloss.

Als Doras „Hochzeitsgut“ ankam, dämmerte es Rosemarie endgültig, dass es auch anderswo Gegenden gab, in den es den Menschen offensichtlich gut ging, denn was sie sah war herrlich. Die eingetroffenen Möbel waren von allerbester Qualität und vor allem fremdartig schön, mit wunderbar feinen Intarsienarbeiten versehen. Und dann dieser Tisch, der auf so unglaublich vielfältige Art vergrößert werden konnte! Die kleine Wohnung war als alles hineingebracht worden war so gnadenlos voll gestellt, dass Dora in ihrer nonchalanten Art den Möbelträgern kurzerhand bedeutete, das Klavier doch auf den Balkon zu stellen. Da stand es nun, Rosemarie gluckste, Vater Karl lachte lauthals und Mutter Anna fragte mit entsetzt hervorquellenden Augen „das Klavier steht wo? Draußen? Auf dem Balkon?“ Ganz sanft aber energisch sagte sie schlicht „Dora das geht nicht, das Klavier geht da kaputt, das muss rein, da müsst ihr die Kommode eben erstmal in den Keller stellen.“ Doras Augen leuchteten auf, wie immer, wenn sie einen lebenspraktischen Rat bekam, den sie dann auch gern annahm- „Ach Anna, Du weißt immer alles, ja, so machen wir das“.

Bald sollte Dora ganz allein im fremden Land sein, Willy Zander wurde 1939 als einer der ersten eingezogen und wurde Soldat. Da saß sie nun mit dem ersten Kind schwanger etwas verlassen in ihrer kleinen, komfortlosen Wohnung und hatte nur Willys Familie. Aber Dora klagte nicht. Rosemarie war zur Betreuung ausgeguckt worden. Sie war jetzt sechzehn Jahre alt, und „kümmerte“ sich gern um ihre Tante, sie war nämlich – ganz undeutsch – fasziniert von allem Fremden, erlebte nun Fremdheit als Bereicherung und hörte gern zu, wenn die Tante Dora ins Träumen kam. Dann erzählte sie vom Leben in Hermannstadt, von ihrem Elternhaus in dem über 1600 Quadratmeter großen Garten mit den vielen Obstbäumen, die immer so üppig blühten. Duftende Äpfel, aromatische Birnen, süße Kirschen gab es so frei Haus, von all dem Beerenobst und den üppigen Fliederbüschen ganz zu schweigen. Und erst die Pfirsiche, man stelle sich vor: man geht morgens hinaus und pflückt sich einfach einen Pfirsich zum Frühstück. Dann setzte man sich in die Küche und nahm sich einen Becher voll Kaffee aus der Kanne die Kati, das Hausmädchen immer auf dem Herd stehen hatte.

Und sie erzählte vom Leben wie sie und ihre beiden Schwestern Irma und Ilse es als junge Mädchen in Siebenbürgen erlebt hatten, vom Schulalltag im Deutschen Mädchenlyzeum und der Deutschen Handelsschule. Deutsch wurde neben Rumänisch und Ungarisch überall verstanden in Hermannstadt, es gab deutsche Geschäfte und Buchhandlungen – in einer lernte Doras jüngste Schwester Ilse Buchhändlerin – man traf sich im deutschen Theater hörte Bach-Konzerte in der evangelischen Kirche. Es ging nicht viel anders zu als in Deutschland oder Österreich, nur dass Rumänisch die alleinige Amtssprache war. Schmunzelnd erzählte Dora, dass es genau wie im ostpreußischen Insterburg auch in Hermannstadt eine „Rennstrecke“ gab, die dort allerdings „Corso“ genannt wurde. Abends trafen sich dort die jungen Leute, auf der einen Straßenseite die jungen Deutschen, auf der anderen Seite die jungen Rumänen.

Jeden Abend ging Rosemarie nun zu ihrer Tante und schlief dort, der Familienrat hatte es so beschlossen, wollte die Hochschwangere nicht mehr die ganze Nacht über allein lassen. Die letzten vier Wochen vor der Geburt kam Dora dann zum Schlafen zu Zanders in die Wohnung, denn von dort war es im Ernstfall nicht so weit bis zur Entbindungsstation. Dora las sehr gern und lange, auch bei Zanders saß sie bis weit in die Nacht hinein in ihre Lektüre vertieft, wenn alle anderen schon längst schliefen. Eines Abends hörte Rosemarie – sie war gerade zu Bett gegangen – ein klirrendes Geräusch und kurz danach noch einmal. Es dauerte einen Moment bis Rosemarie geortet hatte, dass das Sand war, den jemand vorsichtig ans Fenster warf, der nicht die ganze Familie wecken wollte. Sie lief ans Fenster und zog die Gardine zurück. Es war ihr Onkel Willy, der auf Urlaub gekommen war. Und dann zogen die beiden mitten in der Nacht ab in ihre kleine Wohnung, Willy in seiner Uniform mit dem Entbindungsköfferchen in der einen Hand und seiner hochschwangeren Dora am anderen Arm. Am nächsten Morgen – es war der 31. Oktober 1939 – sah Rosemarie morgens kurz aus dem Balkonfenster und wer ging vorbei? Onkel Willy und Tante Dora mit dem Entbindungsköfferchen – damals ging man noch zu Fuß zur Entbindung. Karl Zander schüttelte den Kopf. Das hatte man ja eben verhindern wollen, Karl Zander hatte ja Telefon und man hätte wenn es mit den Wehen losgegangen wäre, einen der beiden Schwager angerufen, die jeder ein Auto hatten.

Als Willy Zander das nächste Mal vorbei kam, war er Vater einer Tochter – Karin sollte seine Erstgeborene heißen, Mutter und Tochter waren wohl auf.

Lange Urlaub hatte Willy Zander nicht, es reichte gerade, die neue Erdenbürgerin ausgiebig zu befeiern. Und dann war Dora wieder allein, aber Dora klagte nicht. Sie brauchte ein wenig Unterstützung und mal einen Rat. Bei Rosemarie in der Schule war gerade die Säuglingspflege dran gewesen und sie kannte sich nun aus mit den modernsten Methoden ein Baby zu wickeln. Einerseits hatte sie ein wenig Angst vor der Verantwortung, andererseits war sie Stolz auf das Vertrauen, dass Mutter und Großmutter in sie setzten. So war sie wieder oft bei Dora und dem Baby. In einem Heimwehanfall kam dann die Idee und die beiden steigerten sich so richtig hinein, spannen schon die Details aus.

Dora Zander wollte so gerne nach der Geburt mit ihrer Tochter Karin einmal nach Hermannstadt zu ihren Eltern fahren und ihnen das Baby, das erste Enkelkind zeigen. Rosemarie sollte zur Verstärkung mitfahren, in den Sommerferien und sie freute sich schon sehr auf dieses Abenteuer. Doch die Kriegführung kam dazwischen, was Rosemarie der Obersten Heeresleitung und vor allem dem Führer persönlich übel nahm.

Rosemarie hatte nun ihre Mittlere Reife gemacht und begann eine Banklehre. Da hatte sie keine Zeit mehr, sich ständig um Dora und deren kleine Tochter zu kümmern. Aber Doras Schwester Irmgard war bald nach der Geburt von Karin gekommen, um ihrer Schwester mit dem Kind ein wenig zur Hand zu gehen. So stand es jedenfalls auf der Einreisebewilligung. Eigentlich aber wollte sie unbedingt nach Deutschland, dessen Anziehungskraft für junge Rumäniendeutsche selbst nach Kriegsbeginn noch ungebrochen war. Das Reich war jung, dort war die Zukunft, dort fühlte man sich gebraucht. Karl Zander war es gelungen, Irmgard bei den Insterburger Stadtwerken als Telefonistin in Arbeit zu bringen – nun konnte die ersehnte Zukunft im Reich beginnen und Dora hatte ein Stückchen Heimat bei sich.

Zwar fand der Krieg bald weit von Ostpreußen entfernt statt, aber die vielen Einschränkungen machten das Leben und das sich Zurechtfinden für eine Zuwanderin wie Dora Zander nicht eben leicht.  Einmal im Jahr kam Willy Zander auf Urlaub, es war eine Kriegsehe wie viele andere, in der die Partner kaum eine Chance hatten, wirklich zusammen zu finden und ein gemeinsames Leben aufzubauen. Ein paar Tage Urlaub waren alles, das heißt bei Dora und Willy Zander war das schon eine ganze Menge. Wenn sein Bruder abgefahren war, ging Karl Zander immer erst einmal zum Kalender, zählte die Monate ab und verkündete zum Ergötzen seiner Familie den zu erwartenden Geburtstermin des nächsten Kindes von Dora und Willy. Er wurde nicht enttäuscht, akkurat neun Monate nach dem Urlaub seines Bruders gebar Dora die nächste Tochter. Nach Karin und Jutta hatten Dora und Willy am 12.Mai 1944 ihre dritte Tochter Renate be­kommen.

Bald darauf wurden Mutter und Kinder wegen der Luftlage aufs Land evakuiert. Dort wurde Renate im Sommer sehr krank.  Willys Schwester Grete Zander hatte beschlossen: „so geht das nicht weiter“ und dafür gesorgt, dass Dora mit der kleinen Renate nach Insterburg zum Arzt kam, der die Kleine aber sofort in die Kinderklinik einwies – es stand schlecht um Doras Jüngste.

Die Kinderklinik des Kreis­krankenhauses Insterburg war aber nach den Luftangriffen nach Trempen ausgelagert worden, wohin man mit der Kleinbahn fahren musste.

Das alles war zu einer Zeit, in der die Ressourcen des Landes sich erschöpften, Mangel allenthalben herrschte und die Lage sich nicht nur an den Fronten täglich verschlechterte mit ziemlichem Aufwand verbunden. Autos waren nicht mehr verfügbar, Züge gingen unregelmäßig, Busse gar nicht mehr und Dora kannte sich nicht aus in Insterburgs Umgebung. Der Krieg hatte ihr keine Gelegenheit gelassen, ihre neue Heimat wirklich kennen zu lernen.

Rosemarie und Doras Schwester Irmgard fielen als Hilfe aus, sie arbeiteten beide, so wurde Rosemaries vierzehnjährige Schwester Helga, deren Schule schon geschlossen war und die trotz ihrer diversen Landeinsätze gerade zu Hause war, Dora als Begleit­ung zugeteilt. Man konnte auch nicht lange verhandeln ob jemand von der Arbeit frei kommen würde, der Zug fuhr selten genug und es wurde ein Wettlauf mit der Zeit. An alles wurde gedacht in der Eile und als Wegzehrung gab es einen Berg Pflaumenkuchen aus der Bäckerei von Doras Schwager Georg mit.

Die unglückliche Mutter Dora wusste natürlich um den ernsten Zustand ihrer Tochter und stopfte während der ganzen Fahrt gedankenverloren weinend ein Stück Kuchen nach dem anderen in sich hinein, ohne dass sie überhaupt merkte dass sie aß. Helga hingegen, jung, mitten im Wachstum und immer hungrig wurde unruhig ob des rasch schwindenden Kuchenberges und fürchtete in die Röhre zu gucken. Nach Stunden erreichten sie Trempen und Helga fragte sich zur richtigen Stelle durch.

Aber es gab keine Rettung mehr, die kleine Renate starb am 24.September in Trempen. Willy Zander, sollte ohnehin gerade auf Urlaub erhalten, und kam gerade rechtzeitig zur Beerdigung seiner kleinen Tochter, die er lebend nie gesehen hatte. Er war mit ei­nem Baptistenpfarrer zusammen gereist, der gleichfalls in seiner Einheit Dienst tat, und nun Renate beerdigen würde. Willy Zander war nämlich wie es damals Mode war, aus der Kirche ausgetreten. Doch der Gedanke, dass sein Kind nun ohne irgendein Wort, ohne einen Trost einfach so verscharrt werden sollte, machte ihm schwer zu schaffen. Sein Bruder Karl, der in der Kirche geblieben war, mochte nicht predigen. Ein Gebet ja, aber den Ersatzpfarrer geben?  Das war nicht sein Ding und das empfand er als nicht richtig. Aber so hatte man wenigstens einen Geistlichen zur Beisetzung. Nach dem Krieg kehrte Willy übrigens schnell und ohne viel Aufheben in den Schoß der evangelischen Kirche zurück.

Im Frühsommer 1944 war auch Doras dritte Schwester Ilse in Insterburg angekommen. Natürlich  war da die Idee, Dora mit den Kindern zu helfen, aber Ilse Philippi gehörte bereits selbst zu den durch das Kriegsgeschehen kreuz und quer durch Europa geschobenen Menschen. Sie war jung verheiratet, ihr Mann war Soldat und in Salzburg stationiert. Ernst Philippi war auch Siebenbürger und wie die meisten jungen Männer von dort zur Waffen-SS gekommen Als er den erhofften Heimaturlaub nach Hermannstadt nicht bekam, ergab sich für Ilse aber immerhin die Möglichkeit zu ihm nach Salzburg zu reisen. Es war der Frühsommer 1944 und die Zeit, in der das Kartenhaus zusammenfiel, die Ostfront geriet ins Wanken, brach zusammen und binnen sechs Wochen verlief sie tausend Kilometer weiter westlich. Ilses Mann wurde nach Polen versetzt und sie konnte nicht mehr zurück nach Siebenbürgen, da lag es auf der Hand: sie fuhr zu ihrer Schwester nach Insterburg.

Dora Zander rückte nun eng zusammen mit ihren Schwestern, von den Eltern in Hermannstadt hörten sie nach dem Fall Rumäniens und der Besetzung durch die Rote Armee im August 1944  nichts mehr, sie sorgten sich um so mehr, als sie von dem Blutbad der Sowjets in Nemmersdorf hörten. Sie hatten aber immerhin das Glück, dass Insterburg als einzige ostpreußische Stadt planmäßig geräumt wurde. Der Familienrat empfahl ihnen gleich im November 1944 von ihrem Evakuierungsort auf dem Land aus erst einmal nach Mohrungen zu gehen, wo entfernte Verwandte von Zanders lebten. Von dort gelang es ihnen  rechtzeitig nach Gut Klaukenhagen in Pommern zu fliehen und dann, als es auch dort brenzlig wurde, nach Schleswig-Holstein, zuerst nach Lübeck, wo die Flüchtlinge verteilt wurden. Zanders kamen nach Steinhorst, ein Dorf weit ab von allen Arbeitsmöglichkeiten.

Zwar war Dora letztlich von Deutschland nach Deutschland geflüchtet, dennoch traf sie die Entwurzelung besonders. Die neue Fremde war noch fremder als die selbst erwählte neue Heimat Ostpreußen. Die Familienbande, die sie dort ein wenig aufgefangen hatten, waren zerrissen, niemand erklärte ihr diese neue Fremde, nahm sie an der Hand und zeigte ihr alles Nötige. Hier war auch ihre neue Familie fremd. Alle waren nun heimatlos, jeder hatte an sich selbst zu tragen, suchte das Trauma und die Verlorenheit zu überwinden, auch ihr mann Willy. Doch Dora klagte nicht.

Immerhin, auch Willy Zander hatte ja den Krieg soweit heil überstanden und war seit Ende 1945 wieder bei seiner Familie.

Wann er gekommen sein musste, war einfach zu errechnen, denn im Juni 1946 wurde Tochter Elke geboren. Aber Säuglinge hatten es schwer in dieser Zeit, schon die Mütter waren entkräftet von der Flucht und mangelernährt, die medizinische Versorgung fand in Gegenden wie Steinhorst kaum statt, Medikamente gab es nicht. Niemand konnte sagen, was der  kleinen Elke denn nun eigentlich gefehlt hatte, sie starb einfach an der Zeit, wurde nur drei Wochen alt. Dora trauerte, aber sie klagte nicht.

Sobald die Adresse von Dora und Willy Zander über den Suchdienst in Erfahrung gebracht worden war, machte Rosemarie sich von ihrer Tante Erna in Ahrensburg aus auf den Weg. In Bad Oldesloe wollte sie fragen, wie sie nach  Steinhorst käme. Sie fragte und fragte bis endlich jemand we­nigstens die grobe Richtung weisen konnte. Was mochte das bloß für ein gottver­lassenes Nest sein? Es goss in Strömen und sie lief los. Nach einer halben Ewigkeit kam sie endlich nach Steinhorst. Wie sich herausstellte, hatte sie einen Riesenum­weg gemacht. Sie traf Zanders in deren Notwohnung beim Auspacken eines Paketes an, und die Wiedersehensfreude war groß. Dora Zander hatte nämlich entfernte Verwandte in den USA, von denen sie gerade dieses Paket bekommen hatte. Darin waren solche für die unmittelbare Nachkriegszeit unentbehrlichen und nützlichen Dinge wie Pumps und etliche Morgenröcke. Das Beste, ein grün-weiß gestreiftes Som­merkleid, das sonst niemandem passte, bekam Rosemarie.

Als Dora und Willy im Dezember 1947 ihre jüngste Tochter Ute bekamen und sie dieses Kind über die ersten Monaten hinweg gesund durchgebracht hatten, kehrte ein wenig Ruhe ein, gleichzeitig fing mit der Währungsreform die Lage ganz allgemein an sich zu verbessern.

Dora klagte nicht, wie sie nie geklagt hatte, auch wenn Willy noch keine Arbeit fand.

Willy, der ohnehin keine Frohnatur war, verbiesterte immer mehr, fühlte sich ungerecht vom Schicksal behandelt und nutzlos, zumal er kaum in der Lage war, seine Familie zu ernähren. Ihm ging die Geduld aus und er nahm ein Angebot aus Dahn in der Pfalz an, obwohl er nur wenige Monate später hätte nach Hamburg gehen können. Karl und Anna waren entsetzt. „Was willst Du da“, fragte Karl ihn eindringlich, „da ist nur das Arbeitsamt in Dahn und sonst nichts. Da hast Du keine Aufstiegsmöglichkeiten und Deine Mädels auch nicht. Und wir sind alle mindestens eine Tagesreise entfernt.“ Doch Willy hatte keine Geduld mehr und ging nach Dahn.

Sie bekamen dort eine Wohnung wie versprochen, drei kleine Zimmer, eine Küche, Toilette aber kein Bad. Der Front des Hauses gegenüber türmte sich gleich hinter der Straße ein bewachsener dunkler Berg auf, der wie eine grüne Wand wirkte. Als sein Bruder Willy beerdigt wurde, stand Karl Zander am Wohnzimmerfenster und sinniertekopfschüttelnd: „Dreissig Jahre hat der Willy nun auf diesen Berg geglotzt…“ Aber Dora hatte nie geklagt.

Und dann durften Doras Eltern endlich aus Rumänien ausreisen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Siebenbürger kollektive Verfolgung getroffen, Zwangsaussiedlungen, gewaltsame Familientrennungen und Diskriminierungen vielfältiger Art, die Lage dort besserte sich erst nach dem Tode Stalins, fast eine halbe Million Siebenbürger verließ nach dem Krieg die Heimat. Die Geschichte einer reichen Kultur und eines ganz besonderen Siedlungsraumes, der nach den ersten sieben, zunächst ohne Herrschererlaubnis gebauten Burgen Siebenbürgen genannt worden war, ist faktisch beendet.

Auch Doras Eltern klagten nicht, nahmen an, wohin ihr Herrgott sie gestellt hatte, haderten nicht mit dem Schicksal. Vater Bergleiter  war eine beeindruckende Persönlichkeit. Noch bei Willy Zanders Beerdigung saß er hoch betagt auf dem Balkon in der Abendsonne. Wache, flinke Augen lächelten aus einem freundlichen Gesicht, so lebhaft, dass man ihnen ihre Blindheit nicht ansah. Man spürte sofort, dass dieser Mann vollkommen in sich ruhte und völlige Zufriedenheit ausstrahlte, er war im Einklang mit Gott und der Welt. Und es war eine Freude sich mit diesem feinsinnigen, gebildeten Mann zu unterhalten. Als der Tate, wie sie den Vater nannten, zum Abendessen hinein geholt wurde, spürte man noch immer den liebevollen Umgang untereinander, der in der Familie Begleiter üblich gewesen war. Es wurde ein schöner Leichenschmaus mit angeregter Unterhaltung in transsylvanisch-balkanisch-ostpreußischer Art. Man erzählte Anekdoten, die man mit dem Verstorbenen erlebt hatte, von Ostpreußen und schwups waren sie alle erzählender Weise wieder in Hermannstadt gelandet.

Dora konnte sich immer gut nach Siebenbürgen zurück träumen, in das Land, in dem die Pfirsiche blühten. Wenn sie dann erzählte, sah man, wie sehr sie in einer ganz anderen Welt war. Und irgendwie war sie einst vor vielen Jahren in Siebenbürgen abgefahren, aber nie so ganz in Deutschland angekommen.

Journalistenmacht: Die Bilder in unseren Köpfen

07 Aug 10
Brigitte Jäger-Dabek
, , , , ,
No Comments

Ein grau gewandeter, graugesichtiger, steinalter und abgearbeiteter Bauert sitzt auf dem Bock seines klapprigen Wagens, der von einem noch klapprigeren, zottigen Pferd direkt in den Sonnenuntergang hinein gezogen wird. Schnitt.

 

Ein Storch gleitet an der tiefen, schon untergehenden Sonne vorbei, landet klappernd auf dem Nest und füttert liebevoll den hungrigen Storchennachwuchs. Schnitt.

 

Dann geht die Abendsonne glutrot unter, taucht in einen masurischen See ein und verglüht. Schnitt.

 

Ja, lieber Zuschauer, so ist Polen, heißt die Botschaft, die uns da vermittelt wird – in fast jedem Film. Ist polen so? Was stellen wir und als Zuschauer vor bei solchen Bildern? Polen? Na klar. Das ist Idylle pur, ein Land, in dem die Zeit stehen geblieben ist, ein Land, in dem die Menschen in abgeschiedenen Dörfern leben, von jeder Entwicklung abgeschnitten und bitterarm. Na was? Die Bilder lügen doch nicht! Nein, tun sie auch nicht, aber sie sind nur ein sehr kleiner Ausschnitt der Wirklichkeit. Ein Bild von der Dynamik, die in der Entwicklung dieses Landes steckt, zeigt sie nichts, auch nicht von den Brüchen, dem noch immer vorhandenen Stadt-Land-Gefälle. Auch nichts von der ungebremsten Kreativität der Polen oder von dem atemberaubenden Boom Warschaus und den rasend schnellen Veränderungen selbst in den kleinen Städten, genau wie den Entwicklungen in der Landwirtschaft, die man Polen so nicht zugetraut hätte.

 

Es ist wohl nicht spektakulär genug, über den wirklichen Alltag von Otto Normalverbraucher zu berichten, von den Brüchen in den Familien, in denen die Eltern im ländlichen oder kleinstädtischen Milieu leben, sehr katholisch geprägt und die Kinder in Warschau oder Posen studiert haben und in einer völlig anderen Welt leben. Sie finden sich kaum zurecht in dem hektischen Tempo, in dem sich die Wirtschaft entwickelt, so rasch und so stabil, dass sie Deutschland in weniger als zwei Jahrzehnten überholt haben wird. Diese Zusammenhänge werden selten dargestellt, sie sind unspektakulär und setzen beim Berichterstatter tieferes Verständnis und genaue Kenntnisse voraus.

 

Worum es mir geht, ist ein zutreffendes Bild des Landes zu zeichnen, aus dem man berichtet und das kommt nicht nur im Fall Polen allzu selten vor. Ob es im Ostseereport ist, wo es scheinbar so wichtig ist, über Typen zu berichten, die einer schräger sind, als der andere, ob es Reiseimpressionen sind, die das Landleben als Idylle darstellen. Ist Alltag nicht berichtenswert? Sind die Probleme im Alltag nur interessant, wenn Spektakuläres darin vorkommt?

 

Da hat eine ganze Zunft scheinbar vergessen, dass jeder Mensch der publiziert, also auch jeder Journalist eine ganz besondere Verantwortung trägt. Als Journalisten muss es uns einfach bewusst sein, dass die Bilder, die wir mit Kameras transportieren, oder durch unsere Texte entstehen lassen, einen großen Einfluss auf das Denken der Öffentlichkeit haben, auf Urteile und Vorurteile.

 

Zum Beispiel das Thema Islam. Da wird fröhlich und unbedarft Islam mit Islamismus vermischt, DER Islam – als ob die islamische Welt etwas völlig Monolithisches wäre – zu einer gewaltverherrlichenden Religion gemacht, jede Kopftuchträgerin zu einer unterdrückten Frau, jeder religiöse Muslim fast zwangsläufig zum Islamisten und potenziellen Terroristen.

 

Wir Journalisten tragen einen großen Teil der Mitschuld an solchen Bildern, immer auf der Suche nach dem Quote bringenden starken Bild, dem auflagenstarken Satz. Misstrauen Sie uns!

Der weiße Bär

30 Jul 10
Brigitte Jäger-Dabek
, ,
No Comments

Der kleine Bär war weiß, weiß wie der Schnee, den es so selten gab in dem Land, in dem er lebte. Er war nicht weiß, weil etwa alle Bären in diesem Land weiß gewesen wären, nein, er war der einzige weiße Bär, alle anderen Bären waren braun, sie lebten ja schließlich  in Braunbärland.

Anfangs hatte er ja ausgesehen, wie alle anderen kleinen Bärchen, niedlich und vor allem braun, aber eines Tages begann sein Bärenpelzchen immer heller zu werden, bis es ganz weiß war. Die Eltern erschraken – oh Bärengott, sie hatten einen weißen Sohn, was sollte werden?

Aber der kleine, nun ganz weiße Bär fand einen Ausweg. Er hatte eine Wurzel gefunden im Braunbärenwald, in dem sie lebten. Er zerstampfte sie, zerkochte sie ganz heimlich in der allerhintersten Ecke ihrer Höhle, und  strich sich die brauen Brühe auf den Pelz. Gut war es, denn die braune Farbe überstand sogar mal einen nicht zu heftigen Regenguss.  Nur baden konnte der kleine gefärbte Bär nicht, das Wasser hätte ihm dann doch seinen schönen braunen Scheinpelz aufgelöst. Aber sonst lebte der kleine gefärbte Bär wie jeder andere junge Braunbär auch.

Bald  hatte der kleine Bär mit dem Färben so viel Übung und machte es so geschickt, dass selbst seine Eltern manchmal vergaßen, dass ihr Bärensohn weiß war. Er hatte ein freundliches Wesen, war immer vergnügt und zu einem frechen Spruch aufgelegt und die anderen Bären mochten ihn.

Dennoch, immer wieder einmal hatte seine Muter traurig geseufzt, wenn sie ihn anschaute und hatte immer wieder mit dem Schicksal gehadert, weil er weiß war. Ach wäre er doch braun, klagte sie im Stillen, er ist so ein kluger kleiner Bär, so fröhlich und recht witzig!

Der Vater des kleinen weißen Bären war eine bekannte Persönlichkeit in der Bärengesellschaft, er war Klugbär von Beruf und galt als gescheit und gebildet, wusste immer Rat und Ausweg. Insgeheim fragte er sich aber immer wieder, was er falsch gemacht habe, dass er einen weißen Bären zum Sohn habe.

Als der kleine weiße Bär groß wurde, konnte er sich bei all seiner Pelzfärberei nicht länger vormachen, dass er ein ganz normaler kleiner brauner Bär wäre. Und er wäre es doch so gern gewesen! Aber er wusste, dass er mit einem anderen Braunbären zusammen nicht glücklich werden konnte.

Und doch sehnte er sich nun wo er erwachsen geworden war, wie jeder andere Bär auch nach einem anderen Bären, einem Wesen, dass er liebte, das ihn liebte, am besten einem weißen Bären. Er zog durch alle Bärenwelten, immer auf der Suche nach einem Bären, der war wie er, einer verwandten, weißen Bärenseele.

Ach wie sehr wünschte er sich etwas Nähe und Wärme, und ein Geschöpf an seiner Seite, dem er anvertrauen könnte, dass er gar kein brauner Bär ist. Dann rollte er sich traurig und erschöpft hinten in seiner kleinen eigenen Höhle zusammen und weinte ein bisschen, gab es denn für weiße Bären keine Seele zum lieb haben?

Seinen Eltern mochte er seinen Kummer nicht anvertrauen, er wusste ja, dass er ihnen keinen braunen Bären heimführen konnte, wie es Sitte war, wie sollte er es ihnen beibringen? So suchte er weiter und wollte die Suche nach der großen weißen Bärenliebe schon aufgeben.

So viele Länder hatte er kennen gelernt. Länder mit hohen Bergen und Schnee, und gehofft, dass es in so einem Land doch auch weiße Bären geben musste, wenigstens ein paar weiße Bären, aber er fand keine. Und er streifte ruhelos umher, lernte die schönsten Landschaften kennen, warme Länder am Meer, dichte Urwälder, Wüsten und grüne Steppen, sogar die Lande des russischen Bären durchwanderte er. Doch er fand nur braune Bären, zwar hatte er so manchen Braunbär in Verdacht auch ein weißer Bär zu sein, aber keiner wollte sich verraten und sich den Pelz weißwaschen lassen, sie hatten alle Angst, sich ihm ganz zu öffnen.

Eines Tages kam er in ein Land unter Palmen,  in dem immer die Sonne schien, und das von vielen Braunbären gering geschätzt wurde. Ach hier war alles so leicht, so freundlich, so voller Musik und Tanz. Ach war das schön, denn schon immer hatte der kleine weiße Bär, der nun längst ein großer weißer Bär war, den Tanz geliebt. Und er lernte Bären kennen, denen es ganz egal war, welche Farbe sein Pelz hatte, ja als er ein Weilchen da war, erkannte er sogar ein  paar andersfarbige Bären, er sah weiße, graue und etwas scheckige Bären. Da sprang er ins herrlich warme Meer, und badete ausgiebig. Er blieb so lange im Wasser, bis die ganze braune Farbe abgespült war.

Und dann sah er ihn plötzlich, den tanzenden jungen Bären, tatsächlich, einen richtigen Tanzbären, strahlend weiß von der Sonne gebleicht, viel weißer noch war dessen Pelz als seiner und ein Stich ging in sein Herz. Er konnte seine Augen nicht von ihm lassen und bebte fast vor Freude, als er merkte, wie der junge weiße Bär seinen Blick erwiderte. Magisch voneinander angezogen, gingen sie aufeinander zu.  Ach war der Tanzbär glücklich, dass der fremde weiße Bär seine Sprache verstand, weil er so weit herumgekommen war.

Und sie redeten und redeten und erzählten sich ihr Leben, gingen spazieren, setzten sich ans Meer. Tief berührt stellten sie beide fest, welch große Nähe zwischen ihnen war, welche Wärme und welch vertraute Verbundenheit, nach der sich beide ihr ganzes Leben lang gesehnt hatten. Zitternd, noch voller Zweifel fassten sie sich vorsichtig bei der Hand. Konnte das sein, sollte das wirklich der eine sein, nach dem er sich das ganze Leben lang gesehnt hatte fragte sich der weiße Bär? Ganz zart und tastend legte der weiße Bär seinen Arm um den Tanzbären, er war doch so viel älter und wollte ihn nicht erschrecken. Aber der junge Tanzbär nahm ihm alle Ängste, seine leuchtenden braunen Augen schauten den weißen Bären voller Wärme und Zuneigung an und löschten alle Fragzeichen in dessen Augen. Ganz sanft legte er seine Arme um den Hals des weißen Bären und küsste ihn, erst vorsichtig und zögernd, dann immer leidenschaftlicher.

Die beiden Bären versanken in einem Taumel von Glückseligkeit, streichelten sich, kosten einander, noch immer voller Erstaunen in den leuchtenden Augen. In wonniglicher Umarmung sanken sie auf den warmen Sand und liebten sich, als geschähe es das erste Mal auf Erden, als zuckten Blitze, bebte die Erde und verschlänge sie das Meer.

Sie hatten beide gefunden, was sie immer gesucht hatten, den einen weißen Bären, der die Seele des anderen berührte, der das Herz singen ließ, über alle Fernen hinweg nah blieb. Und die Familie des Tanzbären hieß den fremden weißen Bären, der von so weit hergekommen war in ihrer Mitte willkommen, denn sie sahen über alle Zweifel hinweg nur die Liebe, die  in den Augen der beiden weißen Bären leuchtete.

Der weiße Bär kam jetzt so oft der konnte in das Land der ewigen Sonne und jedes Mal wurde seine Sehnsucht größer, denn er hatte die Liebe erlebt, war in ihr  versunken, in dieser Welt voller Wärme und Zärtlichkeit.

Zu Hause in Braunbärland war es kalt, immer kalt und er fühlte sich einsam. Er wollte nun nicht mehr lügen und tat aller Welt kund, dass er in Wahrheit ein weißer Bär sei. Viele Braunbären seiner Umgebung hatten es ja längst geahnt und trösteten ihn. Das macht doch nichts, sagten sie, du bleibst uns doch derselbe.

Dass er ein weißer Bär war, konnte ja noch angehen in Braunbärland, die Braunbären hatten viel gelernt, und die meisten wussten, dass weiße Bären nicht schlechter sind, als braune Bären. Aber dass er in der Ferne einen anderen weißen Bären kennen und lieben gelernt hatte, das verstanden viele Braunbären nicht. Und dann sprach dieser fremde Bär die Braunbärensprache nicht und war noch viel weißer. Obendrein war er auch noch ein viel jüngerer Bär und Tanzbär und kein Klugbär, wie der Vater des weißen Bären.

Alles prasselte auf den weißen Bären ein und er fragte sich, ob denn so ein kleines Bisschen Liebe für ihn in seiner Heimat Braunbärland nicht erlaubt sein sollte, ach sie taten doch niemandem etwas und nahmen doch keinem Braunbären etwas weg.

Er verzagte fast, denn er wollte doch den Tanzbären zu sich holen, was sich als sehr schwierig herausstellte, denn so ohne weiteres gestattete man es doch keinem weißen Tanzbären nach Braunbärland einzureisen. Aber er ließ sich nicht beirren und am Ende erlaubten die Mächtigen in Braunbärland es doch.

Er holte seinen geliebten Tanzbären im Sonnenland ab und reiset mit ihm nach Braunbärland. Der weiße Bär zeigte dem Tanzbären seine kalte Heimat, die diesem so fremd, aber auch so aufregend war. Das Weißbärenpaar stieß auf einige Ablehnung, aber die meisten Braunbären hatten sich bald daran gewöhnt, dass nun ein Weißbärenpaar in ihrer Mitte lebte. Und so richteten sie sich ein, lebten ihr kleines, behagliches Weißbärenglück, und waren bald umgeben von ein paar ihnen herzlich zugetanen Braunbären und einigen anderen Weißbären, die sich nun auch trauten, sich als weiße Bären zu bekennen.

Es dauerte ein Weilchen, aber dann sahen auch die letzten Braunbären, dass die beiden Weißbären sich wirklich liebten. Die beiden Weißbären feierten bald Bärenhochzeit und lebten fortan mal im Sonnenland und mal im Braunbärland – und sie taten niemandem ein Leid an.

Das deutsche Multikulti-Fußballwunder

15 Jul 10
Brigitte Jäger-Dabek
, , , , , ,
one comments

Deutschland – Mas integracion más integración

Nun ist Fußball ja generell Emotion pur, aber was da gestern im WM-Achtellfinale in Südafrika zwischen Deutschland und England passierte, wird sicherlich einmal als Sternstunde des deutschen Fußballs bezeichnet werden.

Die Nation war aus dem Häuschen, als ob der Titel gerade gewonnen worden war. Und das lag weder an der historischen Höhe des deutschen Siegen – noch nie hatte England ein WM-Spiel mit 4:1 verloren – und es lag auch nicht am tollen Sommerwetter daheim in Deutschland.

Es war die Art, in der dieser Sieg nicht errungen oder erkämpft sondern erspielt wurde. Mit spielerischer Leichtigkeit kombinationssicher vorgetragene Angriffe, Tempofußball mit deutschen Stürmern, die sprühten vor Kreativität. Dieser Fußball der feinsten Art begeisterte die Deutschen. Hacke, Spitze, tralala – mehr als nur ein Hauch von Südamerika ließ grüßen.

Das war es doch, was wir uns immer wünschten, weg vom Image der deutschen Kraftwalze, dem ewigen britischen Panzervergleich, fort von Blutgrätsche und deutschen Kampftugenden, hin zu spielerischer Leichtigkeit mit einem Schuss Genialität und einem Spritzer Schlitzohrigkeit. Kurz: Die Begeisterung darüber, dass diese Mannschaft Fußball nicht nur arbeiten, sondern auch spielen kann.

Und das wird bleiben, selbst wenn uns Argentinien aus den Träumen reißen sollte. Denn diese so junge Mannschaft steht erst am Anfang und hat noch jede Menge Entwicklungspotenzial. Und noch etwas wird hoffentlich bleiben, nämlich der integrative Faktor dieser Mannschaft. Es ist einfach nicht mehr zu übersehen: Einwandererkinder bilden das Herz dieser DFB-Elf.

Da sah man im Autokorso Menschen offenbar türkischer Herkunft, das Auto mit schwarz-rot-goldenen Farben geschmückt, darin Frauen mit Kopftuch, DFB-Fanschal und Vuvuzela, stolz wie Oskar nicht nur auf „ihren“ Mesut Özil, polnisch-deutsch beflaggte Fahrzeuge, die nicht nur „ihre“ Helden Trochowski, Klose und Podolski feierten.

Vieles erinnerte an das Sommermärchen von 2006, doch dieses ist anders. Damals waren es die Deutschen als Gastgeber, die zusammen mit ihren Gästen aus aller Welt zusammen feierten. Heute feiern beim Public Viewing und beim Autokorso die in Deutschland lebenden Menschen eine gemeinsame Mannschaft und ein Ereignis, an dem alle gleichermaßen teilhaben, egal on sie hier , in der Türkei, in Afrika, auf dem Balkan, in Polen, oder sonst wo geboren sind. Es ist so: Diese Mannschaft ist immer auch ein Stück weit Spiegel der Gesellschaft – eines Einwandererlandes.

Bei diesem Sommermärchen begegnen sich diese Menschen in Deutschland zum ersten Mal in etwa auf Augenhöhe, egal ob man seit Generationen hier lebt, alteingesessen ist oder Migrant. Man beginnt ein klein wenig zu begreifen in diesem Land, dass es die Migrantenkinder waren, die ein Großteil der begeisternden neuen Leichtigkeit in den Fußball der deutschen Nationalmannschaft brachte. Und man ist dabei zu lernen, dass man nicht Mesut Özil als Idol feiern kann, und gleichzeitig auf seine Eltern, die türkischen Einwanderer herabschauen kann.

Über die Begeisterung für diese deutsche Fußballnationalmannschaft wird hoffentlich auch ein Stück mehr Integration und Wertschätzung für unsere Zuwanderer in die Gesellschaft überspringen. Schauen wir doch diese junge Mannschaft an, die zeigt, wie es geht: füreinander offen sein, einander helfen, bereit sein, voneinander zu lernen und vom anderen das Beste zu ü+bernehmen und zu integrieren. Es gibt einen schönen Werbespot beim Deutschen Fußballbund: DFB – mas integracion.

Wie wäre es, das auf die Gesellschaft, denn Alltag zu übertragen, denn diese WM ist auch eine Chance für mehr Integration. Dann hieße es: Deutschland – mas integracion.

Wi snackt Plattdütsch

10 Mai 10
Brigitte Jäger-Dabek
, , ,
No Comments

Schon der Gruß ist anders bei den Nordlichtern. Mit einem mal gedehnten „Moiiiin“ , einem fröhlichen „Moin, Moin“ oder einem knackig knappen „Moin!“ wird man gegrüßt im Norden, und gegrüßt wird hier zumindest im ländlichen Raum immer noch jeder, der des Weges kommt. Egal ob es nun ein nie zuvor gesehener Urlauber oder der vertraute Nachbar ist.

Eben dieser Feriengast tippt sich gern an die Stirn und sagt sich „die spinnen, die Nordlichter“, wenn er dieses „Moin“ kurz vor der Abendbrotzeit hört.

Dabei hat das Wort „Moin“ gar nichts mit dem Morgen zu tun, denn im Plattdeutschen kommt es von „moi“, und das bedeutet so viel wie gut oder schön. Also ist „Moi“ nichts weiter als eine Abkürzung von „Moien Dach“, oder „Moien Abend“.

Und auch sonst klingt es zwar irgendwie gemütlich an der Küste, für Zugereiste aber doch ziemlich ausländisch, ein wenig wie die skandinavischen Sprachen oder wie das Niederländische. Manches schient dem Englischen näher zu sein als dem Deutschen.

Wer genauer hinhört und schon andere deutsche Küstenregionen kennt, wird feststellen, dass selbst die von der Elbe doch ziemlich weit weg lebenden Mecklenburger erstaunlich ähnlich klingen beim Reden. Alle sprechen sie Plattdeutsch.

Also ist Plattdeutsch so eine Art Küstenkauderwelsch? Ein Dialekt? Bloß nicht, wer das sagt im Norden, wird fortan mit Verachtung gestraft. Der Streit allerdings ist uralt, lange konnte sich die Wissenschaft nicht einigen, ob Plattdeutsch ein Dialekt oder eine Sprache ist.  Das lag hauptsächlich daran, dass den Sprachwissenschaftlern die einheitliche Rechtschreibung fehlte. Auch ordnete man die plattdeutsche Sprache gern als Dialekt ein, weil sie eine ähnliche Funktion hatte, wie andernorts eben Dialekte, sie war die Sprache des Volkes.

Zwar gibt es plattdeutsche Literatur, die schreibt aber jeder Autor, wie er gerade möchte.

Vor einigen Jahren hat man sich nun doch verständigt: Plattdeutsch ist eine Sprache – so eindeutig, dass es in die Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen aufgenommen wurde.

Damit wollte man das Plattdeutsche schützen und vor dem Aussterben bewahren. Spätestens als nach dem Zweiten Weltkrieg Radio und Fernsehen die hochdeutsche Sprache tagtäglich in den Alltag der Menschen transportierte, geriet das Plattdeutsche auch auf dem Land immer weiter ins Hintertreffen. Dabei war Plattdeutsch einmal die lingua franca der Hanse. Später jedoch versuchten sich selbst die feinen Hanseaten, die Plattdeutsch Jahrhunderte als Verkehrssprache der Hanse genutzt hatten, nun im Hochdeutschen. Bald war es so weit, dass Eltern sich im Hochdeutschen abmühten, damit die Kinder es in der Schule leichter hatten. Im zwanzigsten Jahrhundert wurde Hochdeutsch mehr und mehr zur Umgangssprache selbst in den kleinen Städten und Dörfern an der Elbe. Dazu kam nach 1945 mit den Millionen Flüchtlingen aus dem Osten ein größerer Anteil an Zuwanderern. Später wurde unsere Gesellschaft immer mobiler. Das brachte es mit sich, dass immer mehr Menschen in der Region lebten, die Platt nicht verstanden. Die Ansicht schien sich durch zu setzten, dass Platt hinterwäldlerisch ist, Hochdeutsch hingegen weltläufig.

Erst im letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts setzte ein Umdenken ein und man begann zu erkennen, dass das Plattdeutsche Teil der norddeutschen Identität ist, ein Stück Heimat bedeutet und etwas Beständiges in einer sich immer schneller verändernden Welt ist. Man bekennt sich wieder zu seiner Region und pflegt die alte Sprache um sie wenn schon nicht als Muttersprache, so doch als Zweitsprache zu erhalten.

Es scheint zu gelingen, nicht nur dass es wieder unzählige Kultur- Sprach-, Theater- und Volksliedgruppen sowie Plattdeutsch-Volkshochschulkurse in der Region gibt, auch Radio und Fernsehen senden mittlerweile in Platt. Und weil das Niederdeutsche seit dem 1, Januar 1999 durch die Europäische Charta anerkannte Regionalsprache ist, trifft man die Sprache auch in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens wieder an, es gibt wieder Straßennamen wie „Boben in Dörp“ und man kann das niederdeutsche Platt sogar studieren.

Auch Bücher gibt es wieder reihenweise in Platt, von Asterix und Obelix bis hin zu Harry Potter. Dazu findet man häufig die Aufkleber „Wi snakt Platt“, vielleicht kommt es doch noch einmal so weit, dass es wieder heißt: Drei Sprachen sprechen wir an der Elbe, Hochdeutsch, Plattdeutsch und über andere Leute. Und was ist schöner als ein gemütlicher Klönschnack, in dem man mal so richtig schön över de annern Lüd schludert!

Plattdeutsch ist sehr vielseitig, kann kurz und knapp ausdrücken, was gesagt werden muss und dabei ja kein Wort zu viel benutzen. Sonst könnte  es ja heißen: wat is he bloot sabbelig – wie ist er doch geschwätzig. Und unnötige Worte liebt der wortkarge Norddeutsche nicht.

Dabei kann Plattdeutsch auch so humorig liebevoll klingen, wenn Hinnerk zu seiner Liebsten zärtlich sagt „Mien seuten Schietbüdel“. Ja, das sagt er so, aber nun übersetzen Sie dan mal ins Hochdeutsche: mein süßer Sch…beutel. Was sagt uns das? Es gibt tatsächlich Worte, die im Plattdeutschen eine etwas andere Bedeutung haben als im Hochdeutschen.

Als grobe Regel kann man sagen, dass im Plattdeutschen sich nicht nur alles niedlicher anhört, sondern fast auch immer weniger hart gemeint ist. So wird ein kleines Kind zärtlich Schieter oder Schietbüdel genannt, denn so ein Windelpaket ist ja nun mal ein Schietbüdel. Säugling, das wäre so ein sachlich bürodeutsches Wort, nichts für den Norddeutschen, der mit seiner plattdeutschen Sprache lieber Bilder malt, und jetzt Tittkind sagen würde. Und um den Bogen zur großen weiten Welt zu schlagen: Es ist ja üblich auf Neudeutsch Baby zu seiner Angebeteten zu sagen und nichts anderes drückt der Norddeutsche mit Schietbüdel aus.

Übrigens: will der Elbanwohner sich besonders gewählt ausdrücken, sagt er gar nicht „Moin“, sondern „Goden Dach ok“.

Special: Plattdeutsche Überlebenshilfe

abbeldwatsch  unsinnig, merkwürdig

achtern  hinten

Achtersteven  Heck beim Schiff, Hinterteil beim Menschen

Arftensupp  Erbsensuppe

brägenklöterig  durcheinander, verrückt

brägenklöterige Kauh  die Kuh hat BSE

Buddel  Flasche

Büx  Hose

Deern  Mädchen

Dalben  Pfahl im Wasser zum Festmachen von Schiffen

Döntje  Anekdote

dor teuv man op  da kannst du lange drauf warten

duhn  betrunken

dwars quer

Dwarslöper  „Querläufer“, scherzhaft für Taschenkrebs

Dweiel  Feudel

Farken  Ferkel

Fisk  Fisch

Fleitenpiepen  Pustekuchen

Flunk  Flügel

Fofftein, mok mol fofftein mach mal Pause

Fronslüd  Frauen

fuchtig  frisch

Hol di fuchtig  Bleib gesund, halt dich aufrecht

gediegen, is ja gediegen  ist ja merkwürdig

giv mi `n Seuten  Gib mir einen Kuss

Gör  Kind

Granat  Krabben

Grönhöker Gemüsehändler

Hansmann  Strampelanzug

Höker Kaufman, Händler

Heunerglowen  Aberglaube

inkuhlen  beerdigen

Iesschapp  Kühlschrank

iesern Brägen  Computer

Kark  Kirche

Kiekin  kurzer Besuch

Kiek mol wedder in  komm / kommen Sie bald mal wieder

Kledasch  Kleidung

kleien  im Dreck herum wühlen

klei mi an Mors du kannst mich mal am A …

Klock Uhr

Klock söben  sieben Uhr

Klockachtheuhner  Perlhühner

klönen   sich gemütlich unterhalten

Klönkast  Telefon

Klönschnack gemütliche Unterhaltung

Kloogschnacker, Kloogschieter  Besserwisser

Klüten  Klöße

Knieptang  Kneifzange

Knütten  stricken

Knüttgaarn  (Strick)Wolle

Köksch  Köchin

Köhlschapp  Kühlschrank

Köm  Korn, klarer Schnaps

Krusenkohl  Wirsingkohl

Leileckerland  Schlaraffenland

Loop mi na  Parfüm

Lütt klein  bi lütten  langsam, allmählich

Macker  Freund, Kumpel

mall  verrückt  büss woll mall! Du bist wohl verrückt

Mannslüd  Männer

Melk  Milch

Mien  Oll  mein Mann, mien Ollsch  meine Frau

Moin, Moin Moin  Guten Tag!

Mors  Hinterteil

Muck Kaffee ein Becher Kaffee

Muster  Senf

Naber  Nachbar

Nokieksel  Lexikon

Quiddje  Fremder, Tourist

Peerd  Pferd

Plietsch  schlau

Proppentrecker  Korkenzieher

Putzbüdel  Frisör

Pütz  Eimer

Rundstück  Brötchen

Schapp  Schrank, Schrankfach

Schieter, Schietbüdel  Kosewort für Kinder und die Liebste

schludern, sludern  über andere Leute Reden

schnacken reden

slusohrig  hinterlistig

Steert  Schwanz

Steertrock  Frack

suer oder seuer, he licht in suer  er liegt in Sauer, er hat einen Kater

Swienegel  Schmutzfink

togang (sin)  dabei sein, gerade machen

Treckpott  Teekanne

tüdelig  umständlich, verwirrt

Tüünsupp  Fliederbeersuppe

Udel Polizist

utbüxen  weglaufen

wahrschauen  warnen  Wahrschau!  Achtung

verkloogfiedeln  erklären

viegelinsch  schwierig, heikel

Wuling  Durcheinander

Zippel  Zwiebel

Zippeltine  Heulsuse

 

 

Wer für alle Fälle gerüstet sein will, besorgt sich ein kleines Wörterbuch, das in jede Jackentasche passt, dann kann garantiert nichts mehr schief gehen:

 

Langenscheidt Lilliput Plattdeutsch, München 2000, ISBN 3-468-20037-4

Von der guten zur billigen Zeitung

11 Apr 10
Brigitte Jäger-Dabek
, , ,
No Comments

Es gibt ein Land, das wird Absurdistan genannt. Vor langer Zeit gab es dort goldene Jahre und manche Menschen erinnerten sich dort noch an die Ära, in der Absurdistan Schlaraffenland hieß.

 

Im Süden von Absurdistan am Weißwurstäquator lag die idyllische alte Stadt Knürzburg am Wain. Die Menschen lebten auch hier einst in blühenden Landschaften. Und sie informierten sich in ihrer angesehenen Zeitung Wainpost, über das, was in ihrer Welt so tag für Tag geschah. Bei der Wainpost arbeiteten auch viele Menschen für gutes Geld, sie waren durchweg stolz auf ihren Job in der Redaktion und in der Druckerei.

 

Doch dann wurden auch in Knürzburg die Zeiten – zuerst kaum merklich – immer schlechter, auch für das Regionalblatt. Viele Menschen bestellten die Zeitung ab, Werbekunden sprangen ab. Wie war man da froh bei der Wainpost, als man unter das Dach des großen, starken Steinbrinck Verlages schlüpfen konnte, da war man – Gott sei Dank – sicher.

 

Dachte man. Doch es kam anders, ganz anders. Zuerst wurden die Redaktionen durchgekämmt. Die Freisetzungen wurden in Zuckerwatte warm und weich verpackt. Was für eine Chance! Man kann doch als freier Mitarbeiter ganz anders atmen, muss nie mehr schreiben, was andere wollen, das ist doch schließlich der Traum eines jeden Journalisten.

 

Ja, natürlich, für ein klitzekleines Sümmchen weniger Geld, aber dafür so frei! Doch die immerhin in Aussicht gestellten Aufträge blieben aus, denn der überregionale Teil wurde nun zentral bezogen. Das war nun alles schön einheitlich, schließlich ist das was in Berlin oder New York passiert von Knürzburg aus betrachtet nicht anders als von Flensburg aus. Die Lösung war genial und wurde Mantel genannt, hinter dem sich die verbliebene Mini-Lokalredaktion nun verstecken konnte. Nein dieser Mantel ist nicht etwas mit dem Manteltarif zu vergleichen, das war längst ein Schlagwort von gestern. Mantel bedeutete schlicht, dass die überregionalen Anteile der renommierten Wainpost und etlicher anderer Zeitungen anderswo kostengünstig aus Agenturmeldungen zusammengeschrieben wurden. Die alten Redakteure waren nun völlig frei, niemand braucht sie mehr.

 

Nun ging man daran, auch die anderen Abteilungen der Wainpost nach Einsparpotential zu durchforsten und man kam auf noch eine ganz geniale Idee. Möglich gemacht hatte diese schöne neue Idee eine sehr menschenfreundliche Regierung in Absurdistan. Schröder hieß der damalige Kaiser. Seine neue Kaiserin kam – ach wie praktisch – selbst aus der Zeitungsbranche und konnte ihrem Gemahl viele gute Tipps geben. Es war nun die Zeit angebrochen, als Schlaraffenland, das über seine Verhältnisse gelebt hatte, zu Absurdistan wurde. Plötzlich war alles anders und man konnte sich auf nichts mehr verlassen, nun waren die Linken diejenigen, die Schluss machten mit dem gesicherten Wohlleben der anderen.

 

Und bei der Wainpost ging es weiter, bis man sich zum Vertrieb und zuallerletzt zu den Druckern vorgearbeitet hatte. Man hatte Argumente, denn ein großes Versandhaus war über die Wupper gegangen und nun gab es keine Kataloge mehr zu drucken. Viele Jahre hatten die Arbeiter mit stolzgeschwellter Brust nicht nur Zeitungen und Katalog auch anspruchsvolle große Bildbände gedruckt. Sie wähnten sich in Sicherheit, denn die Zeitung gab es ja noch, die musste ja von irgendwem gedruckt werden, also von wem sonst, als von Druckern.

 

Also eigentlich war das ja so, aber trotzdem, da konnte man doch etwas machen, nach den schönen neuen Gesetzen von Kaiser Schröder. Leiharbeit, das war doch die Lösung! Also könnte man doch die Drucker und Redakteure entlassen und dann als Leiharbeiter … Genau, so trug man es den Druckern an. Alle würden entlassen werden, gingen zu einer Leiharbeitsfirma und bekamen da neue Verträge. Dann würden sie von der Wainpost oder anderen Zeitungen in ganz Absurdistan angefordert und dürften arbeiten, immer nach Bedarf. Und schließlich bekämen die frisch gebackenen Leiharbeiter doch eine Jobgarantie, denn ganze fünf Jahre würde der Vertrag laufen. Für diese Sicherheit müsste man dann schon mal knapp ein Drittel weniger Lohn akzeptieren … Und weil das so eine großartige ldee ist, waren die Drucker doch nicht die allerletzten Betroffenen. Man könnte das Modell doch eigentlich auch in den verbliebenen Redaktionen der Verlagsgruppe versuchen … Gesagt, getan!

 

Das ist doch genial, oder? Die Arbeit wird gemacht – für viel weniger Geld und es wird noch nicht einmal jemand gleich arbeitslos. Ja, gut, die Häuslebauer unter den Druckern und Redakteuren werden Probleme mit der Kreditabteilung ihrer Bank bekommen wegen der befristeten Verträge, die Autokäufer auch – aber es müssen ja schließlich alle Opfer bringen auf dem Weg von der guten zur billigen Zeitung. Doch da gibt es uneinsichtige Drucker und Redakteure und ganze Verbände, die dabei einfach nicht mitspielen wollen.