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Heimat, Zuhause, oder was?

25 Mrz 11
Brigitte Jäger-Dabek
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Ich war wütend, fühlte mich unverdient in die Ecke gestellt. Wieder einmal waren Eltern und alle vier Großeltern in ihr fremdes, fernes Zuhause entschwoben, hatten wieder diesen alles westlich der Weichsel ausblendenden, entrückten Blick. Damit schotteten sie sich ab, bildeten eine verschworene Wir-Gemeinschaft, die mich ausschloss.

So stand ich wieder einmal vor der Tür, denn ich gehörte nicht zu dieser Wir-Welt. Das passierte mit schöner Regelmäßigkeit, denn wenn sie zusammen kamen, redeten sie sich so sehr nach Ostpreußen, dass sie mich, das Hier und das Heute einfach nicht mehr wahrnahmen.

Auf die Idee, dass ich als Kind mit ihrem Zuhause ein Problem haben könnte, kamen sie nicht. Es war ja auch ausschließlich mein Problem, denn ihr Zuhause war nicht mein Zuhause.

Hätten sie es Heimat genannt, wäre für mich als Kind vieles leichter gewesen. Aber dieses Wort benutzten sie nie, sie sagten immer zuhause, wenn sie Ostpreußen meinten.

Zumindest der Vorhof zum Paradies muss dieses Zuhause gewe­sen sein. Als ich noch im Vorschulalter war, zogen meine El­tern, die Großeltern väterlicherseits und ich in unser neues Haus. Wir wohnten nun in einem ganz neuen Stadtviertel, in dem ein Ei­genheim nach dem anderen entstand. Bald wurde unsere Ge­gend auch mit einer evangelischen Kirche bedacht, eine ganz neue, damals auch durchweg aktive Gemeinde entstand.

Im Kindergottesdienst  hatte ich also meine erste nachhaltige Begegnung mit Glauben und Religion, hörte vom Paradies und davon, dass die Errichtung des Reiches Gottes so etwas wie das Paradies auf Erden wäre.

Dieses Paradies auf Erden aber musste in Ostpreußen liegen, jeden­falls legte ich mir das nach den verklärten Erzählungen und Schwär­mereien meiner Familie so zurecht. In meiner kindlichen Gedan­kenwelt hatte das Hiersein, das Leben im Stader „Exil“ir­gendwie mit der Vertreibung aus dem Paradies zu tun.

Ich nahm das ganz wörtlich, bloß die Sache mit dem Apfel konnte ich in der Geschichte nicht unterbringen, und die Russen wurden auch eher Iwan genannt als Eva oder Adam. Entweder hatte Gott da etwas verwechselt, oder der Pstor, aber ich traute mich nicht so recht, das zu hinterfragen.

Später begriff ich dann,  dass ich da beim Kombinieren zu vorei­lig gewesen war. Noch später lernte ich, Abstraktes zu erfassen, wusste, dass die Vertreibung aus dem Paradies bestenfalls als Alle­gorie für den Verlust der Heimat taugte und das Paradies geogra­phisch nicht zu lokalisieren ist, nicht einmal auf Ostpreu­ßen. Viele Jahre später und erst am Ende dieses Prozesses konnte ich mir dann auch die Geschichte mit dem Apfel besser erklären – die Deutschen hat­ten ihre Un­schuld verloren.

Die Ungereimtheiten in der Begriffswelt meiner Angehörigen be­schäftigte mich meine ganze Kindheit über. Wieso sagten die bloß immer zuhause, wenn sie Ostpreußen meinten? Waren wir denn nicht in Stade zuhause? Wir hatten doch hier unser Haus, wieso hatten sie das dann über­haupt gebaut? Oder konnte ein Mensch mehrere Zu­hause haben.?

Das verunsicherte mich, das machte mich wütend, weil mich alles brüten nicht weiter brachte. Manchmal knurrte ich trotzig: wir wohnen doch hier, also sind wir hier auch zu Hause. Dann be­trachteten sie mich als Trotzköpfchen und lächelten wissend mit diesem ziehenden, melancholischen Unterton, diesem Hauch von Trauer tätschelten sie mich und sagten: das verstehst du nicht. Zack! Das war’s dann wieder und machte mich eher noch wütender. Klar, ich kannte dieses Zuhause ja nicht, konnte vor allem damals als kleines Kind nicht ermessen, was sie verloren hatten. Wahrscheinlich würde ich dieses alte Zu­hause auch nie kennen lernen. Ich fühlte mich ungerecht behandelt, vor al­lem aber ausgeschlossen von einem zentralen Bereich des Lebens meiner Familie. Als Einzige war ich hier geboren und betrachtete das fast als einen Makel –  eine Au­ßenseiterin in der eigenen Familie.

Konnte bei uns nicht einmal etwas so sein, wie bei meinen Spiel­kameraden? Bei anderen hieß es vielleicht, meine Großel­tern kommen aus Harsefeld oder Bremervörde. Meine reisten zwar auch aus Bremervörde an, aber sie kamen aus Insterburg – Deutsch Sibirien. Nebenbei bemerkt hatte ich viel später das Ge­fühl, manche meiner Angehörigen wären nie ganz hier ange­kom­men. Sie blieben etwas fremd, blieben im Exil und haben sich nie ganz auf die neuen Lebensumstände und das neue Land eingelas­sen, von dem sie selbst anfangs allerdings auch abgelehnt wur­den.

Meine Eltern hatten sich nach dem Krieg kennen gelernt und gin­gen nach ihrer Heirat zügig daran, eine eigene Existenz aufzu­bauen, machten sich selbständig und bauten dann Mitteder 50er Jahre ihr Haus. Eine merkwürdige Diskrepanz tat sich auf. Sie standen also in ihrem Alltag mit beiden Bei­nen im Leben und schienen sich durchaus auf Dauer einzurich­ten, aber dieses für mich imaginäre, nur noch in ihren Köpfen existierenden Ostpreußen, diese geistige Gegenwelt ließ mir in meinen Kinderjahren unser Dasein in Stade irgend­wie provisorisch erscheinen. Besonders in der Großelterngene­ration erlebte ich so die Vergangenheit als etwas nebulös ver­klärtes mit schrecklichem Ende, die Gegenwart als etwas unge­liebtes nie ganz akzeptiertes und die Zukunft als etwas, woran sowieso nie­mand danken mochte. Nichts würde je an die Vergan­genheit heran­reichen und manchmal war ich mir nicht einmal ganz sicher ob es wenigstens ein heute für sie gab.

Besonders in meinen frühen Kinderjahren mit dem noch gerin­gen zeitlichen Abstand war der Krieg mit dieser für sie finalen Kata­strophe das bestimmende Ereignis im Leben meiner Fami­lie.

Dieses traumatische Kernerlebnis war  in den mich prägenden Jahren immer präsent. Mit zunehmendem zeitlichen Abstand än­derten sich die Gewichtungen dann etwas, viele neue Eindrücke kamen dazu. Das Aufbauen, der Neuanfang brauchte eigentlich die ganze Kraft, an der diese rückwärtsgewandte Trauer aber immer noch zehrte. Gab es überhaupt irgend etwas anderes als diese zwei Dinge Flucht und Aufbau in jener Zeit?

Ja, natürlich wurde auch gefeiert, gab es überaus frohe Stunden, vor allem bei Familienfesten. Da wurde gelacht bis die Tränen kamen, aber im­mer war da auch dieses ‚weißt du noch?‘, jede Menge Anekdoten, Ge­schichten aus einem fernen Land. Und über allem lag immer ein Hauch von Melancholie, die Wehmut über die Endgültigkeit dieses ‚es war einmal‘.

Endgültig war dieser Verlust und total, da war nicht nur die geo­graphische Heimat verloren, eine ganze Lebenswelt war unterge­gangen. Diese Katastrophe der Flucht ohne Wiederkehr war et­was fundamental anderes als die Flucht meiner Großmütter im 1. Weltkrieg. Die Flucht von 1914 fand ein gutes Ende in der Rück­kehr, die von 1945 wurde zum alles beherrschenden Er­lebnis, zum Lebenstrauma vor allem der Frauen.

Wie tief dieses Trauma saß, zeigt sich daran, dass ich mich noch deutlich an zwei politische Krisen erinnere – die Kubakrise und den Berliner Mauerbau – obwohl ich damals gerade mal zehn Jahre alt war. Ich verstand nicht ganz genau worum es dabei ging, aber ich spürte deutlich die angespannte Stimmung. Ernst wurden alle Nachrichtensendungen verfolgt, es ging sehr ge­drückt zu und mögliche Folgen wurden besprochen, auch mit den Großeltern. Und dann wurden Vorbereitungen für den Kriegsfall getroffen, die Zivilschutzbroschüre studiert, Vorräte wurden gesichtet und zugekauft. Ich wurde mit meiner Groß­mutter abgestellt, im Eisen­warengeschäft fast am anderen Ende der Stadt eine Spitzhacke käuflich zu erwerben. Die Angst legte sich wie ein Reif um die Brust bis die erlösende Entwarnung kam.

Der Bau der Mauer brachte ein Teil Fassungslosigkeit dazu, es war Sonntag, alle waren daheim, das Radio lief durchgehend, was es sonst bei uns nie tat und meine geliebte sonntägliche Kinder­stunde, die ich gemeinsam mit den Nachbarkindern sonst atemlos gebannt verfolgte, fiel aus.

Später verstand ich, warum sie alle den Kopf schüttelten und es nicht fassen konnten. Ihre Heimat, noch weiter östlich, war ge­rade endgültig hinter einem Eisernen Vorhang aus Minenfel­dern, Stacheldraht und meterhohen Mauern verschwunden. Zwi­schen Heimat und Bundesrepublik lag nun mit der eingemauer­ten DDR ein schier unüberwindliches Hindernis. Erst als diese Mauer fiel, sollte auch das alte Ostpreußen wieder aus der Ver­gessenheit auftauchen und zugänglich werden.

Ich wuchs  auf in dem Bewusstsein, dass einem jederzeit alles genommen werden konnte und es war mir auch durchaus klar, dass meine Familie anders war, als die der hiesigen Schul­ka­meraden, da musste keiner erst Flüchtlingspack oder Ruck­sack­deutscher schreien, was  während meiner Kindheit sehr wohl noch vorkam.

Auch später hatte ich das Gefühl in dieser etwas steifen, hansea­tisch geprägten norddeutschen Kleinstadt nie wirklich ganz dazu zu gehören, auch obwohl ich hier geboren war. Meine Eltern waren leidlich wohl­gelitten, in gewissen Grenzen jeden­falls, der innere Kreis der Alteingesessenen blieb eine geschlos­sene Gesell­schaft. „Bevor du nicht mindestens drei Generationen auf dem Friedhof zu liegen hast, gehörst du nicht dazu, da kannst du zehnmal hier geboren sein, Hiesiger bist du noch lange nicht“ lautet heute noch der gängige Spruch.

Geschichte hatte mich schon als Kind fasziniert, auch die er­ste Form des Geschichtsunterrichts, die Heimatkunde. Ich war brennend  an der jeweiligen Fortsetzung der spannenden Geschichte von Störtebecker, der Hanse und damit meiner Stadt interessiert.  Wenn aber an­dere dann zu erzählen wussten, was ihre Vorfahren für die Stadt getan hatten, dass sie dabei waren, wenn dies oder das passierte, konnte ich nur schweigen. Fast ein wenig beschämt war ich, denn meine Ahnen hatten nichts beigetragen, wir genossen nur die Früchte. Einige triumphierende Ätsch-Ätsch-Blicke spürte man schon aus den Augenwinkeln heraus.

Erst als Erwachsene wollte ich dieses Gefühl der Andersartig­keit auch selbst ergründen. Lag es nur am Familientrauma der Flucht oder womöglich an andersartigen Menschen aus einer an­de­ren Welt die mich geprägt hatten?

Als ich 1976 zum ersten Mal nach Ostpreußen reiste, war ich vierundzwanzig Jahre alt und ziemlich weit entfernt von den Ge­danken und Empfindungen der Kindheit. Andere Dinge waren wichtiger geworden und hatten Ostpreußen verdrängt. Die Ein­flüsse von außerhalb der Familie waren größer geworden, ei­gene Erfahrungen kamen dazu. Der Horizont wurde größer, andere Interessen dominierten, der Zeitgeist der Studentenrevolte nahm Einfluss, als Spätachtundsechzigerin bezog ich Stellung zu allem und jedem. Langsam wurde aber auch ich erwachsen, die Meinungen waren nicht mehr so radi­kal, Anpassung, die man ja eigentlich nie wollte, begann ganz schleichend, man suchte seinen Platz im Leben zu finden.

Die Entfernung zwischen den vielen Geschichten meiner Kinderzeit und meinem jetzigen Leben konnte nicht größer sein, ich hielt sie mittlerweile für bedeutungslos, sie hatten keinerlei Bezug zu meinem eigenen Leben, die Welt hatte sich in immer schnellerem Tempo von ihnen weg bewegt. Trotz­dem, bei jedem Familienfest kamen immer noch die unvermeid­li­chen Zuhause – Geschichten aufs Tapet.

Mittlerweile ging ich diesen Komplex mit ironischer bis sarkastischer Distanziertheit an, ich kommentierte dann etwa wie ‚ich weiß, vor dreißig Jahren in Ostpreußen hat das Brot ’nen Groschen gekostet und alles war besser‘, Ostpreußen nannte ich jetzt oft Kalte Heimat.

Als mein Vater mir von seinen Reiseplänen erzählte, war ich trotzdem gleich Feuer und Flamme, natürlich wollte ich mitfah­ren.

Wenn ich mich heute frage, warum ich ihn damals un­bedingt  begleiten wollte, war das sicher ein ganzes Gemenge von Beweggründen. Von einiger Bedeutung war sicher eine gewisse Abenteuerlust, go east, bis heute eines der letzten Abenteuer Europas, nur dass es heute viel weiter geht als nur bis Polen. In den 70er Jahren war Polen jeden­falls Richtung Osten für den PKW-Individualtouri­sten das maxi­mal mögliche Ziel. Es herrschte Kalter Krieg und ich war noch nie in einem Ostblockland gewesen.

Östlich der Elbe war die Landkarte für mich was Reisemöglich­keiten betraf ein einziger weißer Fleck, weiter entfernt als der Südpol, weil noch unerreichbarer. Nun sollte ich diese terra in­co­gnita für mich entdecken! Gewiss war da auch Neugier auf das ‚Land der Väter‘, das meine Kindheit so beherrscht hatte, so fern war und doch so vertraut.

Bilder hatten sie in mir mit all ihren Erzählungen entstehen las­sen, jetzt wollte ich natürlich überprüfen, ob sie der Wirklichkeit standhielten. Skeptisch war ich diesbezüglich schon und durch­aus gewärtig, dass vieles schöngeredet, ja glorifiziert worden war.

Schöne Landschaften gab es schließlich auch anderswo auf Er­den. Und vor allem wollte ich mich in meinem Urteil keines­wegs von etwaiger Rührung meines Vaters oder irgendwelchen sonsti­gen Emotionen beeinflussen lassen. Nüchtern wollte ich mir die­ses gelobte Land ansehen, möglichst objektiv beobach­ten und Abstand wahren, wenn nicht anders, dann meine bewährte ironi­sche Distanziertheit vorschieben, bevor ich mich in senti­mentalen Gefühlen verlor. Anschließend würde ich das Ganze dann auf ei­ner Art touristischer Skala einordnen um es mit anderen bereits gesehenen Ge­genden vergleichen zu können. Ich war durchaus bereit, diese Skala nach unten hin offen zu halten, war bereit auch zu beißen­der Kritik. Ehrlich gesagt hielt ich die meisten Schilderungen so­wieso längst für übertrieben, und überhaupt war ich mit meinen vierundzwanzig Jahren schließlich abge­klärt, welterfahren, ja fast kosmopolitisch zu nennen.

Dann ging es endlich los, wir fuhren mit der Fähre bis Danzig, die DDR wollten wir uns nicht antun. Die Stimmung auf dem Schiff änderte sich, je näher wir Danzig kamen. Eine Spannung lag über dem Deck, eine bebende Erwartung, seit mit der Halbinsel Hela Land in Sicht kam. immer mehr Passagiere drängten an die der Küste zugewandten Reling.

Fast alle fuhren ja aus dem selben Grund nach Danzig, so war man dann auch am vorigen Abend leicht ins Gespräch gekom­men. Etliche Mitreisende sahen angestrengt aus, viele hatten nicht geschlafen, so aufgewühlt waren sie. Die meisten kamen zum er­sten Mal nach Kriegsende in die Heimat zurück. Als das Schiff in die Danziger Bucht einlief, der Hafen von Hela an Steuerbord lag und an der Küste voraus Einzelheiten erkennbar wurden, kam die erste Erschütterung bei denjenigen hoch, die dort zu Hause waren und auch bei jenen, die ihre Heimat per Schiff verlassen hatten.

Noch einmal kam Bewegung ins Schiff, als die Fähre querab von der Westerplatte drehen mußte, damit später die Autos vor­wärts von Bord rollen konnten. Die Lautsprecher dröhnten, es wurde angesagt, wie die Zollformalitäten und das Ausborden vonstatten gehen würden. Besonders eindringlich und laut wurde verkündet, was man alles nicht fotografieren durfte, vor allem nicht den Mari­nehafen Westerplatte, was aber niemanden ab­hielt. Schnell noch ein Foto, dann ab auf die andere Schiffsseite, wo jetzt alle dicht­gedrängt beim Einlaufen nach Neufahrwasser standen. Wer dies wollte, wurde in stummem Einverständnis in die vorderste Reihe an die Reling gelassen, keine Drängelei, kein Geschubse, man wusste ja aus den Gesprächen vom Vor­abend, dass einige von An­gehörigen abgeholt werden würden, die sie seit der Flucht nicht mehr gesehen hatten. An Land vor dem eingezäunten Zollhafen, direkt am Uferzaun winkende Menschen in Zweierreihe, an Bord Aufschreie des Erkennens, Grüße, tränenüberströmte Gesichter, rudernde Arme, die Tücher schwenkten.

Als das Schiff festmachte und alles zu den Autos oder den Gang­ways für die Fußgänger eilte, sah ich im Vorübergehen noch ein­mal die ältere Dame, mit der wir uns am Vorabend unterhalten hatten. Nicht anheben konnte sie ihren Koffer, nur auf dem Boden schieben, er war voller Konserven für die Ihren, die sie seit Kriegs­ende nicht gesehen hat. Den ganzen Abend kreisten ihre Gedan­ken darum, ob sie die Schwester und die Tochter überhaupt wiedererkennen würde, die mit dem Mann kommen würde, ihrem Schwie­gersohn und den beiden Enkeln, die sie alle drei gar nicht kannte. Sie winkte uns fast triumphierend zum Abschied, gestikulierend, dass sie die Ihren schon entdeckt hatte, ein Lä­cheln aus einer anderen Welt traf mich, vollkommen entrückt, noch von Tränen verschleiert, aber unendlich glücklich, am Ziel allen Sehnens.

Erst jetzt begann ich  die gefühlsmäßige Ebene und Bedeutung dieses Heimatverlustes zu begreifen, das emotionale Leid, das er verursacht hatte und auch noch über dreißig Jahren noch immer verursachte, verstand dass er auch zusammengesetzt war aus einer Vielzahl an menschli­chen und zwischenmenschlichen Tragödien.

Nach gut dreistündiger Wartezeit hatten wir bei dieser ersten Reise die Prozedur der Zollabfertigung komplikationslos hinter uns gebracht. Als wir uns Richtung Danzig-Langfuhr in Bewe­gung setzten, kam es mir vor, als ob das Abenteuer jetzt erst so richtig begann. Die ersten Kilometer fuhren wir noch sehr vor­sichtig, wir waren schließlich im Ostblock und wollten uns nicht gleich Ärger durch eine Geschwindigkeitsübertretung einhan­deln. Wir rollten durch Neufahrwasser, Arbeiterviertel grau in grau, Straßenzüge und Teerbeläge trugen die gleichen trüben Spuren relativ ungebremsten Verfalls. Man gewöhnte sich  schnell an Fahrweise und Straßenzustand, Straßenbahn- und an­dere Schie­nen waren ‚auf Putz‘ verlegt.

Weiter fuhren wir am Bahnhof vorbei im weiten Linksbogen um die Altstadt herum. Durch pulsierenden Feierabendverkehr ver­ließen wir Danzig auf jetzt guter, breiter Straße. Industrieviertel wurden langsam vom satten grün der Weichselniederung abge­löst. Wir passierten langgestreckte Dörfer und sahen hier und da noch die für diese Gegend typischen hölzernen Vorlaubenhäu­ser. Jedes bewohnte Storchennest wurde noch begeistert begrüßt.

Bis nach Elbing hin blieb das Land bretteben, ähnlich wie die mir vertraute norddeutsche Marschlandschaft. Aber viel weitläu­figer erschien sie mir doch, dünner besiedelt und urwüchsiger. Hinter Elbing ging die Ebene bald in sanfte Moränenhügel über.

Die Frage, ob ganz Ostpreußen so hügelig wäre, bejahte mein Va­ter zumindest für den uns jetzt zugänglichen polnischen Teil, also das Oberland, Ermland und Masuren. Er sah mich etwas er­staunt an und fragte halb belustigt, halb pikiert, ob ich denn wohl glaubte, es wäre überall nördlich der Alpen ähnlich ‚plattdeutsch‘ wie bei Stade. Da musste ich also schon mein erstes Bild revidieren, denn irgendwie hatte ich die Vorstellung, ost­preußische Weite mit durchgehend flachem Gelände verbinden zu müssen, mit die­sem ‚mittwochs schon sehen können, dass Tante Frieda am Sonn­tag zum Kaffee kommt‘ der norddeutschen Tiefebene.

Das Erstaunen legte sich, die liebliche, rundliche Landschaft fing an, mir zu gefallen, abwechslungsreich war sie, mit saftig dun­kelgrünen Wiesen, hellen Roggen- und gelbblonden Weizen­fel­dern, ausgedehnten Wäldern und den ersten Seen. Es war Hoch­sommer, kurz vor der Getreideernte, die zweite Heumahd war im Gange. Landwirtschaft der Gegensätze, hier agrarindu­strielle Be­arbeitung von Staatsgütern, daneben Kleinbauern mit Pferd und Wagen, fast archaisch anmutend..

Wir wollten eine Rast machen und hielten auf einem zum Park­platz umfunktionierten alten Kurvenstück der Straße, einer wun­derschönen, von mächtigen alten Bäumen gesäumten Allee. Wir stiegen aus und vertraten uns die Füße. Man könnte dabei ja auch gleich ein paar Landschaftsaufnahmen machen dachte ich bei mir und holte die Kamera. Es kam weit und breit kein Auto und ich spürte zum ersten Mal die Ruhe, die über dem Land lag. Ein Stück weiter hinter der Straßenbiegung wiegte sich weizen­blondes Getreide im stetigen lauen Sommerwind. da sah ich sie zum ersten Mal am Feldrand. knallblaue Kornblumen und Klat­schmohninseln von einem schier unglaublich leuchtenden rot.

Auf der anderen Straßenseite, direkt gegenüber lag eine frisch­ge­mähte Wiese, auf der hoheitsvoll, fast feierlich schreitend zwei Störche Mahl­zeit hielten und sich von nichts und niemandem stören lie­ßen. Ein Stück weiter wurde Heu eingefahren, ein hochbelade­ner , von zwei Pferden gezogener Wagen bog gerade auf einen von der Hauptstraße in weitem Bogen leicht bergab nach rechts führenden Feldweg ein. Ich ging den Weg entlang, der von der Trockenheit der flirrenden Sommerhitze ganz staubig war. An seinen Rändern jedoch gedieh eine nie gesehene Farbenpracht aus der vielstimmi­ges Gezirpe und Gesumme sprudelte.

Expedition Kalte Heimat hatte ich das Unternehmen ironisch-di­stanziert genannt, aber das war’s dann auch schon. Dieser eine, erste kleine Spaziergang genügte und ich war hin und weg. Ich konnte mich kaum satt sehen an den klaren Farben, an der weit bis zum Horizont offen daliegenden Landschaft, hüge­lig, rundlich, beschaulich. Eine Sommerlandschaft aus einer anderen Zeit, fast unwirk­lich friedlich und still, einladend zum Innehalten und Träumen, ohne Ecken und Kanten, wie von einem alten Meister gemalt, an­heimelnd.

Aber etwas war anders, als ich es aus ihren Erzählungen kannte, die mir viele Jahre lang manchmal so gewaltig auf den Nerv gegangen waren. Ich grübelte immer wider darüber und brauchte lange, bis ich dahinter kam was es war. Die Bilder, die all die Geschichten aus der Kalten Heimat in mir hervorgerufen hatten, waren nicht farbig. Sie waren schwarz – weiß, wie die alten Fotos in  ihren Erinnerungsbüchern.

Als ich zum Auto zurückkam, hatte ich einen ganzen Film ver­schossen und wusste, diese Bilder würde ich nie wieder verges­sen, auch wenn die Fotos nur Bruchteile davon zeigen würden. Ich spürte, etwas in mir hatte sich verändert, die Distanz war mir völ­lig abhanden gekommen. Wie unendlich weh musste der Verlust dieses Landes meinen El­tern und Großeltern getan haben, langsam begann ich die Di­mension zu begreifen, den Schmerz und hatte das Gefühl Ab­bitte leisten zu müssen für meine Lästereien. Und noch etwas: ich hatte mich verguckt in dieses Land, fing an es zu lieben.

Als wir  weiterfuhren fragte ich mich, wie das möglich war, ich hatte schon so viel von der Welt gesehen, so schöne Land­stri­che und dann das hier. Es war nicht nur die Schönheit, vom er­sten Augenblick an spürte ich diese ganz besondere Verbun­den­heit, die sich nie wieder löste.

Das hier war auch ein Stück von mir, gehörte zu mir, wie mein Name.

Das Land und ich , wir hatten uns gefunden.

Das Winterparadies

25 Mrz 11
Brigitte Jäger-Dabek
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Kalt war es ja schon seit einiger Zeit, Väterchen Frost war aus Russland gekommen und hatte Eiseskälte mitgebracht. Bald fror es so stark, dass den Männern die Bärte vereisten und einem der Atem gefror. Binnen weniger Tage trug das Eis auf Seen und Teichen, da war ein Knacken und Knistern im Eis und wir Kinder pranselten ungeduldig die Väter an. Endlich war es so weit, Rosemaries Vater Karl Zander hatte mit seinen Nachbarn das Eis einer genauen Prüfung unterzogen – es hielt, er gab den Ziegeleiteich wurde frei. In Windeseile waren die Kinder der Umgebung vollständig versammelt. Da wurden die Schlittschuhe angenuddelt und ab ging es aufs Eis. Zum Schliddern hatten sie mit Hilfe der Väter eine lange Bahn angelegt.

Nur Schnee, Schnee lag noch immer nicht, aber nach zwei bitterkalten Wochen stieg die Temperatur endlich ein wenig und der Himmel bezog sich zusehends.

Den ganzen Donnerstag hatte es schon nach Schnee gerochen, ein erster kalter Tag, der Himmel im fahlen Licht leicht verhangen. Am frühen Nachmittag fing es an zu beziehen und bald ließen finster sich zusammenballende Wolken die Dunkelheit früher hereinbrechen als sonst. Auch war noch vor der Schummerstunde Ostwind aufgekommen, der immer mehr auffrischte.

Das Thermometer sackte und sackte, zeigte bald strammen Frost an. Als es richtig dunkel war, tanzten die ersten dicken Schneeflocken im Wind. Immer heftiger schneite es und der heulende Wind peitschte den Schnee fast waagerecht vor sich her nach Westen- Stiemwetter.

Es stiemte und stiemte, kaum, dass man gegen den Schneesturm ankam, eine grauweiße prickelnd peitschende Wand stemmte sich einem entgegen.

Wie wohlig war es da in der warmen Stube am Fenster zu stehen und dem grauweißen Treiben zuzusehen. Weit reichte der Blick ja nicht, kaum bis zur andern Straßenseite, schon türmten sich kleine Wechten am Zaun auf.

Erst am Sonnabend wurde es gegen Abend ein bisschen leiser und beim Schlafengehen, als Ruhe im Haus einkehrte, gab auch das wilde Toben nach, das Heulen ebbte ab.

Am Sonntag beim Aufwachen hörte man dann: nichts. Der Stiem hatte aufgehört und die Schneedecke dämpfte alle Geräusche.

Was für ein Tag! Wie versöhnte solch ein Tag doch mit den vorangegangenen Unbilden des Wetters!

Vater Zander hatte schon vor dem Frühstück alles organisiert und bald wurde ein Ziegeleipferd vor den großen Schlitten gespannt. Alle wurden warm vermummt, heiße Steine in den Fußsäcken wärmten die Füße, Bergen von Decken, Fellen und Pelzen umhüllten die Passagiere und los ging es.

Die Straße war schon geräumt, und wir fuhren auf festgefahrener Schneedecke zwischen meterhohen Schneewänden wie durch einen Tunnel hinaus aufs Land in Richtung Drebolienen.

Das Land zierte und spreizte sich förmlich in seinem frischen, strahlend weißen Winterkleid, der eigenen Schönheit wohl bewusst. Gleißend funkelten die Schneekristalle im Sonnenlicht, eine meist noch unberührte Puderzuckerdecke lag über dem Land. Vorbei an den Espenteichen, deren Anfang und Ende man unter der dick überschneiten Eisdecke nur mehr erahnen konnte.

Wir fuhren und fuhren, konnten die großen Gehöfte dieser Gegend kaum erkennen, ob stattlicher Bauernhof ob unscheinbares Insthaus, kaum mehr als die Dächer war von ihnen zu sehen. Wie Schuppen, wie kleine Katen duckten sie sich unter der Last des Schnees, waren fast verschwunden unter meterhohen Schneewehen, verrieten sich nur durch die bräunlich weißen Rauchschwaden ihrer Kamine.

Die Bäume ächzten  und knarrten unter der Last des Schnees, jedes Lüftchen pustete das pulvrige Puder von den Ästen. Stille, nur das Traben des Pferdes und ab und zu ein Knacken im Unterholz, noch kaum Spuren im Schnee des Waldes. Grell weiß leuchtende Lichtungen im Wechsel mit dem schneehellen Schatten des Waldes. Am Ende des Waldes dann öffnete sich der Blick. Eine solche stille Weite, unzählige Schneekristalle brachten das Weiß zu diamantenem Funkeln- festlich glitzernde Winterrobe.

Um die nächste Biegung wieder ein ganz anderes Bild bei anderem Lichteinfall. Sanft gewellt und mattweiß schimmernd lag die Schneedecke majestätischem, weichem Hermelin ähnelnd unberührt da, noch ohne die geringsten Spuren, die solche Schönheit hätten stören können.

Über jeder Kuppe standen flirrende weiße Staubfahnen, jedes Bisschen Wind stiebte den trockenen Schnee wie die Gischt der Meere über die Höhen.

Zum Aufwärmen gab es dann in Drebolienen ein gemütliches Grogchen für die Männer, heiße Schokolade für Frauen und Kinder, Schinkenbrote natürlich für alle. Und dann nur weiter, weiter, heimwärts, die Tage waren kurz so mitten im Winter.

Bevor der Wintertag ganz in der Dämmerung versank, zauberte er einen Hauch von Rosa über die Landschaft, das rasch immer fahler wurde. Noch bevor die Sonne ganz untergegangen war, sah man den Mond an der anderen Himmelsseite blass aufgehen. Schnell wurde es dunkel, immer heller leuchteten Mond und Sterne vor immer dunklerem Himmel.

Es war eine dieser sternklaren Winternächte, voll hinreißender Klarheit, deren Erleben ein fast sinnliches Vergnügen ist. Wie lupenreine Brillanten funkelnde Sterne vor samtschwarzem Himmel. Matt beleuchtete das Firmament die fahlweiße fast silbrig schimmernde, frostig knisternde Winterlandschaft.

Und dann sah man schon die ersten Häuser der Stadt, bald tauchte Amalienhof auf, das heimelige gelbliche Licht des  kleinen Hauses, an der gewaltigen Rauchfahne sah man schon, dass Bertha gewaltig eingeheizt hatte.

Nur Bammelschlittchen war Rosemarie noch  nicht gefahren. Aber das machte ja nichts, denn nun fing der Winter ja erst richtig an. An sonnigen Tagen waren die Kinder aus Amalienhof nicht wegzukriegen, die Ziegelei, deren Leiter Rosemaries Vater Karl Zander war, blieb ihr kleine Winterwelt.

Selbst Väter wurden hier wieder zu Kindern, bauten an großen Schneeburgen und langen Rodelbahnen, besonders die lange Rodelbahn vom Ziegeleischuppen hinunter hatte es in sich. Was interessierten da die Wintervergnügungen der Großen?

Allenfalls wenn Tante Else mit ihrem samtenen blauen Eislaufkostüm auftauchte und Rosemarie einlud, konnte man sich ja mal breitschlagen lassen und mit in die Stadt gehen – aber eigentlich wirklich nur um die großzügige Tante bei Laune zu halten und ihr einen Gefallen zu tun.

Der Gawehnsche Teich im Stadtpark verwandelte sich nämlich winters in ein stimmungsvolles Eislaufzentrum. Da musste man nicht erst selbst den Schnee vom Eis schieben wie auf dem Ziegeeilteich, die gepflegten Eisflächen hatten schon etwas, gestand Rosemarie zu. Anfänger auf dem Eis sah man hier nicht, wer hierher kam und seine Künste der ganzen Stadt präsentierte, konnte Eis laufen und wollte gesehen werden, denn das Drumherum war hier nicht unwichtig.

Da gab es den Pavillon des Eisclubs, auf dessen Plattform zweimal die Woche eine Kapelle spielte, damit das geneigte Publikum auch zu Musik seine Kreise drehen konnte, dort fanden sogar regelmäßig Promenadenkonzerte statt. Und natürlich wurde auch für das leibliche Wohl gesorgt, vor allem für die Aufwärmerchen. Und genau das war es, was Rosemarie daran interessierte. Eine Tasse heiße Schokolade mit einem ordentlichen Klacks Schlagsahne darauf fiel dabei mindestens ab.

Und zugegeben, Tante Else machte keine schlechte Figur in ihrem Eislaufkostüm, sie hatte schon etwas von Sonja Henie, wenn sie ihre Kreise drehte. Na ja vielleicht nicht ganz, die Männer aber schienen das irgendwie auch zu finden.

Selbst an die Berufstätigen hatte man gedacht, abends war die Eisfläche beleuchtet und etliche Unentwegte blieben bis zum „Abklingern“ des Eislaufbetriebes. Für die ausgesprochenen Kunstläufer war eine Fläche direkt gegenüber dem Pavillon reserviert, so war für die Erheiterung der Pavillongäste gleich mitgesorgt.

Nebenbei bemerkt kostete dieses gepflegte Eislaufvergnügen natürlich Geld, eine Clubkarte des Eisclubs war ein beliebtes Weihnachtsgeschenk, vor allem für Heranwachsende, die gerade begannen, die Vorzüge des jeweils anderen Geschlechts zu entdecken. Aber so weit war Rosemarie noch nicht.

Das nächste Wochenende versprach nach dem Wetterbericht vom Königsberger Rundfunk wieder schön zu werden und so herrschte schon am zeitigen Sonntagmorgen geschäftiges Treiben in Amalienhof. Der große Schlitten für die Erwachsenen war hergerichtet, das Ziegeleipferd wurde herangeführt und angespannt. Der Braune verharrte stoisch im Gespann und ließ sich in seiner Ruhe nicht stören von den aufgeregten, durcheinander wirbelnden Kindern mit ihren Schlitten.

Da konnte Rosemarie betteln, den Vater umgarnen, heulen. Karl Zander blieb knallhart: nein! Sie durfte zwar mit, aber wir immer nur auf dem großen Schlitten der Erwachsenen. Muttiii, bitte, bitte, schniefte Rosemarie noch eine Weile herum, die Mutter auf Schritt und Tritt verfolgend. Es nützte nichts, nächstes Jahr vielleicht, dann bist Du schon größer, kam als Trost, ebenfalls wie immer.

Bammelschlittchenfahren war in der Insterburger Kinderwelt nämlich das Größte, wenn die Schlitten der Kinder an einer langen Leine am Schlitten der Erwachsenen festgemacht und vom gutmütigen Ziegeleipferd durch die Lande gezogen wurde.

Amalienhof lag damals noch am äußersten Rand der Stadt, über die verschneiten Lehmabbauten hinweg und am Strauchmühlenteich vorbei war man schnell in der winterlich weißen Unendlichkeit. Oder Richtung Heynehof, dort leitete Großvater Friedrich Zander die Ziegelei Heynehof. In dem kleinen Häuschen direkt an der Kleinbahnstation gab es noch kein fließendes Wasser aus dem Wasserhahn, dafür stand als Zugeständnis an erste Wünsche nach mehr Komfort, eine mächtige Wasserpumpe in der Küche.

Was Rosemarie zu sehr durchgefroren, wurde sie im großelterlichen Bett unter einem wahren Gebirge von Federbett, unübersehbar und Angst einflößend wieder auf Betriebstemperatur gebracht. Diese Beklemmung linderte nur die interessante Pappschachtel unter dem Bett, die einen Zuckerhut barg.

Gleich hinter dem Garten hielt die Insterburger Kleinbahn, kurz IKB, im Volksmund aber „ich kippe bald“ genannt. Fauchend und schnaufend stand der kleine Zug kaum zu sehen zwischen mächtigen Wänden geräumten Schnees. Ein bisschen verpusten musste die kleine Lokomotive, bevor sie das letzte Stück bis Insterburg in Angriff nahm.

Anna Zander, Rosemaries Mutter, hatte schon so einen Animus gehabt, was ihr Karl vorhatte, als dieser die Gesellschaft in Heynehof plötzlich zur Eile trieb, es würde schon bald dunkel werden und für die Kinder würde es nun doch zu kalt. Als sie die dampfende Kleinbahnlok hinter dem Zaun halten sah, roch sie den Braten endgültig. Also wirklich Karl, diese Unvernunft, wie oft hab’ ich Dich schon gebeten….

Ein kleines Wettrennen mit der Kleinbahn war tatsächlich immer eine schöne Abrundung eines rundherum angenehmen Tages für Karl Zander und seinen Freund Gottlieb Hinz, dessen Familie immer dabei war bei solchen Winterausflügen. Die ganze Rückfahrt von Heynehof bis nach Amalienhof, das ja schon fast in Sichtweite des Insterburger Kleinbahnhofes lag, hatte man die Kleinbahn oder zumindest ihre Rauchfahne im Blick.

Zischend schnaubte das Bahnchen grauweiße Wasserdampfwolken aus und hastete zwischen den Schneewänden entlang. Ein Schnalzen, ein Ruck mit den Zügeln, Hü Brauner, nun lauf doch. Das  Ziegeleipferd, ein behäbiger Brauner, wurde von Karl Zander und Gottlieb Hinz nachgerade zu Bestleistungen ermuntert. Doch der mit der Sturheit eines an ein bestimmtes Arbeitstempo gewöhnten Arbeitspferdes gesegnete Braune – vernünftiger als seine Kutscher – dachte gar nicht daran, über ein ihm genehmes Tempo hinauszugehen. Da half auch kein Locken mit Extrarationen, kein Flehen, kein Drohen. Vorsichtiges Peitschenknallen führte zu stechenden, eine drohendes Gewitter verheißende Blicken von Rosemaries Mutter.

Die Bammelschlittchen flogen über die verschneite Chaussee, die Kinder juchten, was hätte Rosemarie darum gegeben, dort hinten, am liebsten natürlich auf dem hintersten Schlitten zu sitzen, der immer so schön weit ausscherte.

Mehr als ein geschmeicheltes Unentschieden jedoch hatten Karl Zander und Gottlieb Hinz nicht aus ihrem Ross herausholen können, bevor sie in die Ziegelei  Amalienhof einbogen – wie immer. Anna Zanders Anflug von leichter Erbitterung hatte sich in süffisante Zufriedenheit aufgelöst, Pferde waren vernünftiger als Männer, sie hatten eben größere Köpfe.

Nächstes Jahr aber ganz bestimmt, da würde sie nicht lockerlassen und die Eltern beizeiten weich klopfen, so lange, bis sie endlich auch ihren Schlitten hinten anhängen durfte, nahm sich Rosemarie vor, ha, das wäre doch gelacht!

Doch es gab kein nächstes Mal mehr für Amalienhof, das Paradies wurde abgerissen. Bammelschlittchen fahren wurde zu Rosemaries unerfülltem Lebenstraum, dem sie bis heute nachhängt, mit einem speziellen, sich in der imaginären östlichen Weite verlierenden Blick, der alles westlich von Ostpreußen ausblendet.

Im Jahr darauf ging Großvater Zander in Rente, verließ das kleine Haus in Heynehof und zog in die Stadt. Die Ziegelei Amalienhof wurde geschlossen. Unrentabel hieß es, aber es wurden auch die Gelände der Lehmabbauten gebraucht für den Flugplatz und Wohnungen mussten gebaut werden.

Die Ziegelei wurde genauso abgerissen wie das kleine Haus, in dem Zanders lebten. Nichts ist mehr davon zu erkennen, neue, sogar recht ansehnliche Mietshäuser wurden gebaut, Volkswohnungen, wie man damals sagte. Nur wo der zugeschobene Teich einst war, lässt sich heute noch an einer Bodensenke erkennen.

Das Ende des Kinder-Winterparadieses war auch der Anfang vom Ende Insterburgs, wie sich später herausstellen sollte. Der Flugplatzbau markierte auch hier unübersehbar den beginn einer neuen Zeit, den beginn des großen Rüstens für den Krieg. Von hier wurde zuerst gegen Polen geflogen, dann gegen die Sowjetunion, was zur Folge hatte, das diese Stadt heute Tschernjachowsk heißt.

Die Kunst des Nötigens

25 Mrz 11
Brigitte Jäger-Dabek

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Wenn Ostpreußen einen Esstisch käuflich erwarben, wurden bei der Wahl des richtigen Möbels besondere Qualitätsmaßstäbe angesetzt. Natürlich, ausziehbar musste das gute Stück sein, damit genügend Gäste daran Platz fanden. Vor allem aber musste es stabil sein. Kurz: auszuzeichnen hatte den Esstisch einer ostpreußischen Familie eine ganz außerordentliche Tragfähigkeit, denn er hatte weit größere Lasten zu tragen, als das Esstische in anderen Landstrichen mussten.

Einen solchen Tisch besaßen auch die Großeltern, gewaltig ausziehbar, enorm tragfähig und so solide, dass der vollgestopfte Gast sich schließlich noch gefahrlos beim Aufstehen am äußersten ausgezogenen Ende abstützen konnte. Dieser Tisch war – wie in jeder ostpreußischen Familie – der Mittelpunkt des Lebens.

Großmutter war die fleischgewordene ostpreußische Gastlichkeit. Keine Feier, ohne dass sich die Tische gefährlich bogen unter der Last der Speisen und Getränke. Bei jedem Gastmahl wurde gebacken, gekocht, gebraten und aufgefahren, als ob ganze Völkerstämme das Haus heimsuchen würden und nicht etwa nur die üblichen Geburtstagsgäste kämen.

Wie über all in Ostpreußen gehörte für Großmutter und Großvater zu einem ordentlichen Gastmahl die Kunst des richtigen Nötigens, und: sie waren Meister in diesem Fach, dabei war diese Kunst weit diffiziler als man es sich landläufig so vorstellen möchte.

Das Nötigen war nämlich ein Brauch, der ablief, als ob die Beteiligten Akteure eines gut inszenierten Dramas waren,  das sich nach einem Drehbuch abspulte, welches nach allen Regeln guter Dramaturgie aufgebaut war. Nur in der Ausgestaltung der eigenen Rolle gab es einige kleinere darstellerische Freiheiten.

Da reichte es keinesfalls, wie es in anderen Landstrichen der Brauch war, einfach mit einladender Geste aufzufordern „na bitteschön, legen Sie sich doch nach“ oder vielleicht noch schlichter wie in Norddeutschland üblich „nehmen Sie doch hin“.

Nein, das Nötigen war ein komplizierter, feingesponnener Ritus, dem jeweiligen Anlass der Bewirtung angemessen, sonst hätte vor allem Großvater keinen Spaß daran gehabt.

Saß nur die engste Familie am Tisch, ging es zwar auch nicht ganz ohne Nötigen, aber ein verschmitztes „eß man eß und lass dir nich netigen“ genügte, wobei Großvater es so betonte, dass auch der Übelwollendste noch erkennen musste, dass ihm die korrekte Verwendung von Dir und Dich durchaus geläufig war.

Mit zunehmender Bedeutung der Gäste oder auch des Anlasses wurde das Nötigen subtiler, Großmutter und Großvater beherrschten die feinen Nuancen und schienen sich jedes Mal so recht darauf zu freuen – vorausgesetzt, die Gäste verhielten sich den SpielRegeln gemäß.

Wer die Regeln nämlich nicht befolgte, wer das Spiel nicht mitspielte, der verdarb Großvater den Spaß, das betrachtete er als ungehörig. Ein Gast, der sich entweder nicht gebührend zierte, oder sich nicht bis kurz vor der Übelkeit vollprimsen ließ wie eine Stopfgans, hatte einfach keine Kultur.

Wie in jedem Haus guter ostpreußischer Gastlichkeit wäre auch bei Großmutter und Großvater kein Gast je auf die Idee gekommen, sich einfach selbst nachzulegen. Hatte er eine nach Großvaters Ansicht auch nur halbwegs brauchbare Erziehung genossen, wartete er, dazu aufgefordert, eben genötigt zu werden. Bei Großmutter allerdings musste er darauf nicht warten, denn sie war eine aufmerksame Gastgeberin, und da kam es ja überhaupt nicht vor, dass ein Teller leer wurde.

Die Einstiegsregel lautete bei diesem Ritual nämlich, dass das Nötigen gefälligst zu beginnen hatte, wenn irgend etwas auf irgendeinem Teller auch nur zur Hälfte verzehrt war.

„Na bittescheen, nimm noch Rotkohl und Sie, nehmen Se doch noch Kartoffeln. Genieren Se sich man nich, draußen in der Küche ist ja noch viiiiel mehr, es soll doch man bloß nich kalt werden,“ rief Großmutter eindringlich in das geschäftige Besteckgeklapper hinein, das war ihre Standard-Einstiegsvariante.

Von den Gästen fast unbemerkt, hatte sie ihr unsichtbares Geflecht über die Tafel gezogen und beherrschte die Gesellschaft von nun an souverän an den Fäden ziehend. Sie gab nun keine Ruhe mehr und sorgte dafür, dass Schüsseln und Fleischplatten ständig kreisten.

Großmutters Augen wanderten flink über die Tafel, sie wirkte dann immer ein wenig wie ein mit Überblick in größerer Höhe kreisender Habicht, der im entscheidenden Moment zustieß. „Ach Gott, ach Gott, Ihnen schmeckt ja wohl auch gar nich. Sie essen ja wie e Spatz“ attackierte sie den ersten ausgemachten säumigen Esser.

In jedem Fall erwartete sie jetzt vom Gast einen energischen Protest etwa dieser Art: „aber i wo nei doch, es schmeckt ganz ausgezeichnet!“

Wehe aber, der Gast unterbrach den Fortgang des Nötigens, indem er einfach nichts entgegnete, weil es ihm vielleicht wirklich nicht so besonders schmeckte! Das war natürlich ein grober Verstoß gegen den Verhaltenskodex und ein nachgerade unentschuldbarer Fauxpas. Er mochte ja denken, was er wollte, der werte Gast, aber einfach nuscht sagen?

Ich erwähne diese Möglichkeit auch nur der Vollständigkeit halber, denn so etwas kam ja allenfalls bei zugereisten Gästen vor, die ostpreußische Gepflogenheiten nicht kannten und daher entschuldigt waren, sonst höchstens unter Verwandten, die sich nicht grün waren, bei Großmutter aber natürlich gar nicht.

Nun könnte man wiederum erschöpfende, langwierige Überlegungen anstellen, warum solches bei Großmutter nicht vorkam, ob sie so gut kochte, den Geschmack der Gäste meist traf, etwa keine böswilligen Verwandten hatte, oder ob sie solche einfach nur nicht einlud, aber das würde jetzt zu weit vom Thema abführen und wäre schon wieder eine andere Geschichte.

Bleiben wir also beim Nötigen, wir sind uns also einig, ein wohl erzogener Gast tat so etwas nicht, er spielte seinen Part gemäß ungeschriebenem Drehbuch, sonst riskierte er nämlich, dass Großmutter einschnappte, mucksch wurde und Großvater sein Haus als entehrt betrachtete. Bei all der Mühe konnten sie ja wohl erwarten, dass der Gast wenigstens anstandshalber log!

Verhielt sich aber jeder der Gäste den Spielregeln entsprechend, konnte Großmutter um eine Stufe steigern. „Nun bittescheen, nehmen Se doch um Gottes Willen, das muss alles aufgegessen werden, was soll ich denn machen, das wird mir ja alles schlecht,“ appellierte sie verzweifelt an das Verantwortungsbewusstsein der Gäste. Ihr Gesichtsausdruck wurde weinerlich, sie flehte, blickte klagend zum Himmel und rang die Hände. Mit schicksalsergebenen Blick – daran wollte man ja nun wirklich nicht Schuld sein, Lebensmittel ließ man einfach nicht verderben – bekam die Besucherschar die Teller noch einmal vollgeschöpft. Großmutter ließ nach kleinen Anstandspausen, in denen die Tafelnden die Gelegenheit hatten, den Teller etwas zu leeren, nun nicht mehr locker.

„Am End wird mir noch alles verderben, nu tun Se mir doch die Liebe und kosten Se wenigstens von der Ente noch e kleines Happche,“ und schon landete die nächste garantiert randvolle Fleischplatte unter der Nase des normalerweise längst nach Luft schnappenden Gastes, der sein Bestes gab.

 

Übrigens: wegen einer gewissen bestehenden Vorliebe behaupteten boshafte Gemüter schon vor hundert Jahren, die Familie bekäme eine Ente als Wappenvogel, sollte sie jemals in den Adelsstand erhoben werden. Doch zurück zu unserem Festmahl.

Rotwangig, leicht derangiert, manchmal sogar etwas zerpliesert und fast aufgelöst wirkte Großmutter in ihrem Bemühen, für ständig randvolle Teller zu sorgen. Ihre Verzweiflung wuchs proportional zum abnehmenden Esstempo der Gäste, und steigerte sich so weit, dass man erwatete, sie würde sich jeden Moment vor Gram die Kleider einreißen.

Nichtsdestoweniger war irgendwann der Moment gekommen, an dem der hochgeschätzte Gast nur noch matt abwinkte, während seine Hautfarbe ständig von leichenblass nach knallrot und wieder zurück wechselte und er das Würgen eben noch vermeidendend, konzentriert kaute und sorgfältig schluckte. Trotz aller Mühe, die sich die Gäste an Großmutters Tisch gaben, nie ist es auch nur einem gelungen, von allem wenigstens einmal zu probieren. Nun halfen auch alle Kampf-dem-Verderb-Appelle nicht mehr.

Der Bewirtete hatte längst nur noch den einen Wunsch: durchzuhalten, bis Großvater seinen Part übernahm und endlich, endlich das erste Schnäpschen zur Verdauung anbot, nachdem sich sein Part bisher darauf beschränkte hatte, den Gästen gelegentlich von dem schweren Rotwein oder je nachdem auch etwas Bier nachzuschenken.

Diesen Moment, wenn der Gast nach Luft schnappte, wie ein Karpfen auf dem Trockenen, galt es für den listig lächelnden Großvater abzupassen, der schon eine ganze Zeit mit vor Vorfreude roten Wangen an seiner Serviette genestelt hatte und nun endlich aufsprang.

„Vielleicht e Schlubberche zum Nachspülen,“ fragte er freundlich und erwartungsvoll in die Runde blickend. Gott sei Dank lehnte selten jemand ab, selbst die Damen nahmen ihm dankbar ein Danziger Goldwasser oder einen Meschkinnes ab.

Großvater lief nun schon im eigenen Interesse zur Hochform auf: „na, auf einem Beinche kann man doch nicht stehen,“ und schwups, waren die Gläser wieder voll. Die Höflichkeit gebot es natürlich, dass der Herr des Hauses mittrank, er opferte sich meist aber ganz willig und schon ging es weiter: „ aller guten Dinge sind drei!“

Dann folgte noch ein freundliches auch an die Damenwelt gerichtetes „vielleicht noch ein kleines Helferchen für den Magen und die gute Verdauung gefällig?“ Langsam, fast unmerklich ging das Festmahl in ein Gelage über. Die Erfahrung sagte Großvater, dass er die bei Tisch versammelten weiblichen Gäste nun besser nicht mehr ansprach, geschweige denn weiter nötigte, weil eine nach der anderen begann, etwas besorgt drein zu schauen, was sich bei manchen, der anwesenden Frauen im Laufe des Abends bis zu einer gewissen Verbitterung steigerte, je nach Zustand des Ehemanns.

Anschließend folgte eine Runde „auf das sehr geehrte des Gastes“, dann eine auf Großmutter die Hausfrau, die werten Gattinnen der Gäste, die lieben Kinderchen, Eltern, Großeltern und weitere bedeutende lebende oder verstorbene Verwandte, später folgte noch der Kaiser oder die sonstige Obrigkeit, Vereinsvorsitzende und alles, was ihm sonst noch so an Ausreden einfiel. Ach ja,  zwischendurch und ganz ohne weiteren Trink- oder Segensspruch brauchte man manchmal auch noch ein von allen Gästen ohne Widerspruch gern genommenes Klammerchen zwischen zwei Bierchen.

So ging es weiter, bis kurz vor dem Vollrausch niemandem mehr auch nur noch irgendetwas einfiel – ein rundum gelungener Abend.

Großvater erwartete dann bei der Verabschiedung seiner Gäste von diesen die gleiche Formel zu hören, die er selbst bei solch einer Gelegenheit anwendete, sofern ihm die Bewirtung passabel erschienen war: „vielen Dank für Speis’ und Trank, es war gut und einigermaßen reichlich“.

In Fällen in denen die Gastlichkeit aber zu wünschen übrig gelassen hatte klagte nicht nur er daheim „ so weit ging ja, ist man aber bloß nicht genügend genötigt worden“. Einem Verriss jedoch kam es gleich, wenn er meinte „ich hätt’ ja gern noch mehr genommen, es hat aber keiner mehr genötigt“. Das konnte Gästen in seinem Hause natürlich nicht passieren.

Zumindest sorgte er ja immer dafür, dass seine Gäste nicht verdursteten, einem guten Essen hatte ein gemäßigtes Besäufnis zu folgen, – sozusagen in allen Ehren – am besten war es da natürlich, Menschen zu Gast zu haben, die man schon ein wenig kannte, mit denen konnte man sich gepflegt die Schlorren vollkippen,  beziehungsweise die Lampe begießen.

Jeder Ostpreuße, nicht nur Großvater, hatte ja auch immer eine gute Ausrede, wenn er beschwiemt oder gar voll im Stiem nach Hause kam: “was is ze machen, wenn das Nötigen kein Ende nahm!“

Überhaupt, für die Großeltern dauerte ein gelungenes größeres Familienfest – und das fing schon bei einem runden Geburtstag an – eigentlich drei Tage und genauso lange brauchte man auch, um sich wieder davon zu erholen, getreu dem Motto: nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen.

 

Da habe ich gewaltig übertrieben was das Nötigen und diese gewisse Tendenz zur barocken Völlerei betrifft? Meinen Sie! Aber ich bitte Sie, da hätten sie erst mal Tante Dita oder gar Tante Gertrud kennen sollen!

Schummerstund oder: Aus einer anderen Zeit

25 Mrz 11
Brigitte Jäger-Dabek
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Sie ist schmal geworden, füllt den kleinen Sessel nicht mehr aus. Auch ist ihr Haar grau geworden, stumpf und ohne Glanz, kein Zweifel, sie ist alt geworden.

Ach ich liebte diese ausgedehnten Kaffeestunden bei ihr. Zum Kaffee hatte sie schnell ihre köstlichen kleinen Flinschen gebacken, nach denen nun die ganze Wohnung duftet. Sie lehnt sich zurück, verschränkt die Arme vor der immer noch mächtigen Brust.

„Vielleicht schenkst noch mal nach,“ bittet sie mich, und ich stehe ohne Hektik auf, gehe in die Küche nebenan, ziehe die Kaffeekanne aus der Maschine, kehre zurück in ihr großes, hohes Wohnzimmer, und gieße den restlichen Kaffee in die Tassen, nur nicht durch Eile die Atmosphäre zerstören.

Zufrieden wirkt sie und ganz eins mit sich, strahlt die gelassene Ruhe eines langen Lebens aus, in dem alles seine Zeit hatte. Es ist Herbst, die Dämmerung kommt früh, schon sind kaum mehr die Konturen der Möbel auszumachen und bald löst sich alles in einem immer dunkler werdenden Grau auf.

Nun ist Schummerstund, die traditionelle ostpreußische Erzählzeit zwischen Tag und Nacht, die jetzt im November Stunden dauert. Nur jetzt kein Licht machen, nach keiner Kerze verlangen, kein noch so kleiner Lichtschein soll den Zauber stören, in dem sie die Erinnerung auf Wanderschaft schickt.

Es ist ganz still im Haus, nur das Ticken der vier Uhren ist zu hören und wir haben die Muße miteinander zu schweigen, wenn die zunehmende Dunkelheit das heute, hier und jetzt aussperrt. Ich warte geduldig, bis sie beginnt.

Langsam verliert sich ihr Blick im letzten Dämmerschein im Unendlichen. Dann träumt sie sich hinweg, zurück in längst vergangene Zeiten und die eindringliche Kraft ihrer Worte und diese ganz besondere Stimmung, die alles Reale ausblendet, trägt mich mit ihr hinfort. Nie erzählt sie in der Schummerstund von Krieg, Flucht und der polnischen Zeit, das tat sie wenn es hell war. Die Schummerstund, die gehörte ausschließlich ihrer Kindheit.

Immer lebendiger sprudelt die Erinnerung aus ihr heraus, selten, möglichst selten unterbreche ich sie dann mit einer Rückfrage, will den Zauber nicht zerstören.

Die Zeit steht still, ist ausgelöscht, wenn sie zurückkehrt in ihre Jugendjahre nach Bertung und mich mitnimmt in die anheimelnde Welt ihrer Kindheit, in der Böses keinen Platz hat, die gerecht ist mit einer festen Hierarchie. Nach Gott kam in Bertung der Pfarrer und dann der Vater, streng, aber Hort der Sicherheit, nichts konnte passieren, so lange er wachte.

Bertung, nur gut zehn Kilometer von Allenstein entfernt, da war sie geboren und aufgewachsen, kein anderer Ort erreichte für sie je den Zauber, die Vertrautheit ihres Heimatdorfes. Jedes Wort ihres Erzählens kündete von der Geborgenheit dieser kleinen überschaubaren Welt, noch getragen vom Urvertrauen der Kinderjahre, lange vor den Katastrophen des letzten Jahrhunderts.

Ich habe ihn ja selbst noch gekannt, den alten Blackschen Hof auf dem Abbau hoch über dem Dorf. Ein Geviert von Stall, Schuppen und dem schon damals alten, ziegelgedeckten hellen Holzhaus, hin­ter dem sich ein richtiger Bauerngarten anschloss. Wunderbare Obst­bäume reihten sich hinter den Kü­chenkräu­tern und Blumen, die in Hausnähe wuchsen, ordentlich auf.

Rundum war der Hof von den Bäumen eines kleinen Mischwal­des geschützt, die Zufahrt verlief wie durch eine kleine Allee, ein Stückchen weiter unten lag der eigene Teich.

Einen freien, weiten Blick hatte man dort oben, über den Teich hinweg sah man die Türme Allensteins im Dunst liegen. Zur an­deren Seite hin, ein paar hundert Meter weiter zerschnitt die Ei­senbahnlinie Hohenstein – Allenstein in neuerer Zeit das Black­sche Land, weit jenseits lag ihr Wirtschaftswald. Alles in allem ein stattliches Anwesen.

Eine einsame Landschaft, hingehaucht in die Moränenhügel zwischen der Chaussee und Allenstein, rundliche Gelassenheit ausstrahlend und dennoch mit Raum zur Entfaltung. Nichts Irdisches begrenzte den Blick dort droben, wo der Himmel so nah erschien, dass man die mit dem stetigen Sommerwind vorbeiziehenden weißen Wolkenberge meinte berühren zu können.

Gleichmütig wogten die Kornfelder, eingerahmt von strahlender Farbigkeit, ein Gezirpe, eine intensiv leuchtende Vielfalt mit den Höhepunkten, die das Ganze wie eine Klammer zu einem Gemälde vereinen: das tiefe Kirschrot des Klatschmohns und die königsblau leuchtenden Kornblumen, rot wie die Sonnenglut und tiefblau wie der Himmel. Der staubige Weg mündete in die kleine Allee der Hofzufahrt, deren Bäume leise raschelten.

Sie liebte diese Abgeschiedenheit auf dem Abbau. „Das war nuscht, so mitten im Dorf, wo einem jeder fast in die Töpfe gucken konnte – und wer kam, der stand ohne Vorwarnung in der Diele. Nei, auf dem Abbau konntst jeden von weitem sehen. Weißt, ich liebte nich so klötern, wenn im Dorf einer hinter dem anderen herschlabberte,“ hatte sie mir das mal erklärt.

Fast immer, wenn sie zur Schummerstund von Bertung erzählte, durchstreifte ihre Erinnerung nicht kleine Episoden, sondern einen ganzen Tag. So, wie diesen Erntetag, den letzten, nur noch dieser eine harte Tag, dann war alles eingebracht. Lange, lange war es trocken gewesen und sie hatten gebetet, dass es ihnen gelingen möge, dass das Wetter durchhielte, bis das Korn unter Dach war.

„Weißt,“ begann sie zu erzählen, „Erntezeit, das hieß ja immer besonders früh aufstehen, ach, und ich schlief doch so gerne, hatt´ reinweg nie ausgeschlafen. Dann sprang ich schnell aus dem Bett, lief in die hinterste Kammer, und verkroch mich im Bett der Schwester. Bloß kannte die Mutter das Spielchen ja nu auch schon und hat mich bald geschichert.

Und weil es schon jetzt, so früh morgens nach Gewitter schmeckte, die Luft so schwer war und jede Hand gebraucht wurde, bekam ich einen Mutzkopp. ‚Herr je, Dir wird´ich helfen! Ihr seid immer so vorsichtig mit der Arbeit,’ schimpfte die Mutter.

Ja, es sah nicht gut aus, die Männer waren schon aufs Feld gefahren, knapp, dass sie etwas gefrühstückt hatten. Wie im Galopp mussten wir Merjellens das Vieh beschicken, Schweinen und dem Federvieh das Futter richten und am Ende ausmisten.

Die Mutter war schon dabei, Kleinmittag und Mittag vorzubereiten, alles musste doch früher fertig sein als sonst, weil wir es ja zu den Leuten tragen mussten. Weißt, das ging alles schnell, schnell, und weg waren wir, Essen und Trinken aufs Feld zu bringen.

Keiner hatte heut´ Zeit zum Verpusten, obwohl so heiß und schwül war, dass kaum aushalten konntst, zum Trinken konnten wir kaum so viel anschleppen, wie sie brauchten. Es war ja knochentrocken, hatte lange bei großer Hitze nicht geregnet, der Boden war vor Staubwolken kaum zu sehen, das Korn, weißt, die Halme, die raschelten richtig vor Trockenheit.

Ja, und dann blieben auch wir Mädchen  auf dem Feld, weißt, ich liebte doch die Feldarbeit nicht, nei, ich war nicht für die Bauerei, geh mir mit Rüben hacken und so was, lieber war ich im Haus, am besten war mir aber im Garten. Dann träumt ich immer vom Sonntag, so nach dem Mittagessen, wenn dann alles gespült war, dann konnt´ ich mir eine Decke schnappen, und mich im Gar­ten in den Schatten der Obstbäume legen….

Aber an jenem Tag, das mussten wir anpacken, wie Männer. Nach den Butterbroten und dem heißen Kaffee aus der Kruck ging´s gleich weiter. Gleichmäßig sausten die Sensen durchs Korn, die Männer mähten in Kolonnen und der Schweiß floss in Strömen.

Wir Frauen und Mädchen banden mit Strohbüscheln die Garben und stellten sie zu Hocken. Ach weißt, das war uns ja schwere Arbeit, aber trotzdem haben wir viel gelacht und immer viel Spaß gehabt. Bloß an dem Tag verstand der Vater nicht viel Spaß und berief uns aus einer Tour, denn schon bald nach Mittag kickte er immer so zum Himmel und beeilte uns ‚nu schlabbert nich rum, womöglich kommt Gewitter, schnell, schnell, wir müssen fertig werden.’

Immer wieder schaute der Vater prüfend zum Himmel, der am Vormittag noch tiefblau war. Gegen Kleinmittag waren die ersten weißen Pustewolken gekommen, aber sonst war noch nuscht zu sehen.

Ein paar Erntehelfer hatte der Vater ja auch immer geholt, na da half ja einer dem anderen bei uns im Dorf. Und immer so vier von den Männern wuchteten die Garben auf den Leiterwagen. Ja Du, das war eine Kunst für sich, die Fuder richtig zu laden, damit das nachher auf dem Hof auch fix in die Scheune ging.

Und dann rollte das erste Fuder ab zum Hof, so hoch beladen, dass die Räder, die auf dem losen Sand einsanken, kaum zu sehen waren, ganze Büschel von goldgelben Halmen hingen herunter, quollen über. Ein Zungenschnalzen und gemächlich trotteten die Braunen ab, weißt, die fanden ja ihren Weg alleine zurück, die zog´s ja nach dem Stall.

Ach, es war sengend heiß an dem Tag und das noch nicht gemähte Getreide wiegte sich schwer im Wind, der war so heiß, zog alle Feuchtigkeit aus der Erde und ließ die Erdkruste aufbrechen. Und so um Mittag wurde es brütend schwer, aus den kleinen Pustewolken waren richtige Gebirge geworden, die mit dem Wind über den Himmel zogen.

Wenn der Wagen auf dem Hof an der Scheune ankam, wurden sie schon mit frischem Wasser aus dem Brunnen erwartet, denn der Sommerwind zehrte und machte so durstig, Mensch und Pferd wollten nur trinken, trinken. Dann stakten sie die Fuder leer und stemmten sie wohlgepackt unters Dach der Scheune und schon ging´s wieder hinaus.

Na ja und dann sahen wir es ja langsam alle selber, die Wolken fingen an so komisch sich aufzuballen. Ach Gott, ach Gott, ein Gewitter, ausgerechnet am letzten Erntetag, alle bangten nun, ob die Zeit reichen würde.

In fliegender Hast, schnell, schnell, die letzte Strecke gemäht, gebunden und in rasender Eile auf den Wagen gewuchtet. Schon türmten sich die Wolken grau und der blaue Himmel veränderte sich immer mehr in Richtung lila.

Schnell sammelten wir alle unsere Siebensachen zusammen und liefen und liefen. Nur rechtzeitig nach Hause kommen. Hektisch wurde das letzte Fuder abgeladen, die Männer überschlugen sich vor Eile und alle Hände halfen mit. Schwarzgraue böse Pustebacken türmten sich bald gewaltig vor lilagrauen Wolken und schon grummelte es los.

Wir Frauen und Mädchen schlossen alle Fenster, Luken und Türen, schicherten das Federvieh hinein. Dann krachte der Donner los, Blitze zuckten. Du, das hatte alles so eine ganz andere, so eine elementare Gewalt da oben, ganz, ganz anders als in der Stadt. War ja auch gefährlicher so weit oben, da schlug der Blitz eher ein, als  im Dorf.

Der Wind legte zu, bis ein richtiger Sturm alles, was nicht fest gemacht war, wirbelnd vor sich hertreibend über das Land fegte. Wir drängten alle ins Haus, denn schon fielen die ersten dicken Tropfen, noch zögernd, bald prasselnd, bis es ein Wolkenbruch war. Da kamst ut de Angst nich rut, im Sommer das Gewitter, im Win­ter de Schul‘. Bei Gewitter versammelte sich ja immer die ganze Fami­lie um den Tisch und betete, die Ta­sche mit den wichtigsten Papieren hatte der Vater zu Füßen. Immer war da die Angst, dass der Blitz einschlägt, da hätte doch alles wie Zunder gebrannt.

Der Vater blickte besorgt nach den Blitzen, wir zählten still mit, fünf, sechs, sieben, bis zum nächsten donnernden Schlag, Gott sei dank, nicht so dicht. So saßen wir in der Runde, die Mutter betete laut vor: Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt’ für uns arme Sünder, jetzt und in der Stunde…, da fuhr ein ohrenbetäubender Knall und gleich darauf ein ganz nahes Krachen ins Gebet, augenblicklich gefolgt von einem dröhnenden Donnerschlag.

Ganz fahl war die Mutter im Nu, ‚Jesus, es hat eingeschlagen.’ Mit schreckgeweiteten Augen liefen wir zum Fenster, kreischten aufgeregt durcheinander, der Vater war schon draußen, schauen, was passiert war. Wir wollten natürlich alle hinterher, aber die Mutter hielt uns zurück: ‚Hier geblieben, ihr bleibt drinnen.’

Na mehr als vielleicht höchstens zwei, drei Minuten waren nicht vergangen, auch wenn uns das wie eine Ewigkeit vorkam, bis der Vater wieder da war. Klatschnass und außer Atem kommandierte er in knappen Worten, alle bleiben drin, ist zu gefährlich draußen, ich pass von der Tür aus auf, ist nicht so schlimm, wie ich dachte.’

Dann kam er langsam zu Atem und erzählte, was passiert war. Der Blitz war in die hinterste Birke gefahren und hatte sie bis zur untersten Astgabelung der Länge nach gespalten. Die untere Hälfte war mehr an, als auf den Stall gekracht. ‚Na ist aber nicht so schlimm und der Baum brennt auch nicht, ist kein großer Schaden,’ sagte der Vater, und wir sahen seine Erleichterung.

Die Mutter war überzeugt, nur die Gebete hätten uns bewahrt und sprach eine Reihe von Dankgebeten. Na glaub man, wir stimmten aber immer noch ganz erschreckt und ganz erleichtert ein. Das ging ja ganz schnell, wenn der Blitz einschlug und ein Dach Feuer fing, gab doch keine Rettung. Zwar war da der Teich, aber wie sich Rat geben? Bis die Feuerwehr vom Dorf kam, war alles zu spät. Da hatten wir wirklich große Angst vor Gewitter.

Aber bald war alles vorbei an diesem Tag, das Gewitter verzog sich. Und dann ging immer ganz schnell bei uns. Die Sonne brach durch und strahlte bald wieder, als ob nichts gewesen wäre über dem dampfenden Land.

Klar war die Luft dann, frisch und rein, und das Wasser versickerte rasch. Dreimal schütteln wie ein junger Hund, fort war die Nässe, der Sommer konnte weiter gehen. Nach ein paar Stunden schon keine Spur mehr vom Gewitter, die Pfützen waren längst versickert, alle Nässe gierig aufgenommen von dem dürstenden Land.

Nur ein paar Rinnen sahst dann, wo eben noch Sturzbäche waren, das verdunstete wie auf einem heißen Stein. Am längsten hielt sich die Feuchtigkeit noch unter den Chausseebäumen und auf den Sommerwegen der Alleen.

Der Vater inspizierte Haus, Scheune und Stall, räumte mit den Erntehelfern, die noch da waren den Birkenstamm weg. In Nullkommanichts waren die Wege wieder staubtrocken und jeder Schritt wirbelte kleine Wolken auf, aber um so strahlender war das Bunt am Wegesrand, wo Gebüsch und Blumenstreifen die Felder einrahmten.

Ja, stellten wir dankbar fest, Glück hatten wir gehabt und einen ganz besonders fürsorglichen Schutzengel. Nur unser Garten, der hatte gelitten und sah nun etwas zerzaust aus, der Gewittersturm war da gewaltig durchgegangen. Äh, geh,  wenn das alles war?“

Dann versiegten die Worte, ein Weilchen war Stille im dunklen Wohnzimmer

„Ja so war das damals“ sagte sie dann meist recht abrupt, stand auf und schaltete das Licht an, weil es ja längst völlig dunkel geworden war. „So war das und jetzt huck ich immer noch inne Polska“. Das war dann das untrügliche Zeichen, dass nun genug des Erzählens war, es war Abend geworden, die Schummerstund war vergangen und der ganz besondere Zauber dieser Erzählzeit gebrochen.

Mit ihren Beschwörungen, dass ein Brand die größte Gefahr für den Hof darstellte, behielt sie recht. Er brannte ab, nicht durch einen Blitzschlag, es war die Neuzeit, denn ein Stromschlag war der Auslöser.

Nie kam man auf den Gedanken, dass auch ihre Uhr in absehbarer Zeit ablaufen könnte, obwohl sie weit über achtzig war. Aber sie ist gestorben, an einem ersten Februar, dem Tag am dem Ihre Mutter 1945 von den Russen erschossen worden war. Sie, die vor Leben immer nur so strotzte.

Sie war keine Kuscheloma,  mit der man schmuste und die mit Koseworten streichelte. In ihrer ruhigen Verlässlichkeit und ihrer spröden Herzlichkeit aber fand ich mich geborgen und vorbehaltlos angenommen.

Sie gab mir einen Ort, von dem ich sagen konnte „hier gehöre auch ich dazu“, und ihre Erzählungen bezogen mich mit ein in dieses gemeinsame Gefühl: Heimat.

Der längst abgebrannte Hof auf dem Abbau in Bertung, das war für mich Ostpreußen, und sie war meine ganz persönliche Mutter Ostpreußen.

Ja, und fragen, fragen kann ich sie nun auch nichts mehr. Die Bilder der Schummerstund aber leben weiter in mir.

Politisches – Aphorismen

15 Mrz 11
Brigitte Jäger-Dabek

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Faschismus:
dem Intelligenzgrad entsprechender
politischer Überbau des Minderwertigkeitskomplexes
von Kleinbürgern.

Real existierender Sozialismus:
wo nach Abschaffung der Bourgeoisie
das Spießbürgertum
zur herrschenden Klasse wurde.

Den wenigsten Worten folgen Taten.
warum sie also verbieten?

Propaganda:
behördlich autorisierte Verbreitung von Lügen.

Nordlichter, Fischköpfe, oder doch eine Liebeserklärung?

15 Mrz 11
Brigitte Jäger-Dabek
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Nordlichter, oder Fischköpfe, wie manche uns Küstenbewohner nennen, sind ganz gewiss ein besonderer Menschenschlag. Nein nicht so wie man denkt. Bei mir ist kein Arm zu kurz, weil ich immer am Deich entlang laufe, die Dithmarscher spielen nicht mit Kohlköpfen Fußball,wir gehen auch nicht vorgebeugt, weil wir uns immer wieder gegen den Wind lehnen müssen und wir essen auch keinen Fisch zum Frühstück. Trinkfest nennt man uns, stur und arbeitsscheu. Also Letzteres bestreite ich energisch, Ersteres lasse ich gelten – deshalb tat ich mich persönlich auch in Polen so leicht.

Ja und stur? Wer sein Land seit Generationen gegen Sturmfluten verteidigt und partout nicht weichen will mag als stur bezeichnet werden, ich nenne das eher standhaft. Zweimal habe ich in meinem Leben große Fluten erlebt und wohne heute in meiner kleinen Stadt nur einen Steinwurf entfernt von der Stelle, an der 1962 der Schwingedeich brach und ein junger Soldat starb. Bei der nächsten großen Flut war ich dann selbst mit der DLRG im Einsatz. Das hat mir schon in jungen Jahren höchsten Respekt abgenötigt vor den Menschen, die den Mund abputzten, den Schlamm aus dem Haus schippten, die Trümmer wegräumten, die Deichlücken schlossen und alles wieder aufbauten.

Ich kann die Menschen verstehen, die nicht gewichen sind. Spötter sagen ja, dass man bei uns schon am Mittwoch sehen kann, dass Tante Frieda am Sonntag zum Kaffee kommt. Kann man. So bretteben ist das Land. Es ist das ganz besondere Licht, dass man hier hat, der weite, hohe Himmel mit den über das Blau jagenden strahlend weißen Wolkengebirgen. Hier hat man freie Sicht bis zum Horizont – doch, hier sieht man den Horizont, nichts engt den Blick ein. Und das Schöne ist: Ich muss den Kopf nicht in den Nacken legen, um den Himmel zu sehen, ich habe ihn immer im Blick. Dann ist da noch der Wind. Er pustet einem zu jeder Jahreszeit den Kopf so richtig schön frei – Hamburgs Kreativszene lebt an den freien Tagen zwischen Elbe und Weser und nicht in der Toskana.

Und dann das Wasser, mal wild ans Ufer rauschend mit tobenden Brechern, die die Elbe nur wenig weiter nördlich eher wie eine Meeresbucht wirken lassen, als einen Fluss und mal schlapp an den Strand plätschernd. Ja, wir haben hier richtige Strände, und ausgesprochenen Bedebetrieb.

Und wir haben Salz- und Süßwasserwatten – einmalige Lebensräume, um die man sich lange Zeit weniger Gedanken gemacht hat, als um den fernen Regenwald. Dabei sind auf einem Quadratmeter Watt Millionen von Lebewesen angesiedelt. Dazu ist es Rückzugsgebiet und Kinderstube für viele Tiere vom Vogel bis zur Robbe und wird nun endlich als UNESCO-Weltkulturerbe geschützt.

Was Watt eigentlich ist? Watt ist da, wo man manche in der Nordsee liegenden Inseln wie Neuwerk alle paar Stunden, bei Ebbe, zu Fuß erreichen kann. Es ist der Meeresgrund, der bei Niedrigwasser trocken fällt.

Das Menschen, die hier leben anders sind als Berliner, Bayern, Schweizer oder Ägypter ist doch eigentlich klar. Zugegeben, die Menschen sind hier Zugereisten gegenüber zuerst freundlich, aber reserviert, Motto: Wie pett us Heuner sölben – wir treten unsere Hühner selbst. Zugereiste sind hier übrigens schon Hamburger. Aber wer zeigt, dass er sich interessiert und mitmachen will, ist willkommen. Nur mit der Sprache hapert es oft etwas. Im ländlicheren Gebiet schnackt man Platt – man redet Plattdeutsch. Und in diesem Fall ist schon meine kleine Stadt ländlich.

Bitte nie den tödlichen Fehler machen und Platt als einen Dialekt zu bezeichnen. Plattdeutsch ist eine Sprache! Darauf ist man stolz im Norden. So’n büschen Platt  kann ja nicht schaden, dann wird es gleich gemütlich bei den Nordlichtern …

Gedanken hinter dem Horizont

01 Mrz 11
Brigitte Jäger-Dabek

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Gedanken

Von manchen Gedanken weiß man,
dass sie zu nichts führen,
bei manchen Gedanken hindert
die mögliche Konsequenz
an der Fortführung.
Nur Gedanken mit bequemem Ausgang
werden gern zu Ende gedacht.

Auf der Welle

Der Sonne entgegen,
Zeit vergessen,
nur Wasser, Himmel und Wind.

Klarer Horizont rundum,
in der Mitte von allem,
von nichts,
das Schiff und Du.

Hoch auf der Welle,
rasend zu Tal.

Tanz auf den Wogen,
Lachen, Schreien mit dem Wind.

Die Reling im Wasser,
Gischt über Deck,
Salz im Gesicht.

Weiter, weiter, getrieben vom Wind,
wilder Ritt
auf der Welle.

Rauschend gleiten
in die Unendlichkeit.
Freiheit und Lust,
Segeln hinter den Horizont.