Monthly Archives:Oktober 2010

Das Kopftuch und der Islam

21 Okt 10
Brigitte Jäger-Dabek
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Für eine muslimische Frau gibt es viele Gründe ein Kopftuch zu tragen. Es ist keinesfalls nur sozialer Druck, es ist immer öfter eine frei entschiedene Glaubensausübung und manchmal auch eine Protesthaltung gegen eine den islamischen Glauben ablehnende Mehrheitsgesellschaft. Die theologischen Grundlagen für das Kopftuchgebot stehen in Koran und Sunna.

Kopftuchtragende Frauen gehören auch in Deutschland längst zum Straßenbild. Damit machen sie gesellschaftliche Realitäten sichtbar, zeigen sie doch, dass es neben dem Christentum noch andere Religionen mit einer großen Zahl von Gläubigen gibt. Vielen Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft erscheint das bedrohlich, es macht ihnen Angst, denn dieses Kopftuch gehört zu einer fremden Welt, die nun aber mitten in unserer vertrauten Welt existiert und von der die meisten von uns nichts wissen. Ein unbefangenes Zugehen auf diese fremde islamische Welt fällt schwer, leichter ist es, das Fremde auszugrenzen und mit negativen Stereotypen zu belegen. Die Frage, warum muslimische Frauen eigentlich Kopftücher tragen, wird dabei kaum noch gestellt.

Das Kopftuch, eine lange Tradition

Als Frau den Kopf zu bedecken, wenn man den öffentlichen Raum oder ein Gotteshaus betritt, ist beileibe keine Erfindung des Islams. Noch heute bedecken orthodox-jüdische Frauen ihr Haupthaar durch ein ganz ähnlich gebundenes Tuch oder durch eine Perücke, ihre Männer tragen eine Kipa oder einen Hut. Auch in Deutschland tragen nicht nur russlanddeutsche Frauen, sondern viele ältere Frauen auf dem Land bis heute eine Kopftuch und zu einer Papstaudienz wird keine Frau mit bloßem Haupt erscheinen, auch Nonnen sind bedeckt.

Schiebt man einmal alles Symbolhafte wie Zeichen der kulturellen Rückständigkeit, der Unterdrückung der Frau durch den Mann und des Ausdrucks einer Zustimmung zu islamistischen Positionen beiseite, kann man zu den theologischen Grundlagen vordringen.

Glaubespflicht oder Gebot?

Das Tragen eines Kopftuches ist für muslimische Frauen keine unabdingbare Glaubenpflicht, sondern ein Glaubensgebot. So sehen es auch die meisten muslimischen Geistlichen: als Gebot und nicht als Vorschrift, aber das gilt keineswegs für alle Glaubensrichtungen. Eine übergeordnete Instanz wie den Papst, der eine allgemeinverbindliche Entscheidung fällen könnte, existiert nicht. Es gibt als auch das Kopftuch betreffend unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten.

Für die meisten Trägerinnen bedeutet das Kopftuch heute eine Glaubensausübung, etwas wie das als individuelle Pflicht empfundene tägliche Gebet. Wäre das Kopftuch hingegen als Symbol zu werten, wie westliche Betrachter es gern tun, gälte eine entsprechende Vorschrift im Islam auch für Männer. Auch wenn die Alltagspraxis leider nicht selten anders aussieht: grundsätzlich haben Frauen und Männer im Islam die gleiche Würde, denn vor Allah sind sie gleich und genießen dieselben Rechte. auch wenn es keine Gleichberechtigung in der Gesellschaft gibt, sondern eine Segregation der Geschlechter.

Vor allem ein großes Missverständnis prägt die westliche Sicht auf das Kopftuch und seine Trägerinnen: es bedeutet nicht die Unterordnung unter den Mann, sondern unter den Glauben, obwohl es natürlich dazu missbraucht werden kann.

Das Kopftuchgebot im Islam soll die Würde der Frau schützen und den respektvollen Umgang von Mann und Frau fördern, soll sexistische Annäherungen und Anmache sowie sexuelle Belästigung verhindern. Das Gebot ein Kopftuch zu tragen kommt bereits mit Eintreten der Geschlechtsreife zum Tragen und hat nichts mit der Ehe zu tun.

Die theologische Begündung ds islamischen Kopftuch-Gebots

Die theologische  Begründung für das Gebot zum Kopftuchtragen ergibt sich in erster Linie aus dem Koran. Die Sure 24,31  ruft die Frauen dazu auf, ihre Reize vor den Männern zu verbergen:

„Sprich zu den Gläubigen, dass sie ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Scham bewahren. Das ist reiner für sie. Siehe, Allah kennt ihr Tun. Und sprich zu den gläubigen Frauen, dass sie ihre Blicke niederschlagen und ihre Scham hüten und dass sie nicht ihre Reize zur Schau tragen, es sei denn, was sichtbar ist, und dass sie ihren Schleier über ihren Busen schlagen und ihre Reize nur ihren Ehegatten zeigen oder ihren Vätern oder den Vätern ihrer Ehegatten oder ihren Söhnen oder den Söhnen ihrer Ehegatten oder ihren Brüdern oder den Söhnen ihrer Brüder oder den Söhnen ihrer Schwestern oder ihrer Frauen oder denen, die ihre Rechte besitzen (die Sklavinnen), oder ihren Dienern, die keinen Trieb haben, oder Kindern, welche die Blöße der Frauen nicht beachten. Und sie sollen nicht ihre Füße zusammenschlagen, damit nicht ihre verborgenen Reize sichtbar werden.“

Auch die Sure 33,59 empfiehlt, den Kopf mit einem Tuch zu bedecken:

„Prophet! Sag deinen Gattinnen und Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie sollen (wenn sie aus dem Hause treten) sich etwas von ihrem Gewand (über den Kopf) herunterziehen. So ist es am ehesten gewährleistet, dass sie (als ehrbare Frauen) erkannt und deshalb nicht belästigt werden. Allah aber ist barmherzig und bereit zu vergeben.“

Einzelheiten über die Verhaltensvorschriften stehen in Sure 24,30.:

Sprich zu den gläubigen Männern, daß sie ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Keuschheit wahren sollen. Das ist reiner für sie. Wahrlich, Allah ist recht wohl kundig dessen, was sie tun.

Nun  ist in allen diesen Koranabschnitten nicht direkt vom Kopftuch die Rede Wie die Muslima Frauen sich also korrekt zu kleiden hat, ist zunächst eine Frage der Auslegung und in nicht arabisch sprechenden Ländern auch der Übersetzung des Korans. Wenn man allein die deutschen Koranübersetzungen betrachtet, wird man eine Vielzahl von Übersetzungsmöglichkeiten finden,  von „ihren Schleier über ihren Busen schlagen“, über  „sich etwas von ihrem Gewand (über den Kopf) herunterziehen“ oder „dass sie von ihrem Dschilbab (oder persisch: Tschador) über sich ziehen“, „dass sie ihre Schleier über ihren ganzen Körper ziehen“ bis hin zum einfachen „sie sollen ihre Tücher über sich ziehen“.

So kann man allein über die Bedeutung des Wortes Dschilbab schier ewig diskutiren, es kann in diesem Zusammenhang von Umhang bis zu einem xbeliebigen bedeckenden Tuch alles sein. Der Koran ist eben nicht ein Gesetzeswerk wie das Bundesgesetzbuch in entsprecheder Sprache sondern ein poetisches Buch in vollendetem Arabisch. Man sieht hieran die Schwierigkeiten der Koran-Übersetzung, weshalb eine Übersetzung des Korans in der klassischen islamischen Theologie als unmöglich gilt und es eben keine autorisierten Übersetzungen gibt.

Begründungen aus der Sunna

Die Sunna besteht aus einer Reihe von Überlieferungen, die  Aussagen und Taten des Propheten Mohammed festhalten und stellt eine zweite Quelle des islamischen Glaubens dar. In der Hadith-Sammlung von Abu Dawud heißt es über die Prophetengattin Aischa: „Als Allah herab sandte: ’Und sie sollen ihre Kopftücher über ihre Kleiderausschnitte schlagen’ zertrennten sie ihre Gewänder und verwendeten sie als Kopftücher für sich.“

An einer weiteren Stelle wird von Aischa berichtet, dass der Prophet seinen Blick von ihrer Schwester Asmaa abwandte, als diese einmal mit durchsichtiger Kleidung zu ihm kam. Er sagte zu ihr: „Asmaa, wenn eine Frau ihre erste Regelblutung hatte, soll man nichts von ihr sehen, außer diesem und diesem.“ Und er zeigte dabei auf sein Gesicht und seine Hände.

Wie erwähnt gelten die Kleidervorschriften ab dem Eintreten der Geschlechtsreife. Doch auch vor dem Erreichen dieses Alters sollen bestimmte Körperpartien wie die Geschlechtsteile bedeckt, denn Schamhaftigkeit gehört im Islam zur Glaubensausübung.

Alle Glaubensgebote und Vorschriften des Islam sollen bewusst aus Überzeugung und freiem Willen befolgt werden und nicht einem Druck nachgebend.

Das Nichttragen des Kopftuches bedeutet für die Muslima nicht die Abkehr vom Islam und darf im Islam allein nicht als Maßstab für die Frömmigkeit einer Frau gelten.

Von Leuchttürmen und der Romantik

19 Okt 10
Brigitte Jäger-Dabek
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Von Leuchttürmen und der Romantik

Entwaffnend und treffend beschrieben bringt Kindermund das Charakteristische auf den Punkt: „Mutti, Mutti, schau mal der Turm da hat Ringelsöckchen an,“ verkündete eine kleine Landratte, als sie offenbar zum ersten Mal einen Leuchtturm sah.

Interessant an den Türmen ist, dass alle diese Ringelsöckchen verschieden sind, was kein Zeichen von chaotischer Unordnung ist, sondern sehr gewollt. So kann der Navigator an Bord nämlich auch am Tage ganz einfach und zuverlässig bestimmen, um welchen Leuchtturm es sich handelt.

Deshalb gibt es an der ganzen Elbe und Nordseeküste keine zwei gleich aussehenden Leuchttürme. Zwar gibt es baugleiche Modelle, die sind dann aber verschieden angestrichen. Erst an der Ostsee werden sie wieder Leuchttürme finden, die denen an der Nordseeküste zum Verwechseln ähneln.

Wenn sie denn einmal leuchten und es dunkel genug ist, um ihr Licht auch zu sehen, kann man sie an ihrer Kennung unterscheiden, wie der Navigator es nennt. Diese Kennung beschreibt die Taktung des Leuchtfeuers, also in welchem Rhythmus es an und ausgeht, wie lange dieser Takt dauert und wie oft er sich wiederholt pro Minute.

Die Kennung ist genau wie das Aussehen in den Seehandbüchern und Leuchtfeuerverzeichnissen aufgelistet, sodass auch hier kein Zweifel aufkommen kann, um welchen Turm es sich handelt.

Gebaut wurden Leuchttürme dort, wo es keine unverwechselbaren Küstenformationen und Landmarken gibt, oder sie wurden auf ein Schiff gesetzt, das dann auf See verankert wurde, dort, wo die Ansteuerung in die großen Flüsse hinein begann, dann heißen Sie Feuerschiff und sind knallrot angestrichen.

Bereits mit dem Aufblühen der Hanse und der damit verbundenen Zunahme des Schiffsverkehrs zeigte sich die Notwendigkeit Küstenabschnitte zu markieren um auch fremden Kapitänen das Erkennen und die sichere Hafenzufahrt zu ermöglichen. Bereits 1286 wurde der Leuchtturm von Neuwerk, der anfangs auch als Wehrturm diente erbaut. Damit dürfte er eines der ältesten Leuchtfeuer an der Deutschen Bucht sein.

Die Seeschifffahrt der Hansestädte nahm rasant zu, sichere Hafenzufahrten wurden immer wichtiger und die Zahl der Leuchttürme wuchs. Immer neue Schifffahrtslinien wurden befahren und der Wunsch nach einer Markierung der Routen wurde laut.

So wurde im beginnenden 19. Jahrhundert wurde in einer großen Bauwelle die gesamte deutsche Küste und die Flussmündungen mit Leuchttürmen versehen. Den Anfang machte 1804 der Bau des Cuxhavener Leuchtturms.

Heute stehen allein zwischen Cuxhaven und Hamburg 52 Leuchttürme – und sie sind alle verschieden. Aber nicht nur Leuchttürme weisen den Schiffen den Weg Schiffsverkehr auf der Elbe leiten, es gibt noch andere Seezeichen, fest in den Boden gerammte feste Zeichen wie Baken, die einem Lattengerüst mit einem auffälligen Topzeichen ähneln, Dalben, die dicke Pfähle sind, Stangen mit einem Reisigbesen darauf und Pricken, die wie kleine Bäumchen aussehen. Sie stellten die simpelste Methode der Markierung an Land und in flachen Gewässerteilen sowie Nebenflüssen dar.

Wichtig für den Schiffsverkehr auf der Elbe ist vor allem die exakte Markierung der ausgebaggerten Fahrrinne, damit tiefgehende Schiffe nicht auf den zahllosen flachen Sänden stranden. Dazu werden schwimmende Seezeichen verwendet, die Tonnen, die jeweils genau am Rand des Fahrwassers verankert sind. Von See kommend findet man auf der rechten, der Steuerbordseite grüne Tonnen und auf der Backbordseite links rote Tonnen. Damit man sich nicht vertut bei der Orientierung sind diese Tonnen nummeriert, grüne Tonnen tragen ungerade fortlaufende Zahlen, rote hingegen gerade Zahlen.

Obwohl es längst moderne Elektronik wie Radar, elektronische Seekarten und Satellitennavigation in der Seefahrt Einzug gehalten haben, und zumindest der Satellitennavigator auch in der Sportschifffahrt längst Standard ist gibt es immer noch Leuchttürme. Elektronik muss nämlich nicht jeder an Bord haben und vor allem: sie kann ausfallen. Leuchttürme hingegen versehen ihren Dienst in unerschütterlicher Gleichmut, sie sind immer da und mit bloßem Auge sichtbar.

Generell werden Leuchttürme in  Leitfeuer, Richtfeuer, Quermarkenfeuer und Seefeuer unterschieden. Leitfeuer haben je einen roten, weißen und grünen Lichtsektor. Die Steuerleute der Schiffe legen ihren Kurs auf den mittleren weißen Sektor, den sie wie einen Leitstrahl nutzen. Geraten sie in den roten Sektor, steuern sie zu weit nach backbord (links), sehen sie grünes Licht, sind sie nach steuerbord (rechts) abgewichen.

Eine ähnliche Funktion haben Leuchttürme, die ein wenig wie Pat und Patachon im Doppel dastehen. Einer ist hoch und dünn, der andere kurz und gedrungen. Der große Leuchtturm wird Oberfeuer genannt, der kleine Unterfeuer. Sie bilden zusammen ein Richtfeuer und der Steuermann folgt so lange dem richtigen Kurs, wie er die beiden Feuer genau übereinander sieht. Das System von Richtfeuern und Leitfeuern ist so ausgeklügelt, dass ein Steuermann wie ein Flugzeug auf einem Leitstrahl seinen Weg auf der Elbe mühelos findet.

Ein Quermarkenfeuer hingegen, das rotes, weißes und grünes Licht aussendet, bezeichnet eine notwendige Kursänderung, zum Beispiel bei einer Flussbiegung. Sieht der Steuermann weißes Licht, muss er eine Kursänderung vornehmen. Seefeuer hingegen sind nur eine Markierung, meist beginnt bei ihnen eine Flussansteuerung.

Obwohl Leuchttürme also eigentlich technische Bauwerke sind, haftet ihnen doch ein gehöriges Maß an Romantik an. Und: Kein Zweifel Leuchttürme sind in. Unerschütterlich zuverlässig stehen sie da als Geborgenheit und die Sicherheit verheißendes Licht in der Dunkelheit, geben Orientierung, zeigen den Weg auch in schwierigen Fahrwassern.

Sie erzählen Geschichten von einsamen, naturverbundenen Leuchtturmwärtern, von Seefahrt und Fernweh, von fernen Ländern, aber auch vom sicheren Heimkommen und der immer gleiche Takt ihres Lichtes beruhigt. Und eigentlich wünscht sich jeder insgeheim, einmal auf solch einem Turm zu übernachten. Bitteschön, auf Neuwerk ist das möglich.